Politik

Gedenken an Auschwitz-Befreiung

"Unsere Erinnerungskultur bröckelt"

Außenminister Maas appelliert am Holocaust-Gedenktag daran, die Geschichten der Menschen zu bewahren, die von dem "Unfassbaren berichten" können. Kanzlerin Merkel sprach sich klar gegen Hass und Rassenwahn aus.

REUTERS

Auschwitz-Überlebender besucht die Gedenkstätte

Sonntag, 27.01.2019   11:53 Uhr

Am 27. Januar gedenkt die Welt der sechs Millionen ermordeten europäischen Juden sowie aller anderen Opfer des Nationalsozialismus. Vor 74 Jahren wurde das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz von der Roten Armee befreit.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Heiko Maas (SPD) haben anlässlich des Holocaust-Gedenktags einen entschlossenen Kampf gegen Antisemitismus gefordert. "Dieser Tag lässt uns daran erinnern, was Rassenwahn, Hass und Menschenfeindlichkeit anrichten können", sagte Merkel in ihrem Video-Podcast.

Jeder Einzelne habe die Aufgabe, "auch Verantwortung dafür zu tragen, dass wir null Toleranz gegen Antisemitismus, Menschenfeindlichkeit, Hass und Rassenwahn zeigen". Die Kanzlerin beklagte, Antisemitismus und menschenfeindliche Hetze seien leider auch heute noch Teil unserer Gesellschaft.

Sie verwies auf das 2018 geschaffene Amt des Beauftragten der Bundesregierung für den Kampf gegen Antisemitismus und auf die geplante bundesweite Meldestelle für judenfeindliche Übergriffe.

Maas: "Rechtspopulistische Provokateure relativieren den Holocaust"

Maas wies in einem Gastbeitrag für die "Welt am Sonntag" darauf hin, dass der Zeitpunkt näher rücke, an dem Zeitzeugen nicht mehr vom NS-Unrecht berichten könnten. "Unsere Erinnerungskultur bröckelt, sie steht unter Druck von extremen Rechten."

"Wir sehen, wie in ganz Europa Nationalismus propagiert wird und Feindbilder genutzt werden, um die eigene dumpfe Ideologie zu rechtfertigen. Rechtspopulistische Provokateure relativieren den Holocaust - im Wissen, dass ein solcher Tabubruch maximale Aufmerksamkeit beschert."

Maas forderte, Erinnerungs- müssten auch Lernorte sein. "Wer heute geboren ist, für den ist etwa die Pogromnacht zeitlich genauso weit entfernt wie bei meiner Geburt ein Reichskanzler Bismarck. Das verändert das Gedenken, schafft mehr Distanz."

Die Grünen werben für Zivilcourage

Die Grünenvorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck erklärten: "Die Lehre aus den schrecklichen Verbrechen muss sein, Aufklärung und Zivilcourage im täglichen Leben immer wieder neu zu verankern und zu vertiefen."

Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sagte im Deutschlandfunk: "Wir müssen natürlich Formen des Erinnerns finden, die die Menschen heute ansprechen. Auch die, die jetzt vor einigen Jahren erst zu uns gekommen sind, entweder als Migranten oder sogar als Flüchtlinge." Das seien etwa "interaktive Formen, wo zum Beispiel der eigene Betrieb, die eigene Firma, die eigene Institution, in der man ist, sich Gedanken macht, wie sie in der nationalsozialistischen Zeit gehandelt hat, was mit den damaligen Kollegen passiert ist".

Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, verlangte in der "Passauer Neuen Presse" einen "Aufschrei der gesellschaftlichen und politischen Institutionen" und "gesellschaftlichen Widerstand" gegen Antisemitismus.

Das Wiesenthal-Zentrum hob derweil den Einsatz der deutschen Justiz gegen NS-Verbrecher in den vergangenen Jahren hervor. In einem Jahresbericht, der am Sonntag veröffentlicht wurde, ist die Rede von "erheblichen Fortschritten vor allem in Deutschland". Schlechte Noten bekamen dagegen Länder wie Norwegen, Schweden, Österreich, Litauen und die Ukraine.

Auch der Bundestag erinnert jährlich in einer Gedenkstunde an die Opfer, dieses Jahr am kommenden Donnerstag. In den Stadien der Fußball-Bundesligavereine wurde am Wochenende ebenfalls an die Auschwitz-Befreiung erinnert.

kha/dpa

insgesamt 75 Beiträge
isnogood444 27.01.2019
1. Aufgabe
Ist es nicht in erster Linie die Aufgabe aller Schulen angemessenen an das größte Verbrechen der Menschheit zu erinnern und zum Bestandteil eines jeden Geschichtsunterricht zu machen?
Ist es nicht in erster Linie die Aufgabe aller Schulen angemessenen an das größte Verbrechen der Menschheit zu erinnern und zum Bestandteil eines jeden Geschichtsunterricht zu machen?
poetnix 27.01.2019
2. Wortbrei generalis
Man kann sich natürlich für und gegen alles aussprechen, wie Mutti es ja auch tut. Aber besser wäre es, sich dafür auszusprechen, dieses Thema verstärkt in die Lehrpläne aufzunehmen und es auch im Rahmen des [...]
Man kann sich natürlich für und gegen alles aussprechen, wie Mutti es ja auch tut. Aber besser wäre es, sich dafür auszusprechen, dieses Thema verstärkt in die Lehrpläne aufzunehmen und es auch im Rahmen des "Eifersuchts-Förderalismus" um Länderkompetenzen durchzusetzen.
m.klagge 27.01.2019
3. Erinnerungskultur?
Man macht die Glotze an und auf jedem "Doku"Kanal grinst einen diese Hackfresse namens Hitler an. Da läuft, wenn man es genau betrachtet eine Nazi Werbung in Endlosschleife. Von Schrott Sendern wie NTV oder Welt kann [...]
Man macht die Glotze an und auf jedem "Doku"Kanal grinst einen diese Hackfresse namens Hitler an. Da läuft, wenn man es genau betrachtet eine Nazi Werbung in Endlosschleife. Von Schrott Sendern wie NTV oder Welt kann man nichts besseres erwarten, Hauptsache der Dreck kann billigst eingekauft werden. Dass allerdings auch die "Doku" Wucherungen des ÖR den gleichen Mist verbreiten ist ein Armutszeugnis, dass zusätzlich für ein Ende der Rundfunksteuer spricht.
rosinenzuechterin 27.01.2019
4. Das ist erst der Anfang
Solange wir Menschen in Staaten und Nationen einteilen, werden wir die Fremdenfeindlichkeit nicht aufhalten können. Und wenn wir nun wieder Mauern und Zollschranken errichten für den zweifelhaften Vorteil einiger und nicht [...]
Solange wir Menschen in Staaten und Nationen einteilen, werden wir die Fremdenfeindlichkeit nicht aufhalten können. Und wenn wir nun wieder Mauern und Zollschranken errichten für den zweifelhaften Vorteil einiger und nicht aller, wird das alles noch viel schlimmer. Dass man die Gräuel eines heutigen Staates nicht ansprechen darf, ohne in den Verdacht zu geraten, die Gräuel, die dessen Hauptreligionsgruppe früher selbst erfahren hat, zu relativieren, macht es auch nicht besser. Es fehlt das ehrliche Bekenntnis dazu, das wir alle Menschen sind und es nur EINE Menschheit gibt. Und es fehlt das ehrliche Bekenntnis dazu, dass es damals wie heute Opfer politischen Missbrauchs gab bzw. gibt und nicht alles Geschehen(d)e darauf zurückgeführt werden kann, dass jeder Einzelne einen freien und ungezwungenen Willen zum Morden hat(te). Nur wenn man Ursachen anerkennt und anspricht, hat man eine Chance, die Gefahr zu bannen, dass sich wiederholt, was sich nicht wiederholen darf. Beauftragte der Bundesregierung oder schon oft gehörte Reden auf Gedenkfeiern, von denen gewisse Problemzielgruppen ausgeschlossen sind, helfen da leider nicht weiter, auch wenn das gut gemeint ist. Und wenn unsere Welt weiter wegschmilzt und wir enger zusammenrücken müssen, werden wir wohl noch ganz andere Holocauste erleben.
WolfThieme 27.01.2019
5. Die Ahnungslosen
Leider steht nicht im Text, dass Maass gesagt hat, 40 % der deutschen Schüler hätten vom Massenmord keine Ahnung. 40 % ! Das ist eine Bankrotterklärung aller Bildungsminister und -senator*innen in den Bundesländern. Meine [...]
Leider steht nicht im Text, dass Maass gesagt hat, 40 % der deutschen Schüler hätten vom Massenmord keine Ahnung. 40 % ! Das ist eine Bankrotterklärung aller Bildungsminister und -senator*innen in den Bundesländern. Meine Frau, Lehrerin in Berlin, sagt, selbst Neuntklässler(!) beschwerten sich über mangelnde Informationen über die NS-Zeit (und auch über die der DDR). Was höre ich dazu von der zuständigen Frau Scheres, Berlin? Nichts. Das ist Ihre Bankrotterklärung, Frau Senatorin! Mit ihrer Leistungsbilanz seit Dienstantritt wäre sie in einem Privatbetrieb längst rausgeschmissen worden.
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