Politik

Möglicher Cyber-Angriff

"Botschaft mit größter Wirkung" - USA drohen Moskau

Kurz vor einem diplomatischen Spitzentreffen zwischen den USA und Russland verschlechtern sich die Beziehungen der beiden Staaten weiter: US-Vizepräsident Joe Biden kündigte dem Kreml einen Denkzettel an.

Steve Marcus/ Las Vegas Sun/ AP

US-Vizepräsident Joe Biden

Samstag, 15.10.2016   10:33 Uhr

Am Samstag wollen die USA und Russland im schweizerischen Lausanne die Verhandlungen über eine Lösung des Syrienkonflikts wieder aufnehmen. Doch im Vorfeld des Treffens zwischen US-Außenminister John Kerry und seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow hat es erneut Provokationen zwischen den beiden Supermächten gegeben.

US-Vizepräsident Joe Biden sagte am Freitag in der Sendung "Meet The Press" des Senders NBC: "Wir senden eine Botschaft" an Russland - und zwar "zu einem Zeitpunkt unserer Wahl und unter den Umständen, die die größte Wirkung entfalten werden. Wir haben die Fähigkeiten, es zu tun."

Über konkrete Pläne äußerte sich Biden nicht. NBC berichtete später, dass der US-Geheimdienst CIA als Vergeltungsmaßnahme eine Cyberattacke plane, die "die Kreml-Führung beunruhigen und 'blamieren'" werde. Der Sender berief sich dabei auf Angaben früherer Geheimdienstmitarbeiter. Demnach hätte die Central Intelligence Agency (CIA) Unmengen von Dokumenten gesammelt, die Russlands Präsident Wladimir Putin empfindlich treffen könnten. Der Führung in Moskau solle dadurch ein Denkzettel für die ihr vorgeworfene Manipulation des US-Wahlkampfs erteilt werden, berichtete der Sender.

Revanche für Wikileaks-Veröffentlichungen?

Innerhalb der US-Regierung gebe es laut NBC Meinungsverschiedenheiten darüber, ob die Revanche mit einer Cyber-Gegenattacke auf Russland wirklich in die Tat umgesetzt werden sollte - oder ob traditionelle Druckmittel wie Sanktionen einer geheimen Operation nicht vorzuziehen wären.

Das Verhältnis zwischen Russland und den USA ist - unter anderem wegen des syrischen Bürgerkriegs, in dem beide Militärmächte unterschiedliche Konfliktparteien unterstützen - seit Monaten gespannt. Zusätzlich belastet wurden die Beziehungen durch Vorwürfe aus Washington, Moskau mische sich mit Hackerangriffen auf Computersysteme politischer Organisationen und Institutionen in den laufenden US-Präsidentschaftswahlkampf ein. Der russische Außenminister Sergej Lawrow bezeichnete diese Anschuldigung als Unsinn.

Darüber hinaus machte John Podesta, Wahlkampfchef der demokratischen US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton, russische Geheimdienste für einen Hackerangriff auf sein E-Mail-Konto verantwortlich. Die Enthüllungsplattform Wikileaks hatte zuvor eine große E-Mail-Sammlung ins Netz gestellt, bei der es sich um Korrespondenz Podestas handeln soll.

Bereits im August hatte Wikileaks gehackte E-Mails von Mitgliedern und Mitarbeitern des Parteivorstandes der Demokraten veröffentlicht. Schon damals verdächtigten Experten und Regierungskreise russische Hacker mit Verbindungen zu Regierungsorganisationen.

"Die Situation ist so schlecht wie zuletzt 1973"

Durch die gegenseitigen Unterstellungen ist die Stimmung zwischen dem Weißen Haus und dem Kreml auf einem Tiefpunkt angelangt. Der russische UN-Botschafter Vitaly Churkin zog einen historischen Vergleich und sagte in einem Interview: "Die Situation ist ziemlich schlecht derzeit. So schlecht wie zuletzt 1973."

Damals hatten Ägypten und Syrien einen Überraschungsangriff auf Israel gestartet. In der Folge kam es zu einer Krise im Mittleren Osten, bei der die Sowjetunion die arabischen Länder unterstützen und die USA Israel Hilfe zusicherten. Es herrschte die Gefahr eines Stellvertreterkriegs der beiden Supermächte.

cst/dpa/Afp

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