Politik

Debatte in Ohio

US-Demokraten demontieren Trump

"Der korrupteste Präsident": Bei ihrer vierten TV-Debatte vereinen sich die Präsidentschaftsbewerber der US-Demokraten gegen den Amtsinhaber. Drei Kandidaten zeichnen sich als Favoriten ab.

John Minchillo/ AP

Vereint und doch zerstritten: Die Demokraten-Kandidaten

Von und , Washington und New York
Mittwoch, 16.10.2019   10:58 Uhr

So viele auf einmal waren es noch nie. Zwölf Kandidaten standen nebeneinander auf der Bühne der Otterbein University im Herzen Ohios. Denn statt sich wie zuvor auf zwei "halbe" TV-Debatten aufzuteilen, ballte sich das verbliebene Dutzend der US-Demokraten, die ins Weiße Haus wollen, bei diesem vierten Vorwahl-Durchgang auf einen Abend.

In der Mitte das Spitzenreitertrio: Ex-Vizepräsident Joe Biden, Senatorin Elizabeth Warren und ihr Kollege Bernie Sanders. Rechts und links die restlichen Kandidaten: die Senatoren Kamala Harris, Amy Klobuchar und Cory Booker, die Abgeordnete Tulsi Gabbard, der Ex-Abgeordnete Beto O'Rourke, Bürgermeister Pete Buttigieg, Ex-Minister Julián Castro, Tech-Unternehmer Andrew Yang und der Hedgefonds-Milliardär Tom Steyer.

Die meisten sind längst Debatten-Profis, Steyer war erstmals dabei. Wie würden sie sich schlagen, während die Nation im Skandaldrama um US-Präsident Donald Trump versinkt und keiner mehr von Sachthemen spricht, geschweige denn vom zähen Vorwahlkampf der Demokraten? Wer würde brillieren, wer untergehen? Und für wen könnte diese Nacht das Ende des Rennens sein?

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Fotostrecke: Die Kandidaten der TV-Debatte - wer sie sind und was sie wollen

1. Eine geschlossene Front - gegen Trump

Das Thema, das in Amerika gerade alles beherrscht, war auch das Thema, das die Demokraten vereinte: Trump und das ihm drohende Amtsenthebungsverfahren. Anders als der interne Parteizank um die Gesundheitsreform, den die Moderatoren von CNN und der "New York Times" wacker zu provozieren versuchten, zeigten die Kandidaten hier eine geschlossene, harte Front, mit der sie Trump im Hauptwahlkampf 2020 erfolgreich angreifen könnten.

Einer nach dem anderen sprach sich nicht nur für die Einleitung eines sogenannten Impeachments aus, sondern auch für dessen Folge - Trumps vorzeitige Entfernung aus dem Weißen Haus wegen der Ukraineaffäre und anderer Vergehen. "Manche Themen sind größer als die Politik", sagte Warren. "Niemand steht über dem Gesetz."

Trump sei der "korrupteste Präsident" in der US-Geschichte, sagten Biden und Sanders. Steyer, der schon seit 2017 für ein Impeachment trommelt, nannte Trump "den Kriminellen im Weißen Haus". Klobuchar warnte jedoch davor, die Diskussion zur "Ablenkung" von anderen Fragen werden zu lassen, die die Wähler bewegten, etwa der Arbeitsmarkt. "Wir können reden und gleichzeitig Kaugummi kauen", versicherte Castro.

Das andere aktuelle Thema, das sie zusammenschweißte, war der von Trump verkündete Truppenabzug aus Nordsyrien und dessen verheerenden Konsequenzen. Biden sprach von der "schändlichsten Aktion", die ein US-Präsident je angeordnet habe, Harris und Buttigieg warfen Trump "Verrat" an den Kurden vor. Der schärfste Satz kam von Castro: "Wie absurd ist es, dass dieser Präsident an der Grenze Kinder in Käfige sperrt, aber IS-Gefangene im Prinzip frei laufen lässt."

Uneins waren sich die Demokraten freilich in der Frage, wie sich die US-Präsenz in Kriegs- und Krisengebieten verringern lasse - was auch die alte ideologische Spaltung der Partei widerspiegelt: Während Gabbard, die als Nationalgardistin im Irak diente, ein sofortiges Ende aller "Regimewechsel-Kriege" forderte, gab Warren zu bedenken: "Wir sollten aus dem Nahen Osten verschwinden, aber auf die richtige Weise."

REUTERS

Spitzenreiter in der Mitte: Sanders, Biden, Warren

2. Drei Favoriten - und die Greisenfrage

Es zeigt sich mehr und mehr, dass das Kandidatenrennen am Ende auf ein Duell zwischen Biden und Warren hinauslaufen kann. Der einzige Kandidat, der zu dem Spitzenduo noch einigermaßen den Anschluss hält, ist Sanders. Das Trio führt alle Umfragen klar an, die drei sammeln mit Abstand das meiste Wahlkampfgeld ein, andere Bewerber wie Buttigieg, O'Rourke oder Harris sind abgeschlagen. Daran hat auch diese Debatte wenig geändert.

Allerdings mussten sich in der Debatte vor allem Biden und Sanders Fragen nach ihrem fortgeschrittenen Alter gefallen lassen. Biden, Jahrgang 1942, sieht darin kein Problem: "Ich trete genau wegen meines Alters an", erklärte er. "Das Alter bringt Weisheit." Er werde aufgrund seiner Erfahrung ein guter Präsident sein und brauche keine lange Eingewöhnungszeit wie andere Bewerber, die völlig neu ins Amt kämen. "Ich weiß genau, was zu tun ist, ab Tag eins."

Sanders, der mit seinen 78 Jahren gerade einen Herzinfarkt überstanden hat, ließ die Greisenfrage ebenfalls abperlen: Er werde im Wahlkampf jeden Tag beweisen, wie fit er sei, behauptet der Senator aus Vermont. "Ich bin gesund, ich fühle mich super." Eine Energiespritze bekam er nach der Debatte - da wurde bekannt, dass die populäre progressive Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez ihn offiziell unterstützen wird.

AP

Heimliche Vize-Aspiranten? Booker und Harris

3. Die Gretchenfrage - wer wird Vize?

Je deutlicher andere Kandidaten an den Rand gedrängt werden, desto mehr rückt die Frage in den Vordergrund, wer aus der Riege der Bewerber möglicherweise als Vizepräsident infrage käme. Präsidentschaftskandidaten nutzen die Rolle des "running mates", um eigene Schwächen auszugleichen.

Sowohl Harris als auch Booker gaben sich Mühe, in der Debatte möglichst präsidial zu wirken. Sie verzichteten weitgehen auf Attacken gegen die anderen, riefen immer wieder zu Einigkeit und Versöhnung auf. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass sie sich mit einer Niederlage im Rennen schon abgefunden haben und nun auf die Vize-Rolle spekulieren. Harris wäre als mittelalte Schwarze aus dem liberalen Kalifornien mit Einwanderereltern eine passende Ergänzung zu Biden, der als weißer Mann eher konservative Gruppen anspricht. Booker wiederum wäre eine mögliche Ergänzung zu Warren. Sie hat bislang bei afroamerikanischen Wählern keinen allzu guten Stand, Booker könnte hier ihre Schwäche ausgleichen.

Noch würde kein Kandidat offiziell zugeben, dass er schon aufgegeben hat. Bis zum Beginn der Vorwahlen wird aber langsam die Zeit knapp. Stichtag ist der 3. Februar 2020, der erste Vorwahltermin in Iowa. Ab dann wird es ernst.

insgesamt 113 Beiträge
kloppskalli 16.10.2019
1. bis zur Wahl ...
bis zur Wahl sind die Skandale von heute schon wieder halb vergessen ... ob sie ihn dann wirklich demontieren? mal sehen, ich hoffe es, glauben kann ich's nicht.
bis zur Wahl sind die Skandale von heute schon wieder halb vergessen ... ob sie ihn dann wirklich demontieren? mal sehen, ich hoffe es, glauben kann ich's nicht.
alexprinz 16.10.2019
2. Verrückt
Trump wird so oder so tatsächlich seine Legislaturperiode überstehen. Verrückt.
Trump wird so oder so tatsächlich seine Legislaturperiode überstehen. Verrückt.
william_borah 16.10.2019
3. Kurzsichtig von SPON...
...die drei Greise mantraartig als Favoriten zu benennen. Sie führen Umfragen und Geldranglisten an, aber in der Hauptsache doch nur, weil sie bislang die prominentesten Gesichter sind. Wo stand Obama in den Umfragen ein halbes [...]
...die drei Greise mantraartig als Favoriten zu benennen. Sie führen Umfragen und Geldranglisten an, aber in der Hauptsache doch nur, weil sie bislang die prominentesten Gesichter sind. Wo stand Obama in den Umfragen ein halbes Jahr vor der ersten Prmary?? Eben! Von Trump ganz zu schweigen. Die Vizefrage wird in der Tat interessant. Sollte es doch einer der Greise werden, umso mehr. Der nicht unsympathische aber alte und krebskranke McCain hat den Fehler gemacht, die verrückte Palin zur möglichen Erbin zu machen. Die Aussicht auf einen Nachrücker, dessen Einsatz bei einem Präsidenten Ü80 nunmal schlicht wahrscheinlicher ist, kann entscheidend sein. Wäre ich Parteistratege der Demokraten, würde ich O'Rourke als Running Mate empfehlen, egal wer Kandidat wird. Der hätte fast den Senatssitz im tiefroten Texas geholt und hätte somit gute Chancen, den Staat für sein Ticket zu gewinnen. Das wäre für das Electoral College fast schon eine Vorentscheidung. Ein Duo Harris/O'Rourke wäre mir dabei deutlich lieber als einer altgedienten.
quark2@mailinator.com 16.10.2019
4.
Mir scheint alles auf Warren hinauszulaufen, eben weil die beiden Alternativen halt einfach zu alt sind. Ich meine, mit 80 + 8 für zwei Spielzeiten ist man ca. 90 und das bedeutet nun wirklich nicht gerade Leistungsfähigkeit, [...]
Mir scheint alles auf Warren hinauszulaufen, eben weil die beiden Alternativen halt einfach zu alt sind. Ich meine, mit 80 + 8 für zwei Spielzeiten ist man ca. 90 und das bedeutet nun wirklich nicht gerade Leistungsfähigkeit, sondern vielmehr eine reale 50:50-Chance, das Ende nicht zu erleben. Also Warren. Persönlich halte ich es für einen Fehler, diese Person gegen Trump einzusetzen. Es mag zwar sein, daß man Trump dazu nötigen kann, nicht wieder anzutreten, aber WENN er es schafft, sich freizuschwimmen, beschädigt er nebenbei Biden (der Sohn fängt ja schon an, taktisch Schuld einzugestehen) und dann kann er mit seiner "Message" so gegen Biden vorgehen, wie zuvor gegen H.Clinton. Auch Warren kommt wieder über die Schiene, die schon 2016 für Trump-Wähler einfach unerträglich war. Da würden die Demokraten unnötig die Geschichte wiederholen, halt mit der gleichen 50:50-Chance wie Clinton. Ich verstehe nicht, warum man Michelle Obama nicht aktivieren konnte. Die hätte mMn. gewonnen, ohne auch nur ins Schwitzen zu kommen. Naja, hatte vermutlich genug von Washington.
Skyscanner 16.10.2019
5. Das Dilemma der Demokraten
Die Demokraten haben es immer noch nicht verstanden, das Volk möchte das sich die Politik um die Bürger der USA kümmert und nicht um, wie kann ich den Präsidenten stürzten, über das Alter und die Gesundheit der Demokraten [...]
Die Demokraten haben es immer noch nicht verstanden, das Volk möchte das sich die Politik um die Bürger der USA kümmert und nicht um, wie kann ich den Präsidenten stürzten, über das Alter und die Gesundheit der Demokraten Kandidaten reden oder um das Posten Gescharre des möglichen Vice. Sondern Thema hören die das amerikanische Volk bewegen (Arbeitsmarkt, Migration, Wirtschaft, etc.), aber diese sind außen vor. Da Trump das Volk, die Bürger der USA deren Probleme anspricht und letztendlich sich alles um Ihn dreht, wird er wohl bei der nächsten Wahl leichtes Spiel haben gegen die mit sich selbst beschäftigten Demokraten.

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