Reise

Flugreisesommer 2019

Köln-Antalya, 63 Stunden verspätet

Flüge in Deutschland sind pünktlicher als im Vorjahr. Das ist allerdings nur ein schwacher Trost. Denn die Gesamtzahl der Verzögerungen bleibt dramatisch hoch - und eine Lösung ist nicht in Sicht.

Bodo Marks/ DPA
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Mittwoch, 14.08.2019   10:48 Uhr

Die gute Nachricht zuerst: An Deutschlands Flughäfen gibt es zurzeit kein ganz so großes Durcheinander wie im letzten Sommer. Und nun die schlechte Nachricht: Bis auf das Ausnahmejahr 2018 hat es in den vergangenen Jahren niemals derartig viele verspätete und gestrichene Verbindungen gegeben wie in diesem Jahr. Dies zeigen Statistiken, die das Entschädigungsportal EUClaim auf Anfrage des SPIEGEL ausgewertet hat.

Demnach annullierten Fluggesellschaften in diesem Jahr bis zum 7. August insgesamt schon mehr als 14.000 Verbindungen von und nach sowie innerhalb von Deutschland. Das sind etwa 30 Prozent weniger Ausfälle als im gleichen Zeitraum 2018 - als es bei Eurowings nach der Teilübernahme von Air Berlin drunter und drüber ging und bei Ryanair Crews streikten. Aber es sind Tausende Streichungen mehr als 2017 - oder auch 2016 und 2015, als die Lufthansa-Piloten in Serie ihre Arbeit niederlegten.

Beim sogenannten Luftfahrtgipfel im Herbst 2018 hatten Vertreter von Flughäfen, Airlines, der Flugsicherung und der Bundesregierung nach dem Chaossommer versprochen, gegen Verspätungen und Flugausfälle vorzugehen. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) gelobte damals: "Die Passagiere werden schon 2019 Verbesserungen spüren."

Extrem viel mehr Verspätungen in Frankfurt und München

Tatsächlich ist auch die Zahl der Verspätungen niedriger als 2018. Sie ist aber höher als in allen Jahren zuvor. Wie unpünktlich die Maschinen über die Jahre geworden sind, offenbart sich vor allem an den Großflughäfen Frankfurt und München. An den beiden deutschen Drehscheiben waren im bisherigen Jahresverlauf zusammen schon 31.000 Maschinen um mindestens 40 Minuten zu spät dran.

Diese Zahl hat sich gegenüber 2015 mehr als verdoppelt; die Anzahl der Flüge ist längst nicht so stark gestiegen. Zugenommen gegenüber früheren Jahren haben auch die massiven Verspätungen mit mehr als drei Stunden. Hier haben betroffene Reisende laut EU-Recht Anspruch auf Entschädigungszahlungen durch die Fluglinien.

"Nach dem starken Anstieg der Passagierzahlen in den vergangenen Jahren arbeiten viele Flughäfen und Airlines heute am Rande ihrer Kapazität", sagt Paul Vaneker, Flugdatenexperte bei EUClaim. Solange alles nach Plan laufe, funktioniere der Flugbetrieb noch im Großen und Ganzen. "Sobald aber unvorhergesehene Umstände dazwischen kommen, häufen sich sofort die Verspätungen und Streichungen."

Top 5 der längsten Verspätungen

Derlei Kapriolen waren 2019 laut Vaneker bislang rar - verglichen mit dem Vorjahr. Es gab weniger Unwetter an besonders verkehrsreichen Frühlingswochenenden, und die Fluglotsen in Frankreich streikten seltener. Umso bedenklicher ist die hohe Zahl der Ausfälle.

Spürbar verbessert haben sich die Zahlen von Eurowings, Problemfall Nummer eins des Chaossommers 2018. Die gestrichenen Flüge haben sich um gut ein Viertel verringert, die massiven Verspätungen sogar um fast die Hälfte. Offensichtlich zahlt es sich aus, dass die Lufthansa-Tochter unter anderem den Flugplan entzerrt hat - und mehr zeitliche Puffer eingebaut hat, um Verspätungswellen abzufangen.

Bei der Konzernmutter Lufthansa hingegen haben die massiven Verspätungen sogar leicht zugenommen. Und die Annullierungen? Deutlich weniger als 2018, aber weitaus mehr als in den Jahren davor. "Wenn große Airlines sehen, dass sie am nächsten Tag Kapazitätsengpässe bekommen", sagt Experte Vaneker, "dann streichen sie öfter mal einzelne Maschinen und buchen die Passagiere auf die nächste Maschine um - gerade auf Strecken mit mehreren Flügen täglich wie beispielsweise München-Berlin oder München-Frankfurt."

So steige die Wahrscheinlichkeit, dass die verbliebenen Flüge halbwegs pünktlich ankommen - und die Airlines den Passagieren keine Entschädigungen zahlen müssen. Den Kunden werde die Streichung dann oft in der Nacht vor ihrem Flug mitgeteilt. Aber haben die Passagiere auch einen Anspruch auf Entschädigung, wenn die ihnen zugewiesene Maschine Stunden später landet, als die gebuchte Maschine ankommen sollte? Das entscheiden dann oft die Richter. Und die Rechtsprechung in solchen Fällen ist uneinheitlich.

Zu wenige Fluglotsen, zu viele Grenzen

Obwohl die durchschnittlichen Verspätungen gegenüber 2018 leicht abgenommen haben, wird die Zahl der gestrichenen und unpünktlichen Maschinen dennoch auf Jahre hinaus hoch bleiben. Schließlich sind neben den Flughafen-Slots, den Jets und den Crews auch die Fluglotsen knapp - allein der Deutschen Flugsicherung fehlen eigenen Angaben zufolge 250 Verkehrsleiter.

Für eine Entlastung der Lotsen sorgen könnte eine Vereinheitlichung des zersplitterten Luftraums: eine Aufteilung des Luftverkehrs nach optimierten Verkehrsflüssen anstatt nach Staatsgrenzen. Über diesen "Single European Sky" debattiert die EU allerdings schon seit 2001. Und einige Mitgliedstaaten blockieren das Projekt: Sie sind nicht bereit, den Flugraum über ihrem eigenen Territorium von Lotsen aus anderen Staaten überwachen zu lassen.

"Wenn kein einheitlicher Luftverkehrsraum geschaffen wird und die Nachfrage nach Flügen weiter steigt", prognostiziert Vaneker, "dann werden auch die Annullierungen und Verspätungen weiter zunehmen."

insgesamt 82 Beiträge
CROD 14.08.2019
1. Das Ei des Kolumbus!
Ich weiß eine Lösung: Weniger fliegen!
Ich weiß eine Lösung: Weniger fliegen!
bebau 14.08.2019
2.
Da ist ja bald die Bahn schon zuverlässiger.
Da ist ja bald die Bahn schon zuverlässiger.
konib 14.08.2019
3.
Und dann schimpfen immer alle auf die Bahn. Flugzeuge verspätet, Bahn verspätet, Autos im Stau.
Und dann schimpfen immer alle auf die Bahn. Flugzeuge verspätet, Bahn verspätet, Autos im Stau.
arviaja 14.08.2019
4. Moment mal
Hat man uns im Neoliberalismus nicht unbegrenztes Wachstum versprochen? Heißt das etwa, wenn wir Crews, Personal und Fluglotsen wegrationalisiert, dass dann Verspätungen zunehmen? Oh nein, was machen wir denn jetzt? Am besten [...]
Hat man uns im Neoliberalismus nicht unbegrenztes Wachstum versprochen? Heißt das etwa, wenn wir Crews, Personal und Fluglotsen wegrationalisiert, dass dann Verspätungen zunehmen? Oh nein, was machen wir denn jetzt? Am besten noch mehr Stellen streichen, noch billiger und noch mehr Flugzeuge. Hauptsache dem Shareholder gehts gut
robr 14.08.2019
5. Safety First!
safety First, Sicherheit zuerst, ist einen absoluten Grundsatz im Luftverkehr. Und das gilt auch für zB die Mitarbeiter auf dem Vorfeld. Deshalb müssen die Arbeiten bei Gewitter im nähreren Flughafenunfeld auch eingestellt [...]
safety First, Sicherheit zuerst, ist einen absoluten Grundsatz im Luftverkehr. Und das gilt auch für zB die Mitarbeiter auf dem Vorfeld. Deshalb müssen die Arbeiten bei Gewitter im nähreren Flughafenunfeld auch eingestellt werden. Dasselbe gilt für die Technik: wenn im Cockpit eine rote Warnleuchte erscheint, muss zuerst geprüft werden, was die Ursache ist. Wenn das dann, gerade am Abend, länger dauert, kommt in Frankfurt schnell das Nachtflugverbot um die Ecke und der Flug muss auf den nächsten Tag verschoben werden. Früher hätten die Techniker den Fehler behoben und der Flug wäre in der Nacht noch abgeflogen. So haben alle Regelungen ihre Vor- und Nachteile. Was aus dem Artikel nicht hervorgeht: Verspätungen oder Annulierungen die wirklich aufgrund Fehlplanungen oder unsachgerechtes handeln der Airlines hervorgehen, sind die absolute Ausnahme. Der bei weitem größte Verursacher der Unannehmlichkeiten ist nach wie vor der Wettergott, sollte es ihn dann geben.

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