Politik

Nach Präsidentenschelte

Ukrainische Behörden schikanieren TV-Moderator

"Wie Stalin, aber mit Offshore-Firmen": Polit-Talker Sawik Schuster attackierte den ukrainischen Präsidenten Poroschenko scharf. Nun droht ihm der Entzug der Arbeitserlaubnis.

AP

Talkmaster Sawik Schuster

Von , Moskau
Samstag, 30.04.2016   12:55 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Als der Star-Moderator Sawik Schuster in dieser Woche auf Sendung ging, war vieles wie immer: In den Studiosesseln nahm Politprominenz Platz, aus den Reihen des Publikums heizten Zuschauer und Experten die Debatte mit scharfen Einwürfen an. So funktioniert "Schuster Live", seit einem Jahrzehnt die einflussreichste politische Talkshow im ukrainischen Fernsehen.

Eins aber war in dieser Woche anders: Schuster war nicht nur Moderator, sondern auch Thema seiner Sendung. Er nutzte die Studiobühne für eine Offensive in eigener Sache, denn gerade hatten ihm die Behörden die Arbeitserlaubnis entzogen, Steuerfahnder Ermittlungen aufgenommen. Schuster habe viel im Ausland auf seinem Diensthandy telefoniert, die Roaming-Gebühren aber nicht als geldwerten Vorteil versteuert, seine Produktionsfirma habe Recycling-Gebühren für Studiolampen nicht gezahlt. Manche der Vorwürfe wirken an den Haaren herbeigezogen. Schuster dagegen spricht von einem Komplott. Die Staatsmacht wolle ihn mundtot machen, Präsident Petro Poroschenko stehe hinter der Kampagne.

Poroschenko war in Schusters letzten Sendungen schlecht weggekommen, weil er sich nicht wie versprochen von seinem Firmen-Imperium trennen mag, Reformen verschleppt und auf zweifelhafte Seilschaften setzt. "Wir wollten, dass er uns nach Europa führt, er aber bringt uns nach Asien", sagt Schuster. Poroschenko pflege ein Politikverständnis "wie Stalin, aber mit Offshore-Firmen" - ein Seitenhieb auf Poroschenkos in den Panama-Papieren enthüllte Briefkastenfirmen.

Vor laufender Kamera trat Schuster in einen Hungerstreik, der dauern sollte, bis er wieder legal in der Ukraine arbeiten dürfe.

Erstaunlicher Pluralismus in Politik und Medien

Für Poroschenko ist der Fall brisant. Nach zwei Jahren im Amt ist seine Bilanz schlecht. Die Zahl der Kritiker wächst, einige Reformer haben ihm den Rücken gekehrt. Alte und neue Gegner Poroschenkos ergriffen auch bei Schusters Verteidigungssendung im Studio das Wort: David Sakrawelidse, abgesägter stellvertretender Generalstaatsanwalt, Witalij Naliwaitschenko, geschasster Chef des Geheimdienstes, vor allem aber Sergej Wlasenko, Anwalt und rechte Hand von Julija Tymoschenko, die im Februar die Koalition mit Poroschenko verlassen hat.

Der Journalist Schuster hat auch weit über die Grenzen der Ukraine hinaus den Ruf einer Ikone der Pressefreiheit. Der Moderator wurde im Jahr 2004 aus dem russischen TV-Sender NTW gedrängt, der Kanal gehört Gazprom. In der Ukraine wurde "Schuster Live" schnell Publikumsmagnet und Pflichtprogramm für jeden Politiker und politischen Journalisten. Die Sendung hat ähnlich großen Einfluss wie die deutschen Sonntagabend-Talks bei Anne Will.

Nur geht es viel handfester zu Sache. Wer im Internet nach "Schlägerei bei Schuster Live" sucht, stößt auf Dutzende Aufnahmen von Politikern, die sich gegenseitig an die Gurgel gehen.

Die Auseinandersetzung um Schuster ist auch ein Spiegel der Zustände in der heutigen Ukraine. Das Ringen um Macht und Einfluss hat - anders als im Nachbarland Russland - zu einem erstaunlichen Pluralismus in Politik und Medien geführt. Im Parlament beharken sich acht Fraktionen, dazu kommen 43 Abgeordnete ohne Fraktion. Zeitungen und TV-Sender berichten erfrischend kontrovers und oft unabhängig.

Der öffentliche Druck zeigt Wirkung

Doch halten sich seit Jahren hartnäckige Gerüchte gegen Schuster: Er habe Plätze in seinen Sendungen an Politiker und Parteien verkauft, heißt es. So waren Julija Tymoschenko und Vertreter ihrer Vaterlandspartei in früheren Jahren Dauergäste. 2013 dann tauchte plötzliche der bis dahin weitgehend unbekannte Nationalist Oleg Ljaschko oft bei Schuster auf. Inzwischen sitzt Ljaschkos "Radikale Partei" in Fraktionsstärke im Parlament.

Schuster hat Kiew mit seinem Hungerstreik und der letzten Sendung in Aufruhr versetzt. Und der öffentliche Druck zeigt offenbar Wirkung: Die Behörden haben den Entzug der Arbeitsgenehmigung gestoppt. Schuster hält das jedoch für eine Finte: Die Staatsmacht wolle warten, bis die Aufregung verflogen sei.

Schuster ist möglicherweise tatsächlich angreifbar. Für den symbolischen Preis von 12 Grywna (0,41 Euro) hat er seine Sendung an den staatlichen Ersten Kanal verkauft, aber die Vermarktungsrechte behalten. Ein dubioser Deal, finden manche, ein normales Geschäft, sagt Zurab Alasania. Er ist seit dem Maidan Chef des Senders. Auch er steht unter Druck, alte Seilschaften fordern seinen Rücktritt.

Er hält es für möglich, dass die Staatsmacht auch Schuster kaltstellen wolle. Die Gesetzeslage in Ländern der Ex-Sowjetunion sei so chaotisch, sagt Alasania, "dass jeder Bürger immer irgendein Vergehen begangen hat". Jeder sei schuldig. Entscheidend sei, "wer wann danach zu suchen beginnt".


Zusammengefasst: Ukrainische Behörden drohen dem berühmtesten Talkmaster des Landes, Sawik Schuster, die Arbeitserlaubnis zu entziehen. Der vermutet eine Vergeltungsaktion der Regierung, schließlich war er Präsident Poroschenko zuletzt hart angegangen. Der Moderator trat sogar medienwirksam in Hungerstreik, um die vermeintliche Verschwörung anzuprangern.

insgesamt 26 Beiträge
simonweber1 30.04.2016
1. Da muss
der werte Herr Schuster aber höllisch aufpassen.Als Oppositioneller lebt man in der Ukraine gefährlich. Allein in den jahren 2014 und 2015 sind mehr als 100 namhafte Regimekritiker, Journalisten oder Oppositionelle auf [...]
der werte Herr Schuster aber höllisch aufpassen.Als Oppositioneller lebt man in der Ukraine gefährlich. Allein in den jahren 2014 und 2015 sind mehr als 100 namhafte Regimekritiker, Journalisten oder Oppositionelle auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen.
wernerilse 30.04.2016
2. nichts neues
die alten seilschaften blieben erhalten. die oligarchen werden immer reicher und das volk ärmer. das haben die europäer den vormaligen ostblockstaaten gebracht. demokratie? nein, oligokratie.
die alten seilschaften blieben erhalten. die oligarchen werden immer reicher und das volk ärmer. das haben die europäer den vormaligen ostblockstaaten gebracht. demokratie? nein, oligokratie.
Q9653 30.04.2016
3. Ukraine und Türkei
Die EU opfert doch tatsächlich ihre Werte auf dem Altar des konsensuellen Neoliberalismus*. Wir stehen an einem Wendepunkt! Meine ganze Hoffnung gilt der Jugend! Zur Zeit wird´s von Süden her richtig muckelig warm ... [...]
Die EU opfert doch tatsächlich ihre Werte auf dem Altar des konsensuellen Neoliberalismus*. Wir stehen an einem Wendepunkt! Meine ganze Hoffnung gilt der Jugend! Zur Zeit wird´s von Süden her richtig muckelig warm ... ----------- *) Es ist die Geißel unsrer Zeit, "dass ein neoliberales Narrativ versucht, alternatives Denken in Wirtschaft und Gesellschaft als Sakrileg zu denunzieren (John Milios)".
vivare 30.04.2016
4. Heldensaga
Herr Bidder schafft es selbst aus dem Angriff auf die Pressefreiheit durch den ukrainischen Präsidenten eine ukrainische Heldensaga zu konstruieren.... Dafür war ja Herr Bidder schon bekannt, als er über die [...]
Herr Bidder schafft es selbst aus dem Angriff auf die Pressefreiheit durch den ukrainischen Präsidenten eine ukrainische Heldensaga zu konstruieren.... Dafür war ja Herr Bidder schon bekannt, als er über die "Freiheitskämpfer" der rechtsradikalen Swoboda oder des rechten Sektors, "an den Lagerfeuern" des Maidan in romantische Plattitüden verfiel. Herr Bidders Einschätzungen erwisen sich rückwirkend betrachtet überwiegend als Fehleinschätzungen. Und auch jetzt berichtet er von den 8 Parteien der Rada, die von einer Vielfallt der Demokratie zeugen in der Ukraine... die nächste Heldensaga.. Denn die Wahrheit ist, dass diese Gruppen alle ihren eigenen Oligarchen haben, der bestimmt, wie abzustimmen ist. Das rechtsradikale Regimenter, wie das Azov Regiment, im Innenministerium offiziel eingegliedert sind oder Wadim Trojan, ein bekennender Rechtsextremist Polizeichef von Kiew ist oder der Massenmörder an Polen und Juden, Stephan Bandera, zum "Helden der Ukraine" erklärt wurde..für Bidder kein Thema
Theodoro911 30.04.2016
5. Kein Wunder
daß ein gewisser Putin bei Neuwahlen in der Ukraine als Präsident gewählt würde, so er sich zur Wahl stellte. Das zeigen etliche Umfragen bei denen Poro nicht mal auf zweistellige Zustimmung kommt. Aber die will Herr Bidder [...]
daß ein gewisser Putin bei Neuwahlen in der Ukraine als Präsident gewählt würde, so er sich zur Wahl stellte. Das zeigen etliche Umfragen bei denen Poro nicht mal auf zweistellige Zustimmung kommt. Aber die will Herr Bidder nicht veröffentlichen weil sie nicht transatlantisch genug sind.
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