Politik

Würdigungen

"Wiesenthal war der größte Kämpfer unserer Generation"

Viele Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens haben den in Wien im Alter von 96 Jahren verstorbenen Simon Wiesenthal gewürdigt. Alt-Bundeskanzler Kohl sagte: "Simon Wiesenthal hat beinahe Übermenschliches geleistet". Hier eine Zusammenstellung.

Dienstag, 20.09.2005   15:30 Uhr

Hamburg - Der österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel hat Simon Wiesenthal als "unermüdlichen Kämpfer gegen das Vergessen" gewürdigt. "Ihm ging es immer um Gerechtigkeit, nicht Rache, wie auch sein Lebensmotto lautete", erklärte Schüssel. "Ich bin tief betroffen über seinen Tod. Trotz seiner persönlichen Erlebnisse ging es Wiesenthal stets darum, wachsam zu sein und mit dieser Wachsamkeit dafür zu sorgen, dass sich die fürchterlichste Epoche unserer Geschichte in keiner Weise wiederholen kann." Österreich werde Wiesenthal und seine Arbeit in Ehren halten.

Der israelische Präsident Mosche Katzav hat Wiesenthal wegen seines Einsatzes für eine "bessere Welt" gewürdigt. Wiesenthal habe den "menschlichen Anstand" verkörpert sowie "die freie und demokratische Welt". Er habe sein Leben dem Kampf gegen Rassismus, Antisemitismus und Nazismus gewidmet und maßgeblich dazu beigetragen, kommenden Generationen eine bessere Welt zu hinterlassen, sagte Katzav bei einem Staatsbesuch in der lettischen Hauptstadt Riga. "Simon Wiesenthal war der größte Kämpfer unserer Generation", sagte Katzav nach einem Gespräch mit der lettischen Präsidentin Vaira Vike-Freiberga.

Altbundeskanzler Helmut Kohl nannte den Verstorbenen eine "große Persönlichkeit". Er habe sich zeitlebens für "Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit gegenüber Jedermann" eingesetzt, heißt es in einem in Berlin veröffentlichten Schreiben. "In über fünf Jahrzehnten hat er dabei beinahe Übermenschliches geleistet", schreibt Kohl. Sein Kampf gegen das Verbrechen sei auch an die junge Generation gerichtet gewesen, um ein Wiederaufleben des Antisemitismus und nationalsozialistischen Denkens zu verhüten.

Bundespräsident Horst Köhler erklärte in Berlin, Wiesenthal sei es nicht um Rache, sondern um Recht gegangen. Der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, bezeichnete den Tod Wiesenthals als großen Verlust. Er habe durch seinen jahrzehntelangen Einsatz dafür gesorgt, dass auch nachfolgende Generationen wüssten, wer für die Gräueltaten der Nazis verantwortlich gewesen sei, erklärte Spiegel. "Er wird uns als das Gewissen des Holocaust in Erinnerung bleiben."

Der französische Präsident Jacques Chirac hat den Verstorbenen als "unermüdlichen Kämpfer für Recht und Gerechtigkeit" bezeichnet. Wiesenthal habe sein Leben einem klaren Ziel verschrieben: "Er hat mit nicht nachlassender Energie und Hartnäckigkeit in der ganzen Welt Nazi-Verbrecher gejagt, um sie an die Justiz zu liefern", sagte Chirac in Paris.

Der außenpolitische Beauftragte der EU, Javier Solana, nannte Wiesenthal einen "besonderen Menschen und großen Europäer". "Wiesenthal war sowohl ein Opfer als auch ein Zeuge des Holocaust", heißt es in einer in Brüssel veröffentlichten Erklärung Solanas. "Seine Antwort auf ein Verbrechen von unvergleichbaren Ausmaßen war es nicht, Rache zu suchen, sondern Gerechtigkeit zu fordern." Wiesenthals Arbeit sei "eine Inspiration für alle, die der Überzeugung sind, dass Frieden auf Gerechtigkeit, Toleranz und Menschenrechten beruhen muss".

Der frühere stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedman, würdigte den Verstorbenen als "gerechten und weisen Menschen". Er habe das Verdrängen niemals akzeptieren wollen, sagte Friedman im Deutschlandradio Kultur. Er hob Wiesenthals Verdienste um die Aufarbeitung der Vergangenheit und der Strafverfolgung von NS-Verbrecher hervor. Wiesenthal habe damit gleichzeitig den Holocaust transparent gemacht.

Der französische Anwalt Serge Klarsfeld bezeichnete Wiesenthal als eine "legendäre Persönlichkeit". Wiesenthals Tod bedeute das Ende einer Epoche. "Eine legendäre Persönlichkeit hat uns verlassen", erklärte er in Paris.

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Albert Meyer, sagte der "Netzeitung" zufolge, die Verdienste Wiesenthals könnten "nicht hoch genug bewertet" werden. Die Aufklärung und Verfolgung von Nazi-Verbrechen durch Wiesenthal sei bedeutend, "da in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg nicht nur die Bundesrepublik, sondern auch die anderen europäischen Länder sehr zögerlich an die Aufarbeitung gegangen" seien. Er äußerte die Hoffnung, dass Wiesenthals Tod "nicht ein Schlussstrich unter die Aufarbeitung der Verbrechen der Nazi-Diktatur" bedeute. "Insoweit hat Simon Wiesenthal uns einen Auftrag hinterlassen."

Auch der Leiter der "Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen", Kurt Schrimm, hat die Arbeit und das Wirken Wiesenthals gewürdigt. "Wiesenthal hatte mehrere Konzentrationslager überlebt. Sein Ziel, Nazi-Verbrecher aufzuspüren, bleibt weiter auch unser Bestreben und gesetzliche Aufgabe", sagte Schrimm in Ludwigsburg.

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