Politik

Gefangenenaustausch zwischen Kiew und Moskau

Darauf haben sie lange gewartet

Für die Familien der Gefangenen schließt sich - endlich - der Kreis: Russland und die Ukraine haben in großem Stil Gefangene ausgetauscht. Auch der seit 2014 in Russland inhaftierte bekannte Regisseur Oleh Senzow ist frei.

Foto: REUTERS
Samstag, 07.09.2019   13:44 Uhr

Frauen und Kinder haben ukrainische Fahnen und Blumen mitgebracht, einige singen Lieder, manche weinen. Zwischen den Wartenden steht auch der Präsident der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj. Es sind bewegende Szenen, die sich an diesem Vormittag auf dem Rollfeld des Flughafens Boryspil nahe Kiew abspielten - Szenen, die eine lange Vorgeschichte haben.

Gleb Garanich/ REUTERS

Gefangenenaustausch: Russisches Flugzeug auf dem Kiewer Flughafen Boryspil

Die ukrainische Hauptstadt ist Schauplatz eines historischen Vorgangs: Trotz der extrem belasteten Beziehung zwischen der Ukraine und Russland haben die beiden Nachbarländer nun Dutzende Gefangene ausgetauscht. Darunter befinden sich unter anderem die zwei Dutzend ukrainischen Matrosen, die seit Monaten in Russland festsaßen.

Lauter Jubel brandet auf, als der Regisseur Oleh Senzow über eine kleine Treppe den Flieger verlässt: Mehr als fünf Jahre hat der Filmemacher in russischen Gefängnissen verbracht, seit er im Mai 2014 auf der Krim verhaftet wurde. Die Krim ist Senzows Heimat, doch er widersetzte sich der militärisch ins Werk gesetzten Annexion der Halbinsel. 2015 wurde er in einem von Beobachtern als "Schauprozess" kritisierten Verfahren zu 20 Jahren Lagerhaft verurteilt, wegen "Terrorismus".

Massive internationale Proteste für den auch über die Grenzen der Ukraine bekannten Regisseur blieben damals ergebnislos.

Ähnliche Szenen spielten sich zeitgleich auch auf russischer Seite ab. Ein Flugzeug mit bislang in der Ukraine gefangenen Russen landete in Moskau.

Moskau und Kiew hatten auf Initiative des ukrainischen Präsidenten Selenskyj seit Ende Juli über den Austausch von Gefangenen zur Entspannung der beiderseitigen Beziehungen verhandelt - Medienberichten zufolge soll es um jeweils 35 Häftlinge gegangen sein.

Der Austausch schien bereits vor einer Woche anzustehen, wurde dann aber wieder verschoben. Bis zuletzt wurde um die Namen auf der Liste gehandelt. Während in der Ukraine einiges bekannt wurde, ist über die russischen Gefangenen, die ausgetauscht werden sollen, bislang wenig bekannt.

Vasily Maximov/ AFP

Russischer Beamter neben Gefangenentransporter in Moskau: Ein Durchbruch?

Für Aufsehen sorgte der Name Wladimir Tsemach. Der ehemalige Kommandeur einer prorussischen Luftwehreinheit in Donezk war in dieser Woche überraschend von einem Gericht in Kiew freigelassen worden. Er gilt als wichtiger Augenzeuge im Fall des im Juli 2014 abgeschossenen Passagierflugzeugs MH 17. Eine ukrainische Spezialeinheit hatte ihn im Juni im Donbass gekidnappt und nach Kiew gebracht, wo er in Haft saß. Es ist nicht klar, ob er nun auf der Liste der Gefangenen beim Austausch ist.

Zuletzt hatte Staatspräsident Selenskyj mehrere Inhaftierte für die Übergabe an Russland begnadigt. Erst in der vergangenen Woche hatte ein ukrainisches Gericht auch den des Hochverrats beschuldigten russischen Journalisten Kirill Wyschinski aus der Untersuchungshaft entlassen.

Serhii Nuzhnenko/ REUTERS

Freigelassen: Journalist Kirill Wyschinski

Wyschinski ist Leiter des Ukraine-Büros einer staatlichen russischen Nachrichtenagentur. Der 52-Jährige war im Mai 2018 vom ukrainischen Geheimdienst festgenommen worden, weil er in Artikeln die russische Annexion der Schwarzmeer-Halbinsel Krim 2014 gerechtfertigt haben soll.

Wyschinski selbst wollte Medienberichten zufolge seine Unschuld beweisen und lehnte daher einen Austausch ab - den hatte zuvor der ukrainische Präsident Selenskyj im Austausch gegen den Filmemacher Senzow in Betracht gezogen.

Bereits am Donnerstag hatte Russlands Staatschef Wladimir Putin sich erstmals öffentlich zu dem Gefangenenaustausch geäußert. Geplant sei ein großangelegter Austausch, der "ein großer Schritt hin zur Normalisierung" der russischen Beziehungen zur Ukraine bedeute.

Das Verhältnis zwischen Kiew und Moskau ist seit der Krimkrise 2014 und dem bewaffneten Konflikt in der Ostukraine extrem angespannt. Putin hatte die Verhaftung Wyschinskis wiederholt verurteilt. 2015 hatte er dem Journalisten per Dekret die russische Staatsangehörigkeit zugebilligt.

mxw/beb/dpa/Reuters

insgesamt 7 Beiträge
anders_denker 07.09.2019
1. Selenskij zeigt es allen
Der Komiker macht einiges besser als das von EU und USA hofierte Vorgängerregieme. Letzteres hatte faktisch alle Friedensbemühungen und Ziele der Minsker Vereinbarungen sabotiert.
Der Komiker macht einiges besser als das von EU und USA hofierte Vorgängerregieme. Letzteres hatte faktisch alle Friedensbemühungen und Ziele der Minsker Vereinbarungen sabotiert.
Ecki_HH 07.09.2019
2. Vernünftiger Schritt
zur Normalisierung und Deeskalation.
zur Normalisierung und Deeskalation.
Kally 07.09.2019
3. Die Feinde Russlands
sind nicht die Ukrainer und die westlichen Staaten. Es ist die Regierung Putin, die sind die Feinde des Volks. Und gleichzeitig präsentieren sie sich dem russischen Volk als die einzigen wahren Beschützer Russlands was einzig [...]
sind nicht die Ukrainer und die westlichen Staaten. Es ist die Regierung Putin, die sind die Feinde des Volks. Und gleichzeitig präsentieren sie sich dem russischen Volk als die einzigen wahren Beschützer Russlands was einzig und allein dem eigenen Machterhalt dient.
hdwinkel 07.09.2019
4. Feinde des Volkes
Das ist mir ein wenig zu platt. Die Regierung Putin handelt aus Machterhalt und ist kein Leuchtturm der Demokratie, das ist zutreffend, aber was genau macht sie zum 'Feind des Volkes', woran machen Sie das fest? Die Mehrheit [...]
Zitat von Kallysind nicht die Ukrainer und die westlichen Staaten. Es ist die Regierung Putin, die sind die Feinde des Volks. Und gleichzeitig präsentieren sie sich dem russischen Volk als die einzigen wahren Beschützer Russlands was einzig und allein dem eigenen Machterhalt dient.
Das ist mir ein wenig zu platt. Die Regierung Putin handelt aus Machterhalt und ist kein Leuchtturm der Demokratie, das ist zutreffend, aber was genau macht sie zum 'Feind des Volkes', woran machen Sie das fest? Die Mehrheit der russischen Staatsbürger scheint Putin zu unterstützen, 'das Volk' hat Ihrer Meinung nach also nichts mit Mehrheiten zu tun. Meinen Sie jetzt also, die relativ kleine Opposition ist 'das Volk'? Oder meinen Sie ein abstraktes Volk, daß eigentlich Ihre unterstellten Interessen unterstützen müsste, aber das reale Volk ist zu dumm, das zu erkennen?
Wolfgang Heubach 08.09.2019
5. Ein richtiger Schritt
Die beiden Präsidenten Putin und Selenskij handeln richtig - im Interesse der Menschen ! Das ist gut so. Die Probleme sind nur bilateral zu lösen. Und es ist außerdem gut, daß Selenskij dies begriffen hat. Poroschenko hat [...]
Die beiden Präsidenten Putin und Selenskij handeln richtig - im Interesse der Menschen ! Das ist gut so. Die Probleme sind nur bilateral zu lösen. Und es ist außerdem gut, daß Selenskij dies begriffen hat. Poroschenko hat seine Interessen und die der Hardliner in den USA, in der NATO sowie von Merkel und Macron vertreten. Er hat mit stillschweigender Billigung der Genannten die Minsker Abkommen sabotiert. Er wollte Krieg und keinen Frieden. Deshalb ist es richtig, wenn beide Präsidenten den Dialog bilateral fortsetzen. Ohne Normandie-Format, das ohnehin in seiner Mehrheit nur den korrupten Poroschenko unterstützt hat. Merkel und Macron sind bei den weiteren Gesprächen nur hinderlich. Auf sie kommt es überhaupt nicht an. Putin und Selenskij können es beser.
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