Politik

Lewinsky vs. Clinton

Zwei Frauen, eine verhängnisvolle Affäre

17 Jahre nach dem Sex-Skandal tritt Monica Lewinsky zurück ins Rampenlicht. Sie sucht einen neuen Anfang. Das gilt auch für ihre damalige Rivalin Hillary Clinton. Doch beide werden ihre Vergangenheit nicht los.

REUTERS

"Demütigung als Ware": Monica Lewinsky bei ihrem Ted-Talk vorige Woche

Von , New York
Mittwoch, 25.03.2015   13:54 Uhr

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Monica Lewinsky ist selbstsicher, souverän, voller Galgenhumor. Sie erzählt eine Anekdote: Neulich habe ein Mann sie angemacht. Er könne dafür sorgen, dass sie sich wieder wie 22 fühle. Ihre Reaktion: "Ich bin wahrscheinlich die einzige Person über 40, die nicht mehr 22 sein will." Verständnisvolles Gelächter im Saal.

Lewinsky spricht auf der renommierten Ted-Konferenz in Vancouver. Als Praktikantin im Weißen Haus hatte sie durch eine Affäre mit Präsident Bill Clinton eine Staatskrise ausgelöst. Das war 1995 und Lewinsky - genau - 22 Jahre alt. Nun drängt sie zurück ins Rampenlicht. Ein Essay in "Vanity Fair", ein Gastspiel bei "Forbes" - und jetzt die Ted-Rede : Einst wurde sie als "Schlampe" beschimpft, heute macht sie neue Schlagzeilen - als Aktivistin gegen Cyber-Mobbing.

"Mit 22 verliebte ich mich in meinen Chef", sagte Lewinsky, 41, beim Ted-Talk in der vergangenen Woche. Ihre eigene Geschichte will sie nutzen, für eine Initiative gegen Hasstiraden im Netz: "Mit 24 entdeckte ich die verheerenden Konsequenzen."

Lewinskys Rückkehr sorgt für Aufsehen. Allein auf der Ted-Website generiert ihr vieldiskutierter Auftritt bald eine Million Views. Sicher, es gibt weiter die üblichen Spötter. Viele aber unterstützen Lewinsky und auch jene, die seither ebenfalls am Online-Pranger gelandet sind.

Selbst Hillary Clinton richtete ihr nach dem "Vanity Fair"-Beitrag "alles Gute" aus. Dabei waren im vergangenen Jahr noch Aufzeichnungen publik geworden, in denen sie Lewinsky als "selbstverliebte Witzfigur" ("narcissistic loony toon") tituliert.

AP

"Mit 22 verliebte ich mich in meinen Chef": Lewinsky bei "Forbes"

Womit wir schon wieder mitten in der skandalösen Clinton-Ära wären - was doch eigentlich alle Beteiligten vermeiden wollten. Weder wünscht sich Lewinsky zurück in jene Tage, da sie, wie sie in Vancouver formuliert, "über Nacht von einer völlig privaten Person zu einer weltweit und öffentlich erniedrigten" wurde. Noch will sich Clinton daran erinnern, so kurz vor der Verkündung ihrer Präsidentschaftskandidatur. Sie sagt: "Das liegt hinter mir."

Doch sie kommen beide nicht daran vorbei - oder aneinander. Zwei Frauen, zwei Ziele, eine Vergangenheit: Auf ewig verbunden durch den Sexskandal. Verbunden durch einen Mann, der bald zurückkehren könnte ins Weiße Haus - als "First Lady Bill".

Die Parallelen sind offensichtlich: Monica Lewinsky wie Hillary Clinton versuchen, sich neu zu erfinden. Zwei Arten des Rebranding - eins persönlich, eins politisch.

Sie wolle "die Baskenmütze verbrennen und das blaue Kleid begraben", schrieb Lewinsky im Juni 2014 in "Vanity Fair", eine Anspielung auf ihre berühmt-berüchtigsten Accessoires, die bis heute Schlagzeilen machen. Es war der Beginn einer Reinkarnation.

Lewinskys 22-minütige Rede bei der Ted-Konferenz, selbstverfasst und mit "Der Preis der Scham" betitelt, riss die Zuhörer mit. Nichts ließ sie aus. Von der "Romanze", wie sie die Affäre bezeichnet, Suizidgedanken, Reality-Shows, über die Flucht nach London und den Magister in Sozialpsychologie bis zu den jüngsten Dating-Desastern.

AFP

Aufgeblähte Skandale: Hillary Clinton bei ihrer letzten Pressekonferenz

Lewinsky geriet 1998 in einen Shitstorm, lange bevor es Twitter gab - nur einen Blogger namens Matt Drudge, der das Techtelmechtel enthüllte. Davon profitierte nicht nur er, sondern ein ganzer Medienmarkt. Der handele heute mehr denn je mit "öffentlicher Demütigung als Ware und Scham als Industrie", so Lewinsky. "Wie wird das Geld verdient? Mit Klicks. Je mehr Scham, umso mehr Klicks."

Das will sie ändern. Sie erinnerte an den schwulen Studenten Tyler Clementi, der sich 2010 das Leben nahm, weil er im Internet bloßgestellt wurde. An die Stars, deren Nacktfotos kursierten. An den Sony-Hack. "Du kannst darauf beharren, dass deine Geschichte ein anderes Ende hat", sagt Lewinsky in Vancouver. Ein wenig klingt das wie Wunschdenken.

Das trifft auch auf Hillary Clinton zu. Ob Außenministerin, Autorin, Frauenrechtsaktivistin oder Kandidatin in spe: Der Skandalgeruch hängt ihr irgendwie immer an. Auch wenn es meist nur aufgeblähte Affärchen sind: Eine altbekannte Arroganz schimmert durch, wenn Clinton redet. Man spürt das Anspruchsdenken einer Dynastie, die daran gewöhnt ist, Kritiker genervt abzutun.

Und Kritiker gibt es immer noch genug - für beide. "Golden-Oldie-Tour einer Band, die man gar nicht hören wollte", ätzte "New York Times"-Edelfeder Maureen Dowd, lange die übelste Kritikerin beider Damen, über Lewinskys Comeback - und indirekt auch über Clintons, deren Präsidentschaftsambitionen sie schon oft mit gleicher Verachtung kleingeredet hat. Dowds sarkastischer Nachsatz an Lewinsky: "Ich wünsche ihr Glück."

Andere waren nach dem Ted-Talk gnädiger. "YES", twitterte Shonda Rhimes, Erfinderin der TV-Erfolgsserie "Scandal". Die ist angelehnt ans Leben der echten Politkrisen-Managerin Judy Smith, die Lewinsky 1998 beriet - und kürzlich Sony. Alles hängt zusammen, nichts wird vergessen.


Zusammengefasst: Monica Lewinsky war einst Mittelpunkt des Sexskandals um US-Präsident Bill Clinton. Nun engagiert sie sich gegen Hass im Internet. Doch die Affäre hängt ihr nach - ebenso wie Hillary Clinton, die erste Präsidentin der USA werden möchte.

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