Politik

Nordsyrien

So ziehen sich die US-Soldaten zurück - und diese Gefahren gibt es

Donald Trump hat die US-Spezialkräfte aus Nordsyrien abkommandiert. Der Abzug ist eine logistische Herausforderung - und die Truppen könnten zur Zielscheibe für Extremisten werden.

Zoe Garbarino/ U.S. Army/ REUTERS

US-Soldaten in Manbidsch (Archiv): Den Feind nicht länger im Blick

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Mittwoch, 16.10.2019   14:36 Uhr

Kaum mehr als 48 Stunden war es her, dass Donald Trump den Abzug der US-Truppen aus Nordsyrien offiziell befohlen hatte, da tauchten am Dienstag in den sozialen Medien Videos von Oleg Blochin auf. Der russische Journalist hatte in der Vergangenheit die Söldner der russischen Wagner-Gruppe ebenso in dem Bürgerkriegsland begleitet wie Soldaten des syrischen Diktators Baschar al-Assad.

"Guten Tag an alle aus Manbidsch", sagt Blochin in einem der Videos. "Ich befinde mich auf einer amerikanischen Basis, auf der sie gestern Morgen noch waren. Und heute Morgen sind wir schon hier." Anschließend schaut er sich offenbar auf der verlassenen US-Basis in Nordsyrien um.

Fast zeitgleich kommt die Bestätigung aus Bagdad: "Wir sind raus aus Manbidsch", twittert Myles B. Caggins, Sprecher der US-geführten Koalition gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS).

In den USA wird Trump für seine Entscheidung heftig kritisiert: Die Vereinigten Staaten, so der Vorwurf, hinterließen einen Lücke, die nun Russland und seine Verbündeten füllten. Doch was bedeutet die Entscheidung für die insgesamt rund tausend Soldaten vor Ort? Und welche Gefahren birgt der Rückzug? Antworten auf die wichtigsten Fragen.


Wo waren die US-Truppen vor der türkische Offensive im Einsatz?

Die US-Soldaten, größtenteils Spezialkräfte, operierten verteilt auf etwa ein Dutzend Basen und Außenposten im Nordosten Syriens. Sie lebten größtenteils an der Seite ihrer kurdischen Verbündeten.

Rund 500 Soldaten waren einem Hauptquartier West zugeteilt. Dieses übersah ein halbes Dutzend kleinerer Außenposten im Gebiet um Manbidsch und Rakka. Das Hauptquartier Ost lag in der Nähe der irakischen Grenze. Dort waren ebenfalls etwa 500 Soldaten im Einsatz. Aufgrund häufiger Truppenbewegungen zwischen Irak und Syrien schwankte ihre Zahl jedoch.


Wie reagierten die Soldaten auf die Entscheidung des Präsidenten?

Mit seiner Entscheidung für einen plötzlichen Rückzug traf Trump sowohl das Pentagon als auch die Truppen in Nordsyrien unvorbereitet. Einige von ihnen äußerten anonym Kritik am Truppenabzug.

"Sie haben uns vertraut und wir haben dieses Vertrauen gebrochen", zitierte die "New York Times" einen US-Offizier, der an der Seite der Kurden in Nordsyrien kämpfte. Er sprach von einem "Flecken auf dem amerikanischen Gewissen". Er schäme sich, sagte ein anderer Soldat der Zeitung. (Mehr dazu lesen Sie hier.)


Wie vollzieht sich der Abzug?

Die US-Soldaten werden laut "New York Times" zunächst diejenigen Posten verlassen, die am nächsten an den heranrückenden ausländischen Truppen liegen. Bei Letzteren handelt es sich um die türkische Armee, mit ihr verbündete Milizen sowie russische Kräfte und Assads Soldaten.

Die Hauptquartiere Ost und West werden demnach den Rückzug wahrscheinlich unabhängig voneinander antreten. Im Westen soll dies über einen Flugplatz in Kobane geschehen, voraussichtlich mit Transportflugzeugen. Im Osten sollen die US-Truppen - hauptsächlich in Konvois, teils in Hubschraubern - die Grenze zu Irak überqueren.


Bleiben US-Truppen in Syrien?

Eine kleinere Truppe bleibt in al-Tanf stationiert, einer kleinen Garnison im Süden Syriens unweit der Grenze zu Jordanien und dem Irak. Das teilte Trump am Sonntag mit. Laut "New York Times" soll es sich dabei um etwa 150 Soldaten handeln. Der Großteil der Soldaten, die Syrien verlassen, wird demnach wohl in den Irak oder nach Jordanien verlegt; einige könnten in die USA zurückkehren.

In der Mitteilung des Präsidenten heißt es dazu lediglich, die Soldaten, die Syrien verließen, würden "in der Region" bleiben und die Lage weiter beobachten. Ihre Mission ist demnach: eine Wiederholung der Ereignisse des Jahres 2014 verhindern, "als die vernachlässigte Bedrohung von ISIS quer durch Syrien und Irak wütete".


Wie gefährlich ist der Rückzug?

Für die amerikanischen Soldaten ist der Rückzug mit erheblichen Gefahren verbunden. Sowohl Militärkonvois als auch Hubschrauber und Transportflugzeuge könnten zur Zielscheibe verschiedener bewaffneter Gruppen werden:

Die Risiken, die mit dem ruckartigen Rückzug einhergehen, zwingen die USA zu einem weitreichenden Schritt: Sie werden zunächst weitere Truppen nach Syrien schicken müssen. "Wir verlegen zusätzliche Kräfte in die Region, um - soweit notwendig - beim Schutz der Truppe zu helfen", sagte jüngst Verteidigungsminister Mark Esper. Die Kurden unterstützten einst den Betrieb der US-Basen. Doch seit Beginn der türkischen Offensive sind die einstigen Verbündeten im Verteidigungskampf gebunden.

insgesamt 52 Beiträge
Beat Adler 16.10.2019
1. Trump brach ein Tabu der US Streitkraefte: Im Stich lassen von Waffenb
Trump brach ein Tabu der US Streitkraefte: Im Stich lassen von Waffenbruedern. Von zu Unterst dem GI bis zu Oberst dem Generalstab wird Trump dafuer von seinen Soldaten kritisiert! Der letzte Strohalm, der dem Kamel den [...]
Trump brach ein Tabu der US Streitkraefte: Im Stich lassen von Waffenbruedern. Von zu Unterst dem GI bis zu Oberst dem Generalstab wird Trump dafuer von seinen Soldaten kritisiert! Der letzte Strohalm, der dem Kamel den Ruecken bricht, Trump aus dem Amt entfernt. Nach Trumps Ausfaellen gegen das FBI und den CIA, er vertraue dem Putin mehr(!), nun die Streitkraefte! Oder mit den Worten Trumps: The deep state hates me..... Mit den US Soldaten im Nordosten Syriens sind noch 250 bis 400 franzoesische Spezialisten dort. Auch sie koennen ohne die USA nicht bleiben. mfG Beat
sven2016 16.10.2019
2. Um es so auszudrücken,
wie man es in einigen US-Zeitungen liest: Die amerikanischen Truppen fliehen vor den türkischen Truppen und den russischen Söldnern. Und hoffen, dass sie heil heraus kommen. Dear Kurdish Allies: Our thoughts and prayers [...]
wie man es in einigen US-Zeitungen liest: Die amerikanischen Truppen fliehen vor den türkischen Truppen und den russischen Söldnern. Und hoffen, dass sie heil heraus kommen. Dear Kurdish Allies: Our thoughts and prayers ....
Emderfriese 16.10.2019
3. Fremd im eigenen Land?
"...Die US-Soldaten werden laut 'New York Times' zunächst diejenigen Posten verlassen, die am nächsten an den heranrückenden ausländischen Truppen liegen. Bei Letzteren handelt es sich um die türkische Armee, mit ihr [...]
"...Die US-Soldaten werden laut 'New York Times' zunächst diejenigen Posten verlassen, die am nächsten an den heranrückenden ausländischen Truppen liegen. Bei Letzteren handelt es sich um die türkische Armee, mit ihr verbündete Milizen sowie russische Kräfte und Assads Soldaten..." Sicher, dass die türkischen Soldaten "ausländische" Truppen sind, bei den verbündeten Milizen und Russen kann man es so sehen - aber die "Assads Soldaten"? Was man auch von Assad hält, "seine" Soldaten sind immer noch Syrer und stehen damit im eigenen Land. Das sollte nicht vergessen werden!
HerrPeterlein 16.10.2019
4. Ein Fehler zu viel
Die USA und Trump haben hier den einen Fehler zu viel gemacht. Leute wie Trump dulden keinen Widerspruch, also sind sie nur mit Ja-Sagern umgeben den fast immer die komplette Kompetenz fehlt. Auf Jahre hinaus sind die USA als [...]
Die USA und Trump haben hier den einen Fehler zu viel gemacht. Leute wie Trump dulden keinen Widerspruch, also sind sie nur mit Ja-Sagern umgeben den fast immer die komplette Kompetenz fehlt. Auf Jahre hinaus sind die USA als Partner verbrannt. Noch schlimmer ist, ihr Militär und Macht wirkt zum ersten Mal schwächer als das der Russen. Die haben vor Ort praktisch das Sagen und keiner traut sich mehr diese anzugreifen. Ob die Amerikaner stark genug sind, wenn ihre Truppen angegriffen werden? Die müssen jetzt erstmal aufwändig zurück gezogen werden. Gleichzeitig hat Trump praktisch keine Verbündeten mehr, Bibi kämpft in Israel um den letzten Strohhalm um nicht angeklagt zu werden. Saudi-Arabien verliert den Krieg gegen den Jemen, jetzt wird endgültig keiner mehr vor Ort als fremde Macht für die und die USA kämpfen. Durch das Dauergepolter verpuffen auch seine Drohungen, jeder weiß dass diese keinen Wert mehr haben. In der Summe halte ich diesen Fehler für das Ende der USA als Supermacht und Trump als Präsident hat es verursacht.
Fuscipes 16.10.2019
5.
Der Abzug ist eine logistische Herausforderung , nicht doch, eine logistische Meisterleistung. Das hätte man vielleicht auch unblutiger erlegigen können, war der Informationsfluß in der NATO schon zuvor zusammengebrochen. Und [...]
Der Abzug ist eine logistische Herausforderung , nicht doch, eine logistische Meisterleistung. Das hätte man vielleicht auch unblutiger erlegigen können, war der Informationsfluß in der NATO schon zuvor zusammengebrochen. Und fast konnte man sich auf einen Waffenexportstopp einigen, "das bedeute aber nicht, dass es keinerlei Exporte mehr gebe, da bereits genehmigte Lieferungen nicht aufgehalten werden könnten, ohne hohe Schadenersatzforderungen zu riskieren." Das ist die Standartbegründung einer Regierung, die von allen guten Geistern verlassen zu scheint, unserer. Rüstungsexportstopp heißt es wird nichts mehr geliefert, und sucht nicht händeringend nach einer x-beliebigen Ausrede, man riskiert also lieber Menschenleben? Auch der Jordanienausflug könnte jetzt ein Ende haben.

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