Politik

Libanon

Der Schlächter von Schatila von Autobombe zerfetzt

Lange war es ruhig in Beirut. Nun explodierte eine Autobombe. Sie tötete den christlichen Milizenführer Elie Hobeika, den Mann, der mit seinen Leuten die Massaker von Sabra und Schatila anrichtete. Er hatte angekündigt, in einem möglichen Kriegsverbrecher-Prozess gegen den israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon auszusagen.

Donnerstag, 24.01.2002   12:47 Uhr

Beirut - Der Anschlag ist der folgenschwerste im Libanon seit 1994: Mit dem ehemaligen Milizenführer wurden drei seiner Leibwächter bei der Explosion seines Fahrzeugs getötet. Sechs Personen wurden verletzt, die Fassade eines vierstöckigen Gebäudes beschädigt.

Der 45-jährige Hobeika führte im libanesischen Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 die rechtsgerichtete Miliz Forces Libanaises (FL). Er wechselte die Fronten. Zunächst war er mit Israel, später mit Syrien verbündet. Hobeika wird zusammen mit dem israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon für die Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila im September 1982 verantwortlich gemacht. Dort wurden nach offiziellen Angaben rund 800 Menschen getötet. Andere Quellen sprechen von weit mehr als tausend Toten.

Seine Truppen waren nach der Ermordung des gewählten libanesischen Staatspräsidenten Baschir Gemayel in Sabra und Schatila eingefallen. Für das Attentat auf Gemajel wurden Palästinenser verantwortlich gemacht. Die Tat, die unter den Augen der israelischen Armee verübt wurde, ist trotz eines israelischen parlamentarischen Untersuchungsausschusses nach wie vor nicht aufgeklärt.

Noch ist nicht bekannt, wer hinter dem Attentat auf Hobeika steckt. Vermutungen dürften jedoch schnell die Runde machen, seine Ermordung könnte mit einem anstehenden Menschenrechtsprozess des israelischen Ministerpräsidenten Scharon in Belgien zusammenhängen. So beschuldigte bereits der libanesische Vertriebenenminister Marwan Hamadeh die Israelis, sie hätten mit der Ermordung Hobeikas zu tun. Arnon Perlman, ein Vertrauter Scharons, reagierte auf die Beschuldigung sofort: "Das ist Müll. Es ist eine totale Lüge." Ein Gericht in Brüssel wird am 6. März entscheiden, ob gegen Scharon wegen seiner Mitverantwortung an den Massakern von Sabra und Schatila Anklage wegen Kriegsverbrechen erhoben wird.

Hobeika hatte im vergangenen Juli seine Bereitschaft erklärt, in dem möglicherweise bevorstehenden belgischen Menschenrechtsprozess gegen Scharon auszusagen. Er selbst erklärte, dass er kein Kriegsverbrecher sei. 1993 sagte er in einem Interview: "Ich denke, dass ich irgendwie mit meinen Taten im Krieg meine Zukunft verbrannt habe. Ich muss diese Last noch immer tragen, und ich habe viele schlimme Dinge getan." Zu Sabra und Schatila sagte er: "Ich habe Befehle ausgeführt."

1992 und 1996 wurde Hobeika ins Parlament gewählt, 2000 scheiterte er. Für viele Maroniten galt er als möglicher Präsidentschaftskandidat. Einer seiner ehemaligen Leibwächter, Robert Marun Hatem, warf Hobeika vor zwei Jahren in einem Interview vor, in den achtziger Jahren zahlreiche Attentate angeordnet zu haben. Hatem zeichnete 1999 in einem Buch mit dem Titel "Von Israel nach Damaskus" Hobeikas Lebensweg nach.

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