Politik

Umkämpfte Stadt in Syrien

Was der Fall von Aleppo für den Krieg bedeutet

Aleppo steht vor der Eroberung - ein großer militärischer Erfolg für das Assad-Regime. Auch Russland stärkt seine geopolitische Position. Für Syrien bedeutet das aber längst kein Ende des verheerenden Krieges.

REUTERS
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Donnerstag, 01.12.2016   15:40 Uhr

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Innerhalb der nächsten 30 Tage sollen die Truppen des syrischen Diktators Baschar al-Assad Aleppo vollständig eingenommen haben. Dieses Zeitfenster hat der stellvertretende russische Außenminister Michail Bogdanow am Mittwoch in Moskau genannt. Der Kreml stehe wegen der Entwicklungen in Syrien in Kontakt mit Mitgliedern aus dem Übergangsteam des gewählten US-Präsidenten Donald Trump. "Das sind verschiedene Leute, die wir schon seit langer Zeit kennen", sagte der Vizeminister.

Die Botschaft, die Russland vermitteln will: Der Einmarsch in den Osten Aleppos passiert mit Billigung der künftigen US-Regierung. Genau das steht auch auf Flugblättern, die das syrische Regime in den vergangenen Tagen über den belagerten Stadtvierteln abgeworfen hat: "Wenn ihr diese Gebiete nicht sofort verlasst, werdet ihr vernichtet! Ihr wisst, dass euch alle aufgegeben haben."

Längst stellt sich nicht mehr die Frage, ob Aleppo fällt, sondern nur noch wann.

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Frontverlauf in Aleppo

Welche Folgen hätte das für den Krieg in Syrien?

Nach der Eroberung Aleppos kontrolliert das Assad-Regime wieder die fünf größten Städte des Landes: Damaskus, Aleppo, Hama, Homs und Latakia. Den Rebellen bleiben künftig vor allem ländliche Gebiete, neben dem Landstrich rund um Daraa im Süden ist das vor allem die Provinz Idlib.

Je wichtiger die Region Idlib für die Aufständischen wird, desto stärker wächst der Einfluss der islamistischen Terrororganisation Dschabhat Fatah al-Scham, (zu Deutsch: "Eroberungsfront Syriens") auf die Opposition. Die Miliz war bis zum Juli unter dem Namen Nusra-Front aufgetreten und sagte sich mit der Umbenennung formal vom Terrornetzwerk al-Qaida los.

Es gehört zur Strategie der "Eroberungsfront Syriens", gemäßigte Rebellengruppen einzubinden, aber zugleich dafür zu sorgen, dass diese der Terrormiliz militärisch unterlegen und damit von ihr abhängig sind. So ist die "Eroberungsfront" in Idlib zur stärksten Miliz aufgestiegen.

In den kommenden Monaten dürfte ihre Macht noch wachsen: Die Freie Syrische Armee und andere gemäßigte Rebellengruppen rechnen nicht damit, dass Trump sie zukünftig unterstützen wird. Dagegen kann sich die radikale "Eroberungsfront" ihrer Unterstützung durch Geldgeber in Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten sicher sein. Assads Behauptung, er kämpfe ausschließlich gegen islamistische Terroristen, wird dadurch zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Nachdem er alle anderen Rebellengruppen ausgeschaltet hat, sind bald nur noch Dschihadisten übrig geblieben.

Nach der Eroberung Aleppos könnte das Regime seine Kräfte nun für die Rückeroberung der ländlichen Provinz Idlib bündeln. Möglich ist aber auch, dass Assad die islamistischen Milizen dort weitgehend gewähren lässt. Schließlich liegt es im Interesse des Diktators, die Terrorgruppen "Eroberungsfront Syriens" und "Islamischer Staat" (IS) am Leben zu halten, um sich selbst international als das geringere Übel zu präsentieren.

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Türkischer Panzer auf dem Weg nach Syrien


Größere Gefahr könnte dem Regime mittelfristig vom Norden her drohen. Seit August rücken Einheiten der Freien Syrischen Armee mit Unterstützung des türkischen Militärs auf syrisches Gebiet vor. In erster Linie richtet sich ihr Kampf gegen die kurdische YPG-Miliz und den IS. Doch am Dienstag verkündete der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan, er habe in Syrien interveniert, "um die Herrschaft des Tyrannen Assad zu beenden". Doch Erdogans Syrienpolitik bleibt erratisch: Am Donnerstag widersprach sich der Präsident selbst, als er sagte, die türkische Offensive richte sich nur gegen Terrororganisationen, nicht gegen einen Staat oder eine einzelne Person. Allerdings kann Erdogan über die türkisch-syrische Grenze seine Verbündeten in Syrien ungehindert mit Waffen und Nachschub versorgen.

Wie ist die Situation für Zivilbevölkerung und Flüchtlinge?

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Flüchtende aus Aleppo


Kurzfristig wird aber vor allem die Zahl der Syrer weiter steigen, die in der Türkei Schutz suchen wollen. In den vergangenen Tagen sind knapp 70.000 vor den Angriffen auf den Ostteil Aleppos geflüchtet. Vorerst haben sie in umliegenden Stadtvierteln Zuflucht gefunden, aber dort werden sie kaum bleiben können, erst recht nicht, wenn die Zahl der Flüchtlinge aus Ost-Aleppo in den kommenden Wochen weiter steigen wird.

Der Winter naht, bald werden die Temperaturen in Nordsyrien auf Werte um den Gefrierpunkt fallen. Doch der Weg in die Türkei ist ihnen derzeit versperrt. Erdogan hat eine Hunderte Kilometer lange Betonmauer entlang der Grenze errichtet. Ankara stellt zwar in Aussicht, eine sogenannte Sicherheitszone in Nordsyrien zu schaffen. Dort sollen Flüchtlinge auf syrischem Boden in Lagern Schutz finden können. Bislang ist davon aber nichts zu sehen.

Was für Auswirkungen hätte der Fall Aleppos auf den Nahen Osten?

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Wladimir Putin


Geopolitisch stärkt der militärische Erfolg in Aleppo vor allem Russland. Präsident Wladimir Putin hat sich gegenüber Assad als verlässlicher Partner erwiesen. Während die USA und EU lavierten, die Rebellen nur zögerlich und halbherzig unterstützten, hat der Kreml Wort gehalten und dem Regime mit seiner Militärintervention das Überleben gesichert.

Andere autoritäre Regime in der Region, etwa in Ägypten, Algerien oder dem Sudan werden das aufmerksam registriert haben. Der sicherheitspolitische Analyst Michael Horowitz drückt es so aus: "Eine russische Marinebasis könnte für Diktatoren das werden, was einst das Nuklearprogramm war: eine Absicherung vor Revolutionen und ausländischer Einflussnahme".


Zusammengefasst: Die Eroberung von Aleppo festigt die Macht des syrischen Diktators Baschar al-Assad, er würde wieder die fünf größten Städte des Landes kontrollieren. Im Norden des Landes macht allerdings ein Bündnis mit Unterstützung der Türkei gegen das syrische Regime mobil. Langfristig nutzt die Schlacht um Aleppo vor allem Russland: Kreml-Chef Putin hat sich gegenüber Assad als verlässlicher Partner erwiesen, deshalb dürften nun andere Diktatoren der Region seine Nähe suchen.

Foto: SPIEGEL ONLINE

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