Politik

Unter Linken

Ich, einfach diskriminiert

Jeder ist heute in gewisser Weise ausgegrenzt - das bringt die Partikularidentität als Frau, Migrant oder sexuell Randständiger mit sich. Wenn man es genau nimmt, gehört selbst der Autor dieser Kolumne zu einer diskriminierten Minderheit.

Ralf Hirschberger/DPA

Demonstration in Chemnitz, 1. September 2018

Eine Kolumne von
Donnerstag, 04.04.2019   16:00 Uhr

Der Ostdeutsche ist der Muslim des Westens. Er fühlt sich nicht ernst genommen. Er leidet darunter, dass man ihn für integrationsunwillig hält. Ökonomisch sieht er sich abgehängt, sozial benachteiligt. Im Grund geht es ihm so wie dem Zuwanderer aus der Türkei, auch wenn er den Vergleich ablehnen würde. Er kann machen, was er will: Er bleibt selbst nach 30 Jahren im Land ein Fremder, der nie wirklich zur Mehrheitsgesellschaft aufgeschlossen hat.

Das ist nicht bloß ein Gefühl, das ich beschreibe. Die Diskriminierung des Ostdeutschen ist jetzt wissenschaftlich erwiesen, sozusagen. Das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung in Berlin hat diese Woche eine Studie veröffentlicht, in der man nachlesen kann, wie sehr sich der Ostler und der Muslim ähneln.

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Für "Zeit Online" hat die auf ostdeutsche Befindlichkeit spezialisierte Autorin Jana Hensel ("Zonenkinder") ein langes Interview mit der Leiterin des Integrationszentrums, Naika Foroutan, geführt. Es gebe große Ähnlichkeiten in den Stereotypen über Migranten und Ostdeutschen, sagt Frau Foroutan darin. Beide Gruppen würden in der Kritik an ihrer Benachteiligung nicht ernst genommen, sondern im Gegenteil noch als Jammerossis oder Jammermuslime degradiert.

Von verständigen Menschen wurden Studie und Interview mit Kopfschütteln quittiert. "Soweit ist die Identitätspolitik inzwischen, dass Ostdeutsche als marginalisierte Gruppe gelten", schrieb der Münchner Historiker Richard Volkmann. "Was vor ein paar Jahren noch vor Gericht zurecht als ausgemachter Blödsinn zurückgewiesen wurde, rückt jetzt näher: die Anerkennung als Opfergruppe."

Damit hat Volkmann natürlich recht. Einerseits. Anderseits ist die Studie aus Berlin nur konsequent. Wer darauf spezialisiert ist, Benachteiligungen zu entdecken, findet immer neue Gruppen, die noch nicht oder noch nicht weitgehend genug als gleichberechtigt gelten können.

Jeder ist heute in gewisser Weise ausgegrenzt, das bringt die Partikularidentität als Frau, Ausländer oder sexuell Randständiger so mit sich. Diskriminierung ist immer eine Frage des Kontextes.

Wenn man es genau nimmt, gehöre selbst ich einer diskriminierten Gruppe an. Einige werden jetzt auflachen, wenn sie das lesen, aber ich habe die Evidenz auf meiner Seite. Im SPIEGEL sind Menschen, die ihr Kreuz nicht verlässlich bei den Grünen oder der SPD setzen, eindeutig in der Minderheit. Schauen Sie sich die Reihe der Kolumnisten an. Alles Leute, die mehr oder weniger links stehen und dies auch jede Woche unter Beweis stellen.

Glauben Sie nicht, dass es immer einfach wäre, unter diesen Bedingungen zu arbeiten! Ich bin sicher, dass es eine Reihe von Kollegen gibt, die mich für rückständig und integrationsunwillig halten. Ich bin, wenn Sie so wollen, der Muslim des SPIEGEL. Fragen Sie Frau Foroutan: Sie hätte ihre Freude an mir.

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Was ist Identitätspolitik? Identitätspolitik ist das Versprechen, dass sich das, was einem im Leben an Widrigkeiten begegnet, auf die Herkunft zurückführen lässt. Wenn ich weiblich bin oder schwarz oder irgendwie anders als die anderen um mich herum, dann darf ich davon ausgehen, dass es nicht die eigentliche Unzulänglichkeit ist, die mich am Fortkommen hindert, sondern die Vorurteilsstruktur der Mehrheit.

Ein Problem dieser Form von Weltwahrnehmung ist ihre strenge Subjektivität. Wie immer, wenn man sich von seinen Gefühlen leiten lässt, ist nicht ganz klar, was Wahn und was Wirklichkeit ist.

Ist der Busfahrer, der die junge Kopftuchträgerin anraunzt, weil sie nicht schnell genug das Wechselgeld parat hält, ein Fremdenhasser? Oder ist er nur ein deutscher Muffkopp, der gleichermaßen unfreundlich zu allen ist, die seinen Bus betreten? Das ist für den Blick auf die Welt und die Bestimmung der eigenen Position darin nicht unerheblich. Leider ließe sich die Wahrheit nur herausfinden, wenn man den Fahrer länger beobachten würde. Dazu fehlen der armen Migrantin, die sich beleidigt fühlt, aber die Zeit und auch die Mittel.

Es fällt immer schwerer, Mehrheiten zu bilden

Das andere Problem des identitätspolitischen Zugangs besteht darin, dass es immer schwerer fällt, Mehrheiten zu bilden. Die Hoffnung der Linken war, dass sich die benachteiligt Fühlenden in einer großen Regenbogenkoalition der Marginalisierten zusammenfinden würden. Tatsächlich aber ist die Diskriminierungserfahrung zu schwach, um als einigendes Band zu taugen. Man wird sehr lange auf den heteronormativen Stahlkocher aus Duisburg einreden müssen, bis er erkennt, wo die Gemeinsamkeit mit der feministisch gestimmten Studienabbrecherin liegt, die sich ihren Lebensunterhalt mit Texten zu Sammelbänden über die Heimat als Alptraum verdient.

Ausgerechnet der stärkste Solidaritätsanker, die soziale Herkunft, wird heute im politischen Kampf weitgehend außer Acht gelassen. Die Berliner Wissenschaftler Jürgen Gerhards und Tim Sawert haben kürzlich in einem Beitrag für die "FAZ" darauf hingewiesen, dass es keine Gruppe so schwer hat, Zugang zu einer Universität zu finden, wie Schulabgänger aus einem nichtakademischen Elternhaus. Während der Anteil weiblicher und homosexueller Studenten heute deutlich überrepräsentiert sei, liege die Quote bei Kindern, deren Eltern maximal einen Hauptschulabschluss haben, bei unter zehn Prozent.

"In den sechziger Jahren bildete die sogenannte Klassenfrage ein zentrales Motiv der Studentenbewegung", schreiben die beiden Autoren. "In den Siebzigerjahren hat sich dann die Frauenfrage und seit Beginn der Jahrtausendwende das Thema Diversität ins Blickfeld geschoben. Die soziale Herkunft ist in der Folge zur vergessenen Seite des Diversitätsdiskurses geworden."

Immerhin: Der Ostdeutsche hat jetzt die lang ersehnte Aufwertung als anerkannte Opfergruppe erfahren. Wenn demnächst ein Ausländerheim in Rostock oder Pirna brennt, muss man das wohl als Reaktion auf die Abwertungserfahrung verstehen, denen sich die aufgrund ihrer Ostherkunft Marginalisierten ausgesetzt sehen. Angesichts der Gewalt des Systems ist die Gewalt des Einzelnen immer nur Ausdruck seiner Verzweiflung, das wusste schon Rudi Dutschke.

insgesamt 223 Beiträge
ruhepuls 04.04.2019
1. Jede*r diskriminiert - und wird diskriminiert...
Wir alle haben unsere Feindbilder, lehnen bestimmte Menschen ab, in der Regel mit dem Glauben, dass "die" irgendwie schuld daran sind, dass unser Leben nicht so ist, wie wir denken, dass es sein sollte. Für den einen [...]
Wir alle haben unsere Feindbilder, lehnen bestimmte Menschen ab, in der Regel mit dem Glauben, dass "die" irgendwie schuld daran sind, dass unser Leben nicht so ist, wie wir denken, dass es sein sollte. Für den einen sind das "Fremde", für andere Männer oder Frauen, oder "die Armen (= Faulen" oder "die Reichen (= Betrüger)" usw. usf. Ist eigentlich nichts Neues, das gab es immer und zu allen Zeiten. Früher lynchte man dann gerne den Dorfdeppen oder verbrannte mal schnell eine Hexe, als Sündenböcke, wenn die Ernte schlecht oder das Vieh krank wurde. Der Unterschied ist, dass es heute einen Markt für Meinungen gibt. Medien sind geradezu wild auf Diskriminierungen, kann man doch mit kaum etwas anderem so viele Menschen dazu bekommen, ihre Klicks zu setzen, (oder in einem Forum zu posten...).
muellerthomas 04.04.2019
2.
"Es gebe große Ähnlichkeiten in den Stereotypen über Migranten und Ostdeutschen, sagt Frau Foroutan darin. Beide Gruppen würden in der Kritik an ihrer Benachteiligung nicht ernst genommen, sondern im Gegenteil noch als [...]
"Es gebe große Ähnlichkeiten in den Stereotypen über Migranten und Ostdeutschen, sagt Frau Foroutan darin. Beide Gruppen würden in der Kritik an ihrer Benachteiligung nicht ernst genommen, sondern im Gegenteil noch als Jammerossis oder Jammermuslime degradiert." Oder aber die Stereotype basieren auf Erfahrungen und die Kritik ist zumindest in Teilen durchaus berechtigt...
grbxx 04.04.2019
3. Am meist Diskrimierten Menschen sind Logiker
Täglich der schieren Menge von unlogischem Denken ausgesetzt. Auf der anderen Seite lässt sich mit Logik gut Geld verdienen ... also nur weiter so ... ihr seit eh schon genug gestraft mit eurem unlogischen Denken.
Täglich der schieren Menge von unlogischem Denken ausgesetzt. Auf der anderen Seite lässt sich mit Logik gut Geld verdienen ... also nur weiter so ... ihr seit eh schon genug gestraft mit eurem unlogischen Denken.
kael 04.04.2019
4. Die Diskriminierung des Herrn Fleischhauer
Zitat: "Wenn man es genau nimmt, gehöre selbst ich einer diskriminierten Gruppe an. Einige werden jetzt auflachen, wenn sie das lesen, aber ich habe die Evidenz auf meiner Seite. Im SPIEGEL sind Menschen, die ihr Kreuz nicht [...]
Zitat: "Wenn man es genau nimmt, gehöre selbst ich einer diskriminierten Gruppe an. Einige werden jetzt auflachen, wenn sie das lesen, aber ich habe die Evidenz auf meiner Seite. Im SPIEGEL sind Menschen, die ihr Kreuz nicht verlässlich bei den Grünen oder der SPD setzen, eindeutig in der Minderheit. Schauen Sie sich die Reihe der Kolumnisten an. Alles Leute, die mehr oder weniger links stehen und dies auch jede Woche unter Beweis stellen." Herr Fleischhauer gehört aber mit einiger Sicherheit zu solchen "Diskriminierten", die ihre Diskriminierung mit klammheimlicher Freude genießen. Denn zweifellos hält er es für besonders chick, im SPIEGEL der "eindeutigen Minderheit" der Konservativen anzugehören. Aber das unterscheidet ihn - für ihn wohltuend - von den vielen anderen, die unter Diskriminierung leiden.
Afro-Mzungu 04.04.2019
5.
"Man wird sehr lange auf den heteronormativen Stahlkocher aus Duisburg einreden müssen, bis er erkennt, wo die Gemeinsamkeit mit der feministisch gestimmten Studienabbrecherin liegt, die sich ihren Lebensunterhalt mit Texten [...]
"Man wird sehr lange auf den heteronormativen Stahlkocher aus Duisburg einreden müssen, bis er erkennt, wo die Gemeinsamkeit mit der feministisch gestimmten Studienabbrecherin liegt, die sich ihren Lebensunterhalt mit Texten zu Sammelbänden über die Heimat als Alptraum verdient." --- Es ist das durch derartige Formulierungen angeregte Kopfkino, das mir das Grinsen ins Gesicht zwingt. Danke dafür.
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