Politik

Erster Auftritt nach Sommerpause

Merkel bezeichnet Seenotrettung als "Gebot der Menschlichkeit"

Ihre Zitteranfälle, die Migrationspolitik, eine angebliche Meinungsdiktatur: Kanzlerin Merkel hat sich den Fragen von Bürgern in Stralsund gestellt. Und verraten, was einst in Geschichtsbüchern über sie stehen soll.

Foto: JENS KOEHLER/EPA-EFE/REX
Dienstag, 13.08.2019   19:17 Uhr

Bei ihrem ersten Auftritt nach der Sommerpause hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ihre Migrationspolitik verteidigt. Mit der Kontroverse um ihre Flüchtlingspolitik müsse sie leben, sagte sie beim Leserforum der "Ostsee-Zeitung" in Stralsund. "Und trotzdem würde ich immer sagen, dass es richtig war, dass wir in einer humanitären Ausnahme- und Notsituation geholfen haben."

Deutschland könne nicht nur seinen eigenen Wohlstand pflegen, sondern sei Teil der Welt. "Wir können nicht an uns allein denken", betonte Merkel. Die Kanzlerin bezeichnete die Seenotrettung im Mittelmeer als "Gebot der Menschlichkeit", kritisierte aber auch Schmuggler und Schleuser.

Bei dem Termin reagierte Merkel zudem auf Vorwürfe eines AfD-Lokalpolitikers. Dieser hatte sie gefragt, ob sie mit ihrer Migrationspolitik das Land gespalten habe - und ihr vorgeworfen, Deutschland "im Namen der Toleranz in eine Diktatur" geführt zu haben. AfD-Mitglieder hätten derzeit keine Meinungsfreiheit.

Merkel entgegnete: Die Tatsache, dass der Politiker mit seiner Frage nicht gefährdet sei, sage schon genug. Sie habe zudem nicht den Eindruck, dass AfD-Mitglieder im Bundestag Hemmungen hätten, ihr die Meinung zu sagen.

"Sehr schwer, immer fröhlich in der Öffentlichkeit zu sein"

Die Kanzlerin äußerte sich auf die Frage einer Bürgerin, wie sie mit der großen öffentlichen Aufmerksamkeit für ihre Zitteranfälle vor einigen Wochen umgehe. "Das verstehe ich schon, dass Menschen diese Fragen haben und sich zum Teil auch Sorgen machen", sagte Merkel. "Deswegen habe ich die Pflicht einzuschätzen, ob ich meine Aufgaben gut erfüllen kann oder ob mich etwas so mitnimmt, dass ich das vielleicht nicht kann."

Trotz ihres Amtes will Merkel aber nicht auf den gelegentlichen Rückzug ins Private verzichten. "Ich habe es immer geschafft, dass es auch einen Raum gibt, wo ich traurig sein kann, ohne dass ich der gesamten Öffentlichkeit darüber Bericht erstatten muss", sagte sie. Ohne solche Rückzugsräume sei es für sie "sehr schwer, immer fröhlich in der Öffentlichkeit zu sein".

Was soll in 50 Jahren über Angela Merkel in den Geschichtsbüchern stehen? Auf diese Frage zitierte die Bundeskanzlerin ihren Vor-Vor-Vor-Vorgänger Willy Brandt (SPD): "Sie hat sich bemüht", sagte die CDU-Politikerin. Brandt hatte in einem Interview einmal gesagt, ihm würde es reichen, wenn auf seinem Grabstein "Man hat sich bemüht" stünde - tatsächlich ziert den schlichten Stein in Berlin aber nur der Namenszug "Willy Brandt".

vks/dpa/Reuters

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