Politik

DDR-Bürger

Botschaft in Prag sucht Zeitzeugen von 1989

"... dass heute Ihre Ausreise möglich geworden ist": So kam Außenminister Genscher im September 1989 auf dem Prager Balkon in die Geschichtsbücher. Die deutsche Botschaft in Tschechien sucht jetzt Zeitzeugen.

DPA

Prager Balkon, 30. September 1989

Dienstag, 12.02.2019   17:52 Uhr

Es ist eine Szene, die Hans-Dietrich Genscher weltberühmt machte: Am 30. September 1989 macht der damalige Bundesaußenminister tausende DDR-Flüchtlinge in der Prager Botschaft glücklich. Vom Balkon des Palais Lobkowicz sagte er, ""...dass heute Ihre Ausreise möglich geworden ist" (Lesen Sie hier die Geschichte dazu). Der Rest ging im Jubel unter.

Die deutsche Botschaft in Prag sucht jetzt nach Zeitzeugen der dramatischen Wendeereignisse vor knapp 30 Jahren. Man sei an den persönlichen Geschichten interessiert, "um so das Mosaik der damaligen Ereignisse ein Stück weit zu ergänzen und zu vervollständigen", erklärte der deutsche Botschafter Christoph Israng. Für die rund 15.000 DDR-Bürger, die in drei Wellen über Prag flüchteten, sei im Herbst 1989 "ein Traum in Erfüllung gegangen - frei zu sein und in die Bundesrepublik auszureisen".

Kontaktformular im Internet

Die Menschen hatten damals teils wochenlang auf dem Gelände der westdeutschen Vertretung in der Tschechoslowakei ausgeharrt. Zum Jubiläum ruft die Botschaft nun ehemalige DDR-Flüchtlinge, aber auch Unterstützer und Helfer auf, ihre Erinnerungen mitzuteilen.

Im Internet hat die Botschaft ein Kontaktformular eingerichtet. Eine Auswahl der Erinnerungen soll am 28. September einer breiten Öffentlichkeit präsentiert werden. Dann öffnet die Botschaft im Prager Stadtteil Kleinseite ihre Türen für ein "Fest der Freiheit".

100.000 Menschen hatten in den ersten sechs Monaten des Jahres 1989 bereits die DDR verlassen. Zehntausende warteten auf ihre legale Ausreise oder hatten Zuflucht gesucht in den Botschaften in Warschau, Prag, Budapest sowie in der ständigen Vertretung in Ost-Berlin. Jeden Tag aufs Neue stimmten die DDR-Bürger mit den Füßen ab - so vehement, dass Ungarn am 11. September die Grenzen in den Westen öffnete.

Ost-Berlin ließ in einer hilflos anmutenden Aktion die Grenzen nach Ungarn schließen. Die Fluchtwilligen scherte das wenig: Sie fuhren nach Prag und überfluteten dort die Botschaft, die an jenem 30. September überfüllt war, weil die Tschechoslowakei eine ungarische Lösung ablehnte. In seinen Erinnerungen schrieb Genscher, auf dem Flug nach Prag sei ihm endgültig klar geworden: "Die DDR ist am Ende. Das Ende der Mauer rückt in Sichtweite."

als/dpa

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP