Politik

Verhältnis USA-Iran

Laridschanis vergiftetes Angebot

Der Konflikt zwischen Iran und USA dreht sich immer weniger um Teherans Atomprogramm und immer mehr um den Irak: Laut "New Yorker" erwägen die USA, die Revolutionsgarden anzugreifen. Iran offeriert, im Irak für Stabilität zu sorgen – falls Amerika einen Abzugsplan vorlegt.

Von Yassin Musharbash
Montag, 01.10.2007   17:43 Uhr

Berlin – Man nennt so etwas wohl ein vergiftetes Angebot: "Wenn sie (die USA) einen klar definierten Zeitplan haben, werden wir ihnen helfen, den umzusetzen", sagte Irans Chefunterhändler Ali Laridschani der "Financial Times". Mit anderen Worten: Wenn ihr den Irak verlasst, halten wir euch gerne die Tür auf. Und danach sorgen wir dann im Zweistromland für Ruhe nach unseren Vorstellungen.

Ein Angriff auf Iran wäre ein schwerer Fehler, warnte Laridschani zugleich - "gleichbedeutend damit, dass jemand seine Hand in einen Bienenkorb steckt".

Die Signale aus den USA sind kaum weniger aggressiv: Ende vergangener Woche forderte der US-Senat Präsident George W. Bush auf, die iranischen Revolutionswächter, immerhin eine Truppe von 120.000 Mann, zu einer Terrororganisation zu erklären – wegen ihrer permanenten Einmischung im Irak und ihrer Unterstützung für militante Organisationen dort. Und heute berichtet der Enthüllungsjournalist Seymour Hersh im "New Yorker", dass die US-Regierung in der Tat bereits seit einiger Zeit überlege, ob man nicht lieber die iranischen Revolutionsgarden (Pasdaran) als die Atomanlangen des Landes bombardieren solle.

Die jüngsten Entwicklungen des iranisch-amerikanischen Duells zeigen, dass der Irak ins Zentrum des Konflikts gerückt ist und das Atomproblem abgelöst hat. Bushs Berater, schreibt Hersh, betrachteten den Irakkrieg mittlerweile als "strategische Schlacht" zwischen den beiden Staaten.

Teherans Machthaber dürften das ähnlich sehen: Es geht Iran seit Jahren darum, seine Rolle als Hegemon zwischen Palästina und Afghanistan zu sichern; jeder Quadratmeter Irak, den Washington zurücklässt, muss nach dieser Logik in den eigenen Einflussbereich integriert werden.

Gemeinsames Interesse an einigem Irak

Was aber ist vor diesem Hintergrund von der Laridschani-Offerte zu halten? Handelt es sich um reine Rhetorik eines ohnehin nicht vertrauenswürdigen Akteurs? Oder muss man sie ernst nehmen – schließlich stammt sie von einem der wirklich einflussreichen iranischen Außenpolitiker, und schließlich hatte ja erst im vergangenen Jahr auch die vom US-Kongress eingesetzte Baker-Hamilton-Kommission empfohlen, sich auch mit Teheran an einen Tisch zu setzen.

Gegen Teherans Ernsthaftigkeit spricht, dass das Land ein doppeltes Spiel treibt. Denn es darf als Tatsache gelten, dass iranische Revolutionswächter und andere Kräfte in Iran militante Gruppen unterstützen, welche die USA bekämpfen. Einerseits verhandeln, andererseits sabotieren - dieses Vorgehen werden die USA wohl kaum akzeptieren.

Auf der anderen Seite haben der Iran und die USA im Irak aber auch gemeinsame Interessen - und nicht alles Streben Irans ist gegen die USA gerichtet. "Das Angebot dürfte durchaus ernst gemeint sein", meint deshalb der Regionalexperte Guido Steinberg von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. Iran wolle sich als regionalpolitisch verantwortungsbewusster Akteur in Szene zu setzen. Es gehe auch um die Darstellung nach außen.

Allerdings, so Steinberg, sei es kaum denkbar, dass die Vorstellungen der USA und Irans in Einklang gebracht werden können. Zwar hätten beide Staaten ein gemeinsames Interesse im Irak, nämlich dass er nicht zerfällt. Aber da hörten die Gemeinsamkeiten auch schon wieder auf.

Wächst die Kriegsgefahr?

Denn Teheran wünsche sich eine iranfreundliche Regierung in Bagdad, noch besser einen Satellitenstaat, wenigstens jedoch massive Einflussmöglichkeiten auf die Regierenden im Nachbarland. Die USA hingegen hätten keinerlei Interesse an einer dauerhaft an Teheran orientierten Regierung Iraks. "Ein Mitspracherecht im Irak könnte jedoch der Preis für eine Stabilisierung Iraks mit Hilfe Irans sein", spekuliert Steinberg. Er vermutet, dass die USA schon aus diesem Grund die Offensive Laridschanis nicht beantworten werden.

In der Tat steht bis jetzt eines Reaktion des Weißen Hauses auf Laridschani aus. Washington scheint weiter vor allem auf Abschreckung zu setzen - zumal Laridschanis Worte schon wesentlich weniger attraktiv klingen, wenn man sie andersherum liest: Solange ihr im Irak seid, helfen wir ganz sicher nicht.

Unter dem Strich heißt das: Das iranische "Angebot" ist nicht gut genug, um die USA von ihrer Politik der Abschreckung abzubringen - während die Politik der Abschreckung, die Washington betreibt, möglicherweise nicht abschreckend genug ist, um Iran davon abzuhalten, den Irak als eigenen Hinterhof zu sehen und zu behandeln. Das deutet auf eine weitere Verschärfung des Konflikts hin. Der ehemalige US-Sicherheitsberater Zbigniew Bezezinski sieht die Lage bereits dramatisch: "Ich glaube, dass sich beide Staaten auf einen Krieg zubewegen", sagt er.

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