Politik

Thüringen

Bürgermeister druckt Nazi-Anzeige im Amtsblatt ab

Im Amtsblatt von Hildburghausen steht unkommentiert eine historische Nazi-Anzeige, die ein Bombardement der Alliierten als "Terrorangriff" schmäht. Die Region hat mit Rechtsextremen schon länger Probleme.

Twitter/ Katharina König-Preuss

Umstrittener Abdruck im Amtsblatt der Stadt Hildburghausen

Sonntag, 24.02.2019   15:29 Uhr

Die Stadt Hildburghausen in Thüringen ist wegen der Veröffentlichung einer historischen Nazi-Anzeige in die Kritik geraten. Der Abdruck kündigt eine Trauerfeier für die Opfer eines alliierten Luftangriffs vom 23. Februar 1945 auf die Stadt an. Im Ablaufplan ist von einem "Terrorangriff" die Rede. Einer der Programmpunkte lautet "ein Wort des Führers".

Über der Anzeige, die im amtlichen Teil des "Hildburghäuser Stadtanzeigers" erschienen ist, erinnert der Bürgermeister, Holger Obst (CDU), in einem kurzen Text an die Luftangriffe. Die NS-Anzeige bleibt unkommentiert. Neben der Anzeige sind zwei Fotos der Trauerfeier vom 2. März 1945 zu sehen, ebenfalls ohne Kommentar.

Die Region um Hildburghausen hat wegen Rechtsextremismus schon öfter für Schlagzeilen gesorgt. Im gleichnamigen Landkreis befindet sich unter anderem der Ort Kloser Veßra. Dort ist der Neonazi Tommy Frenck äußerst aktiv, betreibt ein Gasthaus und wollte sich kürzlich mit einer weiteren Immobilie vergrößern.

In Themar, ebenfalls im Landkreis Hildburghausen, fand 2017 eines der europaweit wohl größten Neonazi-Konzerte mit mehr als 6000 Rechtsextremen statt, organisiert unter anderem von Frenck.

"Eines Demokraten unwürdig"

Der Abdruck der historischen Nazi-Anzeige hat entsprechend wütende Reaktionen provoziert. "Nazi-Propaganda unkommentiert abzudrucken, ist eines Demokraten unwürdig", sagte die stellvertretende Vorsitzende der Landes-SPD, Diana Lehmann, dem Portal Insüdthüringen.de.

Der Linke-Landtagsabgeordnete Steffen Harzer forderte Obst zum Rücktritt auf. "Die kommentarlose Wiedergabe von NS-Propaganda und Hitlerverehrung in einem Amtsblatt grenzt meiner Meinung nach an die strafbare Verherrlichung des Nationalsozialismus", schreibt Harzer auf Twitter. Dies zeige, dass Obst "ungeeignet für das Amt des Bürgermeisters" sei.

Obst selbst bezeichnete den Abdruck als Versehen. "Das im Amtsblatt gezeigte Originalmaterial stammt aus dem städtischen Museum", sagte er SPIEGEL ONLINE. "Wir hätten es ohne Frage in dem Beitrag entsprechend kennzeichnen müssen. Das war schlicht ein Fehler, für den wir uns entschuldigen. Es kommt sicher nicht wieder vor. Keiner der beteiligten Mitarbeiter hat in irgendeiner Form eine rechte Gesinnung."

Die CDU Thüringen stellte sich hinter den Bürgermeister. "Es ist richtig und notwendig, dass Obst diesen schweren Fehler unumwunden einräumt und eine Wiederholung ausschließen will", schrieb der Landesverband auf Twitter. "Die Veröffentlichung derartiger Quellen ohne klare und kritische Einordnung verbietet sich von selbst."

ssu/mho

insgesamt 110 Beiträge
Trollflüsterer 24.02.2019
1.
Vielleicht definieren manche in Thüringen ein solche Aktion des Abdrucken im Amtsblatt durch den Bürgermeister schlicht als Heimatschutz.
Vielleicht definieren manche in Thüringen ein solche Aktion des Abdrucken im Amtsblatt durch den Bürgermeister schlicht als Heimatschutz.
marlang 24.02.2019
2. CDU und Ostdeutschland
Mit CDU und Ostdeutschland ist eigentlich schon alles gesagt. Vielleicht vergleichbar mit CSU und Bayern.
Mit CDU und Ostdeutschland ist eigentlich schon alles gesagt. Vielleicht vergleichbar mit CSU und Bayern.
pirx64 24.02.2019
3.
Bestimmt kommt noch "Maus verrutscht" oder "Praktikant", kennt man doch
Bestimmt kommt noch "Maus verrutscht" oder "Praktikant", kennt man doch
valensine 24.02.2019
4. Keine Grenzen mehr
Tagtäglich werden immer mehr Grenzen überschritten, keiner tut wirklich etwas dagegen. Rassismus in Deutschland gab es zwar schon immer, auch rechte Gewalttaten und rechtsextreme Morde. Schlimm genug. Aber wenn der rechte Jargon [...]
Tagtäglich werden immer mehr Grenzen überschritten, keiner tut wirklich etwas dagegen. Rassismus in Deutschland gab es zwar schon immer, auch rechte Gewalttaten und rechtsextreme Morde. Schlimm genug. Aber wenn der rechte Jargon zur Normalität wird, werden die Folgen noch schlimmer sein.
fortelkas 24.02.2019
5. Bertolt Brecht
....hat es schon früh hellsichtig formuliert:"Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch." Erwin Fortelka
....hat es schon früh hellsichtig formuliert:"Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch." Erwin Fortelka
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