Politik

TV-Debatte der US-Demokraten

60 Sekunden für die Bewerbung gegen Donald Trump

So viele US-Demokraten wollen ins Weiße Haus, dass ihre erste TV-Debatte auf zwei Abende verteilt wurde. Das Fazit der ersten Runde: Die meisten Bewerber haben es schwer, sich zu profilieren.

Foto: Wilfredo Lee/ AP
Aus New York und Miami berichten und
Donnerstag, 27.06.2019   12:28 Uhr

Das Adrienne Arsht Center for the Performing Arts in Miami ist ein 500-Millionen-Dollar-Kulturtempel inmitten der Subtropen. Hier gastieren Orchester, Opernensembles, Broadwayshows und Popstars.

Am Mittwochabend jedoch flogen hier die politischen Fetzen.

Zehn Präsidentschaftsbewerber der US-Demokraten standen zwei Stunden lang auf der Bühne herum, um sich irgendwie, mit allen Mitteln, zu profilieren bei dieser ersten TV-Debatte ihres langen Vorwahlkampfes. Eine harte Auslese: Das Feld ist groß. So groß, dass zehn weitere Bewerber - darunter Spitzenreiter Joe Biden und Bernie Sanders - erst an diesem Donnerstag dran sind, bei Runde zwei.

60-Sekunden-Antworten, 30-Sekunden-Follow-ups, ein Thema nach dem anderen, Werbepause, nächste Frage: Nicht nur für die Kandidaten war es ein ermüdender Marathon. Was blieb? Und wer? Vor allem: Wer kann Donald Trump Paroli bieten? Der Überblick.

+++ Das Phantom des Abends +++

Donald Trump. Der US-Präsident hängt wie ein Poltergeist über den Demokraten - in der Debatte kam er aber kaum vor. So, als hätten die Kandidaten seinen Namen absichtlich vermieden. Die linkspopulistische Senatorin Elizabeth Warren und Bill de Blasio, der progressive Bürgermeister von New York, erwähnten ihn kein einziges Mal. Jay Inslee dagegen, Gouverneur des Bundesstaats Washington und selbsternannter Klimakrieger, zitierte ihn noch am meisten, stets mit angewidert verzogenem Mund: "Die größte Bedrohung für die Sicherheit der USA ist Donald Trump!"

Auch das Thema Amtsenthebungsverfahren wurde nur am Rande berührt, denn, so der Ex-Kongressabgeordnete John Delaney: "Das ist nicht das Hauptproblem, nach dem uns die Amerikaner fragen." Kein Wunder, dass Trump selbst - der ja immer im Mittelpunkt stehen muss - unbeeindruckt war. Sein Twitter-Kurzkommentar zu der Debatte: "Langweilig."

+++ Die Überraschung des Abends +++

Cory Booker, Senator aus New Jersey. Der Afroamerikaner hatte bislang einen eher schleppenden Wahlkampf, in der Debatte setzte er sich erstmals gegenüber der Konkurrenz vor einem nationalen Publikum durch. Mit - immerhin! - knapp elf Minuten Redeanteil an dem zweistündigen Auftritt sprach er von allen Kandidaten am längsten.

Doch das war mehr als reine Quantität. Booker wirkte engagiert, authentisch, ehrlich, auch wenn er etwas zu oft betonte, aus ärmeren Verhältnissen zu stammen. Bill de Blasio verdiente sich dagegen die Trophäe des aggressivsten Zwischenrufers: Immer wieder unterbrach er seine Rivalen - vor allem Beto O'Rourke, den Ex-Abgeordneten aus Texas, dessen Zeit als Polit-Wunderkind und Mediendarling wohl zu Ende geht.

+++ Die Themen des Abends +++

Diese Debatte war - gerade auch mangels Trump-Tiraden - auffallend sachbetont, streckenweise sogar tiefgehend. So debattierten die zehn Aspiranten, wenn auch in abgehackten Minireden, über den Zustand der US-Wirtschaft und - ein Lieblingsthema - die Einkommensungleichheit in Amerika, nicht nur zwischen oben und unten, sondern auch zwischen Männern und Frauen (die ersten Fragen danach gingen ausgerechnet an zwei Männer).

Ein weiteres großes Thema war eines, das man eigentlich längst abgehakt hatte: das US-Gesundheitswesen. Alle Kandidaten wollen Obamacare reformieren und die privaten Krankenkassen um eine staatliche Versicherung ergänzen; zwei (Warren und de Blasio) wollen sogar komplett auf ein staatliches System umsteigen. Warren punktete hier am meisten mit ihrem Fachwissen, aber auch mit ihrem Enthusiasmus.

Carlo Allegri/ REUTERS

Die ersten zehn Kandidaten der US-Demokraten

Dies war aber einer der wenigen Punkte, in dem sich die Kandidaten besonders uneins waren. Einig waren sich alle in ihren wenn auch hilflosen Appellen gegen die Waffengewalt und ihrer scharfen Kritik an Trumps restriktiver Einwanderungspolitik und der Behandlung, besser gesagt: Misshandlung von Migranten und Asylsuchenden - vor allem Kindern - an der US-Südgrenze.

+++ Die persönlichsten Momente des Abends +++

Davon gab es Dutzende. Die meisten Kandidaten waren einem größeren Publikum bisher unbekannt. Deshalb versuchte jeder, in den Stakkato-Beiträgen möglichst viel Privates unterzubringen. Amy Klobuchar, Senatorin aus Minnesota, erzählte bei einer Diskussion übers Waffenrecht von ihrem Onkel Dick und seinem Hochsitz. Tulsi Gabbard, Kongressabgeordnete aus Hawaii, berichtete von ihrer Zeit als Soldatin im Irak. Delaney tat kund: "Mein Vater war ein gewerkschaftlich organisierter Elektriker."

Es waren zum Teil sehr persönliche Storys, die die Kandidaten in ihre 30-Sekunden-Statements pressten. De Blasio hielt einen Kurzvortrag über seinen Vater, einen Weltkriegsveteranen, der nach der Heimkehr Suizid beging. Und Booker berichtete von Schießereien in einem Viertel in Jersey City, in dem er mal wohnte.

+++ Der Verlierer des Abends +++

Der ältere, blasse Mann mit den weißen Haaren. Davon gab es auf der Bühne mindestens vier, wenn man den ungewohnt roterhitzten O'Rourke nicht mitrechnet: Inslee, de Blasio, Tim Ryan, ein Abgeordneter aus Ohio, und Delaney, den bisher kaum einer kannte, obwohl er sechs Jahre für Maryland im US-Repräsentantenhaus saß. Das dürfte sich auch jetzt nicht geändert haben.

Das TV-Network NBC, das die Debatte live übertrug, blendete überdies nicht immer die Namen ein, was dazu führte, dass die Gesichter von Ryan, Inslee, de Blasio und Delaney irgendwann ineinander verflossen. Das Gute an diesen Fernsehdebatten ist es deshalb aber auch, dass man am Ende recht genau weiß, welche Namen man sich für den Wahlkampf im kommenden Jahr nicht mehr merken muss.

insgesamt 12 Beiträge
antarctic47 27.06.2019
1. Schon wieder daneben
Die SPON-Truppe rennt schon wieder - wie vor 4 Jahren - bei ihrer US Berichterstattung hinter dem Ball her, statt sich vorausschauend so aufzustellen, wie es das Spiel erfordert: Was sind die überraschenden Momente, wo kündigen [...]
Die SPON-Truppe rennt schon wieder - wie vor 4 Jahren - bei ihrer US Berichterstattung hinter dem Ball her, statt sich vorausschauend so aufzustellen, wie es das Spiel erfordert: Was sind die überraschenden Momente, wo kündigen sich die kommende Erdbeben an? Es gibt - wie seinerzeit bei Donald Trump - Frühindikatoren: welcher Kandidatename wurde während der Debatte am meisten gegoogelt? Was haben die - nicht repräsentativen - Drudge Umfragen ergeben, die seinerzeit früh Trumps Führung zeigten und ignoriert wurden? Mit weitem Abstand vorn: Tulsi Gabbard aus Hawaii, die einzige, die als ehemalige Soldatin eine klare radikale Antikriegsbotschaft verkündet. Das war der Punkt der Trump ins Amt geholfen hat. Wenn es um den Iran zu einem Krieg kommt, erwacht die Antikriegsbewegung wieder zum Leben. Dann hat die eine Kandidatin, die dann eine sehr grosse Rolle bei den Demokraten spielen könnte. Prognose: von den anderen in dieser Runde - inkl E Warren - wird bald keiner mehr reden. Krieg und Frieden wird das Thema!
Atheist_Crusader 27.06.2019
2.
Viele der Kandidaten haben doch überhaupt keine Chance zu gewinnen. Wer es nicht schafft über 10% in den Umfragen zu kommen sollte es vielleicht einfach lassen. Stattdessen können sie versuchen erstmal als Senator oder [...]
Viele der Kandidaten haben doch überhaupt keine Chance zu gewinnen. Wer es nicht schafft über 10% in den Umfragen zu kommen sollte es vielleicht einfach lassen. Stattdessen können sie versuchen erstmal als Senator oder Kongressabgeordneter gewählt zu werden. Ist weniger glamourös, aber da kann man ein paar Punkte für die Partei machen und sich einen Namen machen. Und dann vielleicht in ein paar Jahren nochmal antreten, wenn Leute außerhalb des eigenen Bundesstaates deren Namen kennen.
solidarische-wende 27.06.2019
3. Wahlhelfer für Trump?
"Im letzten Wahlkampf hatte Sanders Probleme, Wähler jenseits seiner treuen linken Anhängerschaft anzusprechen." Diese Lüge der Leitmedien hat Trump 2016 zum Wahlsieg verholfen. Richtig ist: Alle Umfragen sahen [...]
"Im letzten Wahlkampf hatte Sanders Probleme, Wähler jenseits seiner treuen linken Anhängerschaft anzusprechen." Diese Lüge der Leitmedien hat Trump 2016 zum Wahlsieg verholfen. Richtig ist: Alle Umfragen sahen damals in einem möglichen Präsidentschaftsrennen zwischen Trump und Sanders Sanders im zweistelligen Bereich vorne - anders als bei Clinton. Auch konnte Clinton die Vorwahlen gegen Sanders nur durch erheblichen Wahlbetrug gewinnen, wie die demokratische Führung später selber einräumen musste. Sanders ist auch aktuell laut Umfragen der beliebteste Politiker der USA. Er steht für eine soziale Kehrtwende, die die Interessen der breiten Bevölkerung in den Blick nimmt statt die einer kleinen Gruppe von Aktionären und Konzernbossen und an der Seite der sozialen Bewegungen für Frieden, Antirassismus und Sozialismus eintritt. Diese humanen Ansprüche klein zu reden, wie es hier auch der Spiegel tut, war die Grundlage der Wahl D. Trumps. Nochmal werden die Menschen in den USA nicht darauf reinfallen.
Heimratt 27.06.2019
4. Nur Anti reicht nicht
Die US-Demokraten haben in ihrem besinnungslosen Hass auf Trump -weil der ihnen ihre Pfründen nahm- vergessen, dass sie auch selbst Inhalte dem Bürger präsentieren müssen, die glaubhaft sind. Ein keifender Haufen ist noch [...]
Die US-Demokraten haben in ihrem besinnungslosen Hass auf Trump -weil der ihnen ihre Pfründen nahm- vergessen, dass sie auch selbst Inhalte dem Bürger präsentieren müssen, die glaubhaft sind. Ein keifender Haufen ist noch keine politische Partei.
doctoronsen 27.06.2019
5. Recht manipulativer Beitrag, liebe(r) Heimratt
Sie meinen "Pfründe" wie die Achtung der Menschenrechte, Vertragstreue, Bündnistreue und eine berechenbare Außenpolitik? Und an welchen Stellen haben wir über berechtigte Kritik hinaus Hass erlebt, [...]
Zitat von HeimrattDie US-Demokraten haben in ihrem besinnungslosen Hass auf Trump -weil der ihnen ihre Pfründen nahm- vergessen, dass sie auch selbst Inhalte dem Bürger präsentieren müssen, die glaubhaft sind. Ein keifender Haufen ist noch keine politische Partei.
Sie meinen "Pfründe" wie die Achtung der Menschenrechte, Vertragstreue, Bündnistreue und eine berechenbare Außenpolitik? Und an welchen Stellen haben wir über berechtigte Kritik hinaus Hass erlebt, "besinnungslosen" zumal?

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