Politik

Wahl in Spanien

Rechtsruck unter Plastikplanen

Die ultrarechte Vox könnte am Sonntag die Machtverhältnisse in Spanien auf den Kopf stellen. Bastion der Partei ist das Tomatenanbau-Zentrum El Ejido. Dort setzen die Treibhausbesitzer auf ausländische Arbeiter, die oft im Elend leben.

Juan Medina/ REUTERS
Aus El Ejido berichtet
Freitag, 26.04.2019   11:27 Uhr

Als der Plantagenbesitzer sein Gewächshaus betritt, richten sich die beiden dunkelhäutigen Männer zwischen den Zucchinipflanzen auf, strecken die Rücken durch. Sie nicken, begrüßen ihren Patron. Doch Juan José Bonilla hat keinen Blick übrig: nicht für seine afrikanischen Erntehelfer, nicht für die Pflanzen mit den gelben sternenförmigen Blüten. Der Mann mit dem kahlrasierten Kopf und den getönten Brillengläsern whatsappt auf seinem Smartphone. Am Sonntag wählt Spanien. Und Bonilla kämpft in El Ejido, der Stadt der Treibhäuser. Für Vox, die neue Rechtsaußenpartei.

Das Telefon vibriert schon wieder. Bonilla, 42, Anwalt und Landwirt, ist ein vielbeschäftigter Mann. Besonders seit er beschloss, Politiker zu werden: am 2. Dezember 2018. Da errang Vox bei den Regionalwahlen in Andalusien sensationell elf Prozent - und ihre Parlamentarier wählten ein Bündnis aus der rechtskonservativen PP und den rechtsliberalen Ciudadanos an die Macht.

In El Ejido errang Vox sogar fast 30 Prozent. Und wurde stärkste Kraft. Die 85.000-Einwohner-Gemeinde nahe der Mittelmeerstadt Almería ist die Bastion der Ultrarechten. Obwohl sie ihren Wohlstand Zehntausenden Arbeitern aus Marokko, Senegal oder Guinea verdankt, die säen, düngen, spritzen, ernten. Legal oder schwarz.

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"Wir haben die Nase voll von den Migranten", sagt Bonilla. Nach dem Wahlsieg trat er Vox bei, wurde Parteikoordinator für El Ejido. Jetzt hat er zwei Träume. Erstens soll Vox bei der nationalen Wahl so stark werden, dass sie den Mitte-Rechts-Block auch landesweit ans Ruder hieven kann. Zweitens will Bonilla bei den Kommunalwahlen im Mai Bürgermeister werden.

Beides könnte klappen.

"Wenn Vox die Wahlen gewinnt, machen wir eine Säuberung hier in El Ejido", sagt Bonilla. Und: "Wir werden die Zentralregierung bitten, Maßnahmen zu ergreifen."

Nur jeder fünfte Pflücker ist Spanier

Das Plastikmeer rund um El Ejido kann man vom Weltraum aus sehen, so gigantisch ist es. Es bedeckt den Streifen Flachland an der Mittelmeerküste, ragt Hänge empor. Unter weißgrauen Treibhausdecken verbirgt sich der Gemüsegarten Europas - und manch illegal Beschäftigter. Auf rund 30.000 Hektar produzieren 15.000 Betriebe der Region etwa drei Milliarden Kilogramm Tomaten, Paprika, Gurken, Zucchini, Auberginen und Melonen pro Jahr. 3 Milliarden Euro Umsatz machen sie laut dem Verband Coexphal. Wichtigster Auslandsmarkt ist Deutschland; Lidl oder Rewe kaufen hier ein.

Das sogenannte Wunder von Almería ist ein Gemeinschaftswerk von Einheimischen und Ausländern. Einst war der Landstrich bettelarm: so sonnenverbrannt und öde, dass hier Italowestern wie "Für eine Handvoll Dollar" gedreht wurden. In den Siebzigern bauten Siedler, darunter Bonillas Vater, erste Gewächshäuser. So konnten sie die Pflanzen vor Wetterextremen schützen. Als sie Wasservorkommen fanden, ging der grüne Goldrausch los.

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Spanien: Ausbeutung in El Ejido

Bald brauchten die Landbesitzer Massen günstiger Arbeitskräfte. Anfangs kamen vor allem Marokkaner nach El Ejido, zurzeit sind es laut der Hilfsorganisation Cepaim hauptsächlich Schwarzafrikaner. Nur etwa jeder fünfte Pflücker ist Spanier. Jeder dritte Einwohner ist Ausländer.

Das Gemüse hat die Einheimischen wohlhabend gemacht. Sogar der örtliche Nachtklub heißt "El Tomate". Aber ein Gemeinschaftsgefühl mit den Gastarbeitern hat sich nie eingestellt. "Es gibt psychologische Barrieren, die Kommunikation zwischen den Gruppen ist reduziert", sagt Mariano Ripoll von Cepaim. "Es ist eher Koexistenz als Zusammenleben."

Immerhin befürchtet Ripoll kein neues Pogrom. Nachdem im Februar 2000 zwei Marokkaner zwei Bauern und eine Frau getötet hatten, riefen Spanier zur "Jagd auf den Mauren". Hunderte, bewaffnet mit Messern, Baseballschlägern und Eisenstangen, attackierten El Ejidos marokkanische Bevölkerung. Sie zerstörten Wohnungen, steckten Autos in Brand, verwüsteten Geschäfte. Viele Marokkaner flüchteten und versteckten sich in der Umgebung. Erst nach Tagen bekamen Polizeihundertschaften die Lage in Griff.

Harte Gangart gegenüber Fremden

Juan José Bonilla ist der Sohn eines der getöteten spanischen Bauern. Jetzt tritt er an für rechtsaußen. "Ich mache das nicht aus Rache", beteuert er. "Ich will für mein Volk kämpfen." Dazu gehört für ihn eine harte Gangart gegenüber Fremden.

Rund 58.000 registrierte Migranten sind 2018 über das Mittelmeer nach Spanien gekommen: mehr als doppelt so viele wie 2017. Seit Italien Rettungsschiffe abweist, probieren es mehr Schlauchboote über die Westroute Marokko-Spanien. Es ist nicht so ein Ansturm wie 2015, als EU-weit mehr als 1,3 Millionen Menschen Asyl beantragten. Zudem ist Spaniens sozialdemokratischer Premier Pedro Sánchez in der Migrationspolitik nach rechts geschwenkt. Trotzdem fürchten manche Spanier Überfremdung. Ein Nährboden für Vox.

Mehr als zehn Prozent könnte Vox am Sonntag holen. Sie wäre die erste Rechtsaußen-Partei seit der Franco-Diktatur, die in solcher Stärke ins Parlament zieht. Das Zünglein an der Waage könnte sie dort werden: Mehrheitsbeschaffer für die Mitte-Rechts-Parteien, die unbedingt die Macht wollen. Dafür könnte Vox einige Forderungen durchsetzen.

Die Partei verlangt die Absetzung der katalanischen Regierung und das Ende der Autonomie für die Regionen. Wie auch das Recht auf Waffenbesitz für alle Spanier. Sie macht Stimmung gegen gleichgeschlechtliche Ehen, gegen ein Gesetz zum Schutz von Frauen vor häuslicher Gewalt. Und trommelt zur "Reconquista". So nennen die Spanier die Vertreibung der Muslime im Mittelalter von der iberischen Halbinsel. Anno 2019 will Vox Zehntausende Migranten aus Spanien deportieren lassen.

35 Euro für acht Stunden unter Plastik

"Wenn sie ankommen und keine Papiere haben - aufs Schiff, nach Afrika!", ruft Bonilla.

El Ejidos Papierlose stehen in der Morgendämmerung an einem Kreisverkehr. Beim Pflücker-Strich fahren Plantagenbesitzer vor, um sich billige Arbeiter zu besorgen. 32 bis 35 Euro bieten sie für acht Stunden unter Plastik. Kontrollen sind rar. Die Illegalen waren seit jeher unentbehrlich für das Wirtschaftswunder.

Juan José Bonilla sagt, er zahle seinen Pflückern 42 Euro plus Sozialabgaben, alle seien heute angemeldet. Zum Kreisverkehr fahre er nicht mehr. Da "kommen fünf, sechs, sieben Braune, die sich darum schlagen, wer für dich arbeiten darf. Sie haben Messer in ihren Taschen und wissen nicht, wie man gut arbeitet. Und wenn sie schlecht arbeiten und du weniger bezahlst, machen sie Ärger." Er fordert, Spaniens Regierung solle der Agrarwirtschaft qualifiziertere legale Arbeitskräfte besorgen.

Im Plastikmeer, nahe dem Städtchen San Isidro, haben Migranten unter einer Stromleitung ein wildes Lager gebaut. Haben Europaletten senkrecht aufgestellt, zwei längs und zwei hoch pro Wand, sie an Holzpflöcken befestigt, Planen über das Konstrukt gezogen. In diesen fensterlosen "Chabolas" leben sie zu dritt, viert, fünft. Ohne fließend Wasser, ohne Toilette. Schon jetzt im April ist es drinnen heiß und stickig. Im Lager und drumherum liegt überall Müll.

Am Rand des Slums liegen verkohlte Trümmer. Eine Hütte ist abgebrannt. "Niemand ist gestorben" erzählt Fallou*. Der Senegalese, 32, gelernter Schweißer, lebt seit 2016 im Palettenbau. Per Schlauchboot kam er her. Daheim gab es keine Jobs, Fallou brauchte Geld für seine alten Eltern. Nach einem Tag Treibhaus brenne ihm manchmal die Haut von den Pestiziden, sagt er. Aber weil er keine Miete zahlt, kann er ab und an eine Handvoll Euro heimsenden.

Im Zentrum sieht man überall Gitter vor den Fenstern

Bald hat Fallou drei Jahre Spanien voll, dann endlich darf er eine Arbeitserlaubnis beantragen. Die geben ihm die Behörden aber nur, wenn er ein Angebot für einen Jahresvertrag vorweist. Manche Treibhausbesitzer machen daraus ein Geschäft, berichten Pflücker. Sie verlangen Geld oder ein paar Wochen Gratisarbeit.

Bonilla hält die Lager für eine Schande. "Die Leute, die da leben, stehlen den Strom und stechen Wasserleitungen an", schimpft er. "Sie wollen sich nicht integrieren." Aber in El Ejidos Zentrum, wo sich etablierte Pflücker niederlassen, will er die Fremden auch nicht haben. "Die Marokkaner kommen, kriegen mehr und mehr Kinder und leben von den Sozialleistungen." Viele würden außerdem Drogen verkaufen, behauptet Bonilla. Er lasse seine Töchter nicht mehr allein auf die Straße. "Hier gibt es mehr und mehr Kriminalität."

Laut Kriminalstatistik ist die Straftatenquote pro 1000 Einwohner in El Ejido seit 2008 um 40 Prozent gefallen. Manche Bürger haben ein anderes Gefühl. Im Zentrum sieht man überall Gitter vor den Fenstern und jede Menge Leerstand. Viele Einheimische sind in andere Gemeindeteile gezogen. Weg von den Marokkanern.

"Die Politiker aus Madrid reden von Integration. Darüber lache ich", sagt Bonilla. Als Bürgermeister will er mehr Polizeikontrollen starten. Und man solle Spanier und Nichtspanier stärker voneinander trennen, etwa an Schulen.

Am Sonntag werden viele Einwohner von El Ejido Bonillas Partei wählen. Obwohl ihre Wirtschaft ohne ausländische Pflücker kollabieren würde. "Vor einem Jahr hätte ich es für unmöglich gehalten, dass Vox hier so stark wird", sagt Migrationshelfer Ripoll. "Aber viele Leute wählen nicht mehr mit dem Kopf, sondern mit dem Bauch."

*(Name geändert)

insgesamt 73 Beiträge
Edenjung 26.04.2019
1. Segregation macht das Problem doch nur größer...
Hat weder in Südafrika noch in den USA "geholfen". Und ist ausserdem ein verstuss gegen die Menschenrechte. Aber naja gegen Emotionen kommt man schlecht an. Die meisten der erntehelfer wollen keinen Stress, die [...]
Hat weder in Südafrika noch in den USA "geholfen". Und ist ausserdem ein verstuss gegen die Menschenrechte. Aber naja gegen Emotionen kommt man schlecht an. Die meisten der erntehelfer wollen keinen Stress, die wollen Geld verdienen und ein besseres Leben suchen. Man muss sich immer vor Augen halten, dass wir Menschen in unseren sozialen Umgebungen stark verankert sind und diese nur äusserst ungern verlassen. Gleiches gilt für unser "Zuhause". Wenn es nach den meisten ginge, würden die nicht ihr Heil tausende Kilometer entfernt in einem fremden Land suchen, aber die haben keine Wahl. Die Leute die aus Aussichtslosigkeit weggehen und ihr Glück suchen sind verdammt verzweifelt und wenn ich in der Situation wäre würde ich es genauso tun. Das argument, dass die dann doch da was aufbauen sollten ist absolut zynisch, da keiner von uns in deren Haut steckt und wir die Situation daheim nicht kenne, die zu solch verzweiflung führt. Dann kommen da noch die Probleme durch unser Wirtschaft hinzu, wenn zum Beispiel einem bauern die Grundlage zum Überleben genommen wird, weil wir Fleischreste nach ghana verschiffen und dort den Markt zerlegen. gleiches gilt für Kleidungsspenden. Wir hätten Afrika einfach alleine lassen sollen und niemals dort kolonien errichten sollen. Das beisst die welt schon seit jahrzehnten in den Hintern.
Carmencita 26.04.2019
2. Vox
VOX ist in erster Linie eine Reaktion auf die Separatistenbewegung in Katalonien. Das haben wir dem penetranten Puigdemont und Co. zu verdanken
VOX ist in erster Linie eine Reaktion auf die Separatistenbewegung in Katalonien. Das haben wir dem penetranten Puigdemont und Co. zu verdanken
Beauregard 26.04.2019
3. die illegalen Brunnen
über die das verbliebene Grundwasser gestohlen wird erwähnt er lieber nicht. Wir kaufen kein spanisches Gemüse mehr, dann lieber holländisches Treibhausgemüse!
über die das verbliebene Grundwasser gestohlen wird erwähnt er lieber nicht. Wir kaufen kein spanisches Gemüse mehr, dann lieber holländisches Treibhausgemüse!
bullermännchen 26.04.2019
4.
Oh klasse, gehen die Spanier in Zukunft selber für 2,- pro Stunde ins Gewächshaus. Wie einfach die Rechten doch gestrickt sind. Oder wollen sie den Mindestlohn auf 10,- anheben? Wäre ja durchaus denkbar, dann würde man [...]
Oh klasse, gehen die Spanier in Zukunft selber für 2,- pro Stunde ins Gewächshaus. Wie einfach die Rechten doch gestrickt sind. Oder wollen sie den Mindestlohn auf 10,- anheben? Wäre ja durchaus denkbar, dann würde man hierzulande eben keine Tomaten im Winter zu 2,99 / kg bekommen. Dann wären es eben 3,99 / kg. Schlimm wäre das nicht. Ihr rechten Wähler denkt nicht von 12 bis Mittag! Aber ließt hier sowieso keiner der Spanier......
juba39 26.04.2019
5. Was will uns das sagen?
Für mich eigentlich nur ein weiterer Beleg dafür, daß der EU-weite Rechtsruck komplett hausgemacht ist. Schon wieder einmal muß man in der Geschichte graben, weil sonst der Blick für die Gegenwart vernebelt wird. Genau diese [...]
Für mich eigentlich nur ein weiterer Beleg dafür, daß der EU-weite Rechtsruck komplett hausgemacht ist. Schon wieder einmal muß man in der Geschichte graben, weil sonst der Blick für die Gegenwart vernebelt wird. Genau diese Regionen, die Tomatenanbaugebiete Spaniens waren es doch, die auch in deutschen Medien dafür verantwortlich gemacht wurden, daß polnische Arbeiter nach der Arbeitnehmerfreizügigkeit an Deutschland vorbei bis nach Spanien (GB sowieso) zogen. Weil eben dort, im Gegensatz zu Deutschland, Spanier und ausländische AN den GLEICHEN Lohn bekamen. HIER, werter Herr Hecking, würde ich doch einmal tiefer bohren, um an die Ursachen zu kommen. Haben etwa Immigranten aus Afrika nicht nur Polen, auch spanische Arbeiter verdrängt? Eben weil man denen nur einen Hungerlohn zahlt, während gleichzeitig Einheimische auf der Straße stehen? Wer sich dann noch über grassierende Ausländerfeindlichkeit wundert, mußte noch nie seinen Lebensunterhalt auf solch einem saisonabhängigen Wirtschaftszweig, wie der Landwirtschaft, bestreiten. Nebenbei bemerkt, ich habe Landwirt gelernt, weiß also, wovon ich spreche. Das Essen, was im Sommer nicht eingefahren wird, ist im Winter nicht da. So einfach ist das. Und so einfach haben es eben auch Bauernfänger, egal, ob VOX oder AfD!

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