Politik

Flüchtlingskinder in US-Grenzlagern

"Alle sind krank. Alle"

Dreck, Hunger Krankheit - und keine Medikamente: Anwälte schildern unhaltbare Zustände für Migrantenkinder in US-Grenzlagern. Selbst der republikanische Gouverneur von Texas findet deutliche Worte.

Cedar Attanasio/ AP

Eingangsbereich des Auffanglagers bei Clint nahe der US-mexikanischen Grenze im Bundesstaat Texas: Anwälte berichten von unhaltbaren Zuständen, unter denen Kinder leiden

Samstag, 22.06.2019   21:38 Uhr

In US-Auffanglagern für aufgegriffene Migranten entlang der Grenze zu Mexiko leiden Hunderte Kinder und Jugendliche offenbar unter unhaltbaren Zuständen. Das berichten US-Anwälte, die in dieser Woche mehrere der ansonsten strikt abgeschirmten Einrichtungen besuchen und mit Dutzenden Kindern sprechen konnten. In Gesprächen mit der "New York Times" , der Nachrichtenagentur AP und dem Nachrichtenportal "HuffPost" schildern die Anwälte mehrere Fälle drastischer Vernachlässigung und Unterversorgung.

In der "New York Times" ("NYT") berichten Anwälte wie Elora Mukherjee über ihren Besuch in der Grenzstation in Clint im Bundesstaat Texas: Sieben- und Achtjährige in völlig verdreckter Kleidung würden sich dort um noch jüngere, ihnen fremde Kinder kümmern. Kleinkinder ohne Windeln würden sich in ihre Hosen erleichtern. Minderjährige Mütter trügen von Muttermilch durchtränkte Kleidung.

Die Kinder hätten weder Zahnbürsten noch Zahnpasta oder Seife. Die meisten von ihnen hätten seit ihrer Ankunft im Lager weder duschen noch ihre Kleidung waschen können. Bereits vor einem Jahr hatten Menschenrechtler auf die katastrophale Situation von Kindern in den Grenzlagern aufmerksam gemacht, inzwischen hat sich diese offenbar noch verschärft.

US CUSTOMS AND BORDER PROTECTION/ AFP

Dieses Bild entstand bereits vor einem Jahr, im Juni 2018, im US-Grenzlager in McAllen, Texas

Auffanglager wie das in Clint sind eigentlich dafür vorgesehen, dass beim Grenzübertritt aus Mexiko aufgegriffene Migrantenkinder höchstens drei Tage dort festgehalten werden dürfen - spätestens dann müssen sie in Jugendeinrichtungen untergebracht werden, die über das ganze Land verteilt sind. Einige der besuchten Kinder seien aber schon seit fast einem Monat dort. Sie sind entweder unbegleitet aufgegriffen worden, manche seien laut den Anwälten aber auch von ihren Eltern oder anderen Verwandten getrennt worden. Außerdem befänden sich minderjährige Mütter mit ihren Säuglingen oder Kleinkindern in den Lagern.

Kinder unter Quarantäne gestellt

"Dort herrscht ein übler Gestank", sagte Anwältin Mukherjee nun der "NYT". Es mangele auch an Nahrung und an Wasser, manchen Kindern sei verdorbenes oder gefrorenes Essen angeboten worden.

In den vergangenen Monaten war die Zahl der Flüchtlinge aus Ländern wie Honduras, Guatemala und El Salvador deutlich gestiegen. Die US-Einrichtungen sind damit offenbar völlig überfordert, laut einem hohen Beamten der Grenzschutzbehörde halte der Grenzschutz derzeit 15.000 Menschen in den Auffanglagern fest - die aber nur auf maximal 4000 Menschen ausgelegt seien.

Zudem sind den Schilderungen der Anwälte zufolge viele Kinder in den Grenzlagern ernsthaft krank, werden aber dennoch nicht medizinisch versorgt. So berichtet die Jura-Professorin Warren Binford, die zur Gruppe der Anwälte gehörte, von 15 an Grippe erkrankten Kindern im Lager Clint und von zehn weiteren, die dort sogar unter Quarantäne gestellt wurden. Viele Kinder seien an Grippe erkrankt und würden nicht angemessen behandelt, sagt Anwältin Mukherjee.

US CUSTOMS AND BORDER PROTECTION/ AFP

Erwachsene Migranten im US-Grenzlager in McAllen (Texas) im Juni 2018

Über den medizinischen Notstand in einem anderen texanischen Grenzlager in McAllen berichtete die Anwältin Toby Giaculla der Nachrichtenagentur AP: "Alle sind krank. Alle." Jedes der Kinder, mit dem sie gesprochen habe, sei ernsthaft erkrankt gewesen, mit hohem Fieber und Husten. Ihre Kleidung sei von Schleim und Schmutz von der langen Flucht verkrustet gewesen. "Sie benutzen ihre Kleidung, um den Schleim und das Erbrochene von den Kindern abzuwischen", berichtete Giaculla. Die meisten der Kleinkinder seien zudem nicht ausreichend bekleidet gewesen.

"Fast jedes Kind ist hungrig"

Eigentlich sind die Grenzlager streng abgeriegelt, Journalisten oder Anwälte haben so gut wie keinen Zugang. Dass die Gruppe der Anwälte nun die Kinder in den texanischen Lagern besuchen konnte, geht auf eine Regelung aus dem Jahr 1997 zurück, die mit der damaligen US-Regierung unter Präsident Bill Clinton getroffen wurde. Diese setzt Mindeststandards für die Behandlung minderjähriger Migranten fest - und sieht vor, dass Anwälte diese überprüfen können.

Elora Mukherjee macht das seit zwölf Jahren. Die Bedingungen, die sie nun in Clint vorgefunden habe, seien die schlimmsten, die sie je gesehen habe, sagte die Anwältin der "NYT": "Fast jedes Kind, mit dem ich gesprochen habe, sagte, es sei hungrig." Es gebe jeden Tag das gleiche Essen - unter anderem Instantnudeln und gefrorene Burritos, aber weder Obst noch Gemüse. Im Lager in McAllen würde Kindern vergammeltes Essen gegeben, berichtet Anwältin Giaculla.

Wie viele Kinder derzeit in den Grenzlagern festgehalten werden, ist unklar. Bei der Ankunft der Anwälte zu Beginn der Woche habe die Behörde von 350 Kindern allein in Clint gesprochen - bei ihrer Abreise am Mittwoch sei ihnen mitgeteilt worden, dass 200 Kinder inzwischen fortgebracht worden seien. Auf Druck der Anwälte seien vier sehr schwer erkrankte Kinder in Krankenhäuser eingeliefert worden, berichtet "HuffPost".

Texas' Gouverneur nennt US-Kongress "Gruppe von Verdammten"

Die geschilderten Zustände in den Grenzlagern sind aber für die Kinder nicht nur körperlich untragbar, sondern auch psychisch. Die Anwälte berichten von Achtjährigen, die sich um ihnen vorher unbekannte Vierjährige kümmerten. Mädchen in diesem Alter seien vom Wachpersonal angewiesen worden, Kleinkinder und sogar Babys zu betreuen.

Inzwischen kritisieren prominente Politiker vorwiegend aus den betroffenen Grenzregionen die Bundesregierung und den Kongress in Washington harsch - und zwar Demokraten und Republikaner.

So attackierte etwa der republikanische Gouverneur von Texas, Greg Abbott, den US-Kongress scharf: Die Abgeordneten seien eine "Gruppe der Verdammten", weil sie ein 4,6 Milliarden Dollar umfassendes Budget für die Grenzsicherung nicht freigäben, das allein drei Milliarden Dollar für die Versorgung unbegleiteter minderjähriger Migranten vorsehe. Der Kongress mache sich mitschuldig an jedem Leid, das die Kinder ertragen müssten, sagte Abbott. Der ebenfalls republikanische texanische Kongressabgeordnete Will Hurd forderte eine sofortige Änderung der Asylgesetze, um die "humanitäre Krise" an der Grenze zu beenden.

Ob die US-Regierung allerdings wirklich willens ist, die Zustände an der Grenze zu verbessern, ist fraglich: Vor einem US-Berufungsgericht in San Francisco vertrat eine Anwältin des Justizministeriums erst Anfang der Woche die Ansicht, Kindern in Grenzlagern stünden keine Seife oder Zahnbürsten zu - obwohl die Regelung aus dem Jahr 1997 vorschreibt, die Unterbringung müsse "sicher und hygienisch" erfolgen. Das Argument der Regierung: Diese Gegenstände seien ja nicht ausdrücklich in der Regelung aufgeführt.

fdi

insgesamt 143 Beiträge
eenberlina 22.06.2019
1. KZ-ähnliche Zustände!
Ich hoffe, das Trump-Regime wird eines Tages für seine Verbrechen zur Rechenschaft gezogen! Ich bete für die Kinder und ihre Familien. Einfach nur widerlich!
Ich hoffe, das Trump-Regime wird eines Tages für seine Verbrechen zur Rechenschaft gezogen! Ich bete für die Kinder und ihre Familien. Einfach nur widerlich!
crossbow17 22.06.2019
2. Amerikas Regierung löst bei mir...
...nur noch Abscheu aus. Das ist nicht die Führungsnation der freien Welt, das ist ein verabscheuungswürdiges Land.
...nur noch Abscheu aus. Das ist nicht die Führungsnation der freien Welt, das ist ein verabscheuungswürdiges Land.
charlybird 22.06.2019
3. Pfui Teufel, Amerika.
Wahrscheinlich auch privatisiert untergekommen und soviel zu Trumps Worten, dass die von ihren Müttern ''gestohlenen'' Kinder jetzt wenigstens versorgt und verpflegt würden.
Wahrscheinlich auch privatisiert untergekommen und soviel zu Trumps Worten, dass die von ihren Müttern ''gestohlenen'' Kinder jetzt wenigstens versorgt und verpflegt würden.
olsche 22.06.2019
4.
Ist dies ein Bericht über Libyen? Und ist nur versehentlich geschrieben worden, dass es sich um US-Grenzlager handeln soll? Bei solchen Berichten überkommt mich ein Zweifel hinsichtlich der demokratischen Vorstellung der [...]
Ist dies ein Bericht über Libyen? Und ist nur versehentlich geschrieben worden, dass es sich um US-Grenzlager handeln soll? Bei solchen Berichten überkommt mich ein Zweifel hinsichtlich der demokratischen Vorstellung der politischen Führung der USA.
janone 22.06.2019
5. Eine Schande
Es ist wirklich eine Schande, wie wir im Westen mit den armen Menschen umgehen. Und das betrifft auch Europa, wo Flüchtlinge im Meer ertrinken und Helfer kriminalisiert werden. Ich schäme mich.
Es ist wirklich eine Schande, wie wir im Westen mit den armen Menschen umgehen. Und das betrifft auch Europa, wo Flüchtlinge im Meer ertrinken und Helfer kriminalisiert werden. Ich schäme mich.

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