Politik

Naturkatastrophe in Südostafrika

"Wir fühlen uns vergessen"

Hunger, Seuchen, Zerstörung: Erneut tobt ein Zyklon über Südostafrika. Oxfam-Nothilfekoordinator Ulrich Wagner über die Lage vor Ort - und die Spendenbereitschaft im Vergleich zum Feuer von Notre-Dame.

EMIDIO JOZINE/ AFP
Ein Interview von
Mittwoch, 01.05.2019   17:37 Uhr

Tausend Menschen starben, als im März der Zyklon "Idai" über Mosambik, Simbabwe und Malawi hinwegfegte. Ganze Landstriche standen unter Wasser. Häuser, Schulen und Krankenhäuser wurden zerstört.

Erst langsam beginnen die Bewohner in Südostafrika, sich von den Schäden des Wirbelsturms zu erholen, da sehen sie sich bereits mit der nächsten Katastrophe konfrontiert: Seit vergangener Woche tobt ein weiterer Sturm in der Region, Zyklon "Kenneth".

Ulrich Wagner koordiniert die Nothilfe der humanitären Organisation Oxfam in Mosambik. Er spricht über die Folgen des Extremwetters.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Mosambik wird zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen von einem Wirbelsturm heimgesucht. Was bedeutet das für die Menschen in der Region?

Ulrich Wagner: Zwei solche Katastrophen in so kurzer Zeit - das ist ein schwerer Schlag für die Menschen in Mosambik. Das Ausmaß der Zerstörung durch den vorherigen Zyklon "Idai" ist immer noch nicht vollständig abzusehen. Unsere Teams finden weiterhin Dörfer, die völlig überschwemmt worden sind und noch keine Hilfe erhalten haben. Und nun ein weiterer Zyklon. Wir sind mit unseren Partnern vor Ort in Kontakt und senden gerade ein Team in die Provinz Cabo Delgado, um Nothilfe zu leisten. Wir befürchten, dass mehr als 160.000 Menschen betroffen sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist die aktuelle Lage?

Wagner: Wir hören von großflächigen Zerstörungen im Distrikt Macomia und auf der Insel Ibo. Das ist das erste Mal, dass ein Zyklon so weit nördlich aufgetreten ist. Die lokale Bevölkerung war nicht vorbereitet auf so etwas, und die Leute wissen nicht, wie sie sich schützen können. Viele Familien sind in Schulen und öffentliche Gebäude geflüchtet und brauchen nun dringend Essen, Trinkwasser, Seife und andere Dinge des täglichen Bedarfs.

Es besteht zudem die Gefahr, dass durch den Zyklon in einer Woche die Regenmenge eines gesamten Jahres fällt. Große Gebiete würden dann überschwemmt und von der Außenwelt abgeschnitten.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Menschen sind von den Folgen des ersten Sturms betroffen?

Wagner: Allein in Mosambik sind es geschätzte 1,8 Millionen, in Simbabwe und Malawi kommen noch einmal 1,1 Millionen hinzu.


Im Video: Zyklon "Kenneth" in Mosambik - Dutzende Tote und mehr als 3000 zerstörte Häuser

Foto: Mike Hutchings/ REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Welches sind die größten Herausforderungen für die Nothelfer?

Wagner: Die Infrastruktur, Brücken, Zufahrtswege, Häuser - fast alles ist komplett zerstört. Wir brauchen manchmal bis zu drei Tage, um abgeschnittene Dörfer zu erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Drohen Seuchen? Eine Hungersnot?

Wagner: Die Menschen hungern, denn vielerorts haben sie ihre gesamte Jahresernte und ihre Vorratsspeicher verloren. Das Trinkwasser ist verseucht, wir haben Cholerafälle, auch Malaria und Infektionskrankheiten breiten sich aus.

Fotostrecke

Wirbelstürme in Mosambik, Simbabwe und Malawi: Hunger, Seuchen, Zerstörung

SPIEGEL ONLINE: Man hört das Gerücht, dass korrupte mosambikanische Beamte Hilfsgüter abzweigen. Was ist da dran?

Wagner: Wir haben das nicht mit eigenen Augen gesehen, aber ich habe von diesem Gerücht gehört. Es gibt immer die Gefahr von Korruption, wenn große Hilfsgüterlieferungen in armen Ländern eintreffen. Wir sind uns der Gefahr der Veruntreuung bewusst und versuchen, sie durch unabhängige Kontrolleure und Beschwerdeverfahren abzuwenden.

SPIEGEL ONLINE: Für den Wiederaufbau der abgebrannten Notre-Dame wurden bereits über eine Milliarde Euro gespendet. Erhalten Sie ausreichend Spenden für Ihre Mission?

Wagner: Ich habe selbst in Paris gelebt, der Brand macht mich traurig. Aber hier geht es um Menschenleben, um Hunger, um Krankheiten, die töten. Das Missverhältnis zwischen den Spendenaufkommen tut richtig weh. Die Finanzierung der Nothilfeoperationen ist bislang nur zu 21 Prozent gedeckt.

SPIEGEL ONLINE: Wird die Naturkatastrophe in Südostafrika verdrängt oder gar vergessen?

Wagner: Wir fühlen uns definitiv vergessen. Der Zyklon ist ja auch eine Folge des Klimawandels, den hauptsächlich wir, der reiche Norden, verursachen. Es geht nicht nur um humanitäre Solidarität, sondern um das Verursacherprinzip. Der Norden darf sich nicht aus der Verantwortung stehlen und muss angemessen helfen und vorsorgen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft, für das unsere Reporter von vier Kontinenten berichten. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation unterstützt.

Was ist das Projekt Globale Gesellschaft?
Unter dem Titel Globale Gesellschaft werden Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa berichten - über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen im Politikressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird über drei Jahre von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.
Sind die journalistischen Inhalte unabhängig von der Stiftung?
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Gab es bei SPIEGEL ONLINE bereits ähnliche Projekte?
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insgesamt 11 Beiträge
cruiserxl 01.05.2019
1. Tja ihr seit halt kein historisches Gebäude...
...da hättet ihr mehr Chancen. Die mit dem Geld naja wie soll ich sagen, haben halt nichts davon euch zu helfen - traurig aber wie uns die letzten Wochen gezeigt haben, leider war.
...da hättet ihr mehr Chancen. Die mit dem Geld naja wie soll ich sagen, haben halt nichts davon euch zu helfen - traurig aber wie uns die letzten Wochen gezeigt haben, leider war.
whitewisent 01.05.2019
2.
Auch wenn es kaum jemand ausspricht, die meisten Menschen denken wahrscheinlich, selbst schuld. Wenn sich die Bevölkerung in einem der ärmsten Länder seit 1990 mehr als verdoppelt hat, gibt es eben nicht nur die Natur als [...]
Auch wenn es kaum jemand ausspricht, die meisten Menschen denken wahrscheinlich, selbst schuld. Wenn sich die Bevölkerung in einem der ärmsten Länder seit 1990 mehr als verdoppelt hat, gibt es eben nicht nur die Natur als Schuldigen, sondern viele Schäden sind auch durch das Siedlungsverhalten der Menschen selbstverursacht. Spätestens seit 1981 sehen die Deutschen permanent im TV die Berichter über Katastrophen. Und es ist kein Ergebnis oder Echo von mehr als 35 Jahren Spenden sichtbar. Es ist eine Sache, aktuelle Katastrophenhilfe zu leisten, und Menschen vor Hunger und Krankheiten zu bewahren. Aber es kann eben nicht sein, dass man nun dafür spendet, damit die Infrastruktur für die Menschen an genau den Orten wiedererrichtet wird, die nun überschwemmt wird. Jeden Freitag gibt es nun die Demos für die Beachtung des Klimawandels, obwohl es Zentraleuropa relativ wenig betrifft. Wenn man Menschen nicht beeinflussen kann, sich dem anzupassen, wer wundert sich da, daß die Spendenbereitschaft stetig zurückgeht, und die Menschen selbst bei den dramatischsten Berichten weiterschalten. Die Spendenbereitschaft der Notre Dame dagegenzusetzen, unredlich. Denn was bleibt von uns, wenn nicht derartige Kunst- und Kulturgüter. Und wir haben eben nicht nur die Aufgabe, pauschal die Welt für die kommenden Generationen zu erhalten, sondern auch das, was unsere Identität ausmacht.
Die linke Kobra 01.05.2019
3. Es gibt da eine einfache Lösung
Wenn ich mir die Fußball-Millionäre so anschaue, dann habe viele afrikanische Wurzeln. Gut, Neymar ist Brasilianer, aber bei einem 100 Millionen Dollar Transfer müssten auch noch 50 Millionen für Afrika-Hilfe drin sein. Wie [...]
Wenn ich mir die Fußball-Millionäre so anschaue, dann habe viele afrikanische Wurzeln. Gut, Neymar ist Brasilianer, aber bei einem 100 Millionen Dollar Transfer müssten auch noch 50 Millionen für Afrika-Hilfe drin sein. Wie sieht es aus ? Mpappe, Aubamojang, Dembele, Rüdiger, usw.. ! Der ProtzBayer Ribery kann auch kurz 10 Millionen dazulegen, die Boatengs ebenfalls, Alaba verhungert auch nicht, usw... !
tijo 01.05.2019
4. Das ist nun reichlich zynisch.
Okay, zugegeben: Die Vulnerabilität gegenüber (Natur-)Katastrophen in Mosambik u.a. mag auch wegen der vielen Kinder und allgemein ärmlichen Verhältnisse so hoch sein. Aber diese Armut rührt ursprünglich von der Kolonialzeit [...]
Okay, zugegeben: Die Vulnerabilität gegenüber (Natur-)Katastrophen in Mosambik u.a. mag auch wegen der vielen Kinder und allgemein ärmlichen Verhältnisse so hoch sein. Aber diese Armut rührt ursprünglich von der Kolonialzeit her - und einer völlig chaotischen Beendigung derselben. Dass Demokratie dort nicht oder nicht gut funktioniert, haben die ehemaligen Kolonialmächte verschuldet, indem sie wirtschaftlich völlig destabilisierte Länder mit einem Machtvakuum zurückließen. Und ja, natürlich schadet ein deutscher mit zwei, drei Autos der Umwelt wesentlich mehr als ein Mensch aus Malawi, der nicht mal Strom hat. Dass die Behebung dieser Missstände nicht durch Spenden aus der Tasche der Bürger behoben werden sollten (und können), das ist mir bewusst. Deswegen sollten auch sämtliche Regierungen reicher Länder an guten, und vorallem auch sinnvoll genutzten Entwicklungshilfen arbeiten. Gleichwohl: Solange dieses Konzept noch keine Wirkung zeigt bzw. noch nicht existiert, müssen Hilfsprojekte eben aus privater Tasche finanziert werden. Genug Milliardäre und Millionäre, die dies stemmen könnten, gibt es allemal - die notre Dame beweist dies eindrucksvoll (somit ist auch dieser Vergleich angemessen). FYI, es gibt keinen zwingenden Grund, weshalb der Dachstuhl der Notre Dame wieder in fünf Jahren aufgebaut sein muss. Eine Fertigstellung des Wiederaufbaus ist auch in 10 oder 15 Jahren noch akzeptabel. Ein Mensch kann hingegen nur vier tage ohne Wasser und vierzig Tage ohne Nahrung überleben - unter optimalen Bedingungen. Hier auch ein Querverweis auf den Yemen: Ich bin mir sicher, dass die meisten Menschen des Yemens, insbesondere die verhungernden Kinder, nichts dafür können, dass Saudi Arabien mit US-Unterstützung Hilfsgüterlieferungen blockiert.
ditta 01.05.2019
5. "Der Norden muss…"
Leider geht diese Forderung ins Leere, wenn man tiefer in die Problematik eindringt. Der Norden, auch wir, haben in den vergangenen 43 Jahren nach dem Ende der portugiesischen Kolonialherrschaft auch Mosambik permanent und nicht [...]
Leider geht diese Forderung ins Leere, wenn man tiefer in die Problematik eindringt. Der Norden, auch wir, haben in den vergangenen 43 Jahren nach dem Ende der portugiesischen Kolonialherrschaft auch Mosambik permanent und nicht halbherzig unterstützt. Leider haben Bürgerkrieg und Gier der Regierenden kaum etwas an die Bevölkerung gelangen lassen. Ist das unsere Schuld? Der Klimawandel und unsere CO2-Emissionen sind nach den Aussagen der entsprechenden Protagonisten für das Cyklongeschehen auch im Südindik verantwortlich? Wie aber kommt es, daß diese Cyklone, mittlerweile über 150 Jahre hinweg wissenschaftlich erfaßt, sich in diesem Zeitraum im medianen Ausmaß in ihrer Wirkung nicht grundsätzlich verändert haben? Verändert haben sich aber sehr wohl Bevölkerungszahl und Siedlungsverhalten in den ostafrikanischen Küstenstaaten, auch Mosambiks, in denen Städtebau und Infrastruktur leider bis heute nicht angepaßt wurden. Dabei gab es in der ersten Regierung des unabhängigen Mosambiks Pläne für Umsiedlungen der Bevölkerung in höhergelegene Regionen, um sie u.a. vor den bekannten Desastern besser schützen zu können. Man hätte sich an den Präventionsstrategien des asiatischen Raumes orientieren können, wo Warnsysteme, Infrastruktur und Bebauung eine große Effizienz, bis auf extreme Ausnahmesituationen, aufweisen. Hilfsorganisationen müssen selbst über ihren eigenen Tellerrand schauen und die größeren Zusammenhänge richtig beurteilen. Wo war ihr vorsorgliches Engagement in der katastrophenfreien Zeit?

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