Politik

"Ländlicher Raum ausgeblutet"

Ostdeutsche Einwohnerzahl so niedrig wie zuletzt 1905

Die Bevölkerungszahl in Westdeutschland hat sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts mehr als verdoppelt. Und im Osten? Dort wohnen etwa so viele Menschen wie damals. Dafür gibt es drei Gründe.

Sebastian Kahnert/ DPA

Görlitz in Sachsen

Mittwoch, 12.06.2019   14:20 Uhr

In Ostdeutschland leben einer Studie zufolge fast so wenige Menschen wie seit 1905 nicht mehr. Gleichzeitig zählt das Gebiet der alten Bundesrepublik so viele Einwohner wie niemals zuvor in der Geschichte. Das geht aus einer wirtschaftshistorischen Studie der Dresdner Niederlassung des Ifo-Instituts hervor.

Im Jahr 1905 lebten laut der Studie im heutigen Westdeutschland etwa 32,6 Millionen Menschen. Das Gebiet, das später zur DDR wurde, umfasste 13,6 Millionen Einwohner. Seitdem hat sich die Zahl im heutigen Westdeutschland mehr als verdoppelt - auf 68,7 Millionen. In Ostdeutschland hingegen hat sich die Zahl im Vergleich zu 1905 fast gar nicht verändert: Heute leben hier 13,9 Millionen Menschen. Das sagte Studienautor Felix Rösel dem SPIEGEL.

"Die Einwohnerzahlen beider Landesteile driften trotz Wiedervereinigung nahezu ungebremst auseinander", schreibt Rösel in der Studie. "Die anhaltende Wucht der deutschen Teilung wird bis heute in der Öffentlichkeit völlig unterschätzt. Dieser Aspekt wird häufig übersehen und bedarf besonderer politischer Berücksichtigung." (hier sehen Sie eine Animation aus dem Jahr 2014 zur Bevölkerungsentwicklung in Deutschland)

Das Institut nennt drei Gründe für den Bevölkerungsschwund:

Das Potenzial, das ostdeutsche Städte theoretisch gehabt hätten, beschreibt der Ifo-Forscher mit einem Rechenspiel: "Wäre die Einwohnerzahl in Ostdeutschland nach Kriegsende genauso gewachsen wie in Westdeutschland, würden in Ostdeutschland heute rund doppelt so viele Einwohner leben. Dresden und Leipzig wären jeweils Millionenstädte!" Beide sächsischen Großstädte zählen derzeit etwa 550.000 Einwohner.

Vor der deutschen Teilung vor rund 70 Jahren hatten sich Ost- und Westdeutschland dagegen nahezu parallel entwickelt. "Einkommen und Arbeitslosenquoten in Ost und West gleichen sich zwar langsam an, aber die Bevölkerungszahlen driften immer weiter auseinander", sagte Rösel.

Das Problem konzentriere sich aber nicht nur auf die Städte, sondern besonders auch auf das Land, so der Ifo-Forscher: "Der ländliche Raum im Osten ist infolge der deutschen Teilung regelrecht ausgeblutet."

aev/Reuters

insgesamt 109 Beiträge
zauberer2112 12.06.2019
1. Ländlicher Raum
Der ländliche Raum ist viel ausgeprägter als im Westen, daher kommt das. Und in diesem gibt es dann auch keine Mittelzentren wie z. B. in OWL. Zwischen den Großstädten Berlin, Rostock, Magdeburg oder Richtung Polen liegt [...]
Der ländliche Raum ist viel ausgeprägter als im Westen, daher kommt das. Und in diesem gibt es dann auch keine Mittelzentren wie z. B. in OWL. Zwischen den Großstädten Berlin, Rostock, Magdeburg oder Richtung Polen liegt einfach Niemandsland. Und eins bedingt das andere. Selbst wenn ich jetzt in Sellendorf oder Kleinkrausnik ein Riesenwerk nebst Verwaltung aus dem Boden stampfen will, wo leben die hierfür qualifizierten Arbeitskräfte und wo ist die Infrastruktur?
Trockenfisch 12.06.2019
2. Ach ja?
Laut Statistik war in der ehemaligen DDR die Geburtenrate viel höher als im Westen. Demzufolge sollte sich die Bevölkerung wieder halbwegs normalisiert haben. Man brauch auch nur die Zahlen vor der Wende mit denen nach der Wende [...]
Laut Statistik war in der ehemaligen DDR die Geburtenrate viel höher als im Westen. Demzufolge sollte sich die Bevölkerung wieder halbwegs normalisiert haben. Man brauch auch nur die Zahlen vor der Wende mit denen nach der Wende vergleichen, aber das scheint zu einfach zu sein. Allerdings hat sich für jeden der hier selbst noch wohnt das Problem schon lange so dargestellt das im Zuge der seltsamen Gebaren der Treuhand hier so viele Betriebe kaputtgemacht wurden die eigentlich zu retten gewesen wären. Die jüngeren Fachkräfte sind dann in den Westen gegangen. Die Fluktuation nach der Wende ist katastrophal gewesen und hält weiter an. Schulabgänger versuchen sofort den Weg nach Westen zu gehen. Wer will es ihnen verdenken.
erlachma 12.06.2019
3. Ost/West oder eher Stadt/Land?
Die Beschreibung passt doch eigentlich nicht auf Ost/West, sondern eher auf Stadt/Land. Ländlicher Raum in Nordhessen oder Ostbayern ist genauso betroffen wie der ländliche Raum in Ostdeutschland. Alles, was nicht im [...]
Die Beschreibung passt doch eigentlich nicht auf Ost/West, sondern eher auf Stadt/Land. Ländlicher Raum in Nordhessen oder Ostbayern ist genauso betroffen wie der ländliche Raum in Ostdeutschland. Alles, was nicht im Einzugsgebiet von Metropolen liegt, blutet aus. Selbst mit Infrastrukturmaßnahmen kann man hier nicht mehr viel erreichen, weil sich unsere Gesellschaft in eine andere Richtung entwickelt hat: Arbeit ist flexibler geworden, aber damit eben auch der Zwang, sich kurzfristig eine neue Stelle suchen zu können. Auswahl an Stellen gibt es aber nur in den Städten. Die jungen Menschen wollen an vielen Entwicklungen partizipieren, ob das Startups sind wie Essen und Nahrungsmittel liefern lassen, oder auf das eigene Auto verzichten zu können. Car-Sharing, Desk-Sharing, E-Tretroller - das geht nur in den Städten. ÖPNV ist auf dem Land quasi nichtexistent. Es müsste also dringend eine Strategie her, die das Leben auf dem Land stärkt, und zwar in größerem Rahmen als Mietpreise abschrecken. Oder aber man findet sich damit ab, dass das Land weiter abgehängt wird, und die Städte noch voller.
volker.reichardt 12.06.2019
4.
Dieses Ausbluten ist doch nur ein anderes Wort für Flucht. Die DDR war nicht in der Lage den Menschen eine für sie lebenswerte Perspektive zu liefern. Deshalb sind sie "geflüchtet". Nach der Wende war und ist die [...]
Dieses Ausbluten ist doch nur ein anderes Wort für Flucht. Die DDR war nicht in der Lage den Menschen eine für sie lebenswerte Perspektive zu liefern. Deshalb sind sie "geflüchtet". Nach der Wende war und ist die Bundesrepublik nicht willens den Menschen eine Bleibeperspektive zu schaffen. Wo ist denn nun eigentlich für die Region der Unterschie zwischen Flucht und Ausblutung?
EinYogi 12.06.2019
5. Das hat Vor- und Nachteile
Günstigere Häuser und Wohnungen, weniger Menschen heißt mehr Platz, mehr Natur. Arbeiten kann man (eingeschränkt) vom Computer aus. Die Infrastruktur wird vom reicheren Westen bezahlt, dafür hält man sich im Osten Wölfe, [...]
Günstigere Häuser und Wohnungen, weniger Menschen heißt mehr Platz, mehr Natur. Arbeiten kann man (eingeschränkt) vom Computer aus. Die Infrastruktur wird vom reicheren Westen bezahlt, dafür hält man sich im Osten Wölfe, Elche und (in 10 Jahren?) Bären in freier Wildbahn. Okay, der letzte Satz war ironisch, aber es gibt viele Gründe, gerne in Ostdeutschland zu leben. Nur die Unflexiblen sind unangenehm. Die passende Gleichung dazu ist: Ex-DDR minus AfD = Kreativität und Expansion

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