Reise

Inselstaat Mauritius

Gebete am Vulkankrater

Indisches Gebäck und chinesische Heilkräuter, Hindu-Heiligtümer und Tamilentempel: Auf der Insel Mauritius lebt ein multikultureller Bevölkerungsmix friedlich nebeneinander. Wer nicht den ganzen Tag am Strand dahinbrutzeln will, kann eine einzigartige "Regenbogen-Kultur" kennenlernen.

Mittwoch, 17.02.2010   07:20 Uhr

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Mauritius: Multikulti und Traumstrände
Port Louis - Kilometerlange weiße Strände, bunte Korallenriffe und Luxushotels: Diese Bilder entstehen beim Stichwort Mauritius vor dem inneren Auge der meisten Menschen. Doch die Insel im Indischen Ozean ist viel mehr als das: ein einzigartiger Mix verschiedener Kulturen. Hindus, Christen, Muslime und Gläubige anderer Religionen leben hier friedlich miteinander. An der einen Straßenecke steht ein bunter Tamilentempel, vor dem in Hindi ausgezeichnete Lebensmittel verkauft werden. An der nächsten Ecke strömen muslimische Familien in eine Moschee - und wenige Meter weiter feiern Katholiken eine Hochzeit in Weiß.

Mauritius scheint nicht nur touristisch, sondern auch gesellschaftlich eine Trauminsel zu sein. "Wir Mauritier sind eine Regenbogenkultur", versichert zum Beispiel Nagessen Soobroyen. Der Hindu lebt und arbeitet als Taxifahrer im Zentrum der Inselrepublik mit 1,2 Millionen Einwohnern. Rassismus habe auf Mauritius keine Chance, meint der 35-Jährige. Natürlich gebe es auf der Insel auch Kriminalität, und nicht jeder Mauritier würde außerhalb seiner Religion heiraten. Trotzdem gelte: "Das friedliche Zusammenleben ist eine Selbstverständlichkeit."

Das liegt wohl auch an der bewegten Geschichte der Insel: Im 16. Jahrhundert entdeckten die Portugiesen Mauritius, wenig später kam die Insel in Besitz der Holländer. Darauf folgten die Franzosen, die ihrerseits von den Engländern verdrängt wurden. Jede Nation hinterließ ihre Spuren. So fahren die Autos wie in England links, zahlreiche Städte tragen aber französische Namen.

Als 1835 auf Mauritius die Sklaverei abgeschafft wurde, kamen Arbeiter aus aller Herren Länder auf die Insel. Meist waren es Hindus aus Indien, die die mühsame Arbeit auf den Zuckerrohrfeldern auf sich nahmen. Aber auch Chinesen kamen, um Handel zu betreiben.

Ganges-Wasser im Vulkankrater

Besucher können sich auf die Spuren der Einwanderer begeben. Im Süden der Insel befindet sich zum Beispiel einer der wichtigsten Orte für mauritische Hindus: der Grand Bassin, einer der beiden natürlichen Seen der Insel. Er liegt in einem erloschenen Vulkankrater und ist für Hindus heilig, weil er der Legende nach Wasser aus dem Ganges in Indien enthält. An Feiertagen und religiösen Festen strömen daher bis zu 300.000 Gläubige zum Grand Bassin.

Kurz vor dem See grüßt bereits eine riesigen Statue des Gottes Shiva. Am Ufer stehen weitere knallbunte und verzierte Gottheiten. Ältere Frauen, kleine Kinder oder ganze Familien versammeln sich hier, legen demütig Opfergaben wie Blüten, Bananen oder Kokosnusshälften nieder, schwenken Räucherstäbchen und bringen inbrünstig oder leise murmelnd ihren Herzenswunsch vor: Gesundheit, Nachwuchs, Liebe oder ganz einfach Glück.

Der hinduistische Glaube prägt weite Teile der Insel. Schließlich sind mehr als die Hälfte der Einwohner Hindus. In vielen Vorgärten stehen gemauerte Mini-Tempel mit einer roten Fahne, auf der ein Symbol verrät, welcher Hindu-Gott in diesem Haushalt verehrt wird.

Und selbst vor einer Schule, in der hinduistische Jungen und Mädchen mehr über ihre Religion lernen, wacht am Eingang eine heilige Kuh. Auch sie trägt das dritte Auge, den markanten roten Punkt auf der Stirn.

Tamilentempel als Kunstobjekt

Immer wieder fallen die besonders farbenfrohen Tamilentempel ins Auge. Auf die imposant hohen Türme und Mauern sind liebevoll und detailreich Figuren gemalt. Selbst bei trübem Wetter strahlen die Tempel in sattem Grün, Gelb, Rot und Blau. Im Inneren meditieren und beten Priester, die den Betraum regelmäßig in Rauchschwaden hüllen.

Aushängeschilder des Christentum auf der Insel sind die geradezu europäisch-ordentlich angelegten Friedhöfe, und auch die Kirche Notre-Dame Auxiliatrice am nördlichen Cap Malheureux gehört dazu. Das für Trauungen beliebte Gotteshaus überrascht Besucher in diesen Breitengraden. Denn während in der Umgebung tropische Temperaturen herrschen, exotische Pflanzen wachsen und im Hintergrund der Indische Ozean rauscht, steht direkt an der Küste die kleine katholische Kapelle mit rotgedecktem Spitzdach und einem überdimensionalen Kreuz.

Im Inneren machen sich aber auch mauritische Einflüsse bemerkbar: das Weihwasserbecken hat die Form einer großen Muschel, an der Decke verdrängen Ventilatoren die schwüle Luft, und neben dem Altar glüht eine kitschige Lampe - ebenfalls in Muschelform.

Blaue Mauritius im Museum

Nirgendwo aber ist der Schmelztiegel-Effekt deutlicher spürbar als in der quirligen Hauptstadt Port Louis. In deren Zentrum leben Mauritier jedweder Herkunft Tür an Tür. Auf dem großen Markt, der sich über mehrere Hallen und Ebenen erstreckt, verkaufen die Händler indisches Gebäck neben chinesischen Heilkräutern. Währenddessen flanieren die Touristen im neu errichteten Shoppingareal am Hafen oder schauen sich im Blue Penny Museum die berühmten orangefarbenen und blauen Mauritius-Briefmarken an.

In Chinatown hocken asiatische Händler mit frischen Litschis, Melonen und Bananen auf dem Gehweg. Schilder mit chinesischen Schriftzeichen sollen Kundschaft in die Läden locken. Hinter einer schlichten Fassade versteckt sich ein chinesischer Supermarkt, in dem auch gleich noch eine Apotheke untergebracht ist. Neben getrockneten Früchten, Süßigkeiten und China-Böllern stapeln sich in den meterhohen Regalen Medikamente und zweifelhafte Mittelchen.

Fast direkt neben dem Eingangsportal zu Chinatown steht an der Rue Royal die große Jummah-Moschee. Dort versammeln sich gerade kleine Jungen zum Nachmittagsunterricht, Frauen tauschen Neuigkeiten aus, und im stillen Innenhof erinnert nichts daran, dass draußen die Autos und Busse laut hupend vorbeirasen. Zurück auf der Straße steht man dann wieder mitten im Kulturen-Wirrwarr à la Mauritius: Ein Krämer verkauft Braut- und Bräutigam-Figuren für die Torten christlicher Hochzeiten. Und aus dem Taxi, das gerade hält, schallt ein französischer Chanson auf die Straße hinaus.

Aliki Nassoufis, dpa

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