Politik

US-Wahlkampf

Wie Elizabeth Warren von der Ukraineaffäre profitiert

Donald Trump und Joe Biden liefern sich eine politische Schlammschlacht, Bernie Sanders ist erkrankt. Gewinnerin könnte die linke Senatorin Elizabeth Warren sein - wird sie US-Präsidentin?

Elizabeth Frantz/ REUTERS

Ihre Fans feiern sie, Elizabeth Warren steigt seit Wochen in den Umfragen

Von , Washington
Freitag, 04.10.2019   10:34 Uhr

Elizabeth Warren hat jetzt einen Hund. Auch ihren freundlichen Ehemann, den Harvard-Professor Bruce Mann, hat sie neulich in einem TV-Interview vorgestellt. Die Präsidentschaftsbewerberin der US-Demokraten ist sichtlich darum bemüht, bei einem größeren Publikum Sympathiepunkte zu sammeln.

"Es war Liebe auf den ersten Blick", säuselte ihr Ehemann. Und Warren verriet: "Ich habe ihn in kurzen Hosen gesehen mit seinen schönen Knien - da war's um mich geschehen." Dann hüpfte Golden Retriever Bailey ins Bild.

US-Präsidentin Elizabeth Warren? Das klang vor einigen Monaten noch wie der wilde Traum ihrer treuesten Anhänger. Doch inzwischen wird die linke Senatorin aus Massachusetts mehr und mehr zur offiziellen Geheimfavoritin im Rennen um das Weiße Haus.

Um zu verstehen, warum das so ist, muss man sich die Dynamik der Ukraineaffäre und die besonderen Regeln der US-Wahlkämpfe anschauen.

Momentan liegt im parteiinternen Rennen um die Kandidatur der Demokraten Joe Biden weiterhin knapp in Führung. Er ist der Liebling der moderaten Parteianhänger und kommt im Durchschnitt aller Erhebungen bei den Statistikern von Realclearpolitics auf 26 Prozent. Ihm folgen in den Umfragen die beiden Linken Warren (24 Prozent) und Bernie Sanders (17 Prozent). Alle weiteren Bewerber sind weit abgeschlagen.

Kein Kandidat konnte in den vergangenen Wochen in den Befragungen so sehr zulegen wie Warren. Die plötzliche Herzerkrankung von Bernie Sanders könnte die Lage weiter zu Warrens Gunsten verändern. Sanders ist nach einer Notoperation zwar wieder auf dem Weg der Besserung. Doch der 78 Jahre alte Senator aus Vermont hat erst einmal sämtliche Wahlkampftermine abgesagt.

Brian Snyder/ REUTERS

Bernie Sanders musste sich nach Herzproblemen operieren lassen

Was wird aus Bernie Sanders?

Schon jetzt wildert Warren kräftig in Sanders' Wählerreservoir auf der Partei-Linken. Sie hält riesige Kundgebungen mit bis zu 15.000 Teilnehmern und führt erstmals in einigen wichtigen Vorwahlstaaten wie etwa Kalifornien die Umfragen an.

Warren ist zwar auch schon 70 Jahre alt, sie wirkt insgesamt aber weit dynamischer und mitreißender als Sanders. Sollte der Senior aus Vermont dauerhaft gesundheitliche Probleme haben, würden die Zweifel an seiner Eignung für das Präsidentenamt sicherlich wachsen. Dann könnten mehr und mehr der sogenannten progressiven Demokraten zu Warren wechseln.

Das wären schlechte Nachrichten für Biden. Er hätte bei den Sanders-Wählern kaum eine Chance, für sie ist er schlicht zu rechts. Und: Die Summe der Warren-Sanders-Wähler ist in der Partei möglicherweise größer als die der Biden-Fans. Biden wäre plötzlich in der Defensive. Würde es Warren gelingen, Biden in den frühen Vorwahlstaaten wie Iowa und New Hampshire auszustechen, könnte ihre Kampagne für die übrigen Abstimmungen das berühmte "Momentum" gewinnen, das jeder Kandidat braucht, der die Nominierung gewinnen will.

FREDERIC J. BROWN/ AFP

Elizabeth Warren vor Anhängern in Los Angeles

Und dann ist da die Ukraineaffäre. Auch sie kann Warren helfen. Während sie im TV fröhlich über Hund und Mann parliert, verstricken sich die Rivalen Trump und Biden mehr und mehr in eine politische Abnutzungsschlacht, bei der am Ende womöglich beide verlieren.

Zwar kann Trump weiterhin auf den Kern seiner knallharten Unterstützer setzen. Auch die Amtsenthebung erscheint unwahrscheinlich, solange seine Partei zu ihm hält. Doch es ist klar, dass Trumps Verhalten in der Ukraineaffäre und seine wilden Attacken gegen seine Kritiker mehr und mehr gemäßigte Wähler abschrecken dürften. Momentan steigt die Zahl der Amerikaner, die Trump kritisch sehen, jedenfalls wieder einmal klar an. Im Durchschnitt der Befragungen sind 53 Prozent der Bürger mit seiner Arbeit unzufrieden und nur 43 Prozent sind zufrieden.

Bidens Ruf als Saubermann ist in Gefahr

Für Joe Biden ist die Ukrainesache nicht unbedingt besser. Sein Image als politischer Saubermann ist in Gefahr. Trump und seine Anhänger lassen keine Gelegenheit ungenutzt, um den Ex-Vizepräsidenten und seinen Sohn Hunter als "korrupt" zu beschimpfen. Neben den Geschäften des Biden-Sprösslings in der Ukraine will Trump nun zusätzlich dessen Aktivitäten in China untersuchen lassen. Auch wenn es in beiden Fällen keinerlei Hinweise auf ein Fehlverhalten der Bidens gibt, ist das für die Präsidentschaftskandidatur des Seniors wohl kaum hilfreich. Der Politikbetrieb ist gnadenlos: Irgendetwas bleibt immer hängen.

Im Biden-Lager sehen sie die Angriffe gegen den früheren Vize-Präsidenten deshalb auch als Versuch von Trump, die Vorwahlen bei den Demokraten zu beeinflussen. Trump wolle sich seinen Gegenkandidaten für die Präsidentenwahl wohl selbst "aussuchen", schimpfte Biden bei Twitter.

Die Botschaft dahinter: Wenn Biden als Kandidat ausfällt und Warren übernimmt, könnte Trump eine Kampagne gegen einen drohenden Linksruck im Land starten - und so leichter die Wahl gewinnen.

Warren hält sich aus solchen Zankereien derweil geschickt heraus. Die Kandidatin dürfte bei ihren Planungen langsam aber sicher den Blick auf den Hauptpreis richten: die Eroberung der Präsidentschaft bei der Wahl im November 2020.

An den Börsen sind sie jedenfalls schon aufgeregt: Laut einem Bericht des "Wall Street Journal" herrscht bei Händlern nun auch deshalb Nervosität, weil sie nach der Erkrankung von Bernie Sanders eine mögliche Präsidentschaft von Elizabeth Warren für wahrscheinlicher halten.

Was das für die Geldhäuser bedeuten würde, ist klar: Warren will Banken und Börsen stärker regulieren und Reiche höher besteuern. Das wäre für die Wall Street eine ganz neue Erfahrung.

insgesamt 187 Beiträge
sven2016 04.10.2019
1. In einem Jahr kann noch viel passieren.
Wenn er so weiter zetert und sich aufregt, erreicht Herr Trump den Wahltermin gesundheitlich nicht mehr. Psychisch baut er parallel deutlich ab. Pence gegen Warren wäre auch so eine seltsame Wahl.
Wenn er so weiter zetert und sich aufregt, erreicht Herr Trump den Wahltermin gesundheitlich nicht mehr. Psychisch baut er parallel deutlich ab. Pence gegen Warren wäre auch so eine seltsame Wahl.
lazyfruit 04.10.2019
2. Biden..
...ist der einzige Kandidat, der Trump ernsthaft gefährlich werden könnte. Trump und die Republikaner wissen das. Wenn Warren aufgestellt wird, läuft es so ähnlich wie bei der letzten Wahl. Trump wollen zwar viele nicht, aber [...]
...ist der einzige Kandidat, der Trump ernsthaft gefährlich werden könnte. Trump und die Republikaner wissen das. Wenn Warren aufgestellt wird, läuft es so ähnlich wie bei der letzten Wahl. Trump wollen zwar viele nicht, aber noch mehr wollen eine Ultralinke nicht und wählen dann im Zweifel Trump.
gruencgn 04.10.2019
3. Starke Linke werden nicht befrieden können...
Auch wenn ich mit den Programmen von Warren oder Sanders persönlich viel anfangen kann, keiner der beiden könnte es als mögliche*r Präsident*in schaffen die Nation wieder zu vereinen. Die Spaltung der Gesellschaft würde [...]
Auch wenn ich mit den Programmen von Warren oder Sanders persönlich viel anfangen kann, keiner der beiden könnte es als mögliche*r Präsident*in schaffen die Nation wieder zu vereinen. Die Spaltung der Gesellschaft würde -wahrscheinlich- weite vorangetrieben. Meiner Meinung nach würden die Demokraten sich eher einen Gefallen tun, wenn sie jemanden aus dem gemäßigten Lager im das Rennen um die Präsidentschaft schicken: Kamala Harris, Pete Butigieg, Beto O'Rourke ... alles sehr fähige (und junge) Leute
Phil2302 04.10.2019
4. Ist notiert
Mal schauen, ob wir in ein paar Wochen auch noch etwas über diesen "Geheimtipp" hören. Aber es überrascht mich nicht, dass so ein unwichtiger Grund wie ein Golden Retriever mal wieder dafür sorgt, dass jemand [...]
Mal schauen, ob wir in ein paar Wochen auch noch etwas über diesen "Geheimtipp" hören. Aber es überrascht mich nicht, dass so ein unwichtiger Grund wie ein Golden Retriever mal wieder dafür sorgt, dass jemand Sympathiepunkte gewinnt, und nicht, was er politisch anstellen will.
ctrader62 04.10.2019
5. Keine anderen Kandidaten in Sicht ?
Haben die USA nur Kandidaten die älter als 70 sind ? Die intellektuelle und für amerikanische Verhältnisse weit linke Warren dürfte Probleme haben, bei der großen Masse der amerikanischen Arbeiter, Farmer, Latinos und der [...]
Haben die USA nur Kandidaten die älter als 70 sind ? Die intellektuelle und für amerikanische Verhältnisse weit linke Warren dürfte Probleme haben, bei der großen Masse der amerikanischen Arbeiter, Farmer, Latinos und der verarmten Bevölkerung mit wenig Zukunftsaussichten zu punkten. Die Demokraten könnten sich wieder selbst im Weg stehen, zugunsten von Trump.

Mehr im Internet

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP