Politik

Geplantes Gotteshaus in Berlin

Deutschland misstraut Gülen-Bewegung - schenkt ihr aber Millionen

In einem internen Papier des Auswärtigen Amtes sind schwere Vorwürfe gegen die Gülen-Bewegung aufgeführt. Trotzdem unterstützt die Regierung ein Projekt in Berlin, an dem die Sekte beteiligt ist.

imago/Emmanuele Contini

House of One in Berlin (Archivfoto)

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Mittwoch, 28.11.2018   15:19 Uhr

Es war ein Alarm, wie er selten ist für das Auswärtige Amt. Dort wird in der Regel zurückhaltend kommuniziert: Alle Quellen seien sich einig, dass die Bewegung des Islam-Predigers Fethullah Gülen seit Jahrzehnten eine "gezielte Unterwanderung staatlicher Institutionen" in der Türkei betreibe, bilanzierte die deutsche Botschaft in Ankara im Februar. So steht es in einem internen Bericht, den der SPIEGEL einsehen konnte.

"Der konspirative Teil der Bewegung zeichnet sich durch strikte Hierarchien aus und erinnert in seiner Struktur an Erscheinungsformen organisierter Kriminalität", zitieren die Diplomaten ihre Informanten. Der "Anspruch der Bewegung auf die Loyalität ihrer Mitglieder" sei "absolut".

Islam-Experten, wie Friedmann Eißler von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW), warnen seit Jahren vor den Machenschaften der Gülen-Gemeinde auch in Deutschland. Im SPIEGEL berichteten Gülen-Aussteiger bereits 2012 über "sektenähnliche Strukturen" und eine "Gehirnwäsche wie bei Scientology". Die Bundesregierung hat das Treiben der Gruppierung lange Zeit ignoriert. Der Chef des Bundesnachrichtendiensts, Bruno Kahl, bezeichnete die Bewegung 2017 als "zivile Vereinigung zur religiösen und säkularen Weiterbildung".

Mit dem jüngsten Bericht nahm das Auswärtige Amt eine spektakuläre Neubewertung vor. Martin Erdmann, deutscher Botschafter in Ankara, sagte der türkischen Tageszeitung "Cumhuriyet", die Bundesregierung habe sich lange Zeit schwergetan, die Aktivitäten der Gülen-Bewegung zu verstehen.

Die Einschätzung der Diplomaten hat die Große Koalition trotzdem nicht dazu veranlasst, ihren Kurs gegenüber der Gülen-Gemeinde zu korrigieren: Union und SPD entschieden vergangene Woche, zehn Millionen Euro für das "House of One" bereitzustellen. Dahinter verbirgt sich ein Berliner Religionsprojekt, an dem neben der evangelischen Gemeinde St. Petri-St. Marien und dem Abraham Geiger Kolleg, einem Rabbiner-Seminar aus Potsdam, auch die Gülen-Sekte beteiligt ist.

Die Idee ist reizvoll: Christen, Juden und Muslime beten gemeinsam in einem interreligiösen Gotteshaus. Doch die St.-Petri-St.-Marien-Gemeinde tat sich lange Zeit schwer, einen muslimischen Partner zu finden - schließlich landete sie bei dem umstrittenen Forum für Interkulturellen Dialog (FID). Dessen Ehrenvorsitzender: Fethullah Gülen.

Gülen, der seit den Neunzigerjahren in den USA im Exil lebt, stellt sich in der Öffentlichkeit als Reformer dar. Seine Anhänger betreiben Schulen, Universitäten, Medienhäuser, Kliniken, Stiftungen in mehr als hundert Ländern. Aussteiger beschreiben die Gemeinde hingegen als Geheimbund. "Als Ziel der Unterwanderung staatlicher Stellen sehen alle Gesprächspartner die Maximierung politischen Einflusses und die Erlangung von Kontrolle über den Staat", heißt es in dem Papier aus dem Auswärtigen Amt.

PR-Experten sollten den Ruf verbessern

Das Forum für Interkulturellen Dialog (FID) versucht mit allen Mitteln, Gülens Image in Deutschland zu polieren. Nachdem 2012 im SPIEGEL ein kritischer Artikel über Fethullah Gülen erschienen war, heuerte der Verein für mehr als eine Million Euro die PR-Krisenberater von Burson-Marsteller an. "Jetzt muss alles schnell gehen", schrieb Ercan Karakoyun, damals FID-Vorsitzender.

Burson Marsteller schulte Gülen-Kader im Umgang mit Medien, legte Profile über Journalisten an, setzte Schreiben an Minister und Abgeordnete auf. 2013 versuchten die Beraterfirma und Gülen-Funktionäre erfolglos, eine Gülen-Dokumentation im WDR zu verhindern. Inzwischen haben beide Seiten das Engagement beendet. Karakoyun weist den Vorwurf zurück, kritische Berichterstattung torpediert zu haben. Man wollte lediglich Transparenz herstellen. Er bestreitet auch, dass es geheime Strukturen gibt. Die Bewegung stehe für Demokratie, für Menschenrechte, für eine zeitgemäße Interpretation des Islam.

"Türkischstämmige Muslime werden sich in dem Projekt kaum wiederfinden"

EZW-Experte Eißler sieht die Zusammenarbeit der St.-Petri-St.-Marien-Gemeinde mit FID kritisch. "Wir haben es (bei der Gülen-Gemeinde) nicht nur mit einer Bildungsbewegung, sondern einer religiösen, hierarchisch organisierten Struktur zu tun, die ein konservatives, türkisch-nationalistisches Islamverständnis verbreiten will", sagt er. Auch der Bochumer Politologe Ismail Küpeli bemängelt, dass die "autoritäre Seite" der Gülen-Bewegung in Deutschland verkannt werde. Er bezweifelt, dass das "House of One" funktionieren kann. "Türkischstämmige Muslime werden sich in dem Projekt kaum wiederfinden."

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Das Gotteshaus, das von 2019 an am Berliner Petriplatz entstehen soll, dürfte zudem den Konflikt zwischen Deutschland und der Türkei neu befeuern. Präsident Recep Tayyip Erdogan und Gülen waren einst Verbündete. Spätestens ab 2013 zerstritten sie sich über Machtfragen. In der Türkei sind sich Regierung und Opposition weitgehend einig, dass Gülen hinter dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli 2016 steckt. "Es ist kurios, dass die sogenannte Gülen-Bewegung in einer Zeit protegiert wird, da alle anderen islamischen Gemeinden mindestens argwöhnisch beäugt, wenn nicht sogar gegängelt werden", sagt der türkische Regierungspolitiker Mustafa Yeneroglu.

Deutschland hat sich zu einem wichtigen Rückzugsort für Kader der Gülen-Bewegung entwickelt. Die Linken-Abgeordnete Sevim Dagdelen, eine Kritikerin des türkischen Präsidenten, findet es richtig, dass Gülen-Anhänger, die in der Türkei verfolgt werden, in Deutschland Schutz erfahren.

Über die Finanzhilfen für das "House of One" ist sie dennoch empört: "Es ist aber vollkommen abwegig, Projekte von Anhängern des früheren Erdogan-Partners und islamistischen Sektenführers Fethullah Gülen mit deutschen Steuergeldern zu unterstützen und aufzuwerten", sagt sie. "Die Einbindung eines Gülen-Vereins in eine interreligiöse Begegnungsstätte verbaut den Dialog und programmiert Konflikte."

Mitarbeit: Eren Caylan

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