Politik

Solidarität mit russischem Journalisten in Hausarrest

"Iwan darf jetzt nicht vergessen werden"

Der Investigativreporter Iwan Golunow berichtet über Korruption in Russland - und wurde aus fadenscheinigen Gründen unter Hausarrest gestellt. Nun erlebt er im Land eine Welle der Solidarität. Drei Journalisten erzählen, warum.

Evgeny Feldman for Meduza (CC BY 4.0)
Von , Moskau
Montag, 10.06.2019   22:16 Uhr

Das gab es in Russland so noch nicht: Die drei führenden Qualitätszeitungen des Landes - "Kommersant", "RBK" und "Wedomosti" - erschienen am Montag mit den gleichen Titelblättern, Schlagzeile: "Ich/Wir sind Iwan Golunow". Die Blätter waren in Moskau und Sankt Petersburg innerhalb kürzester Zeit ausverkauft - in einem Land, in dem das vom Staat kontrollierte Fernsehen dominiert, Zeitungen traditionell eher wenig gelesen werden.

Die Redaktionen der liberalen Zeitungen sind sich auch in ihrem Urteil einig: Sie halten die vorgelegten Beweise im Verfahren gegen Golunow, einen der bekanntesten Investigativjournalisten Russlands, "nicht für überzeugend". Golunows Festnahme scheine "mit seiner beruflichen Tätigkeit verbunden". Der Reporter recherchiert vor allem zu Korruption, etwa darüber, wer an öffentlichen Aufträgen bei der Stadtrenovierung Moskaus verdient.

Yuri KADOBNOV/ AFP

Die Titel der Zeitungen "RBK", "Kommersant" und "Wedomosti"

Die Redaktionen fordern eine detaillierte Überprüfung der Mitarbeiter der Sicherheitsbehörden, die an Golunows Festnahme beteiligt waren, und drängen auf die Einhaltung der Gesetze. Man werde den Verlauf der Ermittlungen genau verfolgen. Es ist eine Kampfansage: nicht so und nicht mit uns.

Der Fall Golunow ist das bestimmende Thema in Russland - auch an Tag fünf nach seiner Festnahme wegen fadenscheiniger Drogenvorwürfe. In den sozialen Medien wird der Name des Reporters inzwischen öfter genannt als der von Präsident Wladimir Putin.

Dmitry Serebryakov/ AP

"Freiheit für Iwan Golunow" - eine Frau demonstriert vor dem Innenministerium in Moskau

Golunow arbeitet für das Nachrichtenportal "Meduza". Der Fall des Journalisten, der als gewissenhafter, akribischer Rechercheur gilt, weist so viele Ungereimtheiten auf (lesen Sie hier die Details dazu), dass es viele Menschen im Land schockiert.

Da ist nicht nur der Versuch, einen Kritiker durch ein manipuliertes Drogenverfahren mundtot zu machen - gerade einmal 0,02 Prozent aller Drogenprozesse vor Gericht enden laut Daten der Behörden mit Freispruch. Da sind auch die Umstände der Festnahme. Der 36-Jährige konnte zwei Tage nicht schlafen, wurde laut eigenen Angaben geschlagen, Notärzte diagnostizierten bei ihm unter anderem eine Gehirnerschütterung.

Die Ungereimtheiten sind so zahlreich im Fall Golunow, dass sie sogar - zumindest teilweise - im Staatsfernsehen thematisiert werden. Dimitrij Kisseljow erklärte in seiner reichweitenstarken Nachrichtensendung "Westi Nedeli" auf Rossija 1, man habe nach medizinischen Tests keine Drogenspuren bei dem Investigativjournalisten feststellen können. Reporter des Perwy Kanals, zu Deutsch Erster Kanal, berichteten von den Einzeldemonstrationen vor dem Innenministerium, vor dem sich wieder Dutzende Menschen stundenlang bis in die Nacht versammelten.

Fotostrecke

Russland: "Freiheit für Iwan Golunow"

Wann hat es das gegeben, dass Mitarbeiter der staatlichen Medien sich so für einen Kollegen eines kremlkritischen Mediums wie "Meduza" einsetzen?

Eine Welle der Solidarität hat das Land erfasst. Dank dieser steht Golunow inzwischen zumindest "nur" unter Hausarrest und musste nicht in Untersuchungshaft. Doch damit ist die Sache noch nicht ausgestanden, die Ermittlungen laufen, auch wenn die Behörden den Fall nun überprüfen wollen und der Kreml sich geäußert hat. Doch Golunow ist noch nicht frei. Für Mittwoch haben Journalisten in Moskau zu einem Demonstrationszug "Freiheit für Iwan Golunow" aufgerufen.

Wie schätzen andere russische Journalisten den Fall Golunow ein? Der SPIEGEL hat mit drei von ihnen gesprochen:

Roman Dobrochotow, 36 Jahre, Investigativjournalist und Chef der Moskauer Website "The Insider":

Roman Dobrochotow

"Das ist ein beispielloser Vorgang. Wir, ich und meine Kollegen, glauben, dass Iwan Golunows Festnahme von korrupten Beamten des Innenministeriums und des Geheimdienstes FSB initiiert wurde, die mit dem Bestattungsbusiness verbunden sind. Da kann man bei uns viel Geld mit machen. Als sie erfuhren, dass Golunow eine weitere Recherche zu dem Thema vorbereitet hat, haben sie diese Operation gestartet, ohne zu wissen, wer er wirklich ist.

Vielleicht dachten sie, er sei ein gewöhnlicher Journalist, der kein Gewicht, keine Verbindungen hat, und dass sich niemand für ihn einsetzen würde. Das war ihr Fehler. Die Beamten haben das nicht verstanden und mit ihrer Operation am 6. Juni das Sicherheitssystem und Putin bloßgestellt, weil sie damit genau während des Peterburgers Wirtschaftsforums (ging bis zum 8. Juni - Anm. d. Red.) für negative Presse sorgten. Das sind die einzigen Tage des Jahres, an denen es für Putin sehr wichtig ist, eine gute Presse zu haben, er will vor den ausländischen Investoren gut dastehen.

Alle Journalisten, sogar die der Staatsmedien, setzen sich für Golunow ein, was sehr positiv ist. Wenn selbst Margarita Simonjan (die Chefin des Staatssender RT - Anm. d. Red.) Hausarrest fordert, ist das für den Kreml eine schlechte Sache. Die Mitarbeiter von FSB und Polizei werden bestraft werden - nicht heute, nicht morgen, aber bald. Sie werden nicht dafür bestraft, dass sie Golunows Rechte verletzt haben, sondern weil sie für zu viel negative Aufmerksamkeit gesorgt haben. Golunow wird freigelassen, nicht gleich, aber in einigen Monaten. Der Kreml muss ja eine gesichtswahrende Lösung finden.

Pawel Gusew, 70 Jahre, Chefredakteur der kremlnahen Tageszeitung "Moskowskij Komsomolets" und Vorsitzender des Moskauer Journalistenverbandes:

Moskowskij Komsomolets

"Wissen Sie, der russische Journalismus hat viele schreckliche Zeiten hinter sich. Wie viele von uns haben schon Warnungen erhalten, wie viele werden in den Regionen schikaniert? Das sind sehr viele, 400 Kollegen. Dieser Fall, diese Festnahme des Kollegen, ist mit seiner Arbeit verbunden. Die Reaktionen darauf zeigen meiner Meinung die Reife der Zivilgesellschaft und der Gemeinschaft der Journalisten in diesem Land. Wir wurden nicht gefragt, bei der Aktion der drei Zeitungen mitzumachen, die großartig ist. Wir werden ebenfalls weiter berichten. Ich denke, die Ermittlungen werden hinausgezögert werden: In den zwei Monaten Hausarrest wird alles möglichst still weiterlaufen und dann wird es höchstwahrscheinlich einen Freispruch geben."

Anaestasija Lotarewa, 35 Jahre, Chefredakteurin der unabhängigen Onlineausgabe "Takie Dela", zu Deutsch "So ist es":

Anastasija Lotarewa

"Dieser Fall ist für die Gesellschaft als Ganzes sehr wichtig. Wir wissen, dass Verfahren manipuliert werden, Menschen zu Unrecht inhaftiert werden. Das Verfahren von Iwan Golunow zeigt, mit welcher Unverschämtheit ihm die Drogen untergeschoben, mit welcher Unverschämtheit sein Fall manipuliert worden ist.

Iwan ist einer der besten Rechercheure in Russland, seine Recherchen betreibt er auf einem sehr hohem Niveau. Iwan Golunow ist ein Name in unserem Land. Seine Veröffentlichungen betreffen jeden von uns, weil er sich mit Themen beschäftigt, die wichtig sind für unsere Gesellschaft. Iwan darf jetzt nicht vergessen werden, wir müssen weiter für Aufmerksamkeit zu sorgen. Er sitzt ja in Hausarrest, ist weggesperrt. Er muss freigelassen werden."

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Hier finden Sie eine Übersicht von Iwan Golunows Artikeln in englischer Übersetzung.

Mitarbeit: Tatiana Sutkovaja, Alexander Chernyshev

insgesamt 13 Beiträge
Henk-van-Dijk 10.06.2019
1. DAS ist Mut.
Die Hoffnung ist leider gering, dass diese unerwartet deutlichen Stellungnahmen selbst in Staatsmedien irgendetwas ändern am Umgang mit Presse und Meinungsfreiheit in Russland. Man kann nur erahnen, wieviel Mut dazugehört, in [...]
Die Hoffnung ist leider gering, dass diese unerwartet deutlichen Stellungnahmen selbst in Staatsmedien irgendetwas ändern am Umgang mit Presse und Meinungsfreiheit in Russland. Man kann nur erahnen, wieviel Mut dazugehört, in Russland solche Fälle zu recherchieren. Da kann so mancher, der im Netz unter Pseudonym auf dicke Eier macht, was für`s Leben lernen.
dn.creaserv 10.06.2019
2. Golunow
ist ein mutiger Mann. Ich finde, er verdient jede Unterstützung.
ist ein mutiger Mann. Ich finde, er verdient jede Unterstützung.
apfeldroid 10.06.2019
3. Bin zwar mit Hebel meist anderer Meinung
aber das was sich der Kreml hier geleistet hat ist doch unglaublich. Armes Russland, für das ich keinen Ausweg sehe - Putin baut mit seiner Rosgvardia eine Armee Schläger auf, die für den Erhalt ihrer lächerlichen Privelegien [...]
aber das was sich der Kreml hier geleistet hat ist doch unglaublich. Armes Russland, für das ich keinen Ausweg sehe - Putin baut mit seiner Rosgvardia eine Armee Schläger auf, die für den Erhalt ihrer lächerlichen Privelegien alle Proteste im Keim ersticken werden, die Staatsbeamter bedienen sich grenzenlos, weder Judikative noch Exekutive funktionieren. Ich sehe keinen Ausweg, nicht mal die Revolution oder Maidan wird dieses Land retten. Ich sehe aber durchaus Nordkorea und Gulagzeiten kommen. Der Westen soll den Untergang Putins beschleunigen, einfach jegliche Beziehung kappen. Vorerst gibt es bis 2024 Stillstand, in dem jeder Beamte seine Taschen vollstopfen wird und seine Familie im Ausland absichern. Hier darf der Westen diese Neureichen nicht aufnehmen, die Millionen sind Diebesgut des russischen Volkes, das wäre Hehlerei, obwohl das Angebot der voller Koffer verlockend wirkt.
geotie1 10.06.2019
4.
Den Zusammenhalt finde ich sehr gut und wichtig, aber was ist eigentlich aus seiner Story über den Bürgermeister geworden? Wird in diesem Fall auch ermittelt oder fällt das jetzt unterm Tisch? Wie wurde und wird da verfahren?
Den Zusammenhalt finde ich sehr gut und wichtig, aber was ist eigentlich aus seiner Story über den Bürgermeister geworden? Wird in diesem Fall auch ermittelt oder fällt das jetzt unterm Tisch? Wie wurde und wird da verfahren?
GoaSkin 11.06.2019
5. @apfeldroid:
Die Ära Putin wird nach dieser Legislaturperiode vorbei sein, da das Gesetz keine drei Amtszeiten in Folge erlaubt. Dass jemand anderes nochmals für eine Legislaturperiode Präsident wird und Putin danach zurück kehrt, wird [...]
Zitat von apfeldroidaber das was sich der Kreml hier geleistet hat ist doch unglaublich. Armes Russland, für das ich keinen Ausweg sehe - Putin baut mit seiner Rosgvardia eine Armee Schläger auf, die für den Erhalt ihrer lächerlichen Privelegien alle Proteste im Keim ersticken werden, die Staatsbeamter bedienen sich grenzenlos, weder Judikative noch Exekutive funktionieren. Ich sehe keinen Ausweg, nicht mal die Revolution oder Maidan wird dieses Land retten. Ich sehe aber durchaus Nordkorea und Gulagzeiten kommen. Der Westen soll den Untergang Putins beschleunigen, einfach jegliche Beziehung kappen. Vorerst gibt es bis 2024 Stillstand, in dem jeder Beamte seine Taschen vollstopfen wird und seine Familie im Ausland absichern. Hier darf der Westen diese Neureichen nicht aufnehmen, die Millionen sind Diebesgut des russischen Volkes, das wäre Hehlerei, obwohl das Angebot der voller Koffer verlockend wirkt.
Die Ära Putin wird nach dieser Legislaturperiode vorbei sein, da das Gesetz keine drei Amtszeiten in Folge erlaubt. Dass jemand anderes nochmals für eine Legislaturperiode Präsident wird und Putin danach zurück kehrt, wird vermutlich deshalb nicht passieren, weil Putin bis dahin zu alt wäre. Vielmehr muss man sich in Russland heute schon fragen, was danach kommt. Ob Russland demokratischer wird oder sich eher in Richtung China entwickeln wird, ist vollkommen unklar. Und vermutlich ist selbst bei den Kreml-nahen Medien angekommen, dass sie das Schicksal des Landes mit in der Hand haben.

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