Politik

Migration nach Europa

Afrikas Beste kommen

Gegen Migranten gibt es viele Vorbehalte. Die Uno hat rund 3000 illegal Eingewanderte aus afrikanischen Ländern zu ihrer Biografie und ihren Plänen befragt - und erstaunliche Antworten erhalten.

UNDP

Aziz Abdoul stammt aus dem Senegal, heute lebt er in den französischen Alpen

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Montag, 21.10.2019   06:18 Uhr

Wer sind "die" Migranten aus afrikanischen Ländern, die illegal in die Europäische Union kommen? Geredet wird über sie mitunter, als seien sie eine homogene Gruppe - und auf sie wird geschimpft, um politisch zu punkten.

Dabei sind es vor allem: Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, um ein sicheres, besseres Leben in einem fremden Land zu beginnen. Weg von Perspektivlosigkeit, Armut, fehlender staatlicher Fürsorge.

Ihnen hat das Uno-Entwicklungsprogramm (UNDP) eine aufwändige Befragung gewidmet, deren Ergebnis nun unter dem Titel "Scaling Fences" (Zäune erklimmen) erschienen ist und die dem SPIEGEL vorliegt.

Befragt wurden rund 3000 Erwachsene aus 43 afrikanischen Ländern. Nicht enthalten sind in der Auswertung jene, die Krieg oder politische Verfolgung als Grund angegeben hatten. Übrig blieben also: Menschen aus Afrika, die ein besseres Leben in Europa suchten, aber wegen europäischer Einwanderungsregeln nicht durften. Die Interviewer trafen sie in Zeltstädten im spanischen Lepe, wo sie in Gewächshäusern schuften. Aber auch: in ihren Mietwohnungen mit Partnern und Kindern in Madrid, Rom oder Frankfurt.

Die Auswertung der Fragebögen zeigt: Manche angebliche Gewissheiten über Einwanderer aus afrikanischen Ländern hierzulande stimmen. Andere nicht - sowohl was ihren sozialen Hintergrund, als auch was ihren Entschluss zur Auswanderung angeht.

Woher kommen die Einwanderer?

Fast drei Viertel (71 Prozent) der befragten Einwanderer kommen aus dem vergleichsweise wohlhabenden und friedlichen Westafrika, allen voran aus Nigeria und dem Senegal. Zudem sind die Einwanderer besser gebildet als der Bevölkerungsdurchschnitt in ihren Heimatländern: 58 Prozent gingen in ihrer Heimat einer regelmäßigen Arbeit nach oder waren in einer Schulausbildung, ehe sie aufbrachen. Und ihr Verdienst war höher als im Landesdurchschnitt:

Sie verdienten deutlich mehr - und zwar um 60 Prozent mehr - als ihre Mitbürger im Herkunftsland, waren also vergleichsweise gut situiert. Trotzdem sagen selbst die Hälfte derer, die über ein festes Einkommen verfügten: Zum Leben hat das nicht gereicht.

Der weitaus größte Teil der Migranten war bei der Abreise zwischen 20 und 29 Jahre alt, ein Viertel verheiratet oder fest liiert. Etwa ein Drittel der Männer, und sogar mehr als die Hälfte der Frauen (58 Prozent) hatte bereits eines oder mehrere Kinder.

Aus all dem leiten die Forscher einen - auch an anderer Stelle gut dokumentierten - Schluss ab: Migration ist ein Schritt, der erst durch eine ökonomische oder gesellschaftliche Verbesserung möglich wird. Steigt der Wohlstand, kommen die Menschen erst auf die Idee und erhalten die Möglichkeit, sich auf die Reise zu machen.

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Einwanderer aus Afrika: "Mein Sohn wird eine bessere Zukunft haben als ich"

Warum sind die Menschen losgezogen - und was hätte sie zurückgehalten?

Bildung und Arbeit, beides war bei einem großen Teil der befragten Migranten, die Europas Zäune überwunden haben, eigentlich vorhanden.

Die ökonomische Situation war für viele aber trotzdem unerträglich. Folgerichtig nannten 60 Prozent der Befragten Arbeit und die Möglichkeit, Geld an die daheim gebliebene Familie zu schicken als wichtigsten Grund für ihre Reise.

Allerdings weisen die Forscher darauf hin, dass das fast nie der einzige Grund war. Fast alle nannten zwei oder mehr Gründe. Dabei ist die Reihenfolge interessant: Das am häufigsten genannte Zweitargument - also neben dem Geldverdienen - war für 26 Prozent die schlechte Regierungsführung und die Sicherheitslage in der Heimat.

Europa macht es afrikanischen Migranten mit einer Vielzahl von Grenzschutzmaßnahmen schwer. Legale Wege gibt es - neben der Aufnahme eines Studiums oder einer sehr gut bezahlten Arbeitsstelle, die von vornherein feststeht - praktisch nicht.

Darum ertranken auch 2019 bislang mehr als 1000 Menschen beim Versuch, das Mittelmeer auf seeuntauglichen Booten zu überqueren. Und viele - manche sagen, mehr noch als auf See - verdursten in der Sahara, durch die eine Reise aus beinahe jedem afrikanischen Land ohne Flugzeug führen muss.

Diese Reise erlebten fast alle Migranten als schrecklich. Die Hälfte war dabei keineswegs naiv, 56 Prozent gaben an, sie hätten Gefahren erwartet. Trotzdem sagen mehr als die Hälfte der Männer und zwei Drittel der Frauen: Der Weg nach Europa war für sie schlimmer als erwartet.

Daran schließt die Frage an: Was hätte sie von der beschwerlichen, teuren und gefährlichen Reise abhalten können?

Vor dem Hintergrund europäischer Kampagnen zur Abschreckung von Migranten bereits vor ihrer Abreise sind dabei vor allem zwei Antworten spannend: Weder mehr Informationen über das tatsächliche Leben in Europa, noch mehr Informationen über die Gefahren der Reise hätten die Migranten abgehalten, sich auf den Weg zu machen. Vielmehr lautete auf die Frage "Was hätte Sie abhalten können?", die Antwort in den meisten Fällen: "nichts". An zweiter Stelle nannten die Befragten: "eine bessere wirtschaftlichen Lage im Heimatland".

Erstaunlich ist das auch, weil sich das Leben in Europa für die in die Illegalität gedrängten Einwanderer aus Afrika als äußerst hart erweist. Verglichen mit dem Anspruch der meisten, Geld zu verdienen und davon auch etwas in die alte Heimat schicken zu können, gelingt nur vergleichsweise wenigen der Einstieg in den Arbeitsmarkt.

Das liegt vor allem am staatlichen Arbeitsverbot: Obwohl in der Studie auch Migranten befragt wurden, die bereits seit mehr als zehn Jahren in Deutschland leben, sagte das Gros (64 Prozent), in ihrem Gastland dürften sie nicht arbeiten. Jene, die einen Job finden, arbeiten dabei oft unter ihrer Qualifikation. Ein Fünftel der Männer jobbt als Obst- und Gemüsepflücker, mehr als ein Drittel der Frauen sind Putzkräfte oder Haushaltshilfen. Schaffen sie es dennoch in Arbeit, liegt das Gehalt im Durchschnitt unter dem jeweiligen Mindestlohn des Gastgeberlandes.

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Ein wichtiges Motiv ist, die Familien daheim zu unterstützen - und das gelingt immerhin 78 Prozent der arbeitenden Migranten, und sie schicken dabei fast so viel Geld nach Hause, wie sie vorher im Schnitt in ihren Heimatländern verdient haben.

Auch wenn sich für die Verwandten ein von der Studie ermittelter Durchschnittslohn von 1020 Dollar im Monat luxuriös anhören muss, ist das bei europäischen Preisen natürlich wenig Geld. Die Forscher errechneten aber auch: Kaufkraftbereinigt verdienen die Billiglöhner in Europa allerdings immer noch deutlich besser, als es ihnen in ihrem Herkunftsland möglich wäre.

Aus europäischer Sicht dramatisch ist die Wohnsituation. Sie verbessert sich zwar von Jahr zu Jahr, je länger die Migranten in Europa sind - doch die Zahlen für die zwischen 2005 und 2010 angekommenen Migranten erweisen sich immer noch oft als prekär.

Zwar haben es fast zwei von drei Einwanderern aus dieser Gruppe in eine - teils staatlich bezuschusste - Mietwohnung geschafft. Aber: Jeder sechste lebt auch nach rund einem Jahrzehnt noch in einem Wohnheim oder einem Camp. Und mehr als jeder Zehnte ist sogar obdachlos.

Rassismus in Europa trifft afrikanische Einwanderer beinahe zwangsläufig hart, sind sie doch für jeden als Migranten zu erkennen. 13 Prozent wurden in den sechs Monaten vor den Interviews Opfer einer Straftat, und das war in mehr als 50 Prozent der Fälle ein verbaler, in fast 30 Prozent der Fälle sogar ein körperlicher Angriff.

Erstaunlich ist, dass die Mehrzahl der Migranten dennoch gern in Europa lebt, zumindest in Bezug auf der Verdienst und die Sicherheit. Fast alle finden ihr Leben in dieser Hinsicht besser als in Afrika. Einschränkungen erleben sie emotional und im Zusammenleben: Hier sagt jeder Dritte, das Leben sei schlechter als in seinem Herkunftsland.

Aus den Antwort leiten die Forscher ab, dass Europa dringend seine Politik gegenüber Menschen aus afrikanischen Ländern ändern sollte: Wer es geschafft hat, Geld zu verdienen und auch nach Hause zu überweisen, erklärte, mittelfristig nach Afrika zurückkehren zu wollen. Zudem gab ein Teil noch an, die Illegalität verhindere bei ihnen sogar ein Rückreise, auch wenn sie gern wieder in die alte Heimat wollten.

Würde es also einfacher, einen Aufenthalt und eine Arbeit zu finden, argumentieren die Autoren, steige die Chance, dass Migranten auch wieder zurückkehren. Das ermögliche sogenannte "zirkuläre Migration".

Dagegen wollen diejenigen bleiben, die wegen Diskriminierung oder ungeklärtem Aufenthalt kein Geld verdienen - wenn möglich für immer.

Im Video: Ein Migrant sucht den Neuanfang - Johns Rückkehr nach Ghana

Foto: dbate

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insgesamt 172 Beiträge
da.chilla.1 21.10.2019
1. Interessant
Irgendwie kommt mir die Einkommenstatistik trügerisch vor. Der Großteil der Migranten aus afrikanischen Ländern sind männlich und damit auch die Haupteinkommensträger in ihren Heimatländern. Ist beim [...]
Irgendwie kommt mir die Einkommenstatistik trügerisch vor. Der Großteil der Migranten aus afrikanischen Ländern sind männlich und damit auch die Haupteinkommensträger in ihren Heimatländern. Ist beim Durchschnittseinkommen in den Heimatländern auf die Gesamtbevälkerung abgestellt worden oder auf die der Arbeitnehmer?
alter_dessauer 21.10.2019
2. aufklärend, aber widersprüchlich
"Das am häufigsten genannte Argument - neben dem Geld: schlechte Regierungsführung und die Sicherheitslage in der Heimat" und: "Würde es einfacher, einen Aufenthalt und eine Arbeit zu finden, steige die [...]
"Das am häufigsten genannte Argument - neben dem Geld: schlechte Regierungsführung und die Sicherheitslage in der Heimat" und: "Würde es einfacher, einen Aufenthalt und eine Arbeit zu finden, steige die Chance, dass Migranten auch wieder zurückkehren" Ich halte das für einen Widerspruch.
danielc. 21.10.2019
3. Interessante Ergebnisse
Diese Umfrage deckt sich mit den Erfahrungen, die ich mit Wirtschafts-Migranten bisher gemacht habe. Gebildete Leute, die unter der Situation als Illegale, bzw. im Prozess eines Asylantrags befindliche litten. Bei den [...]
Diese Umfrage deckt sich mit den Erfahrungen, die ich mit Wirtschafts-Migranten bisher gemacht habe. Gebildete Leute, die unter der Situation als Illegale, bzw. im Prozess eines Asylantrags befindliche litten. Bei den Flüchtlingen aus Kriegsgebieten sieht das dann bisweilen anders aus. Aber gerade diese Leute brauchen Hilfe. Ein Gesetz zur Einwanderung wie die Greencard wäre an der Zeit!
bran_winterfell 21.10.2019
4. Gewagte Annahme
Zitat: "Würde es also einfacher, einen Aufenthalt und eine Arbeit zu finden, argumentieren die Autoren, steige die Chance, dass Migranten auch wieder zurückkehren." - das sehe ich eher nicht. Man denke zB an die Gastarbeiter, [...]
Zitat: "Würde es also einfacher, einen Aufenthalt und eine Arbeit zu finden, argumentieren die Autoren, steige die Chance, dass Migranten auch wieder zurückkehren." - das sehe ich eher nicht. Man denke zB an die Gastarbeiter, die legal und mit guten Aussichten auf Arbeit hierher kamen. Auch bei dieser Gruppe hätten viele gewiss angegeben, mittelfristig wieder in die Heimat zurückzukehren. Tatsächlich bleiben dann doch wesentlich mehr hier, verständlich, denn wenn man erstmal Fuß gefasst hat, kostet ein erneuter Wechsel Kraft. Nein, da sollte man sich nichts vormachen, der Großteil jener, die legal oder illegal kommen, wird auch bleiben.
stefan taschkent 21.10.2019
5. Gute Studie
Nachdem zunehmend wissenschaftlich bestätigt ist, dass es bei Wohlstandsmigration nicht um Flucht vor akuter Armut geht und sich diese vor allem aus eher stabilen und besser entwickelten Volkswirtschaften Afrikas speist, würde [...]
Nachdem zunehmend wissenschaftlich bestätigt ist, dass es bei Wohlstandsmigration nicht um Flucht vor akuter Armut geht und sich diese vor allem aus eher stabilen und besser entwickelten Volkswirtschaften Afrikas speist, würde mich die sich daraus ergebende politische Konsequenz interessieren. Genau wie beim Thema Klima sollten auch hier die Optionen klar und ohne Schaum vor dem Mund auf den Tisch. Weiterhin alles mit dem "Asyl"-Stempel zu versehen dürfte anhand der zunehmend robusten Datenlage nicht mehr lange funktionieren.
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