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Griechenland

Ochi vergrault deutsche Urlauber

Deutsche Touristen buchen weniger Pauschalreisen nach Griechenland - zu groß ist offenbar die Verunsicherung über das Ausmaß der Krise. Schnäppchenjäger sollten sich aber keine Hoffnungen auf Sonderangebote machen.

DPA

Touristen in Peloponnes: Bleiben die Urlauber weg?

Von
Mittwoch, 08.07.2015   16:18 Uhr

Während die Ochi-Wähler noch auf dem Syntagma-Platz feierten, waren bei den Hoteliers und Restaurantbesitzern in Griechenland die Sorgen bereits groß: Kommen die Urlauber jetzt noch angesichts der unklaren Lage?

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Trotz Warteschlangen vor Geldautomaten und der Gefahr, dass dem Land Lebensmittel und Benzin ausgehen könnten? Der Tourismus ist eine der wichtigsten Branchen des wirtschaftlich angeschlagenen Landes - bricht sie zusammen, würde sich die Lage verschärfen.

Vor Ort klagen bereits einige Touristiker: Schon nach der Ankündigung des Referendums seien vor allem Individualurlauber abgereist, sagte Christos Pilatakis, Hoteldirektor auf Rhodos. Die Pauschalreisenden seien zwar bisher geblieben, allerdings gebe es Stornierungen für die nächsten Monate. Auf Kreta berichten Ferienhausvermieter und Hoteliers über Absagen deutscher Urlauber: "Keiner weiß im Moment wie es weitergeht", sagte Vermieterin Judith Kessler-Ktistakis dem SPIEGEL.

"Mitten in der Hochsaison droht uns ein Desaster", so der Präsident des griechischen Touristikverbands Sete, Andreas Andreadis, vergangene Woche. In normalen Zeiten gebe es in der Hochsaison bis zu 120.000 Last-Minute-Buchungen täglich. "Diese Zahl ist nach Beginn der Kapitalverkehrskontrollen um bis zu 40 Prozent eingebrochen." Sie gilt für Urlauber aus allen Ländern - auch für die Griechen, die sich in diesem Sommer wohl kaum Reisen erlauben können. Der Last-Minute-Sektor macht immerhin rund ein Fünftel aller Griechenlandurlaube aus.

Einstelliges Minus bei TUI

Daten von Traveltainment scheinen die Tendenz für die Pläne deutscher Pauschalurlauber zu bestätigen, sie sind als größte Urlaubergruppe am wichtigsten für die griechische Tourismusindustrie. In der vergangenen Woche - nach Ankündigung des Referendums - wurde demnach das Land 39 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum gebucht und um 25 Prozent weniger als in der Vorwoche - ob last minute oder etwa für den Herbst.

Die Software Amadeus und TT-IBE des IT-Unternehmens wird für Buchungen von den meisten stationären und Online-Reisebüros in Deutschland genutzt. Allerdings nicht von TUI, bei dem als Marktführer in Griechenland jede dritte Pauschalbuchung getätigt wird. "Wir haben in der vergangenen Woche ein Minus im einstelligen Bereich bei den Buchungen festgestellt", sagte TUI-Sprecher Mario Köpers. In der Summe liege ihre Zahl für die Sommersaison leicht über der des sehr guten Vorjahres.

"Meldungen über einen deutlichen Rückgang der Gästezahlen in Griechenland sind nach unserer Einschätzung auf eine geringere Nachfrage bei Individualreisen zurückzuführen", teilt TUI mit. Köpers warnt zudem vor überzogenen Darstellungen der Lage vor Ort für Touristen. Die TUI-Reiseleiter in Griechenland meldeten, dass es zurzeit keine Engpässe bei Lebensmitteln, Bargeld oder Benzin gebe.

Keine Hoffnung auf Sonderangebote

Allerdings lassen sich die Stornomeldungen von den griechischen Inseln nicht allein mit Panik bei Individualreisenden erklären - diese machen lediglich rund 30 Prozent der deutschen Griechenlandurlauber aus. Auch Attika Reisen, der größte Spezialist in Deutschland für das Land, vermeldet einen starken Einbruch bei den Pauschalbuchungen: Zurzeit seien es 20 bis 25 Prozent weniger als im Vorjahr, sagte Christiane Pilz, Verkaufsleiterin bei Attika. Stornierungen gebe es allerdings nur vereinzelt.

Der Deutsche Reiseverband (DRV) versucht - wie TUI -, Zuversicht zu verbreiten. Die Buchungszahlen für den Sommer 2015 seien auf Vorjahresniveau, darauf verweist der Branchenverband auch nach dem Referendum. "Es herrscht ein Gefühl der Solidarität bei den Urlaubern", sagte DRV-Sprecherin Sybille Zeuch. "Mit einem Wegbleiben würde man die Griechen ja doppelt bestrafen." Eine Statistik für das Buchungsverhalten im Juni oder Juli hat der DRV allerdings noch nicht erhoben.

TUI wie Attika gehen davon aus, dass die Buchungsdelle der vergangenen Woche nur vorübergehend besteht. Auf Sonderangebote, weil Zimmer leer stehen würden, könnten potenzielle Griechenlandurlauber nicht hoffen. Dafür sehen die Sprecher beider Veranstalter keine Veranlassung: "Die Hotels sind voll", sagt Pilz von Attika, "es ist Hochsaison." Andere Nationen wie Österreich oder die Schweiz hätten auch sehr viel weniger Vorbehalte als die deutschen Kunden.

Zahlen für die Reiselust der Deutschen nach dem emotionalen "Ochi", dem Nein der Griechen zu weiteren Reformen, liegen noch nicht vor. Zu befürchten ist allerdings, dass die Verunsicherung der Urlauber angesichts der drohenden Staatspleite eher noch größer geworden ist.

insgesamt 166 Beiträge
patras 08.07.2015
1. Schnäppchenjäger?
Ein paar kurze Anmerkungen: Das Elend begann nicht vor einer Woche, das Elend entwickelte sich in den letzten fünf Jahren. Ich hatte vor einigen Tagen, also Tage vor dem Referendum, aber schon unter financial control ein [...]
Ein paar kurze Anmerkungen: Das Elend begann nicht vor einer Woche, das Elend entwickelte sich in den letzten fünf Jahren. Ich hatte vor einigen Tagen, also Tage vor dem Referendum, aber schon unter financial control ein Gesprächmit einer jungen Frau. Sie gehört zu den Loosern, 29 Jahre alt, Universitätsdiplom mit Auszeichnung, Sparchkenntnisse in vier Sprachen mit Zertifikat (Deutsch, Englisch, Französisch auf C1, Spanisch B2), Auslandserfahrung auch beruflich, Status: arbeitslos, nicht erfasst, da die Arbeitslosigkeit schon länger als ein Jahr dauert. Konsequenz: Keine Krankenversicherung, keine Sozialhilfe, Hilfe von den Eltern, die drei Kinder haben, ein Elternteil arbeitslos, Minijobs gibt es nicht mehr) Meine Frage: Wie kommst du jetzt mit der Tatsache klar, dass du nur noch 60 Euro pro Tag abheben darfst? Antwort: Ein schallendes Lachen: Ich wäre froh, wenn ich 60 Euro in der Woche hätte. Frage an einen Rentner, dessen Rente auf 200 Euro nach langer Arbeit als Seemann gekürzt wurde, seine Frau erhält 400 Euro: Was hälst du von der .... s.o. Antwort: Wir können 120 Euro abheben als Rentner, damit müssen wir so oder so ziemlich lange über die Runden kommen, Rechnungen werden jetzt nicht bezahlt und Miete auch nicht. Das bleibt dann auf der Bank liegen. Diese Leute, und diese Reihe ließe sich tausendfach und abertausendfach fortsetzen, diese Leute haben am 5.7. mit Nein gestimmt. Keiner hat Illusionen, dass es leicht sein wird, aber man will einen Blick in die Zukunft, nachdem fünf Jahre brutale Einschnitte ins Leben gemacht wurden - und es immer schlimmer wurde, ohne Hoffnung. Mit diesen Gedanken bin ich gestern zurückgeflogen und fasse es nicht, wie hier gebasht wird. Und dann lese ich hier, dass die Schnäppchenjäger unterwegs sind. Wie dickfellig muss man sein, wie sehr muss man auf dem hohen Ross sitzen. Ich kann nur sagen aus meinen Erfahrungen jetzt: Man ist willkommen, es gibt keinerlei Probleme, Touristen können problemlos Geld von den ATM abholen. Und man ist sicher und in einem wunderbaren Land mit gastfreundlichen Menschen.
quidquidagis1 08.07.2015
2. Schade..
..dass ich schon Andalusien gebucht habe(die brauchen auch jeden Cent).Rein aus Solidarität würde ich sofort Griechenland buchen.
..dass ich schon Andalusien gebucht habe(die brauchen auch jeden Cent).Rein aus Solidarität würde ich sofort Griechenland buchen.
Alfred Ahrens 08.07.2015
3. Ich fahre wieder nach Syros, da hat sich seit 1967 nichts geändert.
Dort unterstützt auch niemand kranke Politiker jeglicher Coleur und Playboys wie VAROUFAKIS kommen dort eh nicht hin.
Dort unterstützt auch niemand kranke Politiker jeglicher Coleur und Playboys wie VAROUFAKIS kommen dort eh nicht hin.
jjcamera 08.07.2015
4. Improvisationstalent
Bei den Problemen, die in einem Land auftreten, in dem der Geldverkehr praktisch zum Erliegen kommt, ist das Funktionieren von Bankautomaten noch das kleinste Problem. Als Urlauber wird man zumindest ein gewisses [...]
Bei den Problemen, die in einem Land auftreten, in dem der Geldverkehr praktisch zum Erliegen kommt, ist das Funktionieren von Bankautomaten noch das kleinste Problem. Als Urlauber wird man zumindest ein gewisses Improvisationstalent und Basar-Mentalität mitbringen müssen. Ob der Flug-, Bus- und Fährschiffverkehr dann noch läuft, wage ich zu bezweifeln. Wer keinen Lohn mehr erhält, legt die Arbeit nieder.
tobiash 08.07.2015
5. Nicht nur Ängste,...
... sind es, die die Urlauber aus Griechenland fern halten, sondern auch ganz reale Probleme. So gibt es z. B. auf Naxos nur noch in einigen sehr hochpreisigen Tavernen Bier und guten (=ausländischen) Wein, Treibstoff ist gar [...]
... sind es, die die Urlauber aus Griechenland fern halten, sondern auch ganz reale Probleme. So gibt es z. B. auf Naxos nur noch in einigen sehr hochpreisigen Tavernen Bier und guten (=ausländischen) Wein, Treibstoff ist gar nicht mehr zu haben und die Speisekarten sind auf wenige Speisen reduziert. Fisch gibt es ausreichend, Fleisch nur peripher. So macht Urlaub einfach keinen Spaß, zumal nur noch bar kassiert wird..
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