Politik

Ex-SPD-Chef

Schulz startet eigene Europa-Kampagne

Die SPD hat ihn fallen lassen, doch Martin Schulz lässt nicht locker: Der Ex-SPD-Chef wirbt nun mit einem neuen Verein für Europa - "explizit nicht parteipolitisch".

Wolfgang Rattay/ REUTERS

Martin Schulz

Von
Donnerstag, 09.05.2019   06:46 Uhr

Die Ungeduld ist deutlich zu spüren bei Martin Schulz. Am liebsten hätte er schon vor Monaten losgelegt, schließlich ist die Europawahl schon in zweieinhalb Wochen. Aber der Aufbau des Vereins "Tu was für Europa" brauchte dann doch etwas Zeit. Am Donnerstag geht es nun los, am Abend startet Vereinschef Schulz in Berlin die Kampagne "#myeurope".

Das Ziel: Schulz will Menschen mobilisieren, die eigentlich proeuropäisch sind - und trotzdem nicht zur Wahl gehen. "81 Prozent der Deutschen finden Europa gut", sagt der ehemalige SPD-Vorsitzende: "2014 lag die Wahlbeteiligung aber nur bei 48 Prozent." Diesmal könnte es sogar noch weniger werden, fürchtet Schulz, der seit Wochen für seine Partei durchs Land tourt.

Sein Verein sei "explizit nicht parteipolitisch unterwegs", sagt Schulz. Es gehe darum, ein niedrigschwelliges Mitmachangebot zu machen: "Wir dürfen nicht nur über Europas Institutionen reden. Das ist zu verkopft. Wir müssen ein Gefühl schaffen, um die Leute zu erreichen."

Dieses Gefühl, diese Leidenschaft verkörpert Schulz wie kein anderer deutscher Politiker. 23 Jahre gehörte er dem Europaparlament an, von 2012 bis 2017 war er dessen Präsident.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:32 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Markus Feldenkirchen
Die Schulz-Story: Ein Jahr zwischen Höhenflug und Absturz - Ein SPIEGEL-Buch

Verlag:
Deutsche Verlags-Anstalt
Seiten:
320
Preis:
EUR 20,00

Nach seiner gescheiterten Kanzlerkandidatur und dem Verlust des Parteivorsitzes ist Schulz nur noch einfacher Abgeordneter. Der Umgang der Parteispitze mit ihm ist verdruckst: Der 63-Jährige macht zwar pro Tag bis zu fünf Wahlkampftermine, in die Planung oder Strategie ist er aber nicht eingebunden.

Das ist für den einstigen Spitzenpolitiker, der immer noch große Popularität an der SPD-Basis genießt, enttäuschend. Auch deshalb sucht Schulz wohl nach einem Ventil, einer Möglichkeit, seine politische Kraft einzusetzen. Sein Verein startet nun verschiedene Initiativen, um die Identifizierung und die emotionale Verbindung mit der europäischen Idee zu erhöhen - mit einer Website, in sozialen Netzwerken sowie an Bahnhöfen in Kooperation mit der Deutschen Bahn und weiteren Unterstützern.

Neben ihm zählen die Grünenabgeordnete Franziska Brantner und der TV-Moderator Klaas Heufer-Umlauf zu den Gründungsmitgliedern des Vereins. Insgesamt sind es sieben, mehr Mitglieder wird es nicht geben, so Schulz. Im Mittelpunkt sollen die Aktionen stehen.



Sie wollen die Sonntagsfrage für die Europawahl beantworten? Stimmen Sie hier ab:


Wie funktioniert die Civey-Methodik?
Das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet mit einem mehrstufigen vollautomatisierten Verfahren. Alle repräsentativen Echtzeitumfragen werden in einem deutschlandweiten Netzwerk aus mehr als 20.000 Websites ausgespielt ("Riversampling"), es werden also nicht nur Nutzer von SPIEGEL ONLINE befragt. Jeder kann online an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, die sicherstellt, dass sie beispielsweise in den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte der Grundgesamtheit entspricht. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse schließlich nach weiteren soziodemografischen Faktoren und Wertehaltungen der Abstimmenden gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern. Weitere Informationen hierzu finden Sie auch in den Civey FAQ.
Warum ist eine Registrierung nötig?
Die Registrierung hilft dabei, die Antworten zu gewichten, und ermöglicht so ein Ergebnis für die Umfragen, das für die Wahlbevölkerung in Deutschland repräsentativ ist. Jeder Teilnehmer wird dabei nach seinem Geschlecht, Geburtsjahr und Wohnort gefragt. Danach kann jeder seine Meinung auch in weiteren Umfragen zu unterschiedlichen Themen abgeben.
Wie werden die Ergebnisse repräsentativ?
Die Antwort jedes Teilnehmers wird so gewichtet, dass das Resultat einer Umfrage für die Grundgesamtheit repräsentativ ist. Bei der Sonntagsfrage und beim Regierungsmonitor umfasst diese Grundgesamtheit die wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland. Die Gewichtung geschieht vollautomatisiert auf Basis der persönlichen Angaben bei der Registrierung sowie der Historie früherer Antworten eines Nutzers. Weitere Details zur Methodik stehen im Civey-Whitepaper.
Erreicht man online überhaupt genügend Teilnehmer?
Meinungsumfragen werden in der Regel telefonisch oder online durchgeführt. Für die Aussagekraft der Ergebnisse ist entscheidend, wie viele Menschen erreicht werden können und wie viele sich tatsächlich an einer Umfrage beteiligen, wenn sie angesprochen werden. Internetanschlüsse und Festnetzanschlüsse sind in Deutschland derzeit etwa gleich weit verbreitet - bei jeweils rund 90 Prozent der Haushalte, Mobiltelefone bei sogar 95 Prozent. Die Teilnahmebereitschaft liegt bei allen Methoden im einstelligen Prozentbereich, besonders niedrig schätzen Experten sie für Telefonumfragen ein.
Es gibt also bei beiden Methoden eine Gruppe von Personen, die nicht erreicht werden kann, weil sie entweder keinen Anschluss an das jeweilige Netz hat oder sich nicht an der Umfrage beteiligen möchte. Deshalb müssen für ein aussagekräftiges Ergebnis immer sehr viele Menschen angesprochen werden. Civey-Umfragen sind derzeit neben SPIEGEL ONLINE in mehr als 20.000 andere Webseiten eingebunden, darunter auch unterschiedliche Medien. So wird gewährleistet, dass möglichst alle Bevölkerungsgruppen gut erreicht werden können.
Woran erkenne ich die Güte eines Ergebnisses?
Bis das Ergebnis einer Umfrage repräsentativ wird, müssen ausreichend viele unterschiedliche Menschen daran teilnehmen. Ob das bereits gelungen ist, macht Civey transparent, indem zu jedem Umfrageergebnis eine statistische Fehlerwahrscheinlichkeit angegeben wird. Auch die Zahl der Teilnehmer und die Befragungszeit werden für jede Umfrage veröffentlicht.
Was bedeutet es, wenn sich die farbigen Bereiche in den Grafiken überschneiden?
In unseren Grafiken ist der statistische Fehler als farbiges Intervall dargestellt. Dieses Intervall zeigt jeweils, mit welcher Unsicherheit ein Umfragewert verbunden ist. Zum Beispiel kann man bei der Sonntagsfrage nicht exakt sagen, wie viel Prozent eine Partei bei einer Wahl bekommen würde, jedoch aber ein Intervall angeben, in dem das Ergebnis mit hoher Wahrscheinlichkeit liegen wird. Überschneiden sich die Intervalle von zwei Umfragewerten, dann können streng genommen keine Aussagen über die Differenz getroffen werden. Bei der Sonntagsfrage heißt das: Liegen die Umfragewerte zweier Parteien so nah beieinander, dass sich ihre Fehlerintervalle überlappen, lässt sich daraus nicht ableiten, welche von beiden aktuell bei der Wahl besser abschneiden würde.
Was passiert mit meinen Daten?
Die persönlichen Daten der Nutzer werden verschlüsselt auf deutschen Servern gespeichert und bleiben geheim. Mitarbeiter von Civey arbeiten für die Auswertungen lediglich mit User-IDs und können die Nutzer nicht mit ihrer Abstimmung in Verbindung bringen. Die persönlichen Angaben der Nutzer dienen vor allem dazu, die Antworten zu gewichten und sicherzustellen, dass die Umfragen nicht manipuliert werden. Um dies zu verhindern, nutzt Civey statistische wie auch technische Methoden. Darüber hinaus arbeitet Civey mit externen Partnern zusammen, die Zielgruppen für Werbetreibende erstellen. Nur wenn Nutzer die Datenschutzerklärung sowohl von Civey als auch von einem externen Partner akzeptiert haben, dürfen Ihre Antworten vom Partner zur Modellierung dieser Zielgruppen genutzt werden. Ein Partner erhält aber keine Informationen zu Ihren politischen und religiösen Einstellungen sowie solche, mit denen Sie identifiziert werden können. Civey-Nutzer werden auch nicht auf Basis ihrer Antworten mit Werbung bespielt. Der Weitergabe an Partner können Sie als eingeloggter Nutzer jederzeit hier widersprechen. Mehr Informationen zum Datenschutz bei Civey finden Sie hier.
Wer steckt hinter Civey-Umfragen?
An dieser Stelle haben Leser in der App und auf der mobilen/stationären Website die Möglichkeit, an einer repräsentativen Civey-Umfrage teilzunehmen. Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Zur Erhebung seiner repräsentativen Umfragen schaltet die Software des 2015 gegründeten Unternehmens Websites zu einem deutschlandweiten Umfragenetzwerk zusammen. Neben SPIEGEL ONLINE gehören unter anderem auch der "Tagesspiegel", "Welt", "Wirtschaftswoche" und "Rheinische Post" dazu. Civey wurde durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.

Wer steckt hinter Civey?

An dieser Stelle haben Leser in der App und auf der mobilen/stationären Website die Möglichkeit, an einer repräsentativen Civey-Umfrage teilzunehmen. Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Das Start-up arbeitet mit unterschiedlichen Partnern zusammen, darunter sind neben SPIEGEL ONLINE auch der "Tagesspiegel", "Cicero", der "Freitag" und Change.org. Civey wird durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.

insgesamt 48 Beiträge
new#head 09.05.2019
1.
Die Befürchtungen des Herrn Schulz teile ich. Die Wahlwerbung zur Europawahl könnte die schwache Beteiligung noch beflügeln. Wir bekommen die simpelsten Probleme in Deutschland nicht in den Griff und da wundert's doch nicht, [...]
Die Befürchtungen des Herrn Schulz teile ich. Die Wahlwerbung zur Europawahl könnte die schwache Beteiligung noch beflügeln. Wir bekommen die simpelsten Probleme in Deutschland nicht in den Griff und da wundert's doch nicht, dass Europa so uneins ist. Die Wahlwerbung dokumentiert ja, wie viele unterschiedliche Gruppen ihre solitären Ideen auf dieser Ebene umsetzen wollen. Für mich sind das vergeudete Resourcen. Die dort verteilten Stimmen verwaschen ein klares Ergebnis und die wahren Probleme bleiben liegen.
entsetzt04.09.2015 09.05.2019
2. Wählen gehen!
Wer nicht wählt darf sich nicht beschweren. Jetzt werden für weitere fünf Jahre die Richtlinien bestimmt. Speziell junge Leute sollten wählen gehen
Wer nicht wählt darf sich nicht beschweren. Jetzt werden für weitere fünf Jahre die Richtlinien bestimmt. Speziell junge Leute sollten wählen gehen
sans_words 09.05.2019
3. Präzise Wahl der Worte, bitte
"81 Prozent der Deutschen finden Europa gut", sagt der ehemalige SPD-Vorsitzende... Interessant wäre zu erfahren, wie viele Leute die EU in ihrer aktuellen Ausprägung gut finden. Ich finde Europa auch gut. Was [...]
"81 Prozent der Deutschen finden Europa gut", sagt der ehemalige SPD-Vorsitzende... Interessant wäre zu erfahren, wie viele Leute die EU in ihrer aktuellen Ausprägung gut finden. Ich finde Europa auch gut. Was mir nur bedingt gefällt, ist die EU. Ich fand sogar die EG klasse. Die EU, die mit ihrem Parlament zwischen Brüssel und Straßburg pendelt. Die EU, die wahnsinnig viele Richtlinien entwirft, aber für keine einzige Verantwortung tragen muss, sondern immer die nationalen Parlamente/Regierungen. Die EU, bei der auf jeden Abgeordneten mindestens 3 Lobbyisten kommen. Ich mag Europa. Ich mag unsere Nachbarländer.
hausfeen 09.05.2019
4. Schulz ist ein guter SPD-Mann. Kein Linker, aber auch kein Seeheimer.
Ein echter Sozialdemokrat halt. Intelligent, erfahren, all das. Das erklärt auch den kurzatmigen Hype um seine Person. Für alle, die sich inhaltlich in Schulz hineinfühlen konnten, war das wie ein Erwachen aus dem [...]
Ein echter Sozialdemokrat halt. Intelligent, erfahren, all das. Das erklärt auch den kurzatmigen Hype um seine Person. Für alle, die sich inhaltlich in Schulz hineinfühlen konnten, war das wie ein Erwachen aus dem sozialdemokratischen Koma. Nun hatte Schulz aber zwei Feinde: die Seeheimer in der eigenen Partei, die ihn von Beginn an isolierten und die Feinde außerhalb der Partei, die sich auch und besonders an seiner uncharismatischen Art rieben. Da war nichts von der Ausstrahlung eines Williy Brandts, dem rr mental ganz nahe steht. Da fühlte man sich eher an die wissenden Greise auf dem Balkon der Muppet-Show erinnert. Ich denke, dass wussten all die, die ihn von Brüssel nach Berlin geholt haben. Sie waren in Not, hatten ihr Personal verbrannt, wußten aber auch um die unvernetzte Identität von Schulz. Ein leichter Spielball also. Schulz wurde verheizt. Dass er jetzt an die Wurzeln seiner Arbeit zurückkehrt, ist gut. Vielleilcht kreuzen sich ja mal die Wege von Oskar, Sahra, Kevin und Martin. Das wäre nicht das Schlechteste für die, welche Partei auch immer, Sozialdemokraten und auch für das Land.
lazyfox 09.05.2019
5. Soll er doch
Warum hat er nicht agiert, als er hätte können. Oder konnte er nicht, weil die Partei ihn hinderte? Da liegt für mich ein Kernproblem der Politik. Die Listenplätze für Wahlen sind eine harte Währung. Wer sich nicht fügt, [...]
Warum hat er nicht agiert, als er hätte können. Oder konnte er nicht, weil die Partei ihn hinderte? Da liegt für mich ein Kernproblem der Politik. Die Listenplätze für Wahlen sind eine harte Währung. Wer sich nicht fügt, wird nach hinten geschoben oder fliegt raus aus der Liste. Dasselbe passiert, wenn ein Politiker seinem Gewissen folgt, statt der Parteilinie. In der Verfahrensweise sehe ich die Gründe, warum sich Politik immer mehr vom Wähler entfernt. Parteiführungen versuchen Politik nach eigener Meinung zu machen statt die Meinung ihrer Wähler zu vertreten.

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP