Reise

Pariser Wahrzeichen

"Der Wiederaufbau wird Notre-Dame neu glänzen lassen"

Jeder Paris-Besuch führt ihn zuerst zur Notre-Dame: Für den Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil gibt es keinen besseren Ort, um auf Paris zu blicken - und die Stadt zu begreifen.

Jon Hicks/ Getty Images

Blick vom Seine-Ufer auf Notre-Dame

Ein Interview von
Mittwoch, 17.04.2019   10:58 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Herr Ortheil, Sie reisen seit Jahrzehnten regelmäßig nach Paris, und bei jedem Besuch zieht es Sie zuerst auf die ÎIe de la Cité zur Notre-Dame. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie am Montagabend die Flammen in den Himmel schießen sahen?

Hanns-Josef Ortheil: Ich konnte mich stundenlang nicht von den Fernsehbildern und der Berichterstattung lösen. Ich selbst stand zuletzt im November lange auf einem der Türme, um auf Paris zu schauen. Mein Eindruck ist: So tragisch der Brand ist, die Ereignisse lösen eine Rückbesinnung aus, die auch mich sehr bewegt.

SPIEGEL ONLINE: Worauf?

Ortheil: Auf das, was Notre-Dame eigentlich ist. In den vergangenen Jahren war die Kathedrale ja vor allem eine Touristenattraktion und ihre historische Bedeutung schien in den Hintergrund getreten. Dabei ist Notre-Dame der zentrale, historische Raum, in dem seit Jahrhunderten französische Geschichte geschrieben wird. Die Île de la Cité ist der Ursprungsort von Paris. Von hier aus ist die Stadt gewachsen, zunächst links, dann rechts der Seine. Für die Franzosen ist es undenkbar, Notre-Dame zu verlieren.

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Pariser Wahrzeichen: Darum lieben die Leute Notre-Dame

SPIEGEL ONLINE: Noch bevor das Feuer gelöscht war, hat Präsident Macron den Wiederaufbau versprochen. Wird die Wunde, die der Brand verursacht hat, wieder heilen?

Ortheil: Davon bin ich überzeugt. Es zeichnet sich ja auch schon eine breite Bewegung ab, die den Wiederaufbau vorantreiben will. Die Franzosen können sehr enthusiastische und kraftvolle Optimisten sein. In den traurigen Ereignissen auf der Île de la Cité liegt daher eine große Chance.

SPIEGEL ONLINE: Welche?

Ortheil: Der Wiederaufbau wird mehr werden als ein Stein-auf-Stein-Setzen, sondern enorme kulturelle Energien erzeugen - ob in Theaterstücken, Musik, Literatur, Kunst oder Philosophie. Er wird zu einer Wiederbelebung der spezifisch französischen Kreativität führen und Notre-Dame in ihrer historischen Relevanz neu glänzen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Warum zieht es Sie persönlich immer wieder in und auf die Kathedrale?

Ortheil: Mich fasziniert die Wucht, die gotische Architektur in einer Kirche entfaltet. Ich bin in Köln aufgewachsen und war als Kind mit meinen Eltern fast jeden Sonntag im Dom. Notre-Dame fühlt sich für mich wie ein verwandter Bau an. Diese Parallelität bewegt mich sehr. Obwohl ich zugeben muss, dass Notre-Dame nicht nur die ältere, sondern auch die schönere Kathedrale ist.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Buch "Paris, links der Seine" beginnen Sie mit dem Ausblick von Notre-Dame über die Stadt. Was macht den so besonders?

Ortheil: Natürlich kann man auf Paris auch vom Eifelturm oder dem Tour Montparnasse blicken. Doch nur in Notre-Dame steht man wirklich mitten in der Stadt. Nicht zu hoch, nicht zu tief. Man ist im Freien, kann fast noch den Kaffeeduft von unten riechen. Die Häuser sind nah, unter einem teilt sich die Seine. Es gibt keinen schöneren Ort, um die Stadt zu erfassen.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:22 Uhr
Ohne Gewähr

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Hanns-Josef Ortheil, Lukas Ortheil
Paris, links der Seine

Verlag:
Insel Verlag
Seiten:
320
Preis:
EUR 22,00

SPIEGEL ONLINE: Von den vielen Touristen haben Sie sich in der Vergangenheit bei Ihren Besuchen nicht stören lassen?

Ortheil: Orte mit einer besonderen Ausstrahlung locken nun mal viele Leute an. Natürlich habe ich einen Widerwillen gegen die Übertouristisierung, aber ich leite daraus nicht die Konsequenz ab, selbst wegzubleiben. Mein Rezept für den Besuch beliebter Sehenswürdigkeiten ist: Ich gehe immer allein hin, lasse mir viel Zeit und nehme mir etwas Passendes zu lesen mit. Gerade Notre-Dame hat unendlich viel Stoff hervorgebracht: Gedichte, kleine Erzählungen, den wunderbaren Roman von Victor Hugo. Wenn es mir zu laut wird, höre ich Musik, die einen Bezug zur Umgebung hat.

SPIEGEL ONLINE: Spüren Sie den Drang, möglichst bald selbst wieder nach Paris zu fahren, um zu verstehen, was passiert ist?

Ortheil: Jetzt gerade würde ich nicht hinfahren wollen. Die Menschen vor Ort brauchen Zeit, um das Geschehene für sich zu ordnen und zu überlegen, wie es nun weitergehen wird. Da muss ich nicht daneben stehen. Ich werde wie geplant im September wieder in Paris sein.

insgesamt 22 Beiträge
UlrikeLange aus Darmstadt 17.04.2019
1. Das Herz Frankreichs
Ja, das Feuer reinigt das Haus. Es ist ein Purgatorium und zugleich die Offerte einer Katharsis, die erlaubt, das Gebäude in seiner historisch-kulturellen Dimension zu reinaugurieren: als das Herz Frankreichs.
Ja, das Feuer reinigt das Haus. Es ist ein Purgatorium und zugleich die Offerte einer Katharsis, die erlaubt, das Gebäude in seiner historisch-kulturellen Dimension zu reinaugurieren: als das Herz Frankreichs.
ein_verbraucher 17.04.2019
2. Schade das das passiert ist
so ein geschichtsträchtiges Gebäude sollte für die Nachwelt geschützt werden. Aber, die Menschen können Ihre Mieten nicht zahlen, bekommen Hungerlöhne wenn Sie dann doch Arbeit finden und dann sind einige wenige in der [...]
so ein geschichtsträchtiges Gebäude sollte für die Nachwelt geschützt werden. Aber, die Menschen können Ihre Mieten nicht zahlen, bekommen Hungerlöhne wenn Sie dann doch Arbeit finden und dann sind einige wenige in der Lage von heute auf Morgen über 800 Millionen Euro zu spenden von denen Sie auch noch, weil Sie ja nationale Wohltäter sind, mit sicherheit ALLES absetzen können. Einfamilienwohnung sagen wir mal mit staatlicher Förderung (die können die Spenden ja auch absetzen) zu bauen für 50.000 Euro. Bei 800 Millionnen könnten also 16.000 Wohnungen entstehen. Selbst wenn man 100.000 zugrunde legen würde, wären 8.000 Wohnungen möglich. 8.000 - 16.000 Familien könnten günstige Wohnungen bekommen! Das muss man sich mal durch den Kopf gehen lassen. Laut Wikipedia hat die Kirche 2013 ein Vermögen von 200 Milliarden Euro gehabt. Sie ist nicht in der Lage den Wiederaufbau zu bezahlen? Was genau läuft da falsch in unserer heutigen Zeit?
hps 17.04.2019
3. Über die ungelösten Paradoxien des Offensichtlichen
Es können ganze Bevölkerungsteile von inszenierten kriegerischen Aktionen dem Verderben preisgegeben werden. Die Verzweifelten, die Frauen mit ihren Kindern. Der eine oder andere Nachdenkliche gibt fünf Euro. Ein Steinhaufen [...]
Es können ganze Bevölkerungsteile von inszenierten kriegerischen Aktionen dem Verderben preisgegeben werden. Die Verzweifelten, die Frauen mit ihren Kindern. Der eine oder andere Nachdenkliche gibt fünf Euro. Ein Steinhaufen glüht. Die Reichenn öffnen - Ablass erhoffend - die Schleusen der Tresore.
toninotorino 17.04.2019
4. Mit 17
stand ich das erste Mal vor Notre-Dame. Hat mich sehr berührt. In meiner Vorstellung hatte ich mir die Kathedrale größer vorgestellt, was sie dann gar nicht gewesen ist. Was ich hoffe: Dass man vielleicht eines Tages [...]
stand ich das erste Mal vor Notre-Dame. Hat mich sehr berührt. In meiner Vorstellung hatte ich mir die Kathedrale größer vorgestellt, was sie dann gar nicht gewesen ist. Was ich hoffe: Dass man vielleicht eines Tages rückblickend sagen kann, der Brand, so schrecklich er auch gewesen ist, hat Notre-Dame in die Zukunft gerettet.
sponuser936 17.04.2019
5. Übertriebene Berichterstattung
SPON entwickelt sich immer mehr zur Clickbait-Platform. Alleine auf der Hauptseite liefert STRG-F mit "Notre-Dame" 22 Hits. Man kann's auch echt übertreiben mit dem Ausschlachten von so einer News.
SPON entwickelt sich immer mehr zur Clickbait-Platform. Alleine auf der Hauptseite liefert STRG-F mit "Notre-Dame" 22 Hits. Man kann's auch echt übertreiben mit dem Ausschlachten von so einer News.

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