Politik

Türkische Offensive

Wettlauf um Syrien

Die USA wollen aus dem Nordosten Syriens abziehen, die Türkei hat ihre Offensive begonnen. Russland, der "IS" und Iran haben jeweils ihre eigene Agenda, Israel ist alarmiert. Der Überblick über die wichtigsten Akteure.

Delil Souleiman/ AFP

Ein SDF-Kämpfer im Grenzgebiet

Von und
Mittwoch, 09.10.2019   15:08 Uhr

Fast ein Drittel des syrischen Staates haben die "Syrischen Demokratischen Kräfte" (SDF) zuletzt mit Unterstützung der USA kontrolliert. Zwar waren es die eher dünnbesiedelten Gebiete im Nordosten des Landes, doch diese bergen Syriens - wenige - Ölquellen sowie große, fruchtbare Felder. Die Gegend ist die Kornkammer des Bürgerkriegslandes. Wer die Region kontrolliert, hat etwas zu sagen in den Verhandlungen über die Zukunft Syriens.

Doch US-Präsident Donald Trump will die US-Soldaten nun komplett aus diesem Gebiet abziehen, nachdem er ihre Zahl vor knapp einem Jahr bereits auf tausend halbiert hatte. Ohne diese Hilfe werden die SDF kaum noch das gesamte Gebiet halten können.

Vor allem verhinderte die Präsenz der US-Special Forces im syrisch-türkischen Grenzgebiet bisher einen Einmarsch des amerikanischen Nato-Partners östlich des Euphrats. Dieser scheint nur noch eine Frage der Zeit. Es droht ein neuer Wettlauf um Syriens Nordosten.

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Tatsächlich hat dieser schon begonnen. Nachdem die SDF ihre Kämpfer verstärkt an die syrisch-türkische Grenze hatten verlegen müssen, kam es in Rakka an der südlichen Grenze des von ihnen kontrollierten Gebietes bereits zu Gefechten.

Die Interessen der wichtigsten Akteure im Überblick:


Die Terrormiliz IS hat in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch bei Rakka einen Posten der SDF angegriffen. Also ausgerechnet in jener Stadt, die einst die "Hauptstadt" des IS gewesen ist, ehe sie die SDF-Kämpfer 2017 unter hohem Blutzoll und mit Luftunterstützung der US-geführten Anti-IS-Allianz zurückerobern konnten.

Die Dschihadisten dürften einer der großen Gewinner des US-Abzugs werden. Denn der IS wurde zwar massiv zurückgedrängt von den SDF und seinen internationalen Verbündeten. Doch diese Allianz droht nun zunehmend zu zerfallen - auch die SDF selbst könnten sich aufspalten in ihren harten Kern aus Guerillakämpfern mit engen Verbindungen zur kurdischen Arbeiterpartei PKK und anderen arabischen Milizen.

Der IS ist nach wie vor die reichste Terrororganisation der Welt mit einem Vermögen von geschätzt rund 300 Millionen Dollar. Allein in Syrien sollen Tausende Kämpfer im Untergrund lauern.


Der Einmarsch der türkischen Truppen ist am Mittwochmittag erfolgt. Präsident Recep Tayyip Erdogan verfolgt gleich drei Ziele:

Lange hatten ihn Moskau, Teheran und Damaskus überhaupt nicht ernst genommen. Doch seit er zunehmend Teile Syriens besetzt, muss auch er in Verhandlungen miteinbezogen werden.


Für Syriens Baschar al-Assad und seine Verbündeten, Russland und Iran, ist der Abzug der USA eine Chance. Denn nun haben die SDF-Einheiten kaum eine andere Wahl, als mit ihnen Verhandlungen aufzunehmen. Assad weigert sich, den SDF regionale Autonomie zuzugestehen - ihre wichtigste Forderung.

Denkbar ist, dass sich nicht Damaskus, sondern Moskau den SDF als neue Schutzmacht anbietet. Ein solcher Schritt würde es den Kremlstrategen ermöglichen, sich als verlässlicher Partner zu präsentieren. Tatsächlich forderte Russlands Außenminister Sergej Lawrow bereits am Mittwoch Verhandlungen zwischen Assad und den SDF über Syriens Nordosten.

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Russlands Außenminister Sergej Lawrow fordert Verhandlungen zwischen dem Assad-Regime und den SDK-Kräften

Russland dürfte sich nun als neutraler Makler präsentieren, der den SDF zusichert, gegenüber dem syrischen Regime eine gewisse Autonomie zu behalten, wenn sie auf die Seite von Assad und seinen Verbündeten wechseln. Und damit auf ihre.


Das Nachsehen in diesem internationalen Geschacher hat zunächst Israel. Dort wächst die Sorge, dass Assad und seine Verbündeten mittelfristig den Nordosten Syriens wieder unter ihre Kontrolle bekommen könnten. Durch diesen verlaufen Schnellstraßen, die Syrien mit dem Irak und Iran verbinden. Dieser Landkorridor ist für Iran und dessen geostrategisches Großprojekt eines "Schiitischen Halbmonds" von herausragender Bedeutung.

Iran könnte so leichter seine Stellungen in Syrien ausbauen und seine Verbündeten im Libanon, die schiitische Hisbollah-Miliz, aufrüsten. Sowohl Syrien als auch der Libanon grenzen an Israel. Der Schattenkrieg zwischen den beiden Erzfeinden Iran und Israel könnte so weiter an Fahrt aufnehmen.

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Irans geostrategisches Großprojekt: der "Schiitische Halbmond"

"Die Lektion, die Israel daraus zieht, ist simpel", schrieb Naftali Bennet, der bis vergangenes Jahr dem israelischen Sicherheitskabinett angehörte, auf Twitter. "Der jüdische Staat wird sein Schicksal niemals in die Hände anderer legen, die USA, unseren großen Freund, eingeschlossen."

Offen ist noch, wie Trump mit dem US-Stützpunkt al-Tanf verfahren will, der außerhalb der SDF-kontrollierten Gebiete im Südosten Syriens liegt - entlang einer weiteren Schnellstraße, die Iran über den Irak mit Syrien verbindet. Wenn Trump auch diese potenzielle Landbrücke aufgibt, dürfte Israel besonders alarmiert sein. (Lesen Sie hier mehr zu den Hintergründen)


Grund zur Sorge haben vor allem die EU-Staaten: Frankreich und Großbritannien waren bisher mit kleinen Spezialeinheiten im Nordosten Syriens unterwegs, um den Kampf gegen den IS zu unterstützen. Doch ohne US-Hilfe dürften sie ihren Einsatz kaum aufrechterhalten können.

Die Vereinigten Staaten hatten vergeblich eine größere militärische Beteiligung der Europäer gefordert, allerdings bauten diese ihr ziviles Engagement aus. Deutschland etwa hat jegliche Bodentruppenunterstützung in Syrien abgelehnt, ist aber einer der wichtigsten Geldgeber für den Nordosten Syriens.

Was nun aus den vom Westen finanzierten Projekten - Minenräumung, Schulung von Polizeikräften, Wiederherstellung von Strom- und Wasserversorgung - wird, ist unklar.


Die größten Verlierer sind die nach Schätzungen von Hilfsorganisationen die über eine Million syrische Zivilisten, die im Nordosten des Landes leben. Wie viele es genau sind, ist unbekannt - erst dieses Jahr waren Zehntausende wieder nach Rakka und Deir al-Sor zurückgekehrt. Die Zahl der dort lebenden Binnenflüchtlinge wird auf mehrere Hunderttausend geschätzt.

Wenn die Kämpfe in dieser Region nun erneut aufflammen, werden diese sich erneut auf die Flucht begeben müssen. Wie viele Zivilisten im Nordosten bereits dem Krieg zum Opfer gefallen sind, ist ebenfalls unklar. Allein in der Stadt Rakka sollen während der schlimmsten Gefechte 2017 in nur fünf Monaten mindestens 1600 Zivilisten getötet worden sein.

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