Politik

Twitternder CDU-Rentner Polenz

"Manche fragen mich, ob ich noch in der richtigen Partei bin"

Mit 72 hat der CDU-Ruheständler Ruprecht Polenz Twitter für sich entdeckt. Unermüdlich kämpft Angela Merkels Ex-Generalsekretär nun in Kurzbotschaften gegen die AfD - und für die Kanzlerin. Was treibt ihn an?

Jörg Carstensen/ dpa

Ruprecht Polenz (Archivbild aus dem September 2014): "Mancher Angriff geht nicht spurlos an mir vorbei"

Ein Interview von
Freitag, 19.04.2019   18:03 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Herr Polenz, Sie sind Twitter bereits im März 2015 beigetreten. Ihren ersten Tweet haben Sie aber erst am 17. März dieses Jahres abgesetzt. Warum haben Sie so lange gezögert?

Polenz: Ich bin bereits seit Längerem auf Facebook aktiv und hatte da von einigen Freunden den Hinweis bekommen, ich sollte mich doch auch auf Twitter einbringen. Das hatte ich bis dato allerdings ausgeschlossen. Ich war skeptisch, ob innerhalb des 140-Zeichen-Limits von Twitter sinnvolle Aussagen oder Diskussionen möglich sind.

SPIEGEL ONLINE: Inzwischen wurde die Zeichenzahl für einen Tweet verdoppelt.

Polenz: 280 Zeichen machen es möglich, dass man zumindest einen halben Gedanken klar zum Ausdruck bringen kann. Ich habe festgestellt, dass man auf Twitter auch politische Diskussionen anstoßen kann. Und es macht mir Spaß.

SPIEGEL ONLINE: Großen Spaß, wie es scheint - Sie twittern im Stundentakt, setzen manchmal mehr als 30 Tweets am Tag ab. Was treibt Sie an?

Polenz: Als Politiker im Ruhestand will ich weiterhin an der politischen Diskussion teilnehmen. Und die Reichweite ist in den sozialen Medien einfach viel größer als bei einem Vortrag oder einer Podiumsdiskussion. Das mache ich zwar auch, aber da ist man ja froh, wenn hundert Leute kommen. In den sozialen Netzwerken erreiche ich sehr viel mehr Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Wen wollen Sie denn vor allem erreichen?

Polenz: Ich würde gern diejenigen bestärken, die Argumente suchen, um sich gegen völkische Populisten und völkische Nationalisten besser zu behaupten. Und ich würde gern den Einfluss der Populisten zurückdrängen.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie werben standhaft für Angela Merkel.

Polenz: Ich werbe dafür, dass die Richtung, die die Partei seit 2000 unter Angela Merkel eingeschlagen hat, fortgesetzt wird. Natürlich muss man auf neue Fragen auch immer neue Antworten geben. Diese sollten aber aus einer offenen und liberalen Grundhaltung und aus einer pluralistischen Gesellschaft heraus gegeben werden.

SPIEGEL ONLINE: Und darum gehen Sie immer wieder auch die konservativen Kritiker der Kanzlerin auf Twitter an?

Polenz: Manche Kreise in der Union, zum Beispiel die sogenannte Werteunion, glauben, durch ein Zurückdrehen der Uhren und vor allem durch Übernahme der Rhetorik und teilweise auch der inneren Positionen der AfD - insbesondere in der Flüchtlingsfrage - könne man Wähler zurückgewinnen. Ich halte das für verkehrt. Die CDU war nie eine völkisch-nationalistische Partei. Wer der AfD hinterherläuft, der macht sie nur stärker.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst klingen auf Twitter fast schon linksliberal.

Polenz: Dass das linksliberal klingt, mag an einer Rechtsverschiebung der Diskussion liegen, die die AfD in den vergangenen Jahren zustande gebracht hat. Ich habe meine Grundposition eigentlich nicht geändert. Ich sehe mich als liberaler Christdemokrat und wende mich gegen ein Wiedererstarken des völkischen Gedankenguts, was ich in Deutschland angesichts unserer Geschichte eigentlich für unmöglich gehalten hätte. Jetzt ist dieses Gedankengut teilweise im Bürgertum angekommen und wieder salonfähig.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagiert denn Ihre Partei auf Ihr Engagement in den sozialen Medien?

Polenz: Ich werde von vielen ermutigt, weiterzumachen. Allerdings fragen mich einige auch, ob ich noch in der richtigen Partei bin. Nur weil ich Positionen vertrete, die etwa die Kanzlerin auch vertritt. Das sind dann die, die es leider mittlerweile am rechten Rand unserer Partei gibt. Leute, die in den AfD-Ruf 'Merkel muss weg' schon eingestimmt haben oder es noch tun werden.

SPIEGEL ONLINE: Vor allem Tweets, in denen Sie die AfD kritisiert haben, wurden bereits mehrfach gemeldet. Wie gehen Sie damit um?

Polenz: Da habe ich das Gefühl, dass ich auf der richtigen Spur bin.

SPIEGEL ONLINE: Was sagt denn Ihre Familie dazu, dass Sie mit 72 anfangen, Twitter aufzumischen?

Polenz: Die hat sich in den vergangenen zehn Jahren bereits daran gewöhnt, dass ich auf Facebook sehr aktiv bin. Manchmal finden sie es allerdings ein bisschen viel. Wenn ich dann erkläre, warum ich das mache - nämlich weil die AfD in den sozialen Netzwerken präsenter ist als alle demokratischen Parteien zusammen - sagen sie: 'Dann mach mal!'"

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Zeit als CDU-Generalsekretär galten Sie manchen als zu freundlich. Der Ton in den sozialen Medien ist hingegen oft alles andere als freundlich. Berührt Sie das?

Polenz: Mancher Angriff geht nicht spurlos an mir vorbei. Es ist anstrengend auszuhalten, was da an Hass und gelegentlich auch Beleidigung zurückkommt. Wenn es zu viel wird, blocke ich schon mal. Ich bemühe mich aber, höflich zu bleiben, und beleidige niemanden. Was die Frage der Freundlichkeit angeht, so habe ich mich nicht geändert - auch wenn man bei Twitter manchmal sehr kurz angebunden rüberkommt. Ich bin aber freundlich zu allen, die offen und fair diskutieren. Dass ich manchmal zu jemandem schroff bin, der gegen Flüchtlinge hetzt, versteht sich von selbst.



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