Politik

Bundeswehr

Die AfD und ihr Drei-Sterne-General

Offiziere a. D. gibt es in der AfD einige - aber nun will für sie sogar ein früherer Drei-Sterne-General als Oberbürgermeister-Kandidat antreten. Ist die Bundeswehr besonders attraktiv für die Rechtsaußenpartei?

Joachim Sielski/ imago images

Ex-General Wundrak (Archivbild von 2014)

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Freitag, 26.07.2019   19:22 Uhr

Noch ist Joachim Wundrak kein offizieller Kandidat für die Oberbürgermeister-Wahl in Hannover. Doch schon seine Bereitschaft, anzutreten, schlägt hohe Wellen. Denn Wundrak, 64, ist nicht nur Mitglied der AfD, sondern war bis vor Kurzem auch Drei-Sterne-General. Erst vergangenen September wurde er mit einem öffentlichen Zapfenstreich verabschiedet. Damit ist Wundrak bislang der ranghöchste ehemalige Offizier, der für die Partei ein politisches Amt anstrebt.

Der Ex-Luftwaffengeneral ist noch nicht lange in seiner neuen politischen Heimat. Bis 2014 war er sechs Jahre lang in der CDU, erst im Januar 2018 wurde er nach eigenen Angaben offizielles Mitglied der AfD - damals war Wundrak noch als Generalleutnant im Dienst.

Unter Generälen der Bundeswehr sorgt der Fall schon seit Monaten für Kopfschütteln. Dass einer aus dem Kreis der Topoffiziere, die sich auch als geistige Elite der Truppe begreifen, ein Sprachrohr der rechtspopulistischen AfD wird - und damit auch ein mögliches Zugpferd für den Stimmenfang der Partei unter Soldaten -, hat andere Drei- und Vier-Sterne-Generäle erschüttert.

Markus van Offern/ imago images

Wundrak (M.) im März 2018 bei einem Appell

Wundrak hatte aus seiner AfD-Mitgliedschaft seinerzeit noch ein Geheimnis gemacht. Erst einen Tag nach der Verabschiedung im rheinischen Kalkar im September 2018, bei dem fast die gesamte Militärelite angetreten war, eröffnete Wundrak Kameraden und ehemaligen Vorgesetzten, dass er in die Partei eingetreten war. In den Gesprächen ließ Wundrak dem Vernehmen nach anklingen, als General habe er aus Sorge vor Repressalien stillgehalten.

Der General a. D. hat sich seine Entscheidung zur Oberbürgermeister-Kandidatur nach eigenen Worten nicht leicht gemacht. Ursprünglich habe er gar nicht vorgehabt, in der Partei ein Mandat anzustreben, sagt er dem SPIEGEL am Freitag. Er brauche das "weder finanziell noch für mein Ego". Vor 14 Tagen aber sei der Vorstand des AfD-Kreisverbands Hannover-Mitte mit der Bitte an ihn herangetreten, es sich zu überlegen. Nun muss am 6. August noch eine "Aufstellungsversammlung" des AfD-Kreisverbands über Wundraks Spitzenkandidatur entscheiden, es dürfte wohl Formsache sein.

Wundrak ist nicht der einzige Offizier in der AfD. Gleich eine ganze Reihe ehemaliger Soldaten hat es in die Partei gezogen, manche bekleiden Führungspositionen.

Oberst a. D. Lucassen durfte diese Woche als Verteidigungspolitiker nach der Vereidigung von Kramp-Karrenbauer für die AfD im Bundestag sprechen. Die neue Ministerin ging er hart an, nannte sie eine "sicherheitspolitische Novizin aus dem Saarland". Und Lucassen attackierte die Union: "Es ist unpatriotisch, wie die CDU mit unserer Sicherheit umgeht." Es gab Buhrufe aus den Reihen von CSU und CDU.

Die Union hat mit der AfD auch ein Bundeswehr-Problem bekommen. Ex-Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat die Armee zwar modernisiert, für Frauen geöffnet und für mehr Respekt für Homo- und Transsexuelle in der Bundeswehr geworben - aber ein Teil der Truppe fühlt sich dadurch erst recht herausgefordert. Dazu kommt, dass von der Leyen und Amtsvorgänger der Unionsparteien auch mit politischen Entscheidungen in der Bundeswehr aneckten - insbesondere der damalige CSU-Minister Karl-Theodor zu Guttenberg mit der 2011 erfolgten Aussetzung der Wehrpflicht.

Als der frühere Unionsfraktionschef Friedrich Merz vor wenigen Wochen warnte, dass CDU und CSU "Teile der Bundeswehr" an die AfD verlören, wurde er dafür zwar heftig von Unionspolitikern kritisiert - aber offenbar lag er nicht so falsch damit. Auch die Vielzahl von Reaktionen, die der CDU-Politiker nach SPIEGEL-Informationen anschließend aus der Truppe erreichte, bestätigten seine Sichtweise.

Die Grünen-Verteidigungspolitikerin Agnieszka Brugger sagt: "Ich würde nie in den Chor einstimmen, wir würden die Bundeswehr an die AfD verlieren." Aber sie räumt ein: "Natürlich gibt es große Unzufriedenheit, insbesondere über die Union, weil ihre Minister da in den vergangenen Jahren auch viele Fehler gemacht haben." Deshalb hätten "alle demokratischen Parteien die Verpflichtung, sich mehr und besser um die Soldatinnen und Soldaten zu kümmern".

Ähnlich wird das in anderen Parteien gesehen. "Die AfD steht für den deutschen Soldaten, der an der deutschen Grenze die deutsche Frau und das deutsche Kind verteidigt, diese national antiquierte Sicht der Welt ist erschreckend simpel und brandgefährlich", sagte die FDP-Abgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann.

AfD-Papier "Streitkraft Bundeswehr"

Jüngst erarbeiteten die Verteidigungsexperten der AfD-Bundestagsfraktion ein 51-Seiten-Papier unter dem Titel "Streitkraft Bundeswehr". Darin wird unter anderem ein 50.000 Soldaten umfassendes "Reservistenkorps" zur "Unterstützung der Polizei und des Grenzschutzes" verlangt, für dessen Einsatz im Inneren das Grundgesetz geändert werden müsste. Die "Wiedereinführung der Wehrpflicht" wird ebenso propagiert wie die Schaffung einer eigenen "Militärjustiz", zudem ein "Generalstab" der Bundeswehr. Einen solchen gab es seit der Kapitulation der Wehrmacht 1945 nicht mehr in Deutschland.

Auch sonst atmet das Papier, das Lucassen vorstellte, den Geist früherer Zeiten: Das "militärische Selbstverständnis und das Traditionsbild der deutschen Streitkräfte" dienten der Befähigung und der Motivation "jedes einzelnen Soldaten zum unerbittlichen Kampf im Gefecht". Auch will die AfD eine "Ehrung und gesellschaftliche Privilegierung der Soldaten der Bundeswehr" als eine "ressortübergreifende Aufgabe". Und es gibt eine Passage, die an den früheren DDR-Wehrkundeunterricht erinnert: Deutschland setze sich für "die Stärkung des Wehrwillens" innerhalb der Bundeswehr und "der gesamten Bevölkerung" ein.

Mit Blick auf den Fall Wundrak ist in vertraulichen Gesprächen unter ranghohen Militärs dieser Tage von einem "bestürzenden Trauerspiel" und einer "neuen Qualität" die Rede. Ein Vier-Sterne-Offizier sagt, als General müsse man sich schämen. Bisher halten sich die meisten mit öffentlichen Aussagen zurück.

Intern aber wurde schon diskutiert, ob Wundrak nach seinem Outing als AfD-Mann noch auf Ehemaligentreffen oder Tagungen der Luftwaffe eingeladen werden kann.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels war das Bild im Text falsch untertitelt. Die Aufnahme stammt von einem Übergabeappell im März 2018 und nicht von Wundraks Verabschiedung im September 2018.

insgesamt 208 Beiträge
normalo86 26.07.2019
1. Regt zum Nachdenken an
Wenn immer mehr Personen die für die Sicherheit unseres Landes zuständig sind oder waren so aktiv werden, besteht vielleicht doch der Verdacht das einiges falsch läuft was die Landessicherheit betrifft. Ob man dazu aber [...]
Wenn immer mehr Personen die für die Sicherheit unseres Landes zuständig sind oder waren so aktiv werden, besteht vielleicht doch der Verdacht das einiges falsch läuft was die Landessicherheit betrifft. Ob man dazu aber Mitglied bei der Afd werden muss wage ich zu bezweifeln. Dennoch sollte es zu denken geben.
Sleeper_in_Metropolis 26.07.2019
2.
Zitat : "Ist die Bundeswehr besonders attraktiv für die Rechtsaußenpartei?" Es ist eher umgekehrt so, das die AfD für viel aktive und ehemalige Bundeswehrsoldaten besonders attraktiv sein dürfte, und das liegt eben [...]
Zitat : "Ist die Bundeswehr besonders attraktiv für die Rechtsaußenpartei?" Es ist eher umgekehrt so, das die AfD für viel aktive und ehemalige Bundeswehrsoldaten besonders attraktiv sein dürfte, und das liegt eben an der Geisteshaltung vieler Soldaten. Leute, die gerne Krieg spielen, Waffen nutzen, Uniform tragen und auch sonst gerne ein kerniges Männerbild propagieren sind politisch meist konservativ bis rechts zu verorten, das war in der Bundeswehr schon immer so. Die Bundeswehr ist deswegen übrigens auch kein Querschnitt oder Spiegelbild der Gesellschaft, wie ja gerne immer wieder erzählt wird, die Bundeswehr steht insgesamt weiter rechts als der deutsche Durchschnitt. Und spätestens wenn man dann nochmal grob den hohen Anteil an Ostdeutschen in der Bundeswehr mit den Wahlergebnissen im Osten kombiniert sollte man sich über die politische Ausrichtung vieler Bundeswehrangehöriger nicht wundern.
michidharky 26.07.2019
3.
So lange die AFD nicht verboten ist, kann dort eintreten wer will, vom Arbeitslosen bis zum General. Wo ist jetzt das Problem? Wenn ein General bei der Linken oder den Grünen Eintritt kratzt das doch auch keinen. Aber scheinbar [...]
So lange die AFD nicht verboten ist, kann dort eintreten wer will, vom Arbeitslosen bis zum General. Wo ist jetzt das Problem? Wenn ein General bei der Linken oder den Grünen Eintritt kratzt das doch auch keinen. Aber scheinbar ist die Sorge vor Repressalien nicht so unbegründet wenn es Überlegungen gibt den General nicht mehr zu Ehemaligen Treffen einzuladen.
GMNW 26.07.2019
4. Bundeswehr modernisiert!?
AfD hin oder her, aber die Aussage im Artikel "vdL habe die Bundeswehr modernisiert", ist doch deutlich mehr als nur grober Unfug basierend auf Unkenntnis; Flachbildschirme, Kindergärten, Gender und Schützenpanzer, mit [...]
AfD hin oder her, aber die Aussage im Artikel "vdL habe die Bundeswehr modernisiert", ist doch deutlich mehr als nur grober Unfug basierend auf Unkenntnis; Flachbildschirme, Kindergärten, Gender und Schützenpanzer, mit denen auch Schwangere in den Einsatz rollen können, sind doch einfach nur ungenügende "Modernisierungen" einer Bundeswehr, oder? !
Hoberg 26.07.2019
5. due Soldaten habe ja recht AfD zu wählen
Friedensdividende haben alle Parteien eingefahren . CDU wie SPD und FDP und Grüne. Heißt für Soldaten : Schnauze halten und mit altem Gerät ihr Leben aufs Spiel zu setzen. THW und jede freiwillige Feuerwehr ist besser [...]
Friedensdividende haben alle Parteien eingefahren . CDU wie SPD und FDP und Grüne. Heißt für Soldaten : Schnauze halten und mit altem Gerät ihr Leben aufs Spiel zu setzen. THW und jede freiwillige Feuerwehr ist besser ausgestattet. Soll ich als Soldat die wählen, die mich nicht optimal ausstatten? Ich schätze Merkel. Aber als ehem. Ossi hat sie hier versagt und bei aller Ergebnisorientierung , hier hätte sie Kante zeigen müssen.
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