Politik

Forderung von Katrin Göring-Eckardt

Grüne wollen Amazon verbieten, Retouren zu vernichten

Böllerbann, Kaffeebecherpfand und Schottergartenverbot: Die Grünen wollen mit immer mehr Maßnahmen den Umweltschutz vorantreiben. Nun knöpft sich die Ökopartei Onlinehändler vor - verbunden mit einer sozialen Idee.

Peter Endig/ DPA

Katrin Göring-Eckardt: "Eine Perversion der Wegwerfgesellschaft"

Montag, 10.06.2019   09:06 Uhr

Die Grünen wollen Onlineversandhändlern wie Amazon verbieten, neuwertige Waren nach deren Rücksendung zu vernichten. "Wir erleben eine Perversion der Wegwerfgesellschaft", sagte Grünenfraktionschefin Katrin Göring-Eckardt den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Da ist der Staat gefordert."

Göring-Eckardt stellte einen Dreipunkteplan vor: "Erstens: Dem Online-Handel wird verboten, neuwertige Produkte, die zurückkommen, zu vernichten." Zweitens sollten zurückgeschickte Produkte, die nicht mehr in den Verkauf können, verschenkt werden - etwa über Sozialkaufhäuser. Drittens müssten die Rohstoffe zurück in den Wertstoffkreislauf.

Im Schnitt werde jedes sechste Paket zurückgeschickt, rechnete die Fraktionsvorsitzende vor. Das seien annähernd 500 Millionen Produkte im Jahr, vor allem Schuhe und Kleider, aber auch Kaffeeautomaten, Waschmaschinen oder Handys. "Viele von ihnen werden nach der Rücksendung komplett vernichtet", kritisierte Göring-Eckardt. "Dabei handelt es sich um neuwertige Produkte, die voll funktionsfähig sind und höchstens einen Kratzer haben."

Gut 79 Prozent wird wieder als A-Ware verkauft

Wirtschaftswissenschaftler der Universität Bamberg haben jüngst ermittelt, dass die Bundesbürger bei Bestellungen im Internet jedes sechste Paket wieder zurückschicken. Im vergangenen Jahr sind das demnach 280 Millionen Pakete und 487 Millionen Artikel gewesen. Bei Kleidung und Schuhen geht sogar fast die Hälfte der Pakete zurück an den Absender, wie die Forscher Ende April mitteilten.

Die Retouren belasten durch das zusätzliche Transportaufkommen das Klima, die Kosten müssen einerseits die Kunden durch höhere Marktpreise tragen, andererseits erzielen die E-Commerce-Händler geringere Margen. Nach Erkenntnis der Forscher landen rund vier Prozent der zurückgeschickten Artikel im Müll. Immerhin gut 79 Prozent würden direkt wieder als A-Ware verkauft, weitere 13 Prozent als B-Ware, so die Forscher. Und drei Prozent würden an industrielle Verwerter verkauft oder an gemeinnützige Organisationen gespendet.

Marktführer Amazon hatte dazu vor wenigen Wochen erklärt, jede Rücksendung werde qualitätsgeprüft, neu verpackt und - wann immer möglich - wieder als Neuware angeboten. Zudem hätten seit 2013 mehr als 1000 soziale Einrichtungen Spenden bekommen. Eine halbe Million Menschen erhielten so laut Amazon Spielzeug, Schuhe, Kleidung oder Drogerieartikel.

Umweltproblem Kaffeebecher: Pfand oder Steuer?

Was darf die Industrie, was gehört verboten? Die Grünen sparen nicht mit Kritik, wenn unternehmerisches Handeln umweltschädlich sein könnte oder ist - und nicht selten erhebt die Ökopartei den Anspruch, mitreden zu wollen.

Gerade erst hat Grünenfraktionschef Anton Hofreiter die Einführung von Pfand auf Kaffeebecher zum Mitnehmen gefordert. "Die Bundesregierung muss konsequent auf Mehrweg setzen und bundesweit Pfandsysteme für Mehrwegkaffeebecher noch in diesem Jahr auf den Weg bringen", sagte Hofreiter der "Bild am Sonntag". Der Einwegbecher stehe "exemplarisch für den Müllwahnsinn in Deutschland".

Er verwies vor diesem Hintergrund auf eine EU-Richtlinie, die den Mitgliedsländern Maßnahmen zur Reduzierung von Einwegbechern auferlegt. Eine kleine Anfrage der Grünen ergab demnach aber, dass die Bundesregierung diese Richtlinie nicht "vor Ablauf der Umsetzungsfrist von zwei Jahren" in deutsches Recht übertragen werde.

Coffee-to-go-Becher waren Ende 2018 bereits in Tübingen Thema - allerdings im Zusammenhang mit einer anderen Maßnahme. Die Stadtverwaltung will bundesweit die erste Kommune sein, die eine Steuer auf den Verkauf von Einwegverpackungen von Cafés und Imbissbuden einführt. Die Unternehmen sollen diese beispielsweise auf Pizzakartons und Nudelboxen bezahlen - und auch auf Kaffeebecher.

"In Tübingen packen wir das Übel an der Wurzel", sagte Oberbürgermeister und Grünenpolitiker Boris Palmer laut Mitteilung. "Indem wir die Produktion von Müll teurer machen, beseitigen wir finanzielle Fehlanreize. Einwegverpackungen dürfen nicht billiger sein als Mehrweg-Pfandsysteme."

Verbot von privaten Silvesterfeuerwerken und Schottergärten

Geht es nach den Grünen, sollte nicht nur den Produzenten von Einwegverpackungen ein gigantisches Geschäft entgehen - der Umwelt zuliebe. Auch der Pyrotechnikindustrie gehört nach dem Willen der Partei die Nachfrage entzogen. Die Berliner Grünen beschlossen im April mehrheitlich, dass privates Böllern verboten werden soll. Demnach soll der Verkauf und Gebrauch von Böllern zu Silvester tabu sein. Stattdessen soll es mehr öffentliche Feuerwerke geben.

Schottergärten

Doch nicht nur Unternehmen sind von den Verbotsforderungen der Grünen betroffen. Grüne Politiker in Hannover haben vor kurzem Schottergärten den Kampf angesagt - und wollen damit auch Privatleute in die Pflicht nehmen. Wie die "Hannoversche Allgemeine" berichtet, soll die Verwaltung beauftragt werden, die gesetzlichen Vorgaben der niedersächsischen Bauordnung umzusetzen und in die Bebauungspläne zu übernehmen. Das Ziel: Nicht überbaute Flächen an Häusern sollen Grünflächen sein, unbebaute Flächen sollen begrünt werden müssen.

Sowohl "eine hochgradige Versiegelung als auch Schotterflächen" sollen demnach verhindert werden, sagte Heinz Strassmann, Vorsitzender der Gruppe "Grüne Gärten statt Schotterflächen". "Die Verwaltung wird gebeten, verschiedene Festsetzungen zu prüfen, um einer solchen lebensfeindlichen Versiegelung entgegen zu wirken."

jus/AFP/Reuters

insgesamt 796 Beiträge
minion-bopoy- 10.06.2019
1. Gut
Endlich reagiert mal jemand mit entsprechendem Einfluss auf diese, seit Jahren bekannte, entsetzliche Praktik. Mit dem Verschenken werden die Firmen so ihre Probleme haben, aber vielleicht führt das wiederum zu [...]
Endlich reagiert mal jemand mit entsprechendem Einfluss auf diese, seit Jahren bekannte, entsetzliche Praktik. Mit dem Verschenken werden die Firmen so ihre Probleme haben, aber vielleicht führt das wiederum zu sorgfältigerem Umgang mit Retouren.
deffnull 10.06.2019
2. Wir sollten...
... langsam wohl einsehen, dass es nicht ohne Verbote geht, wenn es das Klima oder der Müll das Thema ist. Solange irgendetwas bequem und/oder billig ist, wird die Masse dazu tendieren. Insofern kann es gar nicht genug Verbote [...]
... langsam wohl einsehen, dass es nicht ohne Verbote geht, wenn es das Klima oder der Müll das Thema ist. Solange irgendetwas bequem und/oder billig ist, wird die Masse dazu tendieren. Insofern kann es gar nicht genug Verbote geben, wenn es um unserr Erde geht.
112211 10.06.2019
3. Schotter
Bei den Schottergärten stellt sich die Frage, warum es überhaupt Hausbesitzer gibt, die diese Form der Gärten ihr Eigentum nennen. Wozu braucht man so etwas sinnloses wie einen Schottergarten? Die Flächen könnten die [...]
Bei den Schottergärten stellt sich die Frage, warum es überhaupt Hausbesitzer gibt, die diese Form der Gärten ihr Eigentum nennen. Wozu braucht man so etwas sinnloses wie einen Schottergarten? Die Flächen könnten die Hausbesitzer viel besser an Bürger abgeben, die sich liebend gern um Pflege und Nutzung als echte Gärten kümmern würden.
noway2go 10.06.2019
4. Es geht schon wieder los
Und nun die Phase, in der die verkaufenswerte Ersatzbank den Erfolg der ersten Mannschaft kaputt macht. Wie blöd - ist es denn nicht möglich, vor solchen Verbots- und komplett unrealistischen Forderungen erstmal Wahlen zu [...]
Und nun die Phase, in der die verkaufenswerte Ersatzbank den Erfolg der ersten Mannschaft kaputt macht. Wie blöd - ist es denn nicht möglich, vor solchen Verbots- und komplett unrealistischen Forderungen erstmal Wahlen zu gewinnen? Mehr davon, und die Grünen sind wieder unter AFD und SPD.
aggro_aggro 10.06.2019
5. Vernichtung
Zu diesem Thema brauchen wir mehr Hintergrundinformation. Was wird vernichtet? Nach welchen Kriterien wird das ausgesucht? Wie viel Prozent der Waren betrifft das? Wie viel Warenwert? Es kann ja nicht jede Rücksendung [...]
Zu diesem Thema brauchen wir mehr Hintergrundinformation. Was wird vernichtet? Nach welchen Kriterien wird das ausgesucht? Wie viel Prozent der Waren betrifft das? Wie viel Warenwert? Es kann ja nicht jede Rücksendung betreffen.... Alle Schuhe, alle Kleidung, alle Geräte... Andererseits ist jede Vernichtung von Werten ein Skandal, auch wenn es ein 5-Euro-Produkt ist.
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