Politik

Zweite TV-Debatte der US-Demokraten

Drei Gewinner, viele Verlierer

Wer tritt 2020 gegen Donald Trump an? Bei der zweiten TV-Debatte der US-Demokraten überzeugte überraschend Senatorin Kamala Harris. Spitzenreiter Joe Biden und Bernie Sanders dagegen gerieten aus der Spur.

Foto: Wilfredo Lee/ AP
Von und , Miami und New York
Freitag, 28.06.2019   06:48 Uhr

Es sind noch mehr als 16 Monate bis zur nächsten US-Präsidentschaftswahl am 3. November 2020. Doch der Politbetrieb der Vereinigten Staaten steckt schon vollständig im Wahlfieber. Bei der zweiten TV-Debatte der demokratischen Präsidentschaftsbewerber in Miami gingen die Kontrahenten hart miteinander ins Gericht - spürbar härter als bei der Debatte der ersten Riege am Abend zuvor, an die sich plötzlich keiner mehr erinnerte.

Insgesamt blieb den zehn Kontrahenten zwei Stunden Sendezeit, um sich einem Millionenpublikum zu präsentieren. Wie bereits die zehn Kandidaten am Vortag mussten nun auch die Bewerber am Donnerstag Fragen zu Themen wie Waffenkontrolle, Gesundheitspolitik oder Klimaschutz beantworten. Erstaunlicherweise spielte US-Präsident Donald Trump auch diesmal keine prominente Rolle, stattdessen versuchten die Aspiranten, ihre eigenen Ideen und Visionen vorzustellen.

Wer konnte überzeugen? Welche Favoriten gerieten ins Straucheln? Wer konnte überraschen? Hier die - in Teilen überraschende - Liste der Gewinner und Verlierer.

GEWINNERIN: KAMALA HARRIS

Mike Segar/ REUTERS

Insider lieben sie für ihre feurigen Auftritte und Zeugenverhöre bei Senatsanhörungen. Doch jetzt konnte Kamala Harris ihr rhetorisches Talent vor Millionen TV-Zuschauern beweisen - und wurde über Nacht zum neuen Star des Rennens. Die Ex-Justizministerin Kaliforniens zerpflückte Trumps Steuerreform, überzeugte in der Klimadebatte und spielte die souveräne Internatsaufseherin, als die anderen minutenlang durcheinander brüllten: "Hey Leute, Amerika will keine Cafeteria-Schlacht sehen."

Doch ihre Sternstunde kam zu Beginn der zweiten Hälfte: Da holte die einzige Schwarze im Rennen zum offenbar gut einstudierten Schlag gegen den bisherigen Spitzenreiter, Ex-Vizepräsident Joe Biden, aus, indem sie ihn in seine eigenen Worte wickelte - namentlich seine milden Aussagen über Rassisten, mit denen er früher zusammengearbeitet hatte. Fast unter Tränen erzählte sie von ihrer eigenen Erfahrung als Kind mit der Segregationspolitik, die Biden damals noch mit duldete. Ein K.o.-Schlag, von dem sich der irritierte Biden an dem Abend nicht mehr erholte.

VERLIERER: JOE BIDEN

Mike Segar/ REUTERS

Biden hatte eigentlich ein leichtes Spiel, er musste nur nichts falsch machen. Also zupfte er gekonnt an den üblichen Emotionsstrippen, erzählte vom Unfalltod seiner ersten Frau und Tochter und vom Krebstod seines ältesten Sohnes. Er regte sich laut über inhaftierte Migrantenkinder auf und beschwor seine enge Verbindung zu Barack Obama. Seine gute Position in der Bühnenmitte und in den Umfragen sorgte zudem dafür, dass er häufiger zu Wort kam als alle anderen.

Doch Bidens Antworten waren verschachtelt und klangen mit ihren Opa-Einschüben ("folks!") teils wie aus einer lang vergangenen Ära. Schließlich versetzte ihm Harris - siehe oben - den Kinnhaken, indem sie seine frühere Zusammenarbeit mit rassistischen Senatoren thematisierte. Der Schlagabtausch verdeutlichte Bidens Schwachstelle: Er steht für das Alte, Überkomme - und ist unfähig, sich zu entschuldigen. Zum Schluss seiner mühsamen Rechtfertigung sagte er: "Egal, meine Zeit ist vorbei. Tut mir leid."

GEWINNER: PETE BUTTIGIEG

Wilfredo Lee/ AP

Der Bürgermeister von South Bend nutzte die TV-Debatte, um seinen Bekanntheitsgrad weiter zu steigern. Anders als der andere Jungstar im Feld der Kandidaten, Beto O'Rourke, der am Vortag patzte, war Buttigieg bestens vorbereitet. So wirkte er geschmerzt authentisch, als er zugab, dass es ihm bisher nicht gelungen sei, in seiner Heimatstadt das Problem des Rassismus' bei der Polizei in den Griff zu bekommen.

Zugleich punktete er mit seinem Vorschlag beim Thema Studiengebühren. Im Gegensatz zu vielen anderen Kandidaten der Demokraten will er diese nicht pauschal abschaffen. Künftig sollten nur Kinder aus ärmeren Familien eine Entlastung bekommen, aber er sehe nicht ein, dass normale Arbeiter mit ihren Steuern für die Kinder der Reichen die Studiengebühren bezahlten, sagte Buttigieg. Diese Gruppe könnte auch weiter Studiengebühren finanzieren. Das wirkte pragmatisch und zugleich sozial - eine Mischung, die bei vielen demokratischen Wählern gut ankommen könnte.

VERLIERER: BERNIE SANDERS

Drew Angerer/ AFP

Der Altlinke aus Vermont hatte keinen schlechten Auftritt. Aber er konnte kaum überraschen: Sanders wiederholte fast wortgleich die gleichen Formeln aus seinem Wahlkampf 2016, schimpfte auf die großen Konzerne und die Banker der Wall Street, attackierte Donald Trump als "Lügner" und "Betrüger". Doch es fehlten neue Idee. So begeistert Sanders vielleicht seine eingefleischten Fans, doch es dürfte für ihn schwer werden, über diese Gruppe hinaus neue Wählerschichten zu erreichen.

Und er hat ernste Konkurrenz: Am Vortag hatte die linke Senatorin Elizabeth Warren im ersten TV-Duell einen überzeugenden Auftritt hingelegt. Sie ist auch eine Linke wie Sanders, spricht ähnliche Wähler an, dabei wirkt sie aber frischer, konzentrierter. Kein Wunder, dass sie in den Umfragen bereits seit einiger Zeit zulegt, während Sanders abbaut. Dieser Trend könnte sich nach diesem TV-Abend jetzt fortsetzen.

GEWINNERIN: MARIANNE WILLIAMSON

Wilfredo Lee/ AP

Marianne Who? Die Selbsthilfe-Bestsellerautorin und Wellness-Dozentin war bisher nur einer kleineren, doch ergebenen Fangemeinde vertraut. Diese Debatte war ihre einzige Chance, aus dem Nullprozent-Keller zu klettern, und anders als die anderen No-Names nutzte sie diese Gelegenheit - auch wenn es eine halbe Stunde dauerte, bis die Moderatoren ihr eine Frage stellten und sie erstmals zu Wort kommen ließen.

Und was sie sagte, saß. Sie nannte die US-Praxis der Zwangstrennung von Migrantenfamilien "Kindesentführung" und ein "staatliches Verbrechen", das Amerikas "moralischen Kern" zerstöre. Sie war die Erste, die die jahrzehntelange US-Politik in Zentralamerika für die Flüchtlingskrise verantwortlich machte. Sie propagierte eine Politik für Umwelt, Seele, Psyche und Liebe: "Die Liebe wird gewinnen." Leider dürfte das in einem Selbsthilfeseminar mehr Nachhall haben als im US-Präsidentschaftswahlkampf.

VERLIERER: DIE ANDEREN

Drew Angerer/ AFP

Ach ja, es waren auch noch fünf andere Kandidaten auf der Bühne. Ein paar waren schon vorher relativ bekannt, doch stachen nicht weiter hervor: Senatorin Kirsten Gillibrand, der Abgeordnete Eric Swalwell, Colorados Ex-Gouverneur John Hickenlooper. Der Rest dürfte auch nach diesem Abend keinen prägenden Eindruck hinterlassen haben.

Der Abgeordnete Michael Bennet rasselte in 60 Sekunden seinen Lebenslauf herunter, inklusive seiner kürzlichen Prostatakrebserkrankung. Und der frühere Silicon-Valley-Unternehmer Andrew Yang tat, was Silicon-Valley-Unternehmer am besten können: Er verkleidete neue, interessante Ideen in drögem, verklausuliertem, uncharismatischem Wortsalat. Da fehlte nur noch ein Spreadsheet und ein Whiteboard.

insgesamt 24 Beiträge
kzs.games 28.06.2019
1. anti-alt-politik
ich (25) verstehe nicht, was an der "Politik der Alten" (Joe Biden etc.) so schlecht sein soll. es ist schließlich diese Politik die uns zu dem gebracht hat was wir haben. man kann sagen was man will, aber es geht uns [...]
ich (25) verstehe nicht, was an der "Politik der Alten" (Joe Biden etc.) so schlecht sein soll. es ist schließlich diese Politik die uns zu dem gebracht hat was wir haben. man kann sagen was man will, aber es geht uns ziemlich gut (Mal vergleichen mit Afrika, Südamerika, dem nahen Osten). und ich hab lieber jemand mit Lebenserfahrung und einer soliden Position als politischen Führer als so'n snowflake-politiker aus meiner Generation der komplett verweichlicht ist und überall emotional argumentiert und die Opfer-Karte zieht. ich hätte auch lieber eine "Mad Dog" Mattis als Verteidigungsminister als ne V.D.L., der anscheinend alles wichtiger ist als der tatsächliche Kampfwert der Truppe
horstenporst 28.06.2019
2.
Sanders ist also ein Verlierer, weil er konsistent in seinen politischen Ansichten ist. Mit fairem Journalismus hat das nichts zu tun! Übrigens sind es Themen, die 2016 von Sanders gesetzt wurden, auf die jetzt viele andere [...]
Sanders ist also ein Verlierer, weil er konsistent in seinen politischen Ansichten ist. Mit fairem Journalismus hat das nichts zu tun! Übrigens sind es Themen, die 2016 von Sanders gesetzt wurden, auf die jetzt viele andere Kandidaten aufspringen: Medicare for all, höhere Steuern für Reiche, kostenlose Bildung ...
RalfHenrichs 28.06.2019
3. Ist doch egal
Die Dems haben bis heute die wirkliche Ursache ihrer Niederlage gegen Trump aufgearbeitet. Jetzt geht die Selbstzerfleischung los und am Ende gewinnt irgendjemand, den zwar die relative Mehrheit der Dems gewählt hat, den die [...]
Die Dems haben bis heute die wirkliche Ursache ihrer Niederlage gegen Trump aufgearbeitet. Jetzt geht die Selbstzerfleischung los und am Ende gewinnt irgendjemand, den zwar die relative Mehrheit der Dems gewählt hat, den die absolute Mehrheit der Dems aber nicht gewählt hat. Und die Reps stehen fast geschlossen hinter Trump (zwar viele nicht begeistert und eher zähneknischend, aber sie werden hinter ihm stehen). Daher sind die Dems chancenlos.
Ishibashi 28.06.2019
4. persönliche Meinung
es ist Schade dass in dem Artikel keine Umfragewerte oder Meinungen von anderen Beobachtern erwähnt werden. Nur die eigene Meinung zu verbreiten ist wenig informativ.
es ist Schade dass in dem Artikel keine Umfragewerte oder Meinungen von anderen Beobachtern erwähnt werden. Nur die eigene Meinung zu verbreiten ist wenig informativ.
pnegi 28.06.2019
5. Herr Nelles...
...SPON ist wieder mal auf der falschen Spur. Ich habe den Artikel Ihrer Kollegen zur ersten Runde nochmal gelesen, da wird die laut Google Trends eindeutige Siegerin der Debatte mit einem einzigen Satz zittiert: "Tulsi [...]
...SPON ist wieder mal auf der falschen Spur. Ich habe den Artikel Ihrer Kollegen zur ersten Runde nochmal gelesen, da wird die laut Google Trends eindeutige Siegerin der Debatte mit einem einzigen Satz zittiert: "Tulsi Gabbard, Kongressabgeordnete aus Hawaii, berichtete von ihrer Zeit als Soldatin im Irak." Recht irritierend, wenn man wie ich die ganze Debatte sah. Und nun nach der zweiten Runde wird klar, es sind 19 gegen eine Kandidatin. Kriegstreiber gegen eine Kriegsgegnerin. Und das macht Tulsi zur Favoritin. Kamala steht lediglich für Klassenkampf, wie viele andere Demokraten auch. Damit gewinnt man keine Präsidentschaft. Tulsi hingegen steht für Einigung der Nation. Und das macht sie zur einzigen Kandidatin, die Trump schlagen könnte. Trump hat seine Wahl vor allem dadurch gewonnen, dass er den ganzen Interventionismus der Amis, all das sinnlos verpulverte Geld für Kriege aller Art, dass er diesen Wahnsinn stoppen wollte. Das war der Hauptunterschied zur Kriegstreiberin Clinton. Vor allem deshalb hat er gewonnen. Nun, er hat sein Versprechen gebrochen. Tulsi kann ihn damit vorführen. Sie kann glaubhaft machen, dass sie dem ganzen Spuk ein Ende setzen wird. Und damit viele Stimmen im Republikanischen Lager gewinnen. Die Massen werden hinter ihr stehen, weil sie mittlerweile am eigenen Leib spüren, dass das ihr Land zerstört. Und das macht sie so gefährlich für die Globalisten und deshalb bekämpfen sie sie jetzt schon. Oder verschweigen sie, wie Ihre Kollegen bei SPON es tun. Worin ich übrigends mit Ihnen übereinstimme; die beiden alten Säcke, Biden und Sanders, sind bereits jetzt draussen.

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