Politik

CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer besucht CSU

Auftauen im Kloster

Zuletzt war das Verhältnis der CDU zur CSU sehr frostig. Kanzlerin Merkel war einmal da in 18 Jahren - die neue CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer beehrt die Neujahrsklausur gleich zu Beginn ihrer Amtszeit. Es soll ein Signal sein.

DPA
Aus Seeon berichtet
Samstag, 05.01.2019   00:12 Uhr

Annegret Kramp-Karrenbauer hat offenbar keine Zeit zu verlieren. Nicht einmal 30 Tage ist sie im Amt, da taucht die CDU-Chefin bei der CSU-Landesgruppe im tief verschneiten Kloster Seeon in Bayern auf. Von Saarbrücken ins Chiemgau - einmal quer durch die Republik hat sich Kramp-Karrenbauer fahren lassen, um den Christsozialen zur traditionellen Neujahrsklausur ihre Aufwartung zu machen.

Es ist spät geworden, als Kramp-Karrenbauer an diesem Freitagabend aus ihrer Limousine steigt. Dass die neue CDU-Vorsitzende die Anreise trotz des Wintereinbruchs auf sich genommen hat, weiß man bei der CSU zu schätzen - zumal es erst ein knappes Jahr her ist, dass der Dienstwagen der damaligen saarländischen Ministerpräsidentin mit ihr im Fond kurz vor Berlin in einen schweren Unfall verwickelt wurde.

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CSU-Klausur: Highfive in Highheels

Aber Seeon ist Kramp-Karrenbauer wichtig. Und andersherum gilt das genauso: Für die CSU ist ihr Besuch ein starkes Zeichen für die Verbundenheit mit der CDU. Die Nähe der Schwesterparteien können Gastgeber Alexander Dobrindt und die anderen christsozialen Großkopferten dieser Tage gar nicht oft und laut genug beschwören. Das geht so weit, dass Dobrindt die CDU-Chefin direkt mit zu seinem Hintergrund-Gespräch mit Journalisten in einen Gasthof nimmt.

Seitdem sich die Landesgruppe 1976 zum ersten Mal zur Neujahrsklausur traf, damals noch im Wildbad Kreuth, war nur die CDU-Vorsitzende Angela Merkel zu Gast, ein einziges Mal: Sie ließ sich 2016 per Hubschrauber in das Hochtal am Tegernsee fliegen. Helmut Kohl durfte in seiner Zeit als Parteichef zwar auch einmal nach Kreuth, aber er reiste 1996 zu einer späteren CSU-Veranstaltung dorthin.

2016, als Merkel kam, stand es bereits schlecht zwischen den Unionsparteien: Auf dem Parteitag wenige Monate zuvor hatte CSU-Chef Horst Seehofer die Kanzlerin auf offener Bühne gemaßregelt. Aber das war noch nichts gegen die Wochen im Frühsommer des vergangenen Jahres, als die Fraktionsgemeinschaft auf der Kippe stand wie zuletzt 1976. Im Wildbad hatte Franz-Josef Strauß bei einer Klausur im November 1976 auch den berühmten "Kreuther Trennungsbeschluss" ausgerufen.

Kramp-Karrenbauers rascher Besuch im oberbayerischen Seeon, wo die CSU seit drei Jahren zur Neujahrsklausur zusammenkommt, hat aber nicht nur hohen symbolischen Wert. Die CDU-Chefin will in der ehemaligen Benediktinerabtei die gemeinsame politische Arbeit der Schwesterparteien für 2019 besprechen.

Aus Sicht Kramp-Karrenbauers sind das CSU-Treffen und die Vorstandsklausur ihrer Partei in einer guten Woche wichtige Etappen für das anstehende Jahr mit der Europawahl, vier Landtags- und Kommunalwahlen in mehreren Bundesländern.

Eine gemeinsame Wahl mit einem gemeinsamen Kandidaten

Und gleich zum Auftakt geht es um eine gemeinsame Wahl mit einem gemeinsamen Kandidaten: CSU-Mann Manfred Weber, bislang Chef der EVP-Fraktion im Straßburger Parlament, ist Unions-Spitzenkandidat für die Europawahl Ende Mai - bestenfalls wird er anschließend neuer Präsident der EU-Kommission.

Welches Europa sich CDU und CSU vorstellen, wie sie Sicherheit, Frieden und Wohlstand in der EU gestalten wollen, das gilt es aus Sicht Kramp-Karrenbauers bei der Wahl zu beweisen. Dass die Landesgruppe am Donnerstag den griechischen Oppositions- und möglichen künftigen Regierungschef Kyriakos Mitsotakis einlud und am Freitag den irischen Premier Leo Varadkar, dürfte deshalb ganz nach ihrem Geschmack gewesen sein.

Im Video: CSU-Neujahrsklausur in Seeon

Foto: PHILIPP GUELLAND/EPA-EFE/REX

Andererseits ist der CDU-Chefin wie ihren Gastgebern völlig klar, dass sich die Differenzen zwischen beiden Parteien nicht auflösen, nur weil man schwesterliche Liebe gelobt. Insbesondere in der Flüchtlingspolitik und dem Umgang mit der AfD ist der Grundkonflikt nicht gelöst.

Aber einig ist man sich wiederum darin, dass ein Teil des Streits vor allem dem komplizierten Verhältnis des Spitzenpersonals entsprang. Und weil von den beiden entscheidenden Akteuren Angela Merkel bereits nicht mehr CDU-Chefin ist und sich Horst Seehofer in gut zwei Wochen auf dem CSU-Parteitrag als Vorsitzender verabschieden wird, spricht vieles für Besserung.

Mit Merkels Nachfolgerin, die beim Parteitag ebenfalls zu Gast sein wird, hat kaum jemand aus der CSU-Führung alte Rechnungen zu begleichen - stattdessen geriert sich der bayerische Ministerpräsident und künftige Vorsitzende Markus Söder beinahe wie ein Kramp-Karrenbauer-Fan. Schon kurz nach ihrer Wahl telefonierten die beiden ausführlich, künftig wollen sie sie sich regelmäßig so eng abstimmen, wie es Merkel und Seehofer zeitweise vorgaben.

Ohnehin hört man nur Gutes aus der Landesgruppe über die neue CDU-Chefin, angefangen beim Vorsitzenden Dobrindt. Die Katholikin Kramp-Karrenbauer ist wertkonservativ und in wirtschaftlichen Fragen eher Arbeitnehmer-nah - das kommt bei vielen in der CSU gut an.

Die CSU-Führung will vor allem Ruhe

Die Debatte um den gegen Kramp-Karrenbauer knapp unterlegenen Christdemokraten Friedrich Merz nervt deshalb die meisten in Seeon gewaltig - aber offen würde das niemand sagen. Was aus Merz wird, das habe die CDU zu entscheiden, lautet das CSU-Mantra.

Und die Frage, ob die CDU-Vorsitzende das erste Anrecht auf die nächste Unions-Kanzlerkandidatur habe, sorgt bei führenden Christsozialen momentan nur für Schulterzucken. "Zum jetzigen Zeitpunkt" wolle die CSU nicht in eine solche Personaldiskussion einsteigen, sagt Landesgruppenchef Dobrindt.

Was die CSU-Führung fürs Erste will, ist: Ruhe. In Bayern soll die Koalition mit den Freien Wählern so geräuschlos wie möglich regieren, in Berlin wünscht man sich das ebenso von der Großen Koalition mit den Sozialdemokraten. Diskussionen um Merz, die Kanzlerkandidatur oder was auch immer stören da nur.

Annegret Kramp-Karrenbauer sieht das genauso.

Anmerkung: In einer früheren Version hieß es, der "Kreuther Trennungsbeschluss" sei bei der Neujahrsklausur 1976 ausgerufen worden - tatsächlich geschah dies erst im November 1976 bei einer späteren Klausur. Wir haben die entsprechende Stelle korrigiert.

insgesamt 29 Beiträge
schamot 05.01.2019
1. Reine Selbstbeschäftigung
Wie wäre es mal zur Abwechslung sich auch um andere zu kümmern? Ist das nicht des Wählers Auftrag?
Wie wäre es mal zur Abwechslung sich auch um andere zu kümmern? Ist das nicht des Wählers Auftrag?
mirage122 05.01.2019
2. Christlich und sozial
Was ist das gleich im neuen Jahr für eine Freude: AKK scheut weder Kosten noch Mühe, um die bayerische Klausur.Tagung zu beglücken. Endlich Friede, Freude,Eierkuchen! Sie nimmt ihre Sache ernst und will gleich bei ihren [...]
Was ist das gleich im neuen Jahr für eine Freude: AKK scheut weder Kosten noch Mühe, um die bayerische Klausur.Tagung zu beglücken. Endlich Friede, Freude,Eierkuchen! Sie nimmt ihre Sache ernst und will gleich bei ihren Freunden punkten. Ich habe das Gefühl, dass diese Dame schon direkt im Wahlkampf steckt und die Zeit gar nicht abwarten kann, endlich mit christlich-sozialen Gnaden Bundeskanzlerin zu werden. Vielleicht wäre besser, wenn sie ihr Pulver nicht so schnell verschießen würde, eventuell lauern da am Wegesrand noch ganz andere Gefahren. Immerhin ist noch nicht aller Tage Abend. Diese Dame kann gar nicht schnell genug in die Rolle von Freundin Angela schlüpfen. Das gibt eventuell ein schlimmes Erwachen,
Hans Hase 05.01.2019
3.
Hoffnung auf Besserung. Stabilität, am Ende wird alles Gut mit der Union, "man hört nur Gutes von AKK", neue Einigkeit, keine zu "begleichenden Rechnungen", Hoffnung auf die Zukunft, alles im Konjunktiv [...]
Hoffnung auf Besserung. Stabilität, am Ende wird alles Gut mit der Union, "man hört nur Gutes von AKK", neue Einigkeit, keine zu "begleichenden Rechnungen", Hoffnung auf die Zukunft, alles im Konjunktiv verfasst. Das Ganze gepaart mit dem Heldenmythos der mutigen Frau, die trotz des Verdachts eines leichten Schleudertraumas im letzten Jahr infolge eines Auffahrunfalls das Wagnis antritt, in der gepanzerten Limousine auch noch nach Bayern zu fahren. Es gab schon bessere Geschichtenschreiber in ihren Reihen. Sagen sie doch bitte, was ist, und nicht das, was gelesen werden soll. Die passenden Hochglanzfotos der schwesterparteilichen Einigkeit ohne einen Hauch der Kritik im Artikel werden gleich mitgeliefert.
herbert 05.01.2019
4. Bei dem Bild AKK und Dobrindt wird es mir schlecht !
PR maessig hat da die AKK ins Klo gegriffen. Diese alte Muffpartei CSU mit einer politischen Leistungsbilanz gegen Null wird bei der naechsten Gelegenheit die AKK auf dem katholisch politischen Altar opfern. Lieber Friedrich [...]
PR maessig hat da die AKK ins Klo gegriffen. Diese alte Muffpartei CSU mit einer politischen Leistungsbilanz gegen Null wird bei der naechsten Gelegenheit die AKK auf dem katholisch politischen Altar opfern. Lieber Friedrich Merz vertreibe die AKK
hundini 05.01.2019
5. ^^
Man sagt doch auch: AKK "Annegret Kann Kanzler". Wenn das kein gutes Omen ist...
Man sagt doch auch: AKK "Annegret Kann Kanzler". Wenn das kein gutes Omen ist...

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