Politik

Anschläge in Sri Lanka

Das Ende eines kurzen Friedens

In Sri Lanka tobte bis 2009 ein bitterer Bürgerkrieg, der die Bevölkerung gespalten hat. Viele sehnten sich nach Frieden, doch der ist fragil. Attackieren islamistische Terroristen nun den Inselstaat?

Ishara S. Kodikara/ AFP

Spezialeinheiten bei einem Einsatz in Sri Lankas Hauptstadt Colombo.

Von
Sonntag, 21.04.2019   16:17 Uhr

Noch ist unklar, wer genau hinter den Anschlägen von Sri Lanka steckt. Doch Ermittler wollen nicht ausschließen, dass das Land am Ostersonntag zum Ziel von islamistischen Terroristen geworden ist. Das wäre eine ganz neue Entwicklung in dem multireligiösen Inselstaat.

Acht Explosionen ereigneten sich in dem Land im Indischen Ozean, mehr als 200 Menschen starben, mehr als 450 wurden verletzt. Zu drei Detonationen kam es dabei während Ostergottesdiensten in Kirchen, außerdem waren drei Fünf-Sterne-Hotels in Colombo Ziel der Terrorangriffe.

Auch wenn die Ermittlungen ganz am Anfang stehen und keinerlei konkrete Aussagen über die Täter oder ihren Hintergrund getroffen werden können, deute die Auswahl der Ziele auf einen islamistisch motivierten, groß angelegten Terroranschlag hin. Dies sagte ein sri-lankischer Sicherheitsexperte am Telefon dem SPIEGEL. Im Hotel Shangri-La habe man Sprengstoff eines Typs gefunden, der bereits in der Vergangenheit bei gewaltbereiten Islamisten sichergestellt worden sei, so der Experte.

Im Video berichten Augenzeugen von den Explosionen

Foto: Dinuka Liyanawatte/ REUTERS

Allein in diesem Hotel seien mindestens 25 Kilogramm davon benutzt worden, und zwar in der Cafeteria sowie in der Hotellobby. Die Verwendung dieses Sprengstofftyps allein gibt jedoch noch keinen gesicherten Hinweis auf die Hintergründe der Täter.

Medien sprechen von Selbstmordattentätern

Der Sicherheitsexperte bestätigte außerdem sri-lankische Berichte, wonach man aufgrund von Videoaufnahmen zwei Männer verdächtige, die sich gestern in dem Hotel einquartiert hatten. Ob es sich um sri-lankische Staatsangehörige oder um Ausländer handelte, wollte er nicht sagen.

Lokale Medien berichten, dass vermutlich an allen Orten Selbstmordattentäter am Werk waren. Die Ermittlungen konzentrierten sich dabei dem Vernehmen nach auf eine Terrororganisation, mit dem Namen National Thowheed Jamaath (NTJ).

Pujuth Jayasundara, Polizeichef von Sri Lanka, habe bereits vor zehn Tagen vor der Gruppe gewarnt, heißt es. Ihm lägen Hinweise von einem ausländischen Geheimdienst vor, dass die Organisation Anschläge auf Kirchen sowie auf die indische Botschaft in Colombo plane, schrieb er am 11. April an hochrangige Beamte. Die Organisation war erstmals im vergangenen Jahr in Erscheinung getreten, als sie für die Zerstörung buddhistischer Statuen verantwortlich gemacht wurde.

Fotostrecke

Sri Lanka: Mutmaßlicher Anschlag erschüttert Inselstaat

Sollte es sich tatsächlich um islamistisch motivierten Terror handeln, wäre das für Sri Lanka, in dem etwa 22,5 Millionen Menschen leben, davon 70 Prozent Buddhisten, 13 Prozent Hindus, zehn Prozent Muslime und sieben Prozent Christen, ein neues Phänomen. Taliban, Al-Qaida und "Islamischer Staat" (IS) haben hier bislang nicht Fuß gefasst. Nachdem die britischen Kolonialherren den Inselstaat 1948 in die Unabhängigkeit entließen, verlief die Konfliktlinie in dem Land jahrzehntelang zwischen zwei Ethnien: den Singhalesen, die etwa drei Viertel der Bevölkerung stellen, und den Tamilen.

Wegen seiner geostrategischen Lage Spielfeld vieler Mächte

1983 brachen zwischen den Truppen der singhalesisch dominierten Regierung und den tamilischen Separatisten "Befreiungstiger von Tamil Eelam" (LTTE) Kämpfe aus, die 26 Jahre andauern sollten. Norwegische Friedensbemühungen führten 2002 nur zu einem kurzzeitigen Waffenstillstand, erst 2009 wurden die LTTE, die von Indien, den USA und der EU als Terrororganisation eingestuft wurden, von den sri-lankischen Streitkräften besiegt. Bei diesem Bürgerkrieg kamen Schätzungen zufolge bis zu 100.000 Menschen ums Leben.

Für die Niederschlagung wurde Präsident Mahinda Rajapaksa, der von 2005 bis 2015 regierte, von vielen gefeiert. In seiner Amtszeit verschwanden allerdings auch viele Kritiker spurlos, wurden Freiheitsrechte beschnitten und das Land litt unter Korruption.

REUTERS

Mahinda Rajapaksa

Politischen Streit gab es in Sri Lanka der jüngeren Vergangenheit über das Verhältnis zu China und zu Indien, den beiden rivalisierenden Regionalmächten. China investiert, zur Besorgnis Indiens, stark in dem Land. Peking ist an guten Beziehungen zu Colombo interessiert, weil ein Großteil aller chinesischen Im- und Exporte Sri Lanka passieren oder sogar in Colombo umgeschlagen werden. Weil Sri Lanka sich bei China so hoch verschuldete, dass es die Kredite nicht mehr zurückzahlen konnte, verpachtete es einen wichtigen Tiefseehafen für 99 Jahre an China.

Kaum hat das Land sich von den früheren Krisen erholt, wird es nun vom Terror erschüttert. Neben den Hinweisen auf eine islamistische Täterschaft dürften jetzt Verschwörungstheorien über Drahtzieher aus verschiedenen Ländern die Runde machen - Sri Lanka mit seiner wichtigen geostrategischen Lage ist schon seit langem Spielfeld vieler Mächte.

Bis aus Weiteres gilt nun im gesamten Land eine Ausgangssperre, weil man mit weiteren Angriffen rechnet. Tatsächlich wurden am Nachmittag zwei weitere Explosionen gemeldet: eine nahe einer Wohnanlage im Ort Dematogoda, bei dem kein Mensch zu Schaden kam, und eine nahe dem Zoo des Ortes Dehiwala, bei der zwei Menschen getötet wurden. Der Zugang zu sozialen Medien ist in Sri Lanka geblockt, die Schulen sollen zwei Tage länger als geplant geschlossen bleiben.

Die Tat erinnert an einen anderen Angriff auf Christen in der Region: Am Ostersonntag 2016 sprengte sich ein Mitglied der Taliban in einem Freizeitpark im pakistanischen Lahore in die Luft. Dort hatten sich viele Christen eingefunden, um den Tag zu feiern. 72 Menschen starben.

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP