Politik

Francos sterbliche Überreste

Spaniens Wahlkampf geht auf die Knochen

Seit 44 Jahren ist Spaniens Diktator tot - doch Francos sterbliche Überreste befeuern den aktuellen Wahlkampf. Am Sonntag könnte die Entscheidung fallen: umbetten oder in der Prunkkathedrale liegen lassen?

Andrea Comas/ REUTERS
Aus dem Valle de los Caídos berichtet
Donnerstag, 25.04.2019   13:37 Uhr

Der tote Diktator hat schon wieder frische Blumen bekommen. Weiße Nelken, orangefarbene Callas und viele rote Rosen. Gut ein Dutzend Sträußchen und Bouquets liegen an diesem Nachmittag auf der Platte des Grabes. Eine Stelle haben die Verehrer nicht bedeckt. Die mit dem Namen: Francisco Franco.

Der "Generalísimo", der Spanien dreieinhalb Jahrzehnte lang brutal beherrschte, liegt gleich neben dem Hauptaltar der monumentalen unterirdischen Basilika vor den Toren Madrids. Deren Bau ordnete er einst selbst an. Tausende Zwangsarbeiter, darunter viele politische Gefangene des Franco-Regimes, mussten sie unter unmenschlichen Bedingungen in den Fels der Sierra de Guadarrama hauen. Als Franco 1975 starb, wurde er hier begraben: im Valle de los Caídos.

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Zur Pilgerstätte ist das Tal der Gefallenen geworden, von Weitem sichtbar wegen seines 155 Meter hohen Betonkreuzes. Immer wieder kommen Anhänger Francos und der faschistischen Falange, um ihm zu huldigen. Sogar geheiratet wird in der Kathedrale - in deren Seitenkapellen auch Knochen von mehr als 30.000 Franco-Unterstützern und -Gegnern ruhen. Letztere oft gegen den Willen ihrer Angehörigen.

Eine Ruhestätte ist die Basilika an diesem Nachmittag nicht. Dutzende Touristen drängen sich um das Grab. Die Aufseherin hebt mahnend den Finger: Fotografieren verboten. Kaum aber setzt sie ihren Rundgang durch die Basilika fort, zücken Schaulustige die Smartphones.

Vielleicht ist es ihre letzte Chance für ein Selfie mit dem Franco-Grab. Je nachdem, wer am Sonntag Spaniens Parlamentswahl gewinnt. Denn deren Ausgang entscheidet wohl auch über das Schicksal von Francos sterblichen Überresten.

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Die sozialistische Regierung unter Premier Pedro Sánchez hat angekündigt, am 10. Juni die Knochen exhumieren und umbetten zu lassen: auf den Friedhof von Mingorrubio am Nordrand Madrids, wo auch Francos Ehefrau begraben ist. Sánchez will der Verherrlichung im Valle de los Caídos ein Ende bereiten.

Die politische Rechte hingegen möchte Franco in der Basilika lassen. "Nicht einen Euro", sagte Pablo Casado, Oppositionsführer und Chef der rechtskonservativen PP, werde er ausgeben, um Franco auszugraben. Es sei "unverantwortlich, bereits geheilte Wunden wieder aufzureißen". Zwei Kandidaten der ultrarechten Vox unterschrieben sogar eine "Erklärung des Respekts und der Wiedergutmachtung" für Franco. Die Rechtsaußen-Partei wird wohl erstmals in das Parlament einziehen - und könnte Casado mit den Stimmen ihrer Abgeordneten an die Macht bringen.

Francos Gebeine sind Wahlkampfthema - 80 Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs und dem Beginn der Diktatur. Die Debatte polarisiert das Land, die Umfragen zeigen keine klare Mehrheit für oder gegen die Umbettung. All dies offenbart, wie gespalten Spaniens Gesellschaft noch immer ist.

Die alten Kader wurden einfach weiterbeschäftigt

Für seine Gegner ist dieser Mann ein Massenmörder, der Minderheiten unterdrückte, Zehntausende Widersacher in Konzentrationslager deportieren, foltern und töten ließ. Für seine Bewunderer ist er ein Führer, der für Ordnung und Sitte sorgte, die katholische Kirche unterstützte, Spanien zum Industrieland machte - und sie selbst oder ihre Ahnen oft zu reichen Leuten. Denn der Diktator versorgte seine Günstlinge.

Als Franco starb, begann der Übergang zur Demokratie. Aber "diese 'transición' wurde zuerst vor allem von früheren franquistischen Politikern durchgeführt'", sagt der Historiker und Franco-Experte Walther Bernecker. Unter ihnen war etwa der einstige Informationsminister Manuel Fraga. Er gründete die Vorgängerpartei der PP. In Casados Partei tummeln sich bis heute die Nachfahren einstiger Regimemitglieder.

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Spanien vor der Wahl: Der Totenkult um die Franco-Gebeine

Die politische Linke trieb zunächst lieber die Demokratisierung voran, statt sich groß mit der Rechten wegen der Vergangenheit anzulegen. Und weil das neue Spanien erfahrene Richter, Verwaltungsbeamte, Generäle oder Professoren brauchte, übernahm man die alte Nomenklatura. "Diese Leute mussten ihre Grundeinstellung nicht ändern", sagt Bernecker. "Von ihnen wurde nie ein Loyalitätseid auf die Verfassung verlangt."

Keine systematische Aufarbeitung der Diktatur

Und so trugen Hunderte Straßen, Plätze oder Dörfer erstmal weiter die Namen Francos oder seiner Helfer. Standen Statuen des Diktators in vielen Orten. Und in den Schulen wurde die jüngere Vergangenheit im Geschichtsunterricht oft gar nicht erst thematisiert. "Anders als in Deutschland hat es in der spanischen Gesellschaft keine systematische Aufarbeitung der Diktatur gegeben", sagt Bernecker.

Nach der Jahrtausendwende verabschiedeten die Sozialisten unter dem damaligen Premier José Luis Zapatero das sogenannte "Gesetz des historischen Gedächtnisses" (ley de memoria histórica). Es sah unter anderem vor, Tausende oft in Massengräbern oder in der Wildnis verscharrten Opfer des Regimes zu exhumieren. Und franquistische Symbole von öffentlichen Gebäuden und Plätzen zu entfernen.

Doch als die PP wieder die Macht übernahm, strich sie das Budget für die Umsetzung des Gesetzes zusammen. Und manche Kommunen behielten die alten Namen und Symbole einfach bei. Laut dem Justizministerium waren im Februar 2019 noch mindestens 1170 Straßen und Plätze landesweit nach Vertretern der Diktatur benannt. In der Exklave Melilla steht eine Franco-Statue. Dörfer wie Llanos del Caudillo oder Guadiana del Caudillo tragen bis heute den Titel des "Führers". Und für den Unterhalt der von Benediktinermönchen verwalteten Grabeskathedrale kommt zum Teil der Steuerzahler auf. Der Orden ist selbstredend gegen die Umbettung, der Vatikan hält sich raus.

ANGELA RIOS/ AFP

Franco-Statue in Melilla

Unschöne Vergleiche im Katalonien-Konflikt

Dass Franco jetzt wieder so polarisiert, liegt auch am Katalonien-Konflikt. Manche Separatistenpolitiker haben nicht davor zurückgeschreckt, Institutionen des demokratischen Spanien mit denen der Franco-Zeit zu vergleichen, als die Katalanen mit Gewalt unterdrückt wurden. Das war überzogen und sorgte für böses Blut. In sozialen Netzwerken heizte sich die Debatte weiter auf. "Und die Rechte, allen voran Vox", sagt Bernecker, "instrumentalisiert diese Emotionen nun für ihren Wahlkampf."

Sánchez' Regierung will auch bei ihren Wählern punkten. Kürzlich hat sie 656 Kommunen angewiesen, verbliebene Franco-Symbole wie Gedenktafeln oder Schilder aus den Stadtbildern zu entfernen. Die Sozialisten haben den Umfragen zufolge mittlerweile passable Chancen, die Wahl zu gewinnen. Behalten sie die Macht, kann sie nur noch Spaniens Oberster Gerichtshof an der Umbettung hindern. Dort haben Francos Enkel Klage eingereicht.

Wie auch immer der Knochenstreit ausgeht: dem Valle de los Caídos bringt er Geld. Vor den Kassenhäuschen an der Zufahrtsstraße stauen sich neuerdings immer wieder die Autos. Von Januar bis März 2019 zahlten mehr als 81.000 Besucher den Eintritt von neun Euro - fast 75 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Wenn Franco weg muss, werden die Zahlen dramatisch einbrechen. Aber die anderen Toten können dann endlich in Frieden ruhen.

insgesamt 18 Beiträge
just me 25.04.2019
1. Spanien ist nicht Deutschland
An diesem Beispiel sieht man wieder, dass man nicht, was viele Leute tun, wenn es in Artikeln über Katalonien bzw. Spanien geht, Spanien und Deutschland vergleichen kann. Es gibt da noch viele andere Beispiele dazu, wie z.B. die [...]
An diesem Beispiel sieht man wieder, dass man nicht, was viele Leute tun, wenn es in Artikeln über Katalonien bzw. Spanien geht, Spanien und Deutschland vergleichen kann. Es gibt da noch viele andere Beispiele dazu, wie z.B. die Veröffentlichung von Rivera von Namen und Fotos von neun unschuldigen katalanische Bürgern, die Strafe die ein Katalana bezahlen sollte weil er in Barcelona Katalanisch sprach (suchen nach: multa 601 Euro, El Prat), die Idee von Cs/PP/Vox das ein Beamter in Katalonien nicht mehr Katalanisch sprechen muss, die Idee TV3 zu kontrollieren, usw.
Thorsten_Barcelona 25.04.2019
2. Die Knochen polarisieren weniger ...
Die sterblichen Überreste von Franco sind eher ein Nebenthema. Auf der einen Seite haben wir die Ultrarechten von VOX, die sich noch rechts von der AfD ansiedeln, zusammen mit der PP und Ciuderanos, die beide schon dank VOX in [...]
Die sterblichen Überreste von Franco sind eher ein Nebenthema. Auf der einen Seite haben wir die Ultrarechten von VOX, die sich noch rechts von der AfD ansiedeln, zusammen mit der PP und Ciuderanos, die beide schon dank VOX in Andalusien regieren. Diese wollen das Spanien von 1982 und davor, entsprechende Abtreibungsgesetze und Stierkämpfe für alle. Auf der anderen Seite haben wir die Linken, PSOE und Podemos, wobei die PSOE eher der SPD entspricht und Podemos wirklich links ist, die progressiv sind. Und dann gibt es noch die Unabhängigkeitsparteien, die weg wollen von Spanien. Die Knochen sind da doch eher nebensächlich bei der Polarisierung und war eher Anfang des Jahres in den Nachrichten.
wi_hartmann@t-online.de 25.04.2019
3. Demokratie in Spanien
Die Demokratie ist in Spanien bis heute eigentlich nie richtig ange- kommen. Autonomiebewegungen in verschiedenen Regionen werden mit fragwürdigen Methoden aus Madrid abgewürgt, deren Protagonisten mit Gesetzen aus Frankos [...]
Die Demokratie ist in Spanien bis heute eigentlich nie richtig ange- kommen. Autonomiebewegungen in verschiedenen Regionen werden mit fragwürdigen Methoden aus Madrid abgewürgt, deren Protagonisten mit Gesetzen aus Frankos Zeiten mundtot gemacht. Um vor anstehenden Wahlen von diesen Problemen abzulenken, wird vor diesem Hintergrund ein völlig belangloses Thema wie die 40 Jahre alte Grabstätte Frankos aufgemacht.
Moving Forward 25.04.2019
4. Was wäre der deutsche Journalismus ohne Franco-Nostalgie?
Da hat´s zwei Talk-Runden der Spitzenkandidaten für die anstehenden Regierungswahl gegeben und weder von Herrn Hecking oder sonst einem deutschen Journalisten war irgendwas zu hören als dort über Arbeitslosigkeit, Migration, [...]
Da hat´s zwei Talk-Runden der Spitzenkandidaten für die anstehenden Regierungswahl gegeben und weder von Herrn Hecking oder sonst einem deutschen Journalisten war irgendwas zu hören als dort über Arbeitslosigkeit, Migration, Erziehung, Arbeitslosigkeit, Umweltschutz, Wirtchaft und Staatsverschuldung gesprochen wurde aber wen schert´s. Da sind der Verbleib der Knochen eines fachistischen Diktators doch wesentlich interessanter gelle Hr. Hecking?
spiegerlguckerl 25.04.2019
5. Es liegen ausser Franco in Spanien noch viele andere Leichen in Keller
Spanien wird von seiner eigenen unaufgearbeiteten Geschichte weit vor, während, und nach Franco heimgesucht. Es liegt in der Verantwortung der Spanier, sich zu entscheiden, ob sie diesen schmerzlichen und mühevollen Prozess [...]
Spanien wird von seiner eigenen unaufgearbeiteten Geschichte weit vor, während, und nach Franco heimgesucht. Es liegt in der Verantwortung der Spanier, sich zu entscheiden, ob sie diesen schmerzlichen und mühevollen Prozess durchmachen wollen oder nicht. Diese Entscheidung bestimmt ihre Zukunft. Ich wage zu sagen, dass nicht nur Spanien sondern ganz Europa, einzelne Völker bzw. Staaten und Völker und Staaten zusammen, noch immer nicht genug getan hat, die Ursachen und Folgen beider Weltkriege offen und vorbehaltlos aufzuarbeiten. Eine steile These vielleicht. Der um sich greifende Populismus jedoch ist ein deutlichens Zeichen. Nur der amoklaufenden neoliberalen Globalisierung (deren Ursprung in der Gegenreaktion zu FDR's New Deal Politik liegt und die mit dessen Tod 1945 begann) dafür die Schuld zu geben, ist zu kurz gedacht.

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