Politik

Wahlen in Brandenburg und Sachsen

Woidke rettet der SPD den Abend

Über Sachsen redet man lieber nicht, die Wahl in Brandenburg geht für die SPD glimpflich aus - trotz historisch schlechtem Ergebnis. Die Bundespartei muss ihre Castingtour um den Vorsitz nicht in tiefer Depression starten.

Foto: Monika Skolimowska/ DPA
Von und , Potsdam und Berlin
Sonntag, 01.09.2019   21:42 Uhr

Zu feiern gibt es im Willy-Brandt-Haus bei Wahlen schon länger nichts mehr. Und so verzichtet die SPD wie schon nach den Wahlen in Bayern und Hessen auch an diesem Sonntagabend auf eine Party in der Parteizentrale. Um 18.35 Uhr treten die drei Interimsvorsitzenden auf die Bühne, bedanken sich bei den Wahlkämpfern in Sachsen und Brandenburg, sprechen über "gemischte Gefühle" und preisen die Geschlossenheit der Partei.

Gerade mal fünf Minuten dauert der Auftritt von Malu Dreyer, Manuela Schwesig und Thorsten Schäfer-Gümbel. Keine Fragen, bitte. Außer den Journalisten sind nur ein paar Mitarbeiter gekommen. Gegen 19 Uhr leert sich das Atrium des Willy-Brandt-Hauses.

Die SPD-Party steigt an diesem Abend 30 Kilometer entfernt in Potsdam. Die Sozialdemokraten feiern in der vierten Etage des Bildungsforums. Der Saal ist voll, die Stimmung fröhlich. Gegen 18.15 Uhr betritt der Mann des Abends die Bühne. Dietmar Woidke, alter und wohl auch neuer Ministerpräsident, spricht von einem "sehr guten Ergebnis". Vizekanzler Olaf Scholz, der neuer SPD-Chef werden will und in Potsdam mitfeiert, ergänzt später, die Partei habe gezeigt: "Wir können Wahlen gewinnen."

Foto: Christian Mang/REUTERS

Obwohl Woidke das schlechteste Ergebnis aller Zeiten für die Sozialdemokraten in Brandenburg geholt hat und die Partei mehr als fünf Prozentpunkte verliert, kann man das tatsächlich so sehen. Die SPD ist jedenfalls nicht wie zuletzt der große Verlierer.

Der Hintergrund: In den Umfragen lag die SPD in Brandenburg lange hinter der AfD. Anfang August sah es sogar so aus, als könnten die Genossen auch noch von der CDU überholt werden. Im Endspurt legte Woidkes Partei dann deutlich zu und wurde klar stärkste Kraft. Für Rot-Rot-Grün dürfte es ebenfalls reichen - auch wenn die Mehrheitsverhältnisse knapp sind.

Woidke hat trotz der Lage der SPD gewonnen

In der SPD ist die Erleichterung am Sonntag groß. Und das trotz des extrem schwachen Abschneidens in Sachsen und der massiven Zugewinne der AfD. Das Worst-Case-Szenario ist ausgeblieben, Woidke hat den Genossen den Abend gerettet.

Der Anteil der Bundespartei an seinem Sieg war aber nicht besonders groß. Die SPD gibt in diesen Wochen kein gutes Bild ab. Zu unsicher ist die Führungsfrage, zu ungeklärt das Verhältnis der Partei zur Großen Koalition.

Und so räumt Schäfer-Gümbel eine Mitverantwortung an den Stimmenverlusten ein. "Dass wir aus der Bundesspitze keinen Rückenwind gegeben haben und geben konnten, wissen alle Beteiligten", sagte er im ZDF. Auch Generalsekretär Lars Klingbeil gibt zu, die Parteispitze habe es den Wahlkämpfern nicht leicht gemacht. Er wisse um die Verantwortung der Bundespartei, so Klingbeil in der ARD.

Landtagswahl Brandenburg 2019

Endgültiges Ergebnis

Zweitstimmenergebnis
Anteile in Prozent
SPD
26,2
-5,7
CDU
15,6
-7,4
Die Linke
10,7
-7,9
AfD
23,5
+11,3
Grüne
10,8
+4,6
BVB / Freie Wähler
5
+2,3
FDP
4,1
+2,6
Sonstige
4,1
+0,2
Sitzverteilung
Insgesamt: 88
Mehrheit: 45 Sitze
10
25
10
5
15
23
Quelle: Landeswahlleiter

Woidke hat die Wahl trotz der Lage der Partei gewonnen. Wie in Sachsen ging es am Ende um die Polarisierung zwischen AfD und Ministerpräsident. Dabei dürften die Genossen in Brandenburg wohl auch von ein paar taktischen Stimmen aus dem Lager von Grünen und Linkspartei profitiert haben.

Vielen Wählern wird es an diesem Sonntag darum gegangen sein, die AfD als stärkste Kraft zu verhindern. Das ist in beiden Ländern gelungen, und in Brandenburg hat die SPD von dieser Stimmung profitiert.

"Wir sind der coolste Landesverband"

Bitter ist zweifellos das Ergebnis in Sachsen. Weniger als acht Prozent: Es ist das historisch schlechteste Wahlergebnis einer Landes-SPD. Spitzenkandidat Martin Dulig spricht seiner Partei dennoch Mut zu: "Wir haben das schlechteste Wahlergebnis, sind aber der coolste Landesverband", sagte er in Dresden. Die SPD dürfe wegen des schlechten Abschneidens "traurig" sein. Anlass zur Zuversicht gebe aber, dass die AfD nicht noch stärker geworden sei. Und weiter mitregieren dürfte Duligs SPD in Sachsen auch.

Landtagswahl Sachsen 2019

Endgültiges Ergebnis

Listenstimmenergebnis
Anteile in Prozent
CDU
32,1
-7,3
Die Linke
10,4
-8,5
SPD
7,7
-4,7
AfD
27,5
+17,7
Grüne
8,6
+2,9
FDP
4,5
+0,7
Freie Wähler
3,4
+1,8
Sitzverteilung
Insgesamt: 119
Mehrheit: 60 Sitze
14
10
12
45
38
Quelle: Landeswahlleiter

In der Bundespartei dürfte sich der Blick nun schnell wieder auf das Kandidatenrennen um den Vorsitz richten. Am Montag gibt der Wahlvorstand das Feld der Kandidaten bekannt, voraussichtlich haben acht Teams die Nominierungshürde genommen. Ab Mittwoch beginnen dann die Regionalkonferenzen.

Immerhin, so die erleichterte Stimmung im Willy-Brandt-Haus, startet die Partei nun nicht in tiefer Depression in ihre Castingtour.



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insgesamt 13 Beiträge
didel-m 01.09.2019
1. Gerettet? Vor was?
Schlau wäre er nur, wenn er radikal umsteuert und zusammen mit den freien Wählern und der AfD koaliert. Dann könnte der statt Kretchmer Kanzler werden. Aber das wird die SPD nicht machen. Dafür hat ihr schon immer das Rückrad [...]
Schlau wäre er nur, wenn er radikal umsteuert und zusammen mit den freien Wählern und der AfD koaliert. Dann könnte der statt Kretchmer Kanzler werden. Aber das wird die SPD nicht machen. Dafür hat ihr schon immer das Rückrad gefehlt. Lieber wird man das Land wie in Berlin mit Linken und Grünen zu Grunde richten und die AfD so auf absolute Mehrheit bringen. Derweil werden in Sachsen Kanzler geschmiedet....
cucaracho_enojado 01.09.2019
2. Glückwunsch!
Die Wähler in Sachsen und Brandenburg haben verstanden, daß es keine FDP mehr braucht, auch nicht als Magenta-Lindner-DP. :-D Da können wir gut damit leben, daß die ganzen Kleinunternehmer jetzt glauben, bei der AfD bekämen [...]
Die Wähler in Sachsen und Brandenburg haben verstanden, daß es keine FDP mehr braucht, auch nicht als Magenta-Lindner-DP. :-D Da können wir gut damit leben, daß die ganzen Kleinunternehmer jetzt glauben, bei der AfD bekämen sie noch mehr Steuergeschenke ...
cucaracho_enojado 01.09.2019
3. @1didel-m: Und das von einem, der sonst ...
nie müde wird der SPD das reine Streben nach und behaupten von 'Pöstchen' vorzuwerfen. Na klar - wenn für die AfD auch was abfällt. ('Rückgrat' schreibt sich immer noch MIT 'r'.) Wer Mal wirklich sehen möchte, wie wenig [...]
nie müde wird der SPD das reine Streben nach und behaupten von 'Pöstchen' vorzuwerfen. Na klar - wenn für die AfD auch was abfällt. ('Rückgrat' schreibt sich immer noch MIT 'r'.) Wer Mal wirklich sehen möchte, wie wenig 'links' die SPD tatsächlich ist: In den Mediatheken müsste noch der Film über die letzten Tage des deutschen Kaiserreichs zu finden sein - aber mit der AfD? Eher koalliert Söder mit Sarah Wagenknecht um Kanzler zu werden ... :-D
charly05061945 01.09.2019
4. Wahlgewinner
"Woidke hat die Wahl trotz der Lage der Partei gewonnen." - Die SPD hat zwar immer noch die meisten Stimmen - aber so etwas als "gewinnen" bezeichnen?
"Woidke hat die Wahl trotz der Lage der Partei gewonnen." - Die SPD hat zwar immer noch die meisten Stimmen - aber so etwas als "gewinnen" bezeichnen?
mathew_lsm 01.09.2019
5. Irrtum
Nicht Herr Woitke hat die SPD gerettet. Vielmehr gab es sehr viele Stimmen von Leuten die die AFD als stärkste Kraft verhindern wollten. "Sonst mach ich mein Kreuz woanders" oder ähnliches habe ich oft gehört.
Nicht Herr Woitke hat die SPD gerettet. Vielmehr gab es sehr viele Stimmen von Leuten die die AFD als stärkste Kraft verhindern wollten. "Sonst mach ich mein Kreuz woanders" oder ähnliches habe ich oft gehört.

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