Politik

Mike Pence und die Ukraineaffäre

Präsident auf Abruf

Bisher überstand er alle Skandale seines Chefs schadlos: US-Vizepräsident Mike Pence hofft, Donald Trump zu beerben. Die Whistleblower-Affäre macht ihm nun womöglich einen Strich durch die Rechnung.

Matt York/AP

Stramm rechts und steif: US-Vizepräsident Pence

Eine Analyse von , New York
Samstag, 12.10.2019   19:34 Uhr

Mike Pence ist dieser Tage eher selten in Washington. Der US-Vizepräsident tingelt lieber durch die Provinz, um Wahlkampf zu machen. "Die Demokraten verbringen ihre gesamte Zeit mit endlosen Ermittlungen", rief er neulich in Iowa. "Das Maß ist voll."

Doch selbst 1600 Kilometer von Washington entfernt konnte Pence dem Drama in der US-Hauptstadt nicht entkommen: Die Reporter fragten ihn nicht nach Iowas Landwirtschaft, sondern sofort nach der Ukraineaffäre.

Ob er gewusst habe, dass Donald Trump den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj gedrängt habe, gegen seinen demokratischen Rivalen Joe Biden zu ermitteln, wollte NBC-Korrespondent Vaughn Hillyard wissen. "Das ist Ihre Frage" murrte Pence - ohne sie zu beantworten.

Mandel Ngan/AFP

Der treue Ritter im Hintergrund: Trump mit Pence (rechts)

Er hielt sich an die offizielle Linie: ausweichend, gestelzt, als tapse er durch ein Minenfeld. Denn über nichts redet Mike Pence so ungern wie über das drohende Amtsenthebungsverfahren gegen seinen Chef, Präsident Trump. Schließlich betrifft dessen Ausgang auch ihn - und keine Version ist schön für ihn:

Also spielt Pence weiter den unbedarften Loyalisten, eine Rolle, die er perfektioniert hat, seit Trump ihn zum Vize gemacht hat. Doch die Ukraineaffäre bringt nun auch ihn in die Zwickmühle: Entweder hat er tatsächlich keine Ahnung - oder er ist ein Mitwisser. So oder so: Es scheint immer fraglicher, dass er einen Sturz Trumps schadlos übersteht.

Lorraine OSullivan / REUTERS

Er will nichts sagen, nichts wissen: Pence am Weißen Haus

Pence ist tiefer in den Skandal verstrickt, als er zugeben will. Trump wies ihn an, nicht an der Vereidigung des ukrainischen Präsidenten Selenskyj im Mai teilzunehmen. Erst im September traf er sich mit Selenskyj, um Trumps Forderungen an die Ukraine zu vertreten. Was genau besprochen wurde, bleibt unklar. Unter Strafandrohung haben die Demokraten nun auch von Pence interne Papiere angefordert, um seine Rolle in der Affäre aufzuklären.

In der einen Hand ein Tea-Party-Manifest, in der anderen die Bibel

So kurz vor dem Ziel, so kurz vor dem Crash. Diese Wendung hatte der Erzkonservative nicht vorhergesehen, der seinen Aufstieg so penibel geplant hat: Kongressabgeordneter, Gouverneur von Indiana, Vizepräsident - in der einen Hand ein Tea-Party-Manifest, in der anderen die Bibel.

Stramm rechts und steif, mit einem Schellackanstrich von Anstand, der Trump abgeht, ist Pence der Anti-Trump:

Trump blüht im Chaos auf, Pence personifiziert Stabilität.
Trump zertrümmert den politischen Porzellanladen, Pence kittet Scherben.
Trump lobt Neonazis, Pence versichert das Gegenteil.
Trump flucht, Pence betet.

"Von Hollywood gecastet", schwärmt TV-Präsident Trump gerne über den kantigen Look seines Vizes. Wie eine Animatronikpuppe aus der "Hall of Presidents" in Walt Disney World überbringt Pence die Botschaft seines Herrn an die Jünger der republikanischen Basis. Manchmal zwinkert er, als sei ihm die Absurdität bewusst: Die Politik, die er vertritt, ist oft das Gegenteil dessen, was er glaubt.

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Pence ist fromm, prüde und weigert sich, mit einer anderen Frau als seiner Gattin Karen allein in einem Raum zu sein. Trump ist doppelt geschieden und hatte viele Affären, die er teils vertuschte. Wie passt das zusammen?

Ein Teufelspakt, besiegelt auf einem Golfplatz

Es ist ein Teufelspakt, besiegelt im Wahlkampf 2016 auf einem Golfplatz, wie so viele Trump-Deals: Pence gab Trump das Gütesiegel des christlich-konservativen Establishments, Trump gibt Pence seither Hoffnung auf höhere Weihen.

Für manche ist Pence nicht nur die erste zweite Wahl, sondern die bessere. Gerade auch, weil sich hinter dem süffisanten Lächeln ein Politprofi verbirgt. In Indiana war er ein gnadenloser Kulturkrieger, der gegen Abtreibung, LGBT-Rechte und Migranten kämpfte. Was Trump durch Inkompetenz verbockt, würde Pence effektiv durchziehen.

Weshalb es schon lange Gerüchte gibt, dass Pence Trump bereits zu den Wahlen 2020 ablösen könnte. Pence wolle "bereitstehen", falls sich diese Gelegenheit böte, berichtete die "New York Times" vor zwei Jahren unter Berufung auf Parteikreise.

Seitdem ist viel geschehen. Bisher hielt sich Pence bei allen Skandalen im Hintergrund, doch in der Ukraineaffäre fällt ihm das immer schwerer. Schon wird gemunkelt, dass der Skandal auch ihn stürzen könnte, ob durch Impeachment oder gerichtliche Anklage - ein Schicksal, das einst auch Richard Nixons Vizepräsident Spiro Agnew drohte.

Sollten sowohl Trump als auch Pence abtreten müssen, würde die Präsidentschaft an die nächste Person in der politischen Erbfolge gehen. Das wäre die Sprecherin des Repräsentantenhauses - die Demokratin Nancy Pelosi.

insgesamt 154 Beiträge
exHotelmanager 12.10.2019
1. Das ist nicht klug
Wenn man Trump loswerden will, braucht man die Hilfe von Mike Pence und die Person Mike Pence als stabil erscheinenden Rechtsnachfolger. Man kann kein beliebig großes Machtvakuum erzeugen.
Wenn man Trump loswerden will, braucht man die Hilfe von Mike Pence und die Person Mike Pence als stabil erscheinenden Rechtsnachfolger. Man kann kein beliebig großes Machtvakuum erzeugen.
rrippler 12.10.2019
2. unbedarfter Loyalist ?
Pence ist für Trump das, was Cheney für George W. Bush war: Der unscheinbare Extremist im Hintergrund, der die Zügel in der Hand hält. Er baute Trump für die Wähler aus dem evangelikalen Spektrum zum Pseudo-Heiligen und von [...]
Pence ist für Trump das, was Cheney für George W. Bush war: Der unscheinbare Extremist im Hintergrund, der die Zügel in der Hand hält. Er baute Trump für die Wähler aus dem evangelikalen Spektrum zum Pseudo-Heiligen und von Gott gesandten Führer auf, und seine Ansichten zu Rassismus, Rechtsstaat und Aussenpolitik sind noch wesentlich radikaler als das, was Trump so von sich gibt. Käme er nach Trump an die Schalthebel der US-Macht, dann gnade uns Gott.
kassandra21 12.10.2019
3.
Gesundheit und langes Leben für Donald Trump! Wenn Pence Präsident werden sollte, war es das endgültig mit dem Land.
Gesundheit und langes Leben für Donald Trump! Wenn Pence Präsident werden sollte, war es das endgültig mit dem Land.
otto_lustig 12.10.2019
4. Sehe ich nicht so,
der ist ja noch dämlicher alsTrump, indem er nur das nachlabert, was Trump in seiner unermesslichen Weisheit von sich gibt.
der ist ja noch dämlicher alsTrump, indem er nur das nachlabert, was Trump in seiner unermesslichen Weisheit von sich gibt.
Benjowi 12.10.2019
5. Trump wird nicht fallen......
Nachdem die Republikaner Herrn Trump niemals fallen lassen werden, ist das ganze Spiel um das Impeachment von vornherein Makulatur. Am Ende geht es kaum noch um die Sache, sondern um die politische Macht. Und bei seinen Anhängern [...]
Nachdem die Republikaner Herrn Trump niemals fallen lassen werden, ist das ganze Spiel um das Impeachment von vornherein Makulatur. Am Ende geht es kaum noch um die Sache, sondern um die politische Macht. Und bei seinen Anhängern machen ihn solche Skandale nur noch beliebter. Alles was gegen das verhasste Washingtoner Establishment geht, das in deren Augen seit Unzeiten nur die eigenen Taschen füllt und unverbindliche Reden schwingt, findet den Beifall dieser Glaubensgemeinschaft der Trumpjünger. Und insofern ist kein Skandal zu dämlich, um Herrn Trump sogar noch in seiner Rolle zu stärken. Inssofern wird Herr Pence wohl weiter in seiner Rolle kreisen.
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