Politik

Sport in Saudi-Arabien

Ein Boxkampf für den angezählten Prinzen

In wenigen Monaten gibt es in Saudi-Arabien erstmals einen WM-Kampf im Profiboxen. Mit dem Event provoziert Kronprinz Mohammed Bin Salman die konservativen Geistlichen im Königreich.

Action Images via Reuters/Andrew Couldridge/File Photo

Anthony Joshua und Andy Ruiz Jr. (im Juni 2019): Kampf im Herzen Saudi-Arabiens geplant

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Sonntag, 18.08.2019   18:24 Uhr

Am 7. Dezember sollen in einem Vorort der saudi-arabischen Hauptstadt Riad zwei halbnackte Männer, nur bekleidet mit kurzen Hosen und Handschuhen, vor einer johlenden Menge aufeinander einschlagen. An jenem Tag in knapp vier Monaten boxen dort Andy Ruiz Jr. aus den USA und der Brite Anthony Joshua um den WM-Titel im Schwergewicht.

Der Kampf soll an Muhammad Alis legendäre Duelle gegen George Foreman und Joe Frazier in den Siebzigerjahren anknüpfen, die zu weltweit beachteten Ereignissen wurden. Nach "Rumble in the Jungle" und "Thrilla in Manila" nun also "Clash on the Dunes". Ein PR-Coup.

Ian Walton/PA via AP

Box-Promoter Eddie Hearn und Omar Khalil: Erster Box-WM-Kampf in Saudi-Arabien besiegelt

Der Kampf soll jedoch ausgerechnet in Dirija stattfinden - dem Ort, der wie kein zweiter für religiösen Fanatismus in Saudi-Arabien steht. In Dirija verbündete sich vor 275 Jahren der in der Gegend herrschende Stamm der Saud mit dem Prediger Mohammed Bin Abd al-Wahhab. Er erklärte alles, was von seiner strikten Auslegung des Koran abwich, zu Teufelszeug. Wahhab verbot den Gläubigen, Musik zu hören, Heilige zu verehren oder Denkmäler anzubeten. Auf ihn geht der Wahhabismus zurück - die bis heute herrschende rigide Staatsdoktrin - und die Kultur des "takfir", die alle zu Ungläubigen erklärt und verfolgt, die sich an diese Regeln nicht halten.

Dirija wurde damals zur ersten Hauptstadt des saudischen Staates erklärt. Der Pakt von Dirija bildet bis heute die Grundlage des Königreichs: Das Bündnis zwischen der Familie Saud und den wahhabitischen Ideologen, die den geistlichen Überbau bilden, hält noch immer.

MBS will die Macht der Islamgelehrten beschneiden

Dass nun hier zwei Nichtmuslime im Zentrum einer Veranstaltung stehen, die Wahhab unter keinen Umständen gebilligt hätte, ist eine öffentliche Provokation des Herrscherhauses gegenüber den wahhabitischen Geistlichen. Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed Bin Salman, auch bekannt als MBS, versucht seit seiner Berufung zum Thronfolger vor zwei Jahren verstärkt, sein Land ideologisch neu auszurichten. In der staatlichen Propaganda wird die Rolle des Islams immer unwichtiger. Stattdessen predigt das Königshaus Nationalismus und Stolz auf die eigene Identität.

REUTERS/Jorge Silva/File Photo

Saudi-Arabiens Kronprinz MBS: Er fordert die wahhabitische Elite heraus

MBS hat pragmatische Gründe dafür, den Einfluss des Wahhabismus auf Politik und Gesellschaft im Königreich zurückzudrängen. Er hat die "Vision 2030" ausgerufen. In den nächsten elf Jahren will der Kronprinz die Abhängigkeit seines Landes vom Ölexport drastisch verringern, seine Wirtschaft diversifizieren und die Zahl der ausländischen Arbeitskräfte deutlich reduzieren. Das geht nur, wenn auch saudi-arabische Frauen in großer Zahl in den Arbeitsmarkt integriert werden. Das wiederum ist nur möglich, wenn die Macht der wahhabitischen Ideologen beschnitten wird.

MBS hat seinen Untertaninnen seit 2017 bereits erlaubt, Auto zu fahren und eigene Unternehmen zu gründen. An dem Gesetz, das Mädchen und Frauen in Saudi-Arabien lebenslang einem männlichen Vormund unterstellt, rüttelt der Kronprinz bislang nicht.

Saudi-arabisches "Sportswashing"

Generell geht es MBS nicht darum, sein Land in eine liberale Monarchie zu verwandeln. Das zeigt sich besonders am Umgang mit jenen Feministinnen, die sich seit Jahren für die rechtliche Gleichberechtigung einsetzen. Sie sitzen im Gefängnis und wurden dort immer wieder gefoltert. Auch der seit Jahren schwelende Krieg Saudi-Arabiens gegen die Huthi-Rebellen im Jemen und der Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi, hinter dem der Kronprinz vermutet wird, haben dessen Ansehen weltweit schwer beschädigt. In der Boxersprache würde man sagen: MBS ist angezählt.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:22 Uhr
Ohne Gewähr

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Verlag:
Deutsche Verlags-Anstalt
Seiten:
320
Preis:
EUR 22,00

Als Mittel zur Imagepflege hat der Prinz nun den Sport erkannt - und folgt darin ausgerechnet dem Vorbild von Erzfeind Katar, das in wenigen Wochen die Leichtathletik-WM und in drei Jahren die Fußball-WM ausrichten wird.

Menschenrechtsgruppen werfen den Sportverbänden vor, sie ließen sich vom Regime in Riad instrumentalisieren. MBS betreibe "Sportswashing", kritisiert etwa Amnesty International. Das Herrscherhaus nutze den Sport, um sich von seinen Sünden im Umgang mit Kritikern reinzuwaschen.

In gewisser Weise finden damit gleich zwei Kämpfe parallel statt: Anthony Joshua gegen Andy Ruiz jr. und Mohammed Bin Salman gegen seine Kritiker im In- und Ausland.

insgesamt 8 Beiträge
FrankDunkel 18.08.2019
1.
Das Profiboxen muß schon seit Alis Glanzzeiten dafür herhalten, das Image von Diktatoren aufzupolieren. Pecunia non olet ...
Das Profiboxen muß schon seit Alis Glanzzeiten dafür herhalten, das Image von Diktatoren aufzupolieren. Pecunia non olet ...
hugahuga 18.08.2019
2. Ein offenes Forum
in dem seit geraumer Zeit kein Beitrag zu lesen ist. Hallo SPON aufwachen oder zumindest eine Erklärung abgeben - oder gehen Euch die Foristen am A... vorbei? Nun, Sie sind bislang, nebem dem einen freigeschalten Beitrag, der [...]
in dem seit geraumer Zeit kein Beitrag zu lesen ist. Hallo SPON aufwachen oder zumindest eine Erklärung abgeben - oder gehen Euch die Foristen am A... vorbei? Nun, Sie sind bislang, nebem dem einen freigeschalten Beitrag, der einzige. Dazu sind Ihre Beiträge offtopic, redundant und entsprechen nicht unserer Netiquette. Danke und mfG Redaktion Forum
judas.homeless 18.08.2019
3. Mbs
Liebe Redaktion, warum kürzt Ihr den Namen des saudischen Kronprinzen in "MBS"? Grüße Ein Leser
Liebe Redaktion, warum kürzt Ihr den Namen des saudischen Kronprinzen in "MBS"? Grüße Ein Leser
haralddemokrat 18.08.2019
4. Mbs
Wird den Kampf um die Macht gewinnen, eigentlich hat er sie schon gewonnen. Der Wahabismus hat nur noch in Zügen Gültigkeit, um die Alten und ihre Gelehrten ruhig zu halten. Reden wir in 10 Jahren nochmal darüber, bis dahin [...]
Wird den Kampf um die Macht gewinnen, eigentlich hat er sie schon gewonnen. Der Wahabismus hat nur noch in Zügen Gültigkeit, um die Alten und ihre Gelehrten ruhig zu halten. Reden wir in 10 Jahren nochmal darüber, bis dahin spätestens werden sich viele Dinge geändert haben. Auch die jungen Araberinnen streben nach Entwicklung und Freiheit, nach den Grundrechten als Menschen und nicht als arabische Bürger.
blurps11 18.08.2019
5.
Das ist in der internationalen Presse üblich. Kurzzeitig gab es ja beispielsweise auch das "AKK" für Annegret Kramp-Karrenbauer. Der Artikel stellt einen wichtigen und bei uns oft ignorierten Punkt heraus: Die [...]
Zitat von judas.homelessLiebe Redaktion, warum kürzt Ihr den Namen des saudischen Kronprinzen in "MBS"? Grüße Ein Leser
Das ist in der internationalen Presse üblich. Kurzzeitig gab es ja beispielsweise auch das "AKK" für Annegret Kramp-Karrenbauer. Der Artikel stellt einen wichtigen und bei uns oft ignorierten Punkt heraus: Die Königsfamilie gehört in Saudi-Arabien noch zu den eher fortschrittlichen Elementen.

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