Politik

TV-Debatte der US-Demokraten

Eine Partei kämpft gegen sich selbst

Eigentlich heißt ihr Hauptgegner Donald Trump. Doch bei der TV-Debatte von zehn demokratischen Kandidaten für das Präsidentenamt zeigten sich vor allem die Bruchlinien innerhalb der Partei.

Foto: Lucas Jackson/ REUTERS
Von und , Washington und Detroit
Mittwoch, 31.07.2019   09:32 Uhr

Marianne Williamson hat die besten Fans. Sie sind lauter als die anderen - und mehr. Dutzende hüpfen vor dem Fox Theatre in Detroit auf und ab, um die Autorin anzuspornen. Sie tragen Plakate mit ihrem Namen und skandieren: "Ma-ri-anne!"

Williamson, die über Spiritualität schreibt, hat keine Chancen auf die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten. Trotzdem steht sie drinnen mit zehn Rivalen auf der Bühne und kämpft darum, gegen Donald Trump antreten zu dürfen. Sie kämpft laut, leidenschaftlich - und sicher letztmals in diesem Rahmen.

Auch diese zweite Vorwahldebatte müssen die Demokraten über zwei Tage strecken, so viele Aspiranten gibt es: je zehn pro Abend, über die Reihenfolge entschied das Los. Danach wird kaum mehr die Hälfte übrig bleiben. Denn die Auslese ist hart, und nur die besten dürfen zur nächsten Debatte im September.

Rebecca Cook/ REUTERS

Die zehn Hauptpersonen des Abends: Wer konnte punkten, wer nicht?

So ist es kein Wunder, dass der erste Durchgang zum offenen Schlagabtausch wurde, auch wenn die Kontraste oft künstlich überhöht waren - schließlich haben alle ein gemeinsames Ziel, nämlich die Abwahl Trumps. Doch wer sich jetzt nicht absetzt oder zumindest bemerkbar macht, ist schnell weg vom Fenster.

Klare Konflikte zwischen den Lagern

Offen wie selten trat bei dieser Debatte die Spaltung der Partei zutage. Die Lieblinge vieler Linker, Elizabeth Warren und Bernie Sanders, sahen sich scharfer Kritik von einer Reihe Vertreter des moderaten Flügels ausgesetzt. So warf ihnen Montanas Gouverneur Steve Bullock vor, mit einer unrealistischen Wunschliste anzutreten: Die großen Pläne der Linken im Bereich der Gesundheits- oder Bildungspolitik seien schlicht nicht finanzierbar. Viele Menschen könnten nicht auf eine "Revolution" warten, sie bräuchten jetzt konkrete Antworten auf ihre Probleme. Zugleich lehnte er die Idee ab, allen Flüchtlingen an der Grenze eine kostenlose Gesundheitsversorgung zuzusagen.

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Fotostrecke: Kandidaten der US-Demokraten - wer sie sind und was sie wollen

Ähnlich argumentierte der Ex-Kongressabgeordnete John Delaney. Er warf Warren und Sanders vor, sie würden mit ihren "Märchen"-Versprechungen Wähler der Mitte abschrecken. "So stellen wir nur sicher, dass Donald Trump wiedergewählt wird", warnte er - eine Befürchtung, die viele Demokraten teilen.

Warren und Sanders hielten dagegen: Immer wieder beschuldigten sie die Kritiker aus der eigenen Partei mehr oder weniger direkt, praktisch die gleiche Politik zu verfolgen wie Trump und die Republikaner. "Wir haben eine Regierung, die auf der Seite der Reichen und Mächtigen ist", rief Warren. "Wir schlagen sie nur, wenn wir die Partei der großen, grundsätzlichen Veränderung sind. Wir wollen echten Wandel."

Wer konnte punkten?

Bernie Sanders und Elizabeth Warren: Die Favoriten konnten ihre Positionen verteidigen. Mit klaren Worten brachten sie ihre Botschaften einmal mehr unters Wahlvolk: Er wolle den "Rassisten, Sexisten und Fremdenfeind Donald Trump" aus dem Weißen Haus vertreiben, rief Sanders mit bebender Stimme. Warren stellte klar, es gehe ihr darum, das Land gerechter zu machen, damit nicht nur eine kleine, reiche Elite profitiere. Mit "kleinen Ideen" und ohne "Rückgrat" könne man nicht gewinnen.

Steve Bullock: Auch der schlug sich überraschend gut. Bullock ist neu im Rennen und wirbt für sich mit seinem Erfolg als Gouverneur in Montana: Obwohl Trump den Staat bei der Wahl 2016 gewonnen habe, sei er, Bullock, dort als Demokrat gewählt worden. Seine Botschaft: Mit seiner moderaten, pragmatischen Linie könne er Trump auch auf nationaler Ebene schlagen - er sei auch für Republikaner "wählbar". Ob Bullocks kurzer Auftritt in Detroit allerdings ausreicht, um im Rennen zu bleiben, ist ungewiss: Das werden erst die nächsten Umfragen in einigen Tagen zeigen.

Wer sind die Verlierer?

Beto O'Rourke: Der einst gehypte Hoffnungsträger aus Texas verkümmerte schon bei der ersten Debatte in Miami und verglühte nun vollends. Er kam kaum zu Wort, und wenn, dann sagte er nichts, was hängen blieb, selbst nicht zu seinen Topthemen - Einwanderung und Klimakrise. Sein Umfragedurchschnitt vor Detroit lag bei knapp zwei Prozent, geholfen hat er sich nicht.

John Delaney: Der Ex-Abgeordnete versuchte sich mit Attacken gegen Warren hervorzuheben. Doch die servierte ihn - und die anderen, die ihre progressiven Pläne kritisierten - mit einem einzigen Satz ab: Wieso kandidierten sie überhaupt, wenn sie nur darüber reden wollten, "was wir nicht tun können und wofür wir nicht kämpfen sollten"? Dafür erntete sie den größten Jubel.

Die meisten anderen No-Names: Die nächste TV-Debatte hat strengere Bedingungen - die Kandidaten müssen mindestens zwei Prozent in vier Umfragen erreichen und 130.000 Spender in 20 Bundesstaaten vorweisen. Die, die diese Messlatten bisher verpassten, dürften sie auch nach der Detroit-Show nicht bezwingen.

Wie geht es weiter?

Ein noch spannenderer Kampf wird für diesen Mittwochabend erwartet. Da geht es für Joe Biden, den bisher führenden Kandidaten, um viel. Bei der letzten Debatte hatte ihm die schwarze Senatorin Kamala Harris seine Vergangenheit vorgehalten, vor allem seine vermeintliche Nähe zu damaligen Rassisten. Der Ex-Vizepräsident schien überrumpelt, verteidigte sich kaum und wirkte auch sonst schwach, während Harris sich damit souverän ins Bewusstsein der Amerikaner argumentierte.

Diesmal wird Biden direkt neben Harris auf der Bühne stehen, auf der anderen Seite flankiert vom ebenfalls schwarzen Senator Cory Booker. Wird sich die Auseinandersetzung wiederholen? Wird Booker einsteigen? Biden soll sich gut vorbereitet haben.

insgesamt 113 Beiträge
RalfHenrichs 31.07.2019
1. Natürlich kämpft die Partei gegen sich selbst
Das ist systembedingt. Vor vier Jahren war dies bei den Republikanern so und Hillary konnte sich bei den Vorwahlen zurücklehnen. Das Ergebnis ist bekannt. Insofern: die Dems kämpfen in den Vorwahlen gegen sich selbst und am Ende [...]
Das ist systembedingt. Vor vier Jahren war dies bei den Republikanern so und Hillary konnte sich bei den Vorwahlen zurücklehnen. Das Ergebnis ist bekannt. Insofern: die Dems kämpfen in den Vorwahlen gegen sich selbst und am Ende gibt es einen Sieger, der gegen Trump antritt. Wichtig ist dann, dass die Dems zusammenhalten. Das halte ich für wahrscheinlich, denn egal, wer gewinnen wird, alle Demokraten werden lieber ihn als Trump im Weißen Haus sehen. Dennoch bin ich mir sicher, dass Trump gewinnen wird, aber das hat dann andere Gründe.
fjt1967 31.07.2019
2. Schade, so gewinnt man nicht gegen einen Donald Trump
leider ist auch hier das Problem, dass ein Donald Trump nicht deshalb die nächste Wahl gewinnen wir, weil er einen solch guten Job macht, sondern weil der Gegner einfach zu schwach ist oder sich selbst zerlegt. Dies ist besonders [...]
leider ist auch hier das Problem, dass ein Donald Trump nicht deshalb die nächste Wahl gewinnen wir, weil er einen solch guten Job macht, sondern weil der Gegner einfach zu schwach ist oder sich selbst zerlegt. Dies ist besonders in UK, in Russland, in der Türkei, in Italien, in Ungarn, einfach überall so und damit auch eine Gefahr für unsere Demokratien. Darüber scheinen sich viele gar nicht bewusst zu sein.
mirkoklaus 31.07.2019
3. Das ist ein demokratischer Auswahlprozess
... mit dem Nachteil, dass dieser Trump und den Republikanern bereits jetzt die Munition für den Präsidentsschafts Wahlkampf liefert. Das ist zwar bitter - wenn man für die Abwahl dieses Präsidenten ist- aber trotzdem der [...]
... mit dem Nachteil, dass dieser Trump und den Republikanern bereits jetzt die Munition für den Präsidentsschafts Wahlkampf liefert. Das ist zwar bitter - wenn man für die Abwahl dieses Präsidenten ist- aber trotzdem der richtige Weg den eigenen Kandidaten zu küren. Denn der sollte das beste Progrann haben, nicht nur die Abwahl sicherstellen.
ackermart 31.07.2019
4. Das liberale Selbstverständnis ...
der Demokratie als solcher, im Sinne freier Auswahl aus deren POLIT-Spektrum auch noch im quasi POL - IT - als deutsch verstanden - ES - von sich gegenseitig umpolenden Ansichten, befindet sich in der Krise schlechthin des [...]
der Demokratie als solcher, im Sinne freier Auswahl aus deren POLIT-Spektrum auch noch im quasi POL - IT - als deutsch verstanden - ES - von sich gegenseitig umpolenden Ansichten, befindet sich in der Krise schlechthin des terminologisch widersprüchlichen Verständnisse von LIBERAL mal im NEO als schlecht und andermal im '(r)echten' Verständnis als links. Mag sein, dass dies besonders in den USA zutage tritt, seit man den Gegensatz dort der Partei von Demokraten und der der Anderen nun deutlich europäischer versteht, letztere also im Sinne von "Antidemokraten". In selbiger Krise schrumpfte indes auch das plurale Verständnis der Demokratie in Europa nun auf eine quasi Zweiparteien-Konstellation, wie sie weiland Bert Brecht schon karikierte, als er seine "Rund- und Spitzköpfe" kreierte. Denn letztlich haben wohl nur die "Spitzköpfe" damit dann so ihr Problem, ihre Spitzen unter sich selbst noch auswählen zu können.
dendro 31.07.2019
5. Bloß keine Tattergreise
Die Demokraten wären wohl besser beraten, nicht auf Polit-Rentner zu setzen. Sanders hat durch seinen ausgeprägten Altersstarrsinn und Egotrip seinerzeit indirekte mit daran gewirkt, dass Baby Donald Präsident wurde, anstatt [...]
Die Demokraten wären wohl besser beraten, nicht auf Polit-Rentner zu setzen. Sanders hat durch seinen ausgeprägten Altersstarrsinn und Egotrip seinerzeit indirekte mit daran gewirkt, dass Baby Donald Präsident wurde, anstatt rechtzeitig Clinton zu unterstützen.
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