Politik

Ex-Finanzminister Waigel über 1990

"Tränen rannen über das Gesicht von Willy Brandt"

Theo Waigel verhandelte als Finanzminister die Deutsche Einheit. Zum Jahrestag erinnert er sich an den Moment der Wiedervereinigung, die D-Mark-Einführung und ihre Folgen - und warnt die CDU vor der AfD.

Wolfgang Kumm/ picture-alliance

Spitzenpolitiker am 3. Oktober 1990 vor dem Reichstag, rechts im Bild Theo Waigel

Ein Interview von
Donnerstag, 03.10.2019   18:16 Uhr

Es ist ein historisches Bild: In der Nacht auf den 3. Oktober 1990 wird vor dem Reichstagsgebäude in Berlin die Einheit gefeiert. Spitzenpolitiker der Bundesrepublik und der ersten und letzten demokratisch gewählten Regierung der DDR haben sich auf einem Podest versammelt. Unter ihnen, ganz am rechten Bildrand, steht der damalige Bundesfinanzminister Theo Waigel.

Im Interview mit dem SPIEGEL spricht der heute 80-jährige CSU-Ehrenvorsitzende über diese Nacht von Berlin, umstrittene Entscheidungen im wiedervereinigten Deutschland - und die heutige politische Landschaft im Osten.

SPIEGEL: Herr Waigel, die historischen Fotos aus der Nacht des 3. Oktober 1990 zeigen Sie mit den politischen Größen der Zeit auf einem Podest vorm Reichstagsgebäude.

Theo Waigel: Moment, eine Frage: Bin ich da nur halb drauf oder komplett?

SPIEGEL: Auf dem Motiv sind Sie in Gänze zu sehen, vertrauen Sie unserer Bildredaktion!

Zur Person

Waigel: Gut. Bei einigen Bildern ist nämlich nur mein halbes Gesicht zu sehen, mitunter nur meine Augenbraue.

SPIEGEL: Wie haben Sie den Tag damals erlebt?

Waigel: Es war unglaublich bewegend. Wir sahen begeisterte Menschen vor diesem Podest, die auf uns zuströmten. Ich stand ja, von meinem Platz aus, ganz links, obwohl ich politisch ja kein Linker bin. Von mir aus gesehen ganz rechts standen die SPD-Politiker Willy Brandt und Oskar Lafontaine. Irgendwann im Verlauf der Nacht haben alle anderen - Helmut Kohl, Richard von Weizsäcker - dieses Podest verlassen. Schließlich standen nur noch Brandt und ich da oben. Er kam auf mich zu, gab mir wortlos die Hand. Tränen rannen über das Gesicht von Willy Brandt. Das vergesse ich nicht, das bewegt mich noch heute, wie dieser damals schon alte Mann sich über die Einheit gefreut hat.

SPIEGEL: Was geschah dann?

Waigel: Ich ging in den Reichstag, dort kam mir der damalige sowjetische Botschafter in Bonn, Wladislaw Terechow, entgegen. Er sagte mir, das sogenannte Überleitungsabkommen sei unterschriftsreif. Das regelte den Abzug der sowjetischen Truppen und Zivilisten vom Gebiet der DDR bis zum Sommer 1994, samt schweren Waffen. Am 9. Oktober 1990 haben wir dieses Abkommen dann in Bonn unterzeichnet. Es war der erste Vertrag des neuen souveränen vereinigten Deutschland. Übrigens waren die Herrschaften im Auswärtigen Amt damals ein bisschen verärgert, weil ausgerechnet der Finanzminister diesen wichtigen Vertrag unterzeichnet hat.

SPIEGEL: Heute - 30 Jahre nach dem Mauerfall - streiten wir wieder darüber, ob die Arbeit der Treuhandanstalt im Osten richtig war, ob die Einführung der D-Mark im Sommer 1990 richtig war. Frustriert Sie das?

Waigel: Nein, damit kann ich umgehen. Wenn ich eines gelernt habe, dann das: Als Politiker darf man keine Dankbarkeit erwarten.

Fotostrecke

Theo Waigel: Der Finanzminister

SPIEGEL: Und die ökonomischen Fragen?

Waigel: Was wir - ob Währungsumstellung oder Treuhand - 1990 gemacht haben, das war im Wesentlichen richtig. Dazu stehe ich, dazu gab es keine Alternative. Die Gehälter und Renten mussten wir eins zu eins auf Westmark umstellen. Was viele heute nicht mehr wahrhaben wollen: Der Durchschnitt der damaligen DDR-Löhne lag bei 1250 Ost-Mark. Hätten wir eins zu zwei umgestellt, wären viele Leute abrupt in die Armut gestürzt worden. Die Produktivität der DDR-Wirtschaft lag unter 30 Prozent gegenüber der des Westens, jeder mobile DDR-Bürger wäre in den Westen gegangen.

SPIEGEL: Heute versuchen Linkspartei und AfD Stimmung gegen die Treuhand zu machen, denken gar über einen Untersuchungsausschuss nach.

Waigel: Ach Gott, ich würde als Zeuge auch einen dritten Ausschuss überstehen, denn ich wurde ja schon in zwei Treuhand-Ausschüssen des Bundestags befragt. Damals übrigens vom späteren SPD-Bundesinnenminister Otto Schily. Der hat mich acht Stunden lang vernommen, damals war ich stinksauer auf ihn, heute sind wir befreundet.

SPIEGEL: Gibt es nichts, was Sie hätten besser machen können?

Waigel: Wir hätten den Menschen im Osten noch deutlicher sagen sollen, dass selbst die SED die Lage als katastrophal einschätzte. Der damalige Vorsitzende der staatlichen Planungskommission, Gerhard Schürer, hatte in zwei geheimen Papieren den Kollaps der DDR vorausgesagt, auch eine Reduzierung des Lebensniveaus der DDR um bis zu 30 Prozent. Die DDR-Betriebe waren nicht profitabel, die Erzeugnisse hatten nicht genügend Abnehmer. Wir haben über 300 Milliarden DM über die Treuhand in Betriebe gesteckt und versucht, jene zu erhalten, die wettbewerbsfähig waren. Und auch das muss gesagt werden, weil Schuldzuweisungen manchmal sehr einseitig sind: Im Treuhandverwaltungsrat saßen auch die Ministerpräsidenten der neuen Bundesländer, saßen Vertreter der Gewerkschaften und der Wirtschaft.

Fotostrecke

Wachsen nach dem Kahlschlag: Die Bilanz des Ostens in zehn Grafiken

SPIEGEL: Im Osten hat die AfD die Linke als stärkste Kraft abgelöst. Beunruhigt Sie diese Entwicklung?

Waigel: Ja, schon.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich das?

Waigel: Es ist ein Bündel von Gründen, durchaus auch ein kulturelles Phänomen. Vier Millionen Menschen sind von 1949 bis 1989 vom Osten in den Westen gegangen. Wir im Westen hatten zwölf Jahre Nazi-Diktatur, danach kam relativ schnell die Demokratie. Im Osten aber schloss sich gleich nach Kriegsende die sowjetische Besatzungszeit und ab 1949 bis 1989 die DDR-Diktatur an, fast ein halbes Jahrhundert also. Das wirkt sich auch auf den Umgang mit anderen Kulturen, anderen Ethnien, Völkern aus. Wir haben ähnliche Entwicklungen ja auch in anderen ehemaligen sozialistischen Ländern des Ostblocks. Ich bin aber überzeugt, in zehn, 20 Jahren sieht das anders aus.

SPIEGEL: Die AfD ist im Osten zum Teil schon stärker als die CDU. Auch in Bayern kam sie ins Parlament. Wie soll sich die Union insgesamt verhalten?

Waigel: So wie wir in Bayern eine Koalition mit den Republikanern, der NPD oder eben der AfD stets abgelehnt haben, so sollte auch die CDU im Osten niemals eine Koalition mit der AfD eingehen. Die Abgrenzung zur AfD ist notwendig. Man muss sie mit allen demokratischen Mitteln bekämpfen.

SPIEGEL: Ende Oktober wird in Thüringen gewählt, dort stellt die Linke den Ministerpräsidenten. Auch die AfD dürfte zulegen und so könnte womöglich gegen Linke und AfD keine Koalition gebildet werden. Was raten Sie der dortigen CDU?

Waigel: Auf gar keinen Fall eine Koalition mit der AfD eingehen! Dann lieber eine Zeit lang eine Minderheitsregierung tolerieren. Zugleich aber der Bevölkerung deutlich machen, dass man das nur als Notlösung macht und eigentlich eine klare Entscheidung verlangt.

SPIEGEL: Sollte die CDU mit der Linken koalieren?

Waigel: Nein. Sie sollte ein Minderheitskabinett stützen, falls das nötig wird.

SPIEGEL: Welche Botschaft haben Sie für die Deutschen am diesjährigen 3. Oktober?

Waigel: Wir haben die größte Solidaraktion in der Geschichte Deutschlands vollbracht, Ost und West. Darauf können wir alle miteinander stolz sein.

Mehr zum Thema Wiedervereinigung: "Das war ein deutscher Brexit-Moment"

insgesamt 57 Beiträge
kenterziege 03.10.2019
1. Alles, was Herr Waigel hier über die Zeiten des Umbruchs sagt .....,
....ist nachvollziehbar und richtig! Weshalb hat er nicht wiederholt, daß man die PDS am besten verboten hätte. Es ist richtig, daß man die AFD mit demokratischen Mitteln bekämpfen muss. Das gilt im Wettstreit aller Parteien. [...]
....ist nachvollziehbar und richtig! Weshalb hat er nicht wiederholt, daß man die PDS am besten verboten hätte. Es ist richtig, daß man die AFD mit demokratischen Mitteln bekämpfen muss. Das gilt im Wettstreit aller Parteien. Aber es passt nicht, wenn man bestimmte Posten für die AFD auslässt oder gemeinsam abwählt. Das ist nicht demokratisch, sondern ausgrenzend.
IchbinDu 03.10.2019
2. Windfall Profit für Kohl
"Tränen rannen über das Gesicht von Willy Brandt. Das vergesse ich nicht, das bewegt mich noch heute, wie dieser damals schon alte Mann sich über die Einheit gefreut hat." - Ohne Brandts und Bahrs hartnäckige und [...]
"Tränen rannen über das Gesicht von Willy Brandt. Das vergesse ich nicht, das bewegt mich noch heute, wie dieser damals schon alte Mann sich über die Einheit gefreut hat." - Ohne Brandts und Bahrs hartnäckige und beständige Intention, immer wieder mit der UDSSR und der DDR zu verhandeln, wäre es nie zur Wiedervereinigung gekommen. Die Union hat Brandt oft widersprochen. Kohl hat die Gnade erlebt, zur richtigen Zeit die richtige Rolle zu haben. Typischer Effekt von Windfall Profit.
dwg 03.10.2019
3.
Zitat: "Tränen rannen über das Gesicht von Willy Brandt" Das illustriert das zentrale Problem der Wiedervereinigung. 1989 war durchgängig die Kriegsgeneration an allen entscheidenden Stellen. Verkürzt - Das [...]
Zitat: "Tränen rannen über das Gesicht von Willy Brandt" Das illustriert das zentrale Problem der Wiedervereinigung. 1989 war durchgängig die Kriegsgeneration an allen entscheidenden Stellen. Verkürzt - Das unmittelbare Erleben des Krieges, des Zusammenbruchs, und der Teilung sowie die damit verbundene Emotionalität hat bei den meisten Handelnden eine rationale Herangehensweise verhindert und ist somit für all die "blühenden Landschaften", den 1-zu-1 Umtausch und den daraus resultierenden Ruin nahezu der kompletten Ostwirtschaft und die meisten der irrationalen Entscheidungen verantwortlich. In dem Licht ist es dann trotzdem erstaunlich gut gelungen.
haarer.15 03.10.2019
4. Theo Waigel
Waigels Antworten lassen schon ein bisschen aufhorchen. Eine halbwegs vernünftige Sicht. Nur was die Arbeit der Treuhand angeht, kann man durchaus anderer Meinung sein. Da lief nicht alles gut - und die Folgen sehen wir heute. [...]
Waigels Antworten lassen schon ein bisschen aufhorchen. Eine halbwegs vernünftige Sicht. Nur was die Arbeit der Treuhand angeht, kann man durchaus anderer Meinung sein. Da lief nicht alles gut - und die Folgen sehen wir heute. Waigel warnt zu Recht vor den Anti-Demokraten der AfD. Weder ist diese Truppe Anwalt des Volkes noch der kleinen Leute. Dazu tickt ihr sog. "Programm" zu neo-liberal und auch gefährlich rückwärts-gewandt. Wann begreift der letzte AfD-Fan, welchen Rattenfängern er aufsitzt ? Waigel würde eine Linksregierung in Thüringen viel eher dulden - und das auch seiner Partei empfehlen. Hut ab Hr. Waigel ! Das zeugt von Realismus und einer Prise Vernunft.
Hajojunge 03.10.2019
5. Am 3. Oktober war ich am Schöneberger Rathaus
Dieser beklemmende Abend blieb mir unvergeßlich. Helmut Kohl wurde gnadenlos ausgepfiffen. Schon an jenem Abend hatte ich das Gefühl, daß da etwas schief gehen könnte. Ich war tief beschämt über das Verhalten der dort [...]
Dieser beklemmende Abend blieb mir unvergeßlich. Helmut Kohl wurde gnadenlos ausgepfiffen. Schon an jenem Abend hatte ich das Gefühl, daß da etwas schief gehen könnte. Ich war tief beschämt über das Verhalten der dort anwesenden Klientel; offensichtlich waren auch viele Sozis und Linke aus dem Westen anwesend. Denen ging die Wiedervereinigung gründlich gegen den Strich. Dort die Bonzen aus dem Osten, denen die Privilegien verloren gingen, hier die Linken, deren furzgemütliches West-Berliner Biotop empfindlich gestört wurde. Die Entwicklung verlief folgerichtig. Hier wie dort wurde kräftig Sand ins Getriebe geschüttet. Unter dem Strich war die Vereinigung jedoch das Beste, was Deutschland widerfahren konnte.

Mehr im Internet

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP