Politik

Analyse zu Wahlen in Sachsen und Brandenburg

AfD jagt Union Stimmen ab - und punktet bei Nichtwählern

Die CDU in Sachsen und die SPD in Brandenburg konnten das Schlimmste abwenden. Dennoch mussten sie bittere Verluste hinnehmen. Davon profitierte vor allem die AfD.

Bernd Settnik/dpa

Auszählung in einem Wahllokal in Potsdam: Sozialdemokraten nehmen Linken Stimmen ab, verlieren aber an die AfD

Von und (Grafiken)
Montag, 02.09.2019   00:59 Uhr

Wenige Augenblicke nach der Schließung der Wahllokale gab Michael Kretschmer (CDU) einen Ausblick auf die kommenden Tage und Wochen. Es werde nun "darum gehen, eine stabile Regierung zu stellen", sagte der sächsische Ministerpräsident. Es werde Gespräche geben, die aber "nicht von heute auf morgen gehen" würden.

Die Regierungsbildung dürfte sich schwierig gestalten. Für Kretschmer persönlich ist das Ergebnis wohl ein Erfolg, für die sächsische CDU aber ist es das mit Abstand schlechteste Ergebnis bei einer Landtagswahl.

Die Christdemokraten nahmen bei der Landtagswahl zwar der Linken 24.000 Stimmen ab und der SPD 23.000; sie mobilisierten zudem 126.000 Nichtwähler. Allerdings verloren sie an die FDP (4000 Stimmen), die Grünen (3000) und vor allem an die AfD. Das geht aus einer Analyse der vorläufigen Wählerwanderung von Infratest dimap für die ARD hervor. Die Wahlbeteiligung lag in Sachsen bei 66 Prozent , 2014 waren es 49 Prozent gewesen.

Landtagswahl Sachsen

Die AfD nahm der Union 84.000 Stimmen ab. Auch alle anderen Parteien verloren an die Rechtspopulisten. Die Rechtspartei punktete aber vor allem bei Nichtwählern: 226.000 Bürger, die bei der Landtagswahl 2014 nicht gewählt hatten, stimmten für sie.

Foto: SPIEGEL ONLINE

Die Linke, die insgesamt die stärksten Einbußen hinnehmen musste, verlor an alle anderen Parteien: am stärksten an die AfD (29.000) und die CDU (24.000). 15.000 frühere Nichtwähler stimmten für die Linke.

Robert Michael/dpa

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer gibt in Dresden seine Stimme ab: "nicht von heute auf morgen

Die Grünen nahmen der Linken 11.000 Stimmen weg. Auch der SPD (12.000) und der CDU (3000) jagten sie Stimmen ab. Zudem überzeugten sie 25.000 frühere Nichtwähler. Allerdings verloren sie 3000 Stimmen an die AfD und 1000 an andere, künftig nicht im Landtag vertretene Parteien.

Deutliche Verluste musste auch die SPD hinnehmen. Die meisten Stimmen gaben die Sozialdemokraten an die Union (23.000) und an die Grünen (12.000) ab. Nur den Linken konnten sie Stimmen wegnehmen (7000). Zudem mobilisierte die SPD 17.000 Nichtwähler.

Ein bitterer Abend war es auch für die FDP: Die Liberalen verpassen nach jetzigem Stand den Einzug in den Landtag. Sie verloren 6000 Stimmen an die AfD und 2000 an Parteien, die künftig nicht im Landtag vertreten sein werden.

Brandenburg: SPD jagt Linken Stimmen ab - und verliert an AfD

Die SPD von Ministerpräsident Dietmar Woidke wurde bei der Landtagswahl in Brandenburg stärkste Kraft: Die Sozialdemokraten holen 26,5 Prozent der Stimmen. Damit liegen sie knapp drei Prozentpunkte vor der AfD. Allerdings büßt die Partei von Ministerpräsident Dietmar Woidke gegenüber der Landtagswahl 2014 mehr als 5 Prozentpunkte ein.

Die meisten Stimmen verloren die Sozialdemokraten an die AfD: insgesamt 12.000. Auch an die Grünen (6000) und die Freien Wähler (5000) gingen Wähler verloren. Stimmen abgejagt hat die SPD vor allem dem Koalitionspartner: 19.000 Wähler, die 2014 noch für die Linke gestimmt hatten, gab ihre Stimme nun der SPD. Die Sozialdemokraten mobilisierten ferner 37.000 Nichtwähler und nahmen der CDU 5000 Stimmen ab.

Die AfD punktete am stärksten unter Nichtwählern (100.000) und Bürgern, die 2014 die CDU gewählt hatten (29.000). Die Rechtspopulisten jagten auch den Linken (13.000), Grünen (2000) und den Freien Wählern Stimmen ab.

Landtagswahl Brandenburg

Die CDU bekam 27.000 Stimmen von Wählern, die bei der vergangenen Wahl nicht abgestimmt hatten. Ansonsten verlor sie nicht nur an die SPD und die AfD, sondern auch an alle anderen künftig im Landtag vertretenen Parteien.

1000 Stimmen gab die CDU an die Linke ab. Im Übrigen verlor der Juniorpartner in Woidkes Koalition an alle anderen Partei: am stärksten an die SPD (19.000) und die AfD (13.000), aber auch 12.000 Stimmen an die Grünen.

Diese nahmen der SPD und der CDU jeweils 6000 Stimmen ab, der FDP 5000. Die Grünen mobilisierten außerdem 17.000 Nichtwähler. Allerdings verloren sie 2000 Stimmen an die AfD und 1000 an die Freien Wähler. Diese nahmen auch der CDU (7000), der SPD (5000) und der Linken (5000) stimmen ab und punkteten bei 16.000 Bürgern, die 2014 nicht gewählt haben.

Die Wahlbeteiligung in Brandenburg lag bei 61,3 Prozent - nach 47,9 Prozent im Jahr 2014.

insgesamt 9 Beiträge
m-zmann 02.09.2019
1. Das Schlimmste ist eingetreten!
Die Mehrheit der Wähler/innen hat sich nicht hinter jene drei Parteien gestellt, die die FDGO mit Rechtsstaatlichkeit und Bürgerrechen in der alten Bundesrepublik gesichert und ausgebaut haben. Dafür haben jene, die dies aus [...]
Die Mehrheit der Wähler/innen hat sich nicht hinter jene drei Parteien gestellt, die die FDGO mit Rechtsstaatlichkeit und Bürgerrechen in der alten Bundesrepublik gesichert und ausgebaut haben. Dafür haben jene, die dies aus verschiedenen Richtungen bekämpfen eine Mehrheit errungen. Jene, die mit welcher Begründung und welcher Farbe auch immer, Andersdenken die Freiheit, ja das Mensch-sein immer wieder absprechen wollen. Erschreckend!
ayee 02.09.2019
2. Von der Linken zur AfD
Da weiß man ungefähr, wie wenig in den Köpfen dieser Wähler vor sich geht, wenn die Linken die meisten Wähler an die AfD verliert. Politische Beliebigkeit.
Da weiß man ungefähr, wie wenig in den Köpfen dieser Wähler vor sich geht, wenn die Linken die meisten Wähler an die AfD verliert. Politische Beliebigkeit.
msc75 02.09.2019
3. Besonderheit der beiden Länder
… ist der beschlossene Kohleausstieg in der Lausitz. Gerade dieses Thema dürfte der AfD viele Stimmen aus CDU bzw. SPD gebracht haben. Ich verstehe, wenn viele tausend Leute kein Verständnis dafür haben, dass gerade SIE jetzt [...]
… ist der beschlossene Kohleausstieg in der Lausitz. Gerade dieses Thema dürfte der AfD viele Stimmen aus CDU bzw. SPD gebracht haben. Ich verstehe, wenn viele tausend Leute kein Verständnis dafür haben, dass gerade SIE jetzt die CO2-Suppe auslöffeln sollen. Man muss sich mal vorstellen, was das wirklich bedeutet: Job weg, Immobilie wertlos, Existenzangst. Alles wieder zurück auf 0, der Industrie-Kahlschlag kommt nochmal, jetzt, wo man gerade glaubte, nun würde es vielleicht endlich ein bisschen aufwärts gehen. Die AfD profitiert davon, dass die Bevölkerung diese bittere Pille den Regierungsparteien zuschreibt. Daraus kann man 2 Schlüsse ziehen: 1. Dieses Thema zieht in anderen Ländern (Thüringen) nicht oder nicht so stark und 2.) in Sachsen & Brandenburg muss die neue Legislaturperiode genutzt werden, den Leuten Mut zu machen und die Zukunftsaussichten zu verbessern. Geld dafür sollte ja wohl da sein. Jetzt muss man was ordentliches draus machen.
qoderrat 02.09.2019
4.
Das ist die bequeme Interpretation, der Wähler ist dumm. Die hässliche, die aus meiner Sicht (leider!) eher zutrifft ist, dass diese Wählerschaft auch vorher von der Politik der Linken nicht überzeugt waren und von [...]
Zitat von ayeeDa weiß man ungefähr, wie wenig in den Köpfen dieser Wähler vor sich geht, wenn die Linken die meisten Wähler an die AfD verliert. Politische Beliebigkeit.
Das ist die bequeme Interpretation, der Wähler ist dumm. Die hässliche, die aus meiner Sicht (leider!) eher zutrifft ist, dass diese Wählerschaft auch vorher von der Politik der Linken nicht überzeugt waren und von einer Protestwählerpartei in die nächste gesprungen sind. Für mich ist es kaum vorstellbar, dass jemand der nur eine gewisse linke Affinität hat zur Afd wechselt. Die Zeit der Machtspielchen sind jetzt endgültig vorbei, das ist die letzte Chance die Leute von der politischen Mitte zu überzeugen. Wenn jetzt nicht geliefert wird, und zwar für die gesamte Bevölkerung, nicht nur für die oberen 10%, dann sind wir geliefert.
Na Sigoreng 02.09.2019
5. Einfaches Marketing
Wenn das Produkt einer Firma nicht gekauft wird und der Konsument zum Produkt des Wettbewerbers greift, ist es einleuchtend, dass man nicht sagen kann, dass der Konsument dumm ist. Es liegt also auf der Hand, dass man die [...]
Wenn das Produkt einer Firma nicht gekauft wird und der Konsument zum Produkt des Wettbewerbers greift, ist es einleuchtend, dass man nicht sagen kann, dass der Konsument dumm ist. Es liegt also auf der Hand, dass man die Stellschrauben in der eigenen Firma verändern muss. Im Fall der Politik ist es aber allgemein üblich, zu sagen, dass der Wähler dumm ist und falsch gewählt hat. Wenn die etablierten Parteien ein akzeptables Produkt angeboten hätten, gäbe es heute weniger Parteien.

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