Politik

Disput über Holocaust

Polens Premier sagt aus Protest Israel-Reise ab

Israels Regierungschef Netanyahu macht bei einer Nahostkonferenz in Warschau umstrittene Anmerkungen über die Rolle von Polen im Holocaust. Jetzt zieht sein polnischer Amtskollege Morawiecki Konsequenzen.

AP

Mateusz Morawiecki und Benjamin Netanyahu bei der Nahost-Konferenz in Warschau

Sonntag, 17.02.2019   22:05 Uhr

Nach strittigen Äußerungen von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu über die Rolle Polens im Holocaust reagiert die Regierung in Warschau gereizt. Premierminister Mateusz Morawiecki sagte eine für Montag geplante Israel-Reise ab. Netanyahu war zuvor unter anderem von der "Jerusalem Post" bei der Nahost-Konferenz in Warschau mit den Worten zitiert worden: "Die Polen haben sicherlich mit den Nazis zusammengearbeitet."

Die Absage Morawieckis teilte ein Regierungsmitarbeiter polnischen Medien mit. Anstelle des Premiers soll nun Außenminister Jacek Czaputowicz an dem zweitägigen Treffen der Visegrad-Gruppe - Polen, Ungarn, Tschechien und der Slowakei - in Israel teilnehmen. Vertreter der Regierungen der osteuropäischen Länder wollen dort mit ihren israelischen Kollegen zusammenkommen.

Der Leiter der Kanzlei des Premierministers sagte, Morawiecki habe Netanyahu am Sonntag telefonisch über seine Entscheidung informiert. Dies sei "ein Signal, dass die historische Wahrheit ein grundlegendes Thema für Polen ist, und die Verteidigung des guten Rufs Polens immer entscheidend ist und sein wird", sagte der stellvertretende Außenminister Szymon Szynkowski vel Sek.

Ein Streit, der schon lange schwelt

Später erklärten sowohl Netanyahu als auch die "Jerusalem Post", der israelische Regierungschef sei falsch zitiert worden und habe statt von "die Polen" - worunter man die komplette polnische Bevölkerung verstehen könnte - von "Polen" gesprochen. Gemeint gewesen sein sollen also einige Polen, die an der Tötung von Juden während des Holocausts beteiligt gewesen wären. Die Regierung in Warschau hatte sich jedoch nicht zufrieden mit dieser Erklärung gezeigt.

Bereits im vergangenen Jahr hatten Warschau und Jerusalem Streit wegen eines neuen polnischen Gesetzes, das es verbietet, die polnische Nation für Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten im Holocaust verantwortlich zu machen. Netanyahu hatte sich damals empört über Morawiecki gezeigt, als dieser polnische Täter des Holocausts mit jüdischen Tätern gleichgesetzt haben soll.

mal/Reuters/AP

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