Politik

Zum Tod von Robert Mugabe

Für immer und ewig an der Macht

Robert Mugabe entwickelte sich vom Befreiungshelden zu einem brutalen Alleinherrscher. Und auch nach seinem Tod ist Simbabwe noch lange nicht frei. Der Diktator ist tot - die Diktatur geht weiter.

Mike Hutchings/ REUTERS
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Freitag, 06.09.2019   14:49 Uhr

Wir haben uns alle getäuscht: Auf die Frage, was er von seinem Amtskollegen Robert Mugabe halte, antwortete Richard von Weizsäcker ohne zu zögern: "Er ist ein kluger, besonnener Politiker, der um Ausgleich bemüht ist." Im März 1988 war das, am Rande des ersten Staatsbesuches eines deutschen Bundespräsidenten in Simbabwe. Auch ich gehörte damals zu Mugabes Bewunderern.

Foto: AP

In jenem Jahr war Präsident Robert Mugabe noch ein angesehener Staatsmann. Er hatte nach dem Befreiungskampf gegen das britische Kolonialregime sein Land 1980 in die Unabhängigkeit geführt. Seine Politik der Versöhnung zwischen Schwarzen und Weißen wurde in aller Welt bewundert. Er galt als demokratischer Hoffnungsträger des Kontinents - endlich zeigte mal einer, dass es in Afrika auch anders geht.

Beim Staatsbankett traf ich ihn zum ersten Mal persönlich, er wirkte aufgeräumt und erklärte mit einem vieldeutigen Lächeln: "We are on track - alles läuft nach Plan." Es war seinerzeit unvorstellbar, dass dieser Mann zu einem üblen Despoten mutieren würde, der sein Land ruinieren sollte.

Martin Athens/ picture alliance

Robert Mugabe und Bundespräsident von Weizsäcker (1988)

Denn zunächst blühte Simbabwe unter seiner Führung auf, eine friedliche Nation, wirtschaftlich erfolgreich, ein Vorbild für Afrika. Erst in den Neunzigerjahren wuchs das Unbehagen an Mugabes autokratischem Regierungsstil. Als ich ihn 1996 zum zweiten Mal traf, reagierte er ziemlich unwirsch auf meine Anmerkung, dass ihn seine Kritiker einen Diktator nennen würden. "Junger Mann, Sie lesen zu viele britische Zeitungen", antwortete Mugabe.

Mugabe läßt Andersdenkende verfolgen, foltern und ermorden

Vier Jahre später, als die Opposition erstmals sein Einparteienregime herausfordert, streift er die Maske des Demokraten ab. Er beschneidet die Bürgerrechte, schafft schrittweise die unabhängige Justiz und freie Presse ab, läßt Andersdenkende verfolgen, foltern, eliminieren.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass sich der ehemalige Freiheitskämpfer Mugabe seinem Vorgänger Ian Smith anverwandelt, er greift sogar zu den drakonischen Notstandsgesetzen, die der letzte Premierminister Rhodesiens gegen "schwarze Terroristen" anwandte.

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Zum Tod von Robert Mugabe: Das Leben eines Despoten

Wie so oft in Afrika - und nicht nur in Afrika! - will Mugabe nur noch eines: für immer und ewig an der Macht bleiben. Auch wenn dabei sein Land zugrunde geht. Das Einparteienregime plündert hemmungslos die Ressourcen Simbabwes, Mugabe und die korrupten Parteibonzen führen ein Leben in Saus und Braus.

Als der Staat bankrott ist, fordert der Präsident das Volk auf, sich das in der Kolonialzeit geraubte Land zu nehmen. 4000 weiße Farmer werden enteignet und vertrieben, die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln bricht zusammen, und der Hunger kehrt in die einstige Kornkammer Simbabwe zurück.

Trotz dieses beispiellosen Niedergangs wird Mugabe nach wie vor von den Machteliten des Kontinents verehrt - denn in ihren Augen bietet er den weißen Imperialisten die Stirn.

Schuld sind immer die anderen

Aus der Sicht des Potentaten sind stets andere am Verfall Simbabwes schuld, die Briten, die Weltbank, die Sanktionen des Westens. Er ist besessen von der Vorstellung, dass finstere Außenmächte ihn stürzen und sein Land rekolonialisieren wollen. Der starrsinnige Greis verliert allmählich jeden Bezug zur Realität, Beobachter sagen, er leide am Cäsaren-Wahnsinn, an der Krankheit der Macht.

Hinter den Kulissen zieht längst seine Frau Grace Mugabe die Fäden, eine luxussüchtige Matrone, die im Volk als "Gucci-Grace" verspottet und mit Lady Macbeth verglichen wird. Doch der Zusammenbruch ist nicht mehr aufzuhalten, es kommt zu einer parteiinternen Revolte, im November 2017 wird der alte Diktator vom Militär entmachtet.

Danach sitzt er verbittert in seiner Villa am Rande der Hauptstadt Harare. Er ist schwerkrank und hinfällig, fliegt immer wieder nach Singapur, um sich von den besten Ärzten behandeln zu lassen. Dort, fern von seiner notleidenden Heimat, ist er in der vergangenen Nacht im Alter von 95 Jahren gestorben.

Doch die Tragödie seines Landes ist nicht zuende. Denn der neue Präsident macht genau da weiter, wo Robert Mugabe aufgehört hat. Emmerson Mnangagwa ist einer seiner politischen Ziehsöhne, ein Apparatschik der Einheitspartei, der in all den Jahren maßgeblich an der Plünderung des einst wohlhabenden Landes beteiligt war.

Der Nachfolger hatte einen Neubeginn versprochen - und setzt doch das Selbstzerstörungswerk fort. Schon treibt Simbabwe der nächsten Hyperinflation entgegen, geschätzte 90 Prozent der Bevölkerung haben keine Arbeit, in manchen Regionen hungern die Menschen, Millionen sind in die Nachbarländer geflohen.

Aber in diesen Stunden nach dem Tod des Diktators atmen viele Simbabwer auf. Und viele feiern, dass die ehemalige Lichtgestalt, die so viel Leid und Gewalt über ihr Land gebracht hat, endlich zu den Ahnen gegangen ist.

insgesamt 12 Beiträge
lukapp 06.09.2019
1. Das Land befreit...
... und anschließend wirtschaftlich ruiniert. Sich selbst und den Clan natürlich vollsaniert. Was soll man sonst noch sagen?
... und anschließend wirtschaftlich ruiniert. Sich selbst und den Clan natürlich vollsaniert. Was soll man sonst noch sagen?
mickygold 06.09.2019
2. Niedrige Instinkte
Wie lange noch sollen in dieser vernetzten aufgeklärten Welt solcher Despoten mit diesem Irrsinn, der viele Menschen um ein besseres Leben betrügt, weitermachen dürfen? Es wird Zeit für eine wahrhaftige Weltregierung, die [...]
Wie lange noch sollen in dieser vernetzten aufgeklärten Welt solcher Despoten mit diesem Irrsinn, der viele Menschen um ein besseres Leben betrügt, weitermachen dürfen? Es wird Zeit für eine wahrhaftige Weltregierung, die über die Macht und die Mittel verfügt, um solchen Diktatoren und Zerstörern ihr Handwerk zu legen.
Beat Adler 06.09.2019
3. Herr und Frau Diktator stehlen mit Hilfe Chinas Millionen von ihren Ei
Herr und Frau Diktator stehlen mit Hilfe Chinas Millionen von ihren Einwohner, bunkern das Vermoegen in Singapore und geniessen den Lebensabend, auch noch nach dem Machtverlust, in Ruhe und Wohlstand. Sie sind damit Vorbild fuer [...]
Herr und Frau Diktator stehlen mit Hilfe Chinas Millionen von ihren Einwohner, bunkern das Vermoegen in Singapore und geniessen den Lebensabend, auch noch nach dem Machtverlust, in Ruhe und Wohlstand. Sie sind damit Vorbild fuer den Nachfolger, seinen Nachfolger, seinen Nachfolger...... Bestehlen der Bevoelkerung ohne Folgen. Solange China seine schuetzenden Haende ueber die starken Maenner Afrikas haelt, geht das weiter, und weiter, und weiter.... Erst wenn die Einwohner revoltieren, so wie im (Nord)Sudan, wo sie den chinahoerigen Diktator Omar Al Bashir entmachteten, besteht die Hoffnung darauf, dass er fuer seine Verbrechen bestraft wird. Seine Nachfolger wissen nun, dass wenn sie sich gleich verhalten, ebenfalls bestraft werden koennen. Bashir verschuldete sich bei China mit 60 Milliarden $. Da er weder die faelligen Zinsen noch die Tilgungen rechtzeitig an China bezahlen konnte, trat er fruchtbares Land im Gezira ab. Folge: Der Brotpreis explodierte, die Leute revoltieren, er und China sind weg vom Fenster. Wie lange? Bleibt abzuwarten. Das "Glueck" haben die Einwohner von Zimbabwe noch nicht. China hat den Nachfolger fest im Griff. mfG Beat
Tuta 06.09.2019
4. Und der Gukurahundi?
Als von Weizäcker ihm den roten Teppich aus breitete, hatte gerade der Völkermord im Matabeleland, der Gukurahundi, seine letzten Opfer gefunden. Das wurde damals von deutschen Diplomaten als "Geburtswehen einer neuen [...]
Als von Weizäcker ihm den roten Teppich aus breitete, hatte gerade der Völkermord im Matabeleland, der Gukurahundi, seine letzten Opfer gefunden. Das wurde damals von deutschen Diplomaten als "Geburtswehen einer neuen Demokratie" abgetan. 30,000 Tote. Alles bis ins letzte Detail nachzulesen im Bericht der katholischen Bischöfe von 1997. Mugabe war von Anfang an ein Lügner und Drecksack.
neanderspezi 06.09.2019
5.
Es ist fast immer dasselbe, selbst schlimmste Despoten haben nach ihrem finalen Abgang gute Aussichten, dass ihnen die wohlverdienten Bezeichnungen für ihre schlimmen Untaten nicht in vollem Umfang mit zu ihren Ahnen beigegeben [...]
Es ist fast immer dasselbe, selbst schlimmste Despoten haben nach ihrem finalen Abgang gute Aussichten, dass ihnen die wohlverdienten Bezeichnungen für ihre schlimmen Untaten nicht in vollem Umfang mit zu ihren Ahnen beigegeben werden. Es bleibt ihnen immer noch ein Rest an Respekt erhalten, ritualisiert und poliert von den Nutznießern ihres Regimes, während die geschundene Bevölkerung sich höchstens einem kurzen Gefühl der Erleichterung hingeben darf, welches jedoch durch einen despotischen Nachfolger in ebenbürtiger Qualität zum Vorgänger sehr schnell mittels gesteigerter oder gleichartiger Drangsal analog zum Verstorbenen, geplättet wird. Seitdem ein großer Markt mit einem vielfältigen Angebot tödlicher Waffen auf Käufer wartet und Staatsgelder in gewissen Staaten von machthungrigen Typen leicht geplündert werden können, ist für nachwachsende oder neu aufblühende Despotien ein idealer Boden geschaffen worden, Simbabwe ist ein treffendes Beispiel dafür.

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