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Österreich, die Identitären und der Terrorist von Christchurch

Der österreichische Ober-Identitäre, Martin Sellner, erhielt eine Spende vom Christchurch-Attentäter. Gegen ihn wird ermittelt, die Regierung in Wien will den Verein verbieten. Sellner glaubt an eine "groß angelegte Verleumdungskampagne".

Georg Hochmuth/DPA

Der Identitären-Sprecher Martin Sellner bei einem Pressetermin

Von , Wien
Samstag, 30.03.2019   10:39 Uhr

Martin Sellner hat großen Redebedarf. Der Co-Chef der rechtsextremen Identitären Bewegung steht eh gern im Mittelpunkt und redet viel, er postet täglich Videos auf YouTube und twittert unablässig. Und auch wenn er gern über die "linke Presse" lästert, scheut er nicht den Kontakt zu Journalisten, weil er weiß: Jeder Beitrag hilft ihm, noch bekannter zu werden und noch mehr Anhänger zu finden.

Doch diesmal steht viel auf dem Spiel für den 30-Jährigen mit dem strengen Seitenscheitel. Denn der rechtsextreme Terrorist von Christchurch, Neuseeland, der am 15. März 50 Menschen erschossen hat, hat Sellner am 5. Januar 2018 1500 Euro gespendet. Seither stehen Sellner und die Identitären im Verdacht, Teil eines weltweiten rechtsextremen Terrornetzwerks zu sein. Am Montag durchsuchten Polizisten Sellners Wohnung und beschlagnahmten Laptop und Handy.

Bislang ist nur belegt, dass der Christchurch-Terrorist Geld an Sellner überwiesen hat. Sellner ist in der Defensive, es geht um sein politisches Überleben. Für Freitagnachmittag kündigt er deshalb eine "improvisierte Pressekonferenz" in einem Wiener Café an. Doch dort hat der Inhaber Schilder aufgestellt: "Liebe Gäste, heute ab 15 Uhr geschlossen! Hier kann man gern Kaffee trinken - aber keine Bühne für politische Inszenierungen!!!"

Sellner, Sonnenbrille, schwarze Lederjacke, graues T-Shirt, braune Jeans, schwarze Sneaker, Posterboy der jungen Rechten, ruft den Journalisten zu: "Kommt, Leute, gehen wir in den Türkenschanzpark!" Man bekomme in ganz Wien keinen Raum, wenn man Beschuldigter in einem Terrorverfahren sei. Das sei Folge seiner "medialen Vorverurteilung", beklagt er. Aber, wird er später nachschieben, er wolle sich nicht als Opfer darstellen, "Opfer sind natürlich die Menschen, die in Christchurch gestorben sind."

"Ich habe ihm damals eine Dankes-E-Mail geschrieben."

Ein paar Hundert Meter weiter, im Park, umringt von Fotografen und Filmteams, beobachtet von Polizisten, stellt er sich, rhetorisch geschickt, doch noch als Opfer dar. Ja, er habe vor einem Jahr "eine größere Summe" von dem Mann erhalten, aber da habe er doch nicht wissen können, dass der ein Jahr später zum Terroristen werde und Menschen umbringe. "Ich habe nichts Strafbares getan", sagt er. "Ich habe ihm damals eine Dankes-E-Mail geschrieben."

Sellner glaubt mit Verweis auf den Text des Attentäters, den der im Internet veröffentlicht und mit dem er seine Tat ideologisch begründet hat, er habe mit der Spende die Identitären "aus dem Weg räumen oder radikalisieren wollen". "Und ihr Journalisten fallt darauf herein."

Die Staatsanwaltschaft Graz, die das Verfahren gegen Sellner führt, teilt mit, man sei durch Zufall auf die Verbindung zwischen Sellner und dem Christchurch-Attentäter aufmerksam geworden. "In einem anderen Verfahren wegen Steuerhinterziehung wurden mehrere Konten eingesehen, und da ist uns diese Spende wegen ihrer Höhe aufgefallen", sagt Staatsanwalt Hansjörg Bacher dem SPIEGEL. Das sei vor dem Massenmord gewesen. "Als dann später der Name des Täters bekannt wurde, fiel uns auf: Das ist ja der Spender!"

Man prüfe, ob über die Spende hinaus "strafrechtlich relevante Verbindungen" existierten. "Es gibt einen Anfangsverdacht. Dem gehen wir nach", sagt Bacher. Österreichische Juristen, aber auch mehrere Politiker aus unterschiedlichen Parteien sagen, wenn nicht mehr dahinterstecke als die Spende, reiche das nicht aus. Die Spende selbst sei strafrechtlich irrelevant.

DPA

Café in Wien

Sellner findet deshalb, man hätte ihn "als Zeugen laden" sollen. "Ich hätte sofort mit den Beamten kooperiert, so wie ich es jetzt auch tue." Aber jetzt werde er "auf eine Stufe gestellt mit diesem Verrückten", sagt er. Sein Ruf sei "für alle Ewigkeit beschädigt".

Die USA hätten ihm am Donnerstag die Einreiseerlaubnis entzogen, dabei lebe seine Verlobte dort und sie hätten dort im Sommer heiraten wollen. Es handele sich um eine "groß angelegte Verleumdungskampagne" gegen ihn und seinen Verein. Dabei seien die Identitären eine "patriotische Vereinigung", die für "gewaltlosen Aktivismus" stehe. "Wir lehnen nicht nur Gewalt, sondern auch menschenverachtende Äußerungen ab", sagt er.

Es scheint, als seien die gemäßigten Worte Sellners seiner Lage geschuldet. 2015 klang er auf Twitter noch ganz anders: "Gott sei Dank hab ich schon ne Waffe gekauft, bevor der Asylwahn begonnen hat. Dürfte schwer sein jetzt noch was Gutes zu bekommen." Und am 14. März 2019, einen Tag vor dem Massaker, sagte er in einem Video, nachdem ein für zwei Jahre verhängtes Waffenverbot - er hatte mit einer Gaspistole auf Demonstranten ("ein Antifa-Überfallkommando!") geschossen - aufgehoben worden war: "Ich kann mich jetzt also mit dem Segen des Staats vollkommen legal wieder adjustieren, um für die Sicherheit von mir und meiner Freundin in einer immer krimineller und gewalttätiger werdenden Gesellschaft Sorge zu tragen." Und: "Tatsächlich ist es so, dass es den Bürgern immer schwieriger gemacht wird, sich zu bewaffnen, sich abzusichern, während gleichzeitig die Unsicherheit steigt und die öffentliche Ordnung nicht mehr sichergestellt werden kann."

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Sellner, der einen Bachelor in Philosophie und sein Jurastudium abgebrochen hat, will nicht zugeben, was das Problem ist: dass Menschen seine Worte als Ermächtigung zu Gewalt verstehen können. Seit Jahren reden die Identitären von einem "großen Austausch" der Bevölkerung. Demnach kämen immer mehr "islamische Einwanderer" nach Europa und verdrängten die "autochthone Bevölkerung". Diese völkische Verschwörungstheorie ist wesentlicher Bestandteil der Ideologie, auf der die in Frankreich entstandene Bewegung gründet. Der Schriftsteller Renaud Camus, Vordenker der dortigen Rechtsextremisten, hat das Buch "Revolte gegen den großen Austausch" geschrieben. Ins Deutsche übersetzt hat es Martin Semlitsch, der sich Martin Lichtmesz nennt, ein Weggefährte Sellners.

Der Massenmörder von Christchurch hat seinen im Internet veröffentlichten Text ausgerechnet mit "Der große Austausch" überschrieben. Zufall? Der Terrorist war 2018 auf Weltreise, unter anderem in Österreich. "Ich habe ihn nie getroffen", betont Sellner. Aber hat ihn die Ideologie der Identitären inspiriert? Es ist, so viel steht fest, dasselbe Gedankengut, das sie antreibt - Identitäre und den Terroristen von Christchurch.

"Extremismus darf keinen Platz in unserer Gesellschaft haben"

Trotzdem redet Sellner am Freitag unbeirrt in die Kameras, wie gefährlich "der große Austausch" sei, als handelte es sich um eine gesteuerte Aktion. Dabei ist längst klar, dass demografischer Wandel gestaltet, nicht aber gestoppt werden kann - es sei denn mit Gewalt. Sellner redet dennoch von "Grenzen dichtmachen, Leitkultur einfordern, Remigration durchsetzen". Seine Worte über Waffen und Wehrhaftigkeit, die noch bis zum 14. März zu hören und zu lesen waren, lässt er jetzt weg.

Für die Regierung in Wien ist all das hochnotpeinlich. Sie will ein Verbot der Identitären prüfen. "Egal, welche Art von Extremismus, ob das jetzt radikale Islamisten oder rechtsextreme Fanatiker sind, so was darf keinen Platz in unserer Gesellschaft haben", sagt Bundeskanzler Sebastian Kurz.

Problematisch ist für den Konservativen Kurz, dass sein rechtspopulistischer Koalitionspartner, die FPÖ, bis vor Kurzem enge Verbindungen zu den Identitären pflegte. FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache teilte auf seiner Facebookseite immer wieder Beiträge von Identitären, lobte ihren "friedlichen Aktionismus" trotz Störungen von Veranstaltungen und Farbattacken und bezeichnete sie als "junge Aktivisten einer nicht linken, patriotischen Zivilgesellschaft".

Offensichtlich besuchte er auch ihre Veranstaltungen, wie ein Foto von ihm mit führenden Identitären belegt. Gegen das im Netz verbreitete Bild ging Strache juristisch vor und bezeichnete es als Fälschung. Jedoch tauchten weitere Fotos auf - Strache zog seine Klage zurück. Und auch die Identitären selbst haben bisher keinen Hehl aus ihrer "ideologischen Nähe" zur FPÖ gemacht. Sie reden von "unserer Partei", wenn sie die FPÖ meinen. Immer noch.

insgesamt 12 Beiträge
nilslofgren 30.03.2019
1. Anschluß
Das wird den Identitären aus Austia gar nicht gefallen , dass dieser Bericht unter Politik- Ausland läuft............
Das wird den Identitären aus Austia gar nicht gefallen , dass dieser Bericht unter Politik- Ausland läuft............
makromizer 30.03.2019
2.
So ganz kann ich den Anschuldigungen allerdings auch nicht folgen. Eine Spende von jemandem bekommen zu haben, sagt ja erst einmal wenig aus, außer, dass der Spendende wohl gewisse gemeinsame Interessen erkennt, die sicherlich [...]
So ganz kann ich den Anschuldigungen allerdings auch nicht folgen. Eine Spende von jemandem bekommen zu haben, sagt ja erst einmal wenig aus, außer, dass der Spendende wohl gewisse gemeinsame Interessen erkennt, die sicherlich vorhanden sind. Dass das ganze eine linke Verschwörungstheorie sei, ist natürlich Quatsch, aber auch wenn ich wenig Symphatie für ihm und seinen Ansichten empfinde, einen Vorwurf würde ich ihm für den Spendenempfang nicht machen.
xse 30.03.2019
3. ...
Man stelle sich vor, ein Moslem erhielte von einem Islamisten, der 50 Menschen in einer christlichen Kirche erschossen hat so ein Spende und der Empfänger der Spende würde dann vor Kameras so eine Show abziehen. Nicht sehr [...]
Man stelle sich vor, ein Moslem erhielte von einem Islamisten, der 50 Menschen in einer christlichen Kirche erschossen hat so ein Spende und der Empfänger der Spende würde dann vor Kameras so eine Show abziehen. Nicht sehr glaubhaft!
gigi76 30.03.2019
4. wie würde man es auf österreichisch sagen
diese Ermittlung gegen Sellner ist ein Kaspltheater.
diese Ermittlung gegen Sellner ist ein Kaspltheater.
schlaueralsschlau 30.03.2019
5.
Ethnopluralusmus würde ich nicht mit Rassismus gleichstellen. Von einem rechten Netzwerk würde ich auch nicht sprechen. Was mich interessiert ist, woher der Attentäter Geld für seine Reisen und spenden hatte.
Ethnopluralusmus würde ich nicht mit Rassismus gleichstellen. Von einem rechten Netzwerk würde ich auch nicht sprechen. Was mich interessiert ist, woher der Attentäter Geld für seine Reisen und spenden hatte.
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