Politik

Vater und Tochter im Rio Grande ertrunken

Ein Foto, ein Mahnmal

Beim Versuch, einen Grenzfluss zwischen Mexiko und den USA zu überqueren, sind ein Mann und seine fast zweijährige Tochter gestorben. Ein Bild der beiden geht nun um die Welt.

Julia Le Duc/ AP

Absperrband am Rio Grande: Am Flussufer wurden die Leichen von einem Mann aus El Salvador und seiner 23 Monate alten Tochter gefunden

Mittwoch, 26.06.2019   03:53 Uhr

Es wird derzeit wieder viel berichtet über die Lage im Grenzgebiet zwischen den USA und Mexiko. Über die Tausenden Menschen, die aus ihren Heimatländern in Süd- und Mittelamerika fliehen, um in den USA ein neues Leben zu beginnen. Über die amerikanische Asylpolitik und die regelmäßigen Drohungen von US-Präsident Donald Trump in Richtung des südlichen Nachbarlandes. Über die Bemühungen Mexikos, die Einwanderung in die USA zu verringern und so Trump zu besänftigen.

Es sind oftmals recht abstrakte Berichte, in denen es um Zahlen und politisches Geschacher geht. Nun sorgt aber ein sehr konkreter Fall für Schlagzeilen: der von Óscar Alberto Martínez Ramírez, 25, und seiner fast zweijährigen Tochter Valeria aus El Salvador.

Die beiden sind Medienberichten zufolge am vergangenen Sonntag bei dem Versuch gestorben, den Grenzfluss Rio Grande in die USA zu überqueren. Ein Foto zeigt Vater und Tochter, wie sie leblos mit den Gesichtern nach unten im flachen Wasser liegen. Ein Arm des 23 Monate alten Mädchens liegt um den Nacken seines Vaters; so, als habe es sich noch an ihm festhalten wollen.

Tania Vanessa Ávalos ist die Ehefrau des Verstorbenen und Mutter des Kindes. Die 21-Jährige sprach mit Behörden in Mexiko über den Vorfall, auf diese Aussagen berufen sich nun zahlreiche Medien in dem Land. Demnach schwamm Martínez Ramírez am Sonntag zunächst mit seiner Tochter an das amerikanische Flussufer und setzte sie dort ab. Als er habe zurückschwimmen wollen, um auch seine Ehefrau zu holen, sei das Mädchen seinem Vater hinterhergelaufen. So endeten Vater und Tochter demnach erneut in dem Fluss - und wurden dann von einer Strömung erfasst und mitgerissen.

Ihre Leichen wurden am Montagmorgen auf der mexikanischen Seite des Flusses entdeckt, etwa zwei Kilometer von der Stelle entfernt, an der Vater und Tochter zuletzt gesehen worden waren.

Hinweis: Einige Aufnahmen in der folgenden Bilderstrecke können verstörend wirken. Wenn Sie sie nicht sehen wollen, klicken Sie bitte nicht auf die Fotos.

Fotostrecke

Zwischen USA und Mexiko: Gefahr am Rio Grande

"Der Fluss ist tückisch, und die Menschen, die nicht von hier sind, wissen das nicht", zitiert der "Guardian" die mexikanische Polizistin Claudia Hernández. Sie sei am Rio Grande aufgewachsen. "Ich würde nicht einmal ins Wasser gehen, um zu baden oder zu schwimmen." Es gebe teils starke Strudel, "und wenn die Strömung dich erwischt, kann sie dich nach unten reißen".

Die Zeitung "El Salvador" hat unter anderem mit der Mutter des Verstorbenen gesprochen. Demnach sind Martínez Ramírez, seine Frau und seine Tochter am 3. April aus El Salvador in die USA aufgebrochen, um der Kleinen dort ein besseres Leben zu ermöglichen. Laut der Zeitung "La Opinion" hatte die Familie bereits zwei Monate in der mexikanischen Stadt Matamoros am Rio Grande ausgeharrt und vergebens darauf gewartet, einen Asylantrag in den USA stellen zu können.

Das Foto von Martínez Ramírez und Valeria sorgt derzeit für viele Schlagzeilen. In mexikanischen Berichten wird es beispielsweise mit dem Bild des ertrunkenen Flüchtlingsjungen Alan Kurdi verglichen. Seine Leiche wurde im September 2015 an einem türkischen Strand angespült, ein Foto davon ging um die Welt.

Das sagt die Fotografin über die Aufnahmen

Die aktuelle Aufnahme aus Mexiko stammt von Julia Le Duc. Sie arbeite schon seit Langem als Polizeireporterin für "La Jornada" in der mexikanischen Grenzstadt Matamoros, sagte sie nun dem "Guardian". Sie habe schon zahlreiche Leichen gesehen, der Rio Grande mit seinen vielen Strömungen sei gefährlicher, als viele denken würden. Man stumpfe in ihrem Job leicht ab. "Aber wenn du so etwas siehst, sensibilisiert es dich wieder", sagte sie nun über Martínez Ramírez und Valeria.

"Man konnte sehen, dass der Vater sie unter sein T-Shirt geschoben hat, damit die Strömung sie nicht entzweit. Er starb beim Versuch, das Leben seiner Tochter zu retten." Wenn solche Bilder die Menschen nicht zum Nachdenken brächten - und die Entscheidungsträger bewegten - dann sei unsere Gesellschaft wahrlich auf einem schlechten Weg, schrieb Le Duc.

Die mexikanische Autorin Alma Delia Murillo nannte das Bild von dem Vater und seiner Tochter im Rio Grande bei Twitter ein "schmerzhaftes Symptom unseres systematischen Versagens". Zu allem Übel gebe es dann noch "Idioten, die den Migranten die Schuld geben" - mit der Begründung, sie seien das Risiko ja eingegangen.

Video von der Grenze zwischen Mexiko und den USA: Lebensgefährliche Flucht

Foto: REUTERS

Am Sonntag wurden im südlichen Texas auch die Leichen von einer Mutter und drei Kindern gefunden. Dem Sheriff von Hidalgo County zufolge handelt es sich bei den vier Toten um eine Frau Anfang 20 sowie zwei Kleinkinder und einen Säugling. Das FBI ermittelt in dem Fall. Im Januar hatte US-Präsident Trump die Region besucht, um für sein Grenzmauer-Projekt zu werben.

In den vergangenen Monaten ist die Zahl der Flüchtlinge aus Ländern wie Honduras, Guatemala und El Salvador deutlich gestiegen. Allein im Mai wurden an der US-Südgrenze 144.000 Einwanderer aufgegriffen, darunter 57.000 Minderjährige - das war die höchste Zahl seit 13 Jahren.

aar

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