Politik

Gemeinsamer Auftritt in Eslohe

Merz schwört Kramp-Karrenbauer die Treue

Zum ersten Mal seit dem Parteitag traten CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer und der im Rennen um den Vorsitz unterlegene Friedrich Merz gemeinsam vor Publikum auf - im Hochsauerland erlebte man einen Lokalmatadoren, der helfen will. Aber wie?

Ina Fassbender / DPA
Aus Eslohe berichtet
Freitag, 12.04.2019   22:04 Uhr

Jetzt müsste nur noch Jens Spahn aus der Kulisse treten. Der Parteichefin geht das auch so an diesem Abend in Eslohe: Sie fühle sich erinnert an den letzten Herbst, sagt Annegret Kramp-Karrenbauer. "Fehlt nur noch, dass wir die Redner-Reihenfolge auslosen", sagt sie.

Unten im Saal sitzt Friedrich Merz, mit ihm und Bundesgesundheitsminister Spahn war Kramp-Karrenbauer sechs Wochen lang vor dem CDU-Bundesparteitag durch die Republik getourt, um sich auf Regionalkonferenzen der Basis vorzustellen. Am Ende setzte sie sich in der Stichwahl gegen Merz durch, seit dem Parteitag im vergangenen Dezember ist Kramp-Karrenbauer CDU-Vorsitzende.

Eslohe, 3000 Einwohner, eine kleine Gemeinde im Hochsauerlandkreis: Hierhin ist die Parteichefin an diesem kalten Aprilabend gekommen, draußen tanzen die Schneeflocken, drinnen drängeln sich die Menschen in der Halle der Schützenbrüderschaft Sankt Peter und Paul. Die Blaskapelle spielt, es gibt Veltins, gebraut um die Ecke, Erbsensuppe und Schnittchenteller - und die lokale Spezialität "Esloher Igel": gegarte Hackfleischbällchen.

Politikverdrossenheit? 1100 Leute sind erschienen, ein Nebenraum musste bestuhlt werden, es gibt eine extra Leinwand. "Absoluter Rekord", sagt der Esloher CDU-Chef Christian Sievers, von Diskoabenden oder Konzerten einmal abgesehen.

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Erst hatten sich nur 500 Leute ankündigt für eine Veranstaltung mit Kramp-Karrenbauer und ihrem Generalsekretär Paul Ziemiak, der die Sauerland-Stadt Iserlohn im Bundestag vertritt. Aber dann kam Friedrich Merz dazu - und die Anmeldezahl explodierte. Der frühere Unionsfraktionschef im Bundestag wohnt im nahen Arnsberg, der Lokalmatador wird mit donnerndem Applaus und begeisterten Pfiffen begrüßt. Für Kramp-Karrenbauer fällt der Beifall dagegen eher höflich aus.

Aber die Hierarchie in der CDU ist eine andere: Die Parteichefin hält die Hauptrede und beantwortet im Anschluss noch Fragen aus dem Saal, Merz übernimmt die Aufgabe der "Anmoderation" für den Gast aus Berlin.

Erster gemeinsamer Auftritt von AKK und Merz

Eigentlich soll es eine Wahlkampfveranstaltung für den örtlichen CDU-Europa-Parlamentarier Peter Liese sein, aber wegen des Kramp-Karrenbauer/Merz-Doppels ist daraus ein ganz anderer Termin geworden: Es ist ihr erster gemeinsamer Auftritt seit dem Parteitag im vergangenen Dezember.

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Erstes Treffen von AKK und Merz: Bei "Esloher Igel" und Veltins

Das Verhältnis zwischen Kramp-Karrenbauer und Merz ist ja eines, das selbst die Vorstellungskraft wenig fantasiebegabter Menschen anregt: 18 Stimmen mehr - und er wäre in Hamburg CDU-Vorsitzender geworden. Gut möglich, dass Angela Merkel dann nach dem Rückzug von der Parteispitze auch schon das Kanzleramt geräumt hätte, unter engagierter Mithilfe von Merz. Aber hätte, hätte, Fahrradkette: Kramp-Karrenbauer wurde gewählt, die ihrerseits keine Anstalten macht, die Kanzlerin zum Rückzug zu bewegen. Nur: Wie geht sie nun mit Merz um - und wie er mit der Parteivorsitzenden?

"Das ewige Versprechen" hat die "Wirtschaftswoche" Merz kürzlich genannt. Seine Fans hoffen weiterhin, dass es noch eingelöst wird. AKK, wie sie inzwischen nicht nur von ihren Anhängern genannt wird, will wiederum Merkel irgendwann durchaus im Amt folgen. Nach SPIEGEL-Informationen hat sie dafür eine Art Vereinbarung mit Merz geschlossen, wonach er dann Minister wird.

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Die beiden brauchen sich also gegenseitig, sie tauschen sich inzwischen auch regelmäßig aus - das macht es so spannend, nun einmal ihren öffentlichen Umgang miteinander zu beobachten. An diesem Abend also in Eslohe.

Auf der Bühne hat man im Halbrund zwei Dutzend Christdemokraten aufgereiht, junge und alte, Frauen und Männer, einige mit Migrationshintergrund, auch ein Feuerwehrmann in Uniform ist dabei. So was nennt man neudeutsch Townhall-Format, die Menschen im Hintergrund lassen Auftritte von Politikern lebendiger erscheinen, die Berliner Parteizentrale in Berlin hatte sich das für die Esloher Schützenhalle gewünscht. Dort oben ist jetzt erstmal der Anmoderator Merz an der Reihe. Er redet statt fünf Minuten zehn. Den Saal hat er schon nach wenigen Sätzen in der Hand.

DPA

CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer spricht bei der Europawahlkampfveranstaltung in Eslohe

Merz beginnt mit der Rückschau auf die Regionalkonferenzen, bedankt sich bei Kramp-Karrenbauer für den fairen Wettkampf, "obwohl ich mir hätte vorstellen können, dass es anders ausgeht". Aber er betont auch: "Ich möchte, dass Annegret Kramp-Karrenbauer als Vorsitzende erfolgreich ist - und dazu will ich beitragen." Das ist eine Art Treuebekenntnis. "Ich fühle mich verpflichtet, da weiter mitzuarbeiten", sagt er.

Nur wie?

Fans wollen Merz statt Altmaier

Dass der politische Ehrgeiz von Merz ungebrochen ist und auch sein Zutrauen in sich selbst, daran gibt es keine Zweifel. Seine Fans würden ihn lieber heute als morgen im Kabinett sehen - am liebsten auf dem Posten des ungeliebten Wirtschaftsministers Peter Altmaier. Dass dieser kurz vor dem Hamburger Parteitag öffentlich Position für Kramp-Karrenbauer bezog, haben sie ihm nie verziehen. Die Vorsitzende hat allein deshalb einen anderen Blick auf Altmaier und nicht nur, weil sie ebenso aus dem Saarland kommt. Und die Kanzlerin will den von ihr geschätzten Altmaier ohnehin genau so wenig loswerden, wie sie Merz zum Minister machen will.

Merz muss sich also gedulden und vorerst mit kleineren Ämtern vorlieb nehmen, beispielsweise dem des Vizevorsitzes des CDU-Wirtschaftsrats, für den man ihn am Donnerstag nominiert hat, Anfang Juni soll er dann gewählt werden. Auch im sogenannten Bibliothekskreis, der die CDU-Vorsitzende berät, soll Merz mitwirken. In den anstehenden Landtagswahlkämpfen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen sind ebenfalls Termine im Rahmen des Wirtschaftsrats geplant oder bereits vereinbart.

Als Kramp-Karrenbauer in Eslohe auf die Bühne tritt, ihre Erinnerungen an die Regionalkonferenzen mit Merz geteilt und ein bisschen vom Hochsauerland geschwärmt sowie den Parallelen zu ihrer saarländischen Heimat erzählt hat, ist sie rasch im Wahlkampf angekommen. Das ist ihre Aufgabe: zu erklären, warum die Menschen die CDU bei der Europawahl Ende Mai wählen sollen, die politische Konkurrenz zu attackieren. Die Europawahl ist ihr erster Test als Parteichefin.

Unten im Saal sitzt Friedrich Merz und hört aufmerksam zu. Er muss noch warten.

insgesamt 99 Beiträge
tailspin 12.04.2019
1. In guten wie in schlechten Zeiten
Sind die jetzt schon verheiratet?
Sind die jetzt schon verheiratet?
h.hass 12.04.2019
2.
Mit Merz und AKK steuert die CDU garantiert auf die 25 %-Marke zu. Beide wollen die Partei nach rechts und in der Zeit zurück bewegen. Das wird nicht funktionieren, damit kann man höchstens alte Helmut-Kohl-Wähler überzeugen, [...]
Mit Merz und AKK steuert die CDU garantiert auf die 25 %-Marke zu. Beide wollen die Partei nach rechts und in der Zeit zurück bewegen. Das wird nicht funktionieren, damit kann man höchstens alte Helmut-Kohl-Wähler überzeugen, und die sterben so langsam weg.
hausfeen 12.04.2019
3. Er greift nach der letzten Chance, das ist er seinen Blackrockern ...
... schuldig. Die Treue hält genau bis zu dem Punkt, an dem sich die Tür für ihn öffnet. Wenn AKK zum Beispiel schwächelt oder in einen Skandal gerät.
... schuldig. Die Treue hält genau bis zu dem Punkt, an dem sich die Tür für ihn öffnet. Wenn AKK zum Beispiel schwächelt oder in einen Skandal gerät.
m.klagge 12.04.2019
4. Die Neoliberalen nehmen
die gute Frau AKK ans Händchen bevor die zu bürgernah wird und Sachen sagt, die später nur schwer wieder aus der Welt zu schaffen sind. Dazu wird ihr Vorgesetzter als "Berater" installiert. Nette Idee, insbesondere [...]
die gute Frau AKK ans Händchen bevor die zu bürgernah wird und Sachen sagt, die später nur schwer wieder aus der Welt zu schaffen sind. Dazu wird ihr Vorgesetzter als "Berater" installiert. Nette Idee, insbesondere weil der umgekehrte Ansatz der Neoliberalen mit Macron als klar erkennbar einem der ihren gerade den Bach runtergeht.
rosinenzuechterin 12.04.2019
5. Ohne Merz ... mit Merz ... ohne CDU
Ist es nicht irgendwie egal, mit welcher Personalzusammenrottung die CDU in der Bedeutungslosigkeit verschwindet? Man wird schon noch merken, wie wichtig Frau Merkel für die CDU war. Wer auf der Straße sieht, was der [...]
Ist es nicht irgendwie egal, mit welcher Personalzusammenrottung die CDU in der Bedeutungslosigkeit verschwindet? Man wird schon noch merken, wie wichtig Frau Merkel für die CDU war. Wer auf der Straße sieht, was der zukünftigen Wählermasse wichtig ist, wird sich mit Grausen von dem Katholikenverein abwenden, der von der CDU übrig bleibt, wenn Frau Merkel nicht mehr ist. Diesen Fall wird Herr Merz noch beschleunigen.

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