Politik

Nach Patzer beim TV-Duell

Trump plant schon den nächsten Angriff

Nach seinem missglückten Auftritt beim TV-Duell beleidigt Donald Trump ein Model und will Hillary Clintons Privatleben thematisieren. Dabei ist die Demokratin bei einem anderen Punkt verwundbarer.

AFP

Donald Trump

Von , Washington
Mittwoch, 28.09.2016   07:22 Uhr

Zwei Kandidaten, zwei Launen. Der eine, Donald Trump, lässt sich am Tag nach der TV-Debatte in die Fernsehstudios schalten. Niederlage? Von wegen, brummelt er. "Das sehe ich überhaupt nicht so." Die Gesamtlage sei schwierig für ihn gewesen, der Moderator unfair, das Soundsystem miserabel. "Das Mikro war viel tiefer bei mir als bei ihr, und es hat geknistert", so der Milliardär.

Im Video: Trump beschwert sich über schlechtes Mikrofon

Foto: AFP

Die andere, Hillary Clinton, steigt etwa zur gleichen Zeit in ihr Kampagnenflugzeug, um nach North Carolina zu reisen. Clinton ist in bester Stimmung, sie winkt, sie lacht, und sie kann sich einen kleinen Seitenhieb auf ihren Rivalen nicht verkneifen. "Wer sich über ein Mikro beschwert", sagt Clinton, "hatte keinen guten Abend." Und Abflug.

Das Duell an der Hofstra-Universität scheint etwas durcheinander gebracht zu haben. Eben noch strotzte Trump vor Kraft, trieb Clinton vor sich her und freute sich über steigende Umfragezahlen. Jetzt inszeniert sich die Demokratin als Comeback-Kandidatin. Aber was will das schon heißen. Der Effekt der Debatte wird wohl erst in einigen Tagen feststehen, und der US-Wahlkampf ist derart schnelllebig, dass Ende der Woche auch alles schon wieder anders sein kann.

Niemand im Trump-Team aber dürfte über seine Performance wirklich erfreut sein. Zu häufig wurde er in der TV-Debatte von Clinton als Mann hingestellt, der sein eigenes Fortkommen über das normaler Amerikaner setzt. Statt über Clintons Schwächen sprechen weite Teile des Landes plötzlich über Trumps Weigerung, seine Steuererklärung zu veröffentlichen. Und als hätten die Demokraten die TV-Debatte als große Gesamtkomposition geplant, streuen sie parallel Werbevideos eines ehemaligen Models, das der Milliardär einst als "Fressmaschine" bezeichnete, weil sie nach einem von ihm organisierten Schönheitswettbewerb ein paar Kilo zugelegt hatte.

Die Highlights des TV-Duells im Video:

Foto: AP

Die Frau, Alicia Machado, fungiert in Clintons Kampagne nun als wichtige Zeugin, um den Sexismus des Geschäftsmanns zu belegen. Trump selbst bestreitet nicht, einst den Körperumfang der Miss-Universe-Siegerin thematisiert zu haben. Im Gegenteil. Am Dienstag legt er im Telefoninterview mit dem Sender Fox noch einmal nach. "Sie war die schlechteste, die wir je hatten. Wirklich die schlechteste", erinnert sich Trump: "Nach ihrem Sieg hat sie massiv an Gewicht zugelegt."

Die Lästerei ist nur ein Beispiel dafür, wie unruhig Trump sechs Wochen vor der Wahl auf einmal wieder ist. Fieberhaft suchen seine Leute nun nach einem neuen Thema. Es gibt erste Ansätze: Rudy Giuliani, einer der engsten Vertrauten des Kandidaten, rät Trump zum Schockeffekt. Er solle doch so lange weitere TV-Debatten boykottieren, bis er vom Moderator "die Garantie erhält, dass er wie ein Journalist agiert", meint New Yorks Ex-Bürgermeister.

Trump feilt an einer anderen Strategie. Womöglich müsse er Clinton einfach härter angreifen, sagt er - obwohl eher mangelnde Sachkenntnis als fehlende Aggressivität sein Problem in der Debatte zu sein schien. (Hier lesen Sie mehr über die Patzer der Kandidaten.)

Trump liebäugelt damit, die Affären von Bill Clinton zur Sprache zu bringen und seine Rivalin als Frau hinzustellen, die lieber ihrem lüsternen Ehemann die Treue hielt, statt sich mit den Opfern zu solidarisieren. Am Montag habe er sich noch zusammengerissen und auf entsprechende Anspielungen verzichtet, sagt Trump: "Ich wollte keine Gefühle verletzen." Doch nun, nachdem die Demokratin ihn düpierte, sieht er das Privatleben der Clintons als Chance zur Revanche.

Im Team von Clinton hört man solche Ankündigungen gerne. Erstens glaubt man dort nicht, dass die alten Affären die Wähler noch wirklich interessieren. Zweitens sei der mehrfach geschiedene Trump sicher kein glaubwürdiger Vertreter eines traditionellen Familienbilds. Was in der demokratischen Euphorie über Clintons Auftritt allerdings untergeht, ist die Tatsache, dass in der TV-Debatte ein ganz anderer Punkt zur Sprache kam, der die Kandidatin in den kommenden Wochen noch belasten dürfte: der Freihandel.

Clintons Achillesferse

Kaum ein Thema ist in wichtigen Bundesstaaten des Mittleren Westens - also Ohio, Michigan und Wisconsin - relevanter. In der Gegend machen viele Wähler Freihandelsabkommen wie das von Bill Clinton unterzeichnete Nafta für die Deindustrialisierung verantwortlich. Trump hat hier eine klare Haltung, er lehnt neue Freihandelsabkommen ab, will alte nachverhandeln und sich damit als Jobschützer inszenieren.

Das Thema ist Clintons Achillesferse. Die Ex-Außenministerin hat ihre Haltung auf diesem Feld mehrfach verändert. Gleich zu Anfang des TV-Duells hatte Trump sie dafür angegriffen und ihr vorgeworfen, den transpazifischen Freihandelsvertrag TPP einst als "Goldstandard" der Handelsabkommen bezeichnet, ihn dann aber aus Opportunität im Wahlkampf abgelehnt zu haben. Das ist nicht falsch, und der Vorwurf ist durchaus geschickt. Indem er den auch unter vielen linken Amerikanern unpopulären Freihandel im Wahlkampfendspurt mit Clinton verknüpft, will er sie in den großen Swing States des sogenannten Rust Belt schwächen.

Die nächste TV-Debatte ist am 9. Oktober. Neben der Schmutzkampagne dürfte Trump erneut auch diese Auseinandersetzung suchen - dann aber besser vorbereitet.

Clinton vs. Trump - Wer liegt in den Umfragen vorn?

Das TV-Duell zur US-Wahl in voller Länge

insgesamt 229 Beiträge
pansatyr 28.09.2016
1. Trump agiert
wie ein Rowdie im Sandkasten; erbärmlich.
wie ein Rowdie im Sandkasten; erbärmlich.
cm1 28.09.2016
2. Konservative USA
Inwiefern würde es Trump im Wahlkampf nutzen, die Affären von Herrn Clinton zu thematisieren, wenn er selbst mehrfach verheiratet war (und evtl sogar selbst Affären hatte). In den konservativen und angeblich christlichen USA [...]
Inwiefern würde es Trump im Wahlkampf nutzen, die Affären von Herrn Clinton zu thematisieren, wenn er selbst mehrfach verheiratet war (und evtl sogar selbst Affären hatte). In den konservativen und angeblich christlichen USA dürfte eine jahrzehntelange Ehe mit Ups and Downs ein Pluspunkt für Frau Clinton sein und näher an der Lebenswelt vieler Amerikaner.
mostly_harmless 28.09.2016
3. Normal ....
... wer weder ein ansatzweise konsistentes Programm hat, noch bezüglich Kompetenz auch nur tendentiell mithalten kann, muss sich halt auf sowas verlegen.
... wer weder ein ansatzweise konsistentes Programm hat, noch bezüglich Kompetenz auch nur tendentiell mithalten kann, muss sich halt auf sowas verlegen.
jjcamera 28.09.2016
4. Ende der westlichen Demokratien
Ein Wahlkampf frei von politischen Aussagen und Argumenten, gebaut auf persönlichen Verleumdungen, Beschimpfungen und auf Skandale oder den Gesundheitszustand der Kandidaten... Die ungebildete, einfältige und von nationalem [...]
Ein Wahlkampf frei von politischen Aussagen und Argumenten, gebaut auf persönlichen Verleumdungen, Beschimpfungen und auf Skandale oder den Gesundheitszustand der Kandidaten... Die ungebildete, einfältige und von nationalem Geist erfüllte Mehrheit bekommt überall auf der Welt mehr und mehr das Sagen. Dem ist die Demokratie nicht gewachsen. Sie ging einmal von der Idee aus, dass man die klügsten und besten Köpfe des Landes zu seinen Anführern macht.
Fackel01 28.09.2016
5. Wahl zwischen
Pest und Cholera. Weder Trump noch Clinton sind überzeugende Kandidaten. Trump ist jenseits von Gut und Böse und Clinton ist nun wirklich weder inhaltlich noch persönlich die Lichtgestalt. Bloss leider alternativlos.
Pest und Cholera. Weder Trump noch Clinton sind überzeugende Kandidaten. Trump ist jenseits von Gut und Böse und Clinton ist nun wirklich weder inhaltlich noch persönlich die Lichtgestalt. Bloss leider alternativlos.
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