Politik

Nordsyrien

Die Herrschaft des Schreckens ist zurück

Die Türkei hat eine 120-Stunden-Gefechtspause in Nordsyrien verkündet - die Kurdenkämpfer feiern das mit Freudenfeuer. Die Erleichterung dürfte nur kurz währen, denn das Assad-Regime ist zurück.

ERDEM SAHIN/EPA-EFE/REX

Syrischer Kämpfer in Akcakale

Aus Nordsyrien berichtet
Freitag, 18.10.2019   21:16 Uhr

Am Ende, als Donnerstagabend aus allem geschossen wurde, was die Kurden haben, als man sein Wort nicht mehr verstand und der Hotelbesitzer brüllte, man solle jetzt sofort vom Fenster weggehen, war es nur noch die Sorge, von einer verwirrten Kugel des jähen Freudenfeuers getroffen zu werden. Völlig überraschend hatte die Türkei eine 120-stündige Waffenruhe verkündet, war die Operation "Friedensquelle" sehr viel rascher vorbei als alle erwartet hatten. (Lesen Sie hier die SPIEGEL-Titelstory)

Am Dienstagmorgen zuvor war es echte Angst, die Dutzende westlicher Journalisten in Hast das Kurdengebiet verlassen und in die Sicherheit des Nordirak zurückkehren ließ. Wilde Gerüchte kursierten, dass die Speerspitzen der einmarschierenden Truppen des Assad-Regimes Jagd auf ausländische Berichterstatter machten, Listen dabeihätten, versuchen würden, den Grenzübergang von Semalka einzunehmen und die Falle zuschnappen zu lassen.

BBC, CNN, AP und andere kehrten fluchtartig mit ihren Teams zurück. "Das Gerücht kursiert, dass Assads Truppen um 15 Uhr Semalka erobern", hieß es in den WhatsApp-Gruppen der verschreckten Berichterstatter. Also: uns.

"Alles ruhig da drüben, alles wie immer"

Dazwischen lagen drei etwas unwirkliche Tage in "Rojava", dem lange Zeit de facto unabhängigen Kurdengebiet, dessen Tage nun gezählt scheinen. Aber das erscheint in den Details vor Ort dann doch wieder extrem widersprüchlich.

Was schon mit dem Grenzübergang beginnt: Die "nordsyrische Selbstverwaltung", wie sich die straff kontrollierte Administration der Kurden-Partei mit diversen Akronymen (PKK/YPG/PYD) nennt, hat im vergangenen Jahr einen mehrstöckigen Komplex mit Kalksteinverkleidung auf eine Anhöhe über dem Kahbur-Fluss gebaut, wo 2017 die Formalitäten noch in zwei Baucontainern abgehandelt wurden.

Khalil Ashawi / REUTERS

Kindheit im Krieg: Ein Mädchen im nordsyrischen Grenzgebiet

Jetzt gibt es Sitzgruppen, Klimaanlagen, Teeboten und Internet. Und nun eben unsere etwas nervösen Blicke, als wir am Tag nach dem Exodus der Kollegen die Pontonbrücke über den Khabur gequert haben und das Team von Fixerin Novin und Fahrer Zakhar fragen, ob man die Gebäude betreten könne? Oder, ob sie jederzeit von den Türken bombardiert werden könnten? Dass sie nicht von Assads Armee am Vortag um 15 Uhr erobert wurden, wussten sie schon auf der irakischen Seite der Grenze: "Alles ruhig da drüben, alles wie immer." Aber auch die Furcht vor den Türken sei unbegründet, versichern Novin und Zakhar lachend.

Doch das Irrste ist: Die überbordende Bürokratie der kurdischen Selbstverwaltung, die auch für den siebten Besuch in ihrem Reich separate Anträge an zwei Abteilungen einfordert, abgeschickt vom Hauptsitz des Mediums, unbedingt gestempelt, mit Passkopien der lokalen Mitarbeiter und weiteren Dokumenten - all das läuft weiter im Krieg.

Woher die Offiziellen die entspannte Sicherheit nehmen, dass ihrem schmucken Grenzabfertigungsensemble, weit pompöser als das irakische am anderen Ufer, nichts passieren wird, bleibt ein Rätsel. Aber außer Grillen ist draußen auch nichts zu hören, und nach der üblichen Runde durch das Pressebüro und zwei Geheimdienststellen dürfen wir einreisen, ausgerüstet mit mehreren Zetteln, die wir auf keinen Fall verlieren sollten.

"Wir sind die letzten hier"

Im Norden von Rojava, in Ras al-Ain, Tall Abjad, Ain Issa und in einer Reihe von Dörfern gehen heftige Kämpfe weiter, steigen Rauchsäulen auf, bombt die türkische Luftwaffe wahllos. All dies sehen wir in der ersten Kleinstadt hinter der Grenze im Fernsehen. So, wie die Einheimischen, die sich ihren Krieg am Bildschirm anschauen. Alle sind bedrückt, die Restaurants leerer als sonst, jeder kennt jemanden, der jemanden kennt, der Flüchtlinge aus den Dörfern nahe der türkischen Grenze aufgenommen hat. Aber sonst: Derek ist so ruhig wie stets.

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Man muss aber nur fünf Kilometer nach Norden fahren, ins Dorf Jisr, und trifft am Nachmittag auf menschenleere Häuser: "Wir sind die letzten hier", rufen zwei alte Männer, "die anderen kommen nur kurz, um nach den Schafen zu sehen, seit hier Granaten eingeschlagen sind".

Und so geht es weiter die nächsten Tage: Ruhig sind die großen Städte Kamischli, Hasaka, Amuda, Rumailan, keine Jets sind am Himmel zu sehen, keine Detonationen zu hören.

DER SPIEGEL

Aber fast alle Schulen in Hasaka sind geräumt worden für die Flüchtlinge aus Ras al-Ain und Tall Abjad, die so überstürzt vor den türkischen Granaten flohen, dass die meisten nur mitnahmen, was sie am Leib trugen. Nun werden sie vom Roten Kreuz, lokalen NGOs und der "Barzani Foundation" der gleichnamigen Herrscherfamilie aus dem reichen Nordirak mit Decken, Konserven, Reis versorgt.

Ganze Kalaschnikow-Magazine in den Nachthimmel entleert

Die einrollenden Konvois von Assads Armee sieht man nur mit Glück. Die Soldaten haben offenbar Befehl, sich so zurückhaltend wie möglich zu benehmen. Vorläufig zumindest. In Kamischli, wo die Herrschenden von Damaskus stets einen Teil des Zentrums, den Flughafen und die Hauptpost behielten - und drohten, sonst das Telefonnetz abzuschalten -, stehen nicht einmal Wachposten dort, wo sonst immer welche stehen.

Video: Waffenstillstand in Syrien - oder doch nicht?

Foto: AP

Als in Kobane, jener legendären Stadt, die mithilfe der US-Luftwaffe vor fünf Jahren vor der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) gerettet wurde, am Mittwochabend die Truppen der Armee in grünen Bussen einrollen, schauen sie völlig verdutzt auf Hunderte Demonstranten. Die heißen sie mitnichten willkommen, sondern skandieren "YPG! YPG!". Anstatt zur Waffe zu greifen, macht einer der Soldaten nur ein schüchternes Victory-Zeichen und lässt dann den Kopf sinken.

Als am Donnerstagabend dann die Nachricht vom türkischen Waffenstillstand rasend schnell die Runde macht, ist kein Halten mehr: Nun klingt es überall doch nach Krieg, werden ganze Kalaschnikow-Magazine in den Nachthimmel entleert, brennen Reifen auf den Straßen, werden in der ersten Stunde schon acht Verletzte mit Schusswunden in die Krankenhäuser eingeliefert.

"Wir haben sie nicht reingelassen"

Doch die Erleichterung trügt über die wahre Veränderung hinweg, die nun schleichend beginnt. Assads Soldaten verhalten sich noch still. Aber in Hasaka erzählt die Direktorin einer Schule, in der nun Flüchtlinge leben, vom Versuch der Parteikader aus Damaskus, die Schulen wieder zu übernehmen:

"Sie kamen, wollten die Schlüssel haben und haben uns gesagt, jetzt werde wieder ihr Lehrplan eingeführt", sprich: Baschar al-Assad als gesegnetem Herrscher zu huldigen, nur Arabisch zu unterrichten, und die ewige Herrschaft der Baath-Partei zu preisen. "Wir haben sie nicht reingelassen, übernachten seither selber in der Schule", sagt sie trotzig.

Aber die Wiederkehr der Diktatur wird kommen, früher oder später. Der Abzug der Amerikaner, gepaart mit der türkischen Invasion hat die kurdische Führung in die Kapitulation getrieben, der Rückkehr unter Assads Herrschaft zuzustimmen.

In Rakka, der weitgehend zerstörten arabischen Großstadt weiter südlich, in der keine starke Kurdenfraktion sich wehren könnte, landete am Dienstag bereits ein Hubschrauber aus Damaskus. Es entstieg in Siegerpose der neu ernannte Chef der "Politischen Sicherheit" in Rakka. Es ist der zivilste jener Sicherheitsdienste, die in den vergangenen Jahren Zehntausende gefoltert und ermordet haben.

Hassan al-Hassan, der neue Chef, lächelte, als er die örtlichen Würdenträger begrüßte. Das Lächeln wird nicht lange währen. Die Herrschaft des Schreckens ist zurück.

insgesamt 85 Beiträge
ncwortmann 18.10.2019
1. geografische Verwirrung
Da stimmt doch geografisch etwas überhaupt nicht im Artikel von Christoph Reuter: Der Khabur ist kein Grenzfluss zwischen Syrien und Irak. Und der Übergang Semalka Border Crossing liegt am Tigris (streckenweise sehr wohl der [...]
Da stimmt doch geografisch etwas überhaupt nicht im Artikel von Christoph Reuter: Der Khabur ist kein Grenzfluss zwischen Syrien und Irak. Und der Übergang Semalka Border Crossing liegt am Tigris (streckenweise sehr wohl der Grenzfluss). Hat da ihr Reporter (unwahrscheinlich) oder ein Editor in Hamburg (wahrscheinlicher) etwas durcheinander geworfen?
egonon 18.10.2019
2. Das Verteufeln geht weiter.
Bevor sich im - von der Presse besoffen geredeten- Arabischen Frühling von der Türkei, aber auch von Franzosen und der Obamaregierung finanzierten angeblich demokratischen Kräfte erhoben, herrschte wenigstens für die Mehrheit [...]
Bevor sich im - von der Presse besoffen geredeten- Arabischen Frühling von der Türkei, aber auch von Franzosen und der Obamaregierung finanzierten angeblich demokratischen Kräfte erhoben, herrschte wenigstens für die Mehrheit der Syrer eine sichere und religiös tolerante Ruhe im Land , auch wenn diese mit Gewalt durchgesetzt wurde. Aber wie in Libyen und im Irak meinten Heilsbringer, man müsse nur die Regierungen stürzen und schon verbreite sich Frieden und Demokratie im westlichen Sinne. Jetzt stehen diese Traumtänzer vor den Scherbenhaufen ihrer Politik und die lupenreinen Demokraten Putin und Erdogan können triumphieren.
demokroete 18.10.2019
3. Die syrische Regierung ist wieder Herr im eigenen Land
So herum wird ein Schuh daraus. Die kommunistische Herrschaft der PKK/YPG ist zuende. Die Kurden in Syrien haben sich wieder der Regierung unterstellt. Das war vernünftig und hat weiteres Blutvergießen verhindert. Nun können [...]
So herum wird ein Schuh daraus. Die kommunistische Herrschaft der PKK/YPG ist zuende. Die Kurden in Syrien haben sich wieder der Regierung unterstellt. Das war vernünftig und hat weiteres Blutvergießen verhindert. Nun können sie mit der Regierung in Damaskus bestenfalls noch eine Teilautonomie heraushandeln. Nach dem Besuch Erdogans bei Putin werden wir sehen, inwieweit die Türkei ihre Pläne zur Sicherheitszone umsetzen kann. Die neueste Entwicklung ist ein Riesenschritt zur Stabilisierung und Wiedergewinnung der staatlichen Integrität Syriens und für die Zukunft des syrischen Volkes.
c.frolich 18.10.2019
4. Passendes Bild
Sehr passend, dass SPON "Herrschaft des Schreckens" titelt, das syrische Regime meint aber ein Bild des syrischen Widerstands als Titelbild wählt. Die Fahne der Freien Syrischen Armee schwarz-weiß-grün (mit drei roten [...]
Sehr passend, dass SPON "Herrschaft des Schreckens" titelt, das syrische Regime meint aber ein Bild des syrischen Widerstands als Titelbild wählt. Die Fahne der Freien Syrischen Armee schwarz-weiß-grün (mit drei roten Sternen) ist eindeutig zu sehen. Die Farben des syrischen Regimes sind rot-weiß-schwarz (mit zwei grünen Sternen) Immerhin hat man sich bei der Bildunterschrift nur nichtssagenden auf "syrischer Kämpfer" festgelegt. Aber Titel und Titelbild bringen unfreiwillig und auf kuriose Art und Weise das gesamte Unwissen und die Ratlosigkeit der deutschen Gesellschaft (und der SPON-Redaktion) über die Konfliktparteien in Syrien und eine sinnvolle Ordnung des nahen Ostens zum Ausdruck...
g.raymond 18.10.2019
5. Offenes Spiel
Offensichtlich haben sich die Kurden mit der Assad-Regierung arrangiert, und es ist noch offen, was letzten Endes daraus wird. Für Anhänger des früheren Syriens, das auch unter den Assads eine multiethnische und multireligiöse [...]
Offensichtlich haben sich die Kurden mit der Assad-Regierung arrangiert, und es ist noch offen, was letzten Endes daraus wird. Für Anhänger des früheren Syriens, das auch unter den Assads eine multiethnische und multireligiöse Gesellschaft war, wie seit Jahrhunderten, könnte das eine positive Entwicklung sein. Für die Idealisten, die von einem kurdischen Staat träumen, sieht das wahrscheinlich anders aus. Auf jeden Fall ist die westliche Perspektive, die sich für solche Unabhängigkeitsbewegungen engagiert und auch Krieg dafür akzeptiert, nicht unproblematisch. Man denke an die westlichen Interventionen im Irak, in Libyen, Ukraine oder eben auch in Syrien. Warten wir ab, was die Zukunft bringt.

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